USA cross-country und Westküste (11.5.-29.5.2003)
Durham
(North Carolina) – Ashville (North Carolina) – Nashville (Tennessee) – Memphis
(Tennessee) – Little Rock (Arkansas) – Austin (Texas) – San Antonio
(Texas) – Fort Stockton (Texas) – El
Paso (Texas) – Tuscon (Arizona) – San
Diego (California) – Santa Barbara (California)
– Los Angeles (California)
Wieder einmal kam es von
jetzt auf gleich. Das Semester an Duke war gerade zu
Ende und ich wollte mich eigentlich an mein First-Year Paper machen. Doch ein
Kommilitone (Shlomi) plante, mit dem Auto nach Hause zu fahren und fragte, ob
ich nicht mitkommen wollte. Mit dem Auto von Durham nach San Diego? Da konnte
ich nicht nein sagen, und so saß ich am nächsten Tag in einem Corolla auf dem
Weg gen Westen. Zum Glück konnte ich einen meiner Volleyball-Teamkameraden zum
Blumengießen verpflichten... Am Abfahrtstag, dem 11. Mai, fand auch die große
Graduierungsfeier an Duke statt. Eigentlich hätte Kofi Annan sprechen sollen,
aber er war kurzfristig krank geworden, und so war es nur halb so spannend.
Aber es gab kostenloses Essen, und so stopften wir uns vor der Abfahrt voll mit
Erdbeeren, Croissants, Spargel, und warmem Schinken. Shlomi würde nicht mehr
nach Duke zurückkehren, und so nahm der Abschied von den anderen
doch etwas mehr Zeit in Anspruch.
Dann machten wir uns auf
den Weg zu unserem ersten Etappenziel: Ashville, in
den Blue Ridge Mountains North Carolinas. Die Autobahnen in den USA sind immer
sehr breit und ordentlich unterhalten, so ist das Fahren meist angenehm. Die
Fahrt führte größtenteils durch grüne Felder und Wiesen, bevor es gegen Ende
langsam hügelig wurde. Die schöne Aussicht wird jedoch fast überall von den
riesigen Werbetafeln
gestört, die in regelmäßigen Abständen zu beiden Seiten der Straße stehen.
Trotz der Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Meilen pro Stunde (ca. 110 km/h)
erreichten wir schließlich Ashville. Zuerst durchfuhren wir eine kleine
Ansammlung von Fast-food Etablissements und schäbigen Straßen und ich fürchtete
schon, dies sei Ashville. Nach einigen Kurven aber sahen wir die eigentliche
Stadt, die sich uns in einer wunderbar warmen Nachmittagssonne präsentierte.
Die Straßencafés waren
voller Leute, es wehte ein angenehm kühler Wind (in Durham herrschten
hochsommerliche Temperaturen), und die vereinzelten hohen Häuser hoben sich
friedlich von den umliegenden Grünen Berghängen ab. Wir hatten
uns in einem Motel eingenistet (ca. 60 Dollar pro Nacht kostet so was) und
hatten nun den ganzen Abend Zeit, die Stadt zu erforschen. Natürlich stach mir
sofort die O’Henry Avenue
in die Augen. Viele der Häuser hier versprühten den charme der 20er Jahre, als
der Ort seinen Boom erlebte, doch natürlich gibt es auch die ein oder andere Glasfassade. Abseits von
der Hauptstraße bieten sich etwas andere Bilder. Auf unserem Streifzug stießen
wir auf ein Viertel, für welches mir „Punkerviertel“ die beste Beschreibung
scheint. An jeder Ecke saßen Leute von einem Schlag, wie ich ihn wohl aus
Dresdens Neustadt und Berlin kenne, dessen Existenz in Duke aber in
Vergessenheit gerät. In einer sonnigen Seitenstraße spielte ein kleines
Wurzelmännchen auf der Gitarre und sang dazu, im – wie Shlomi mir nacher
erklärte – westernhaften „bluegrass“-Stil. Als er uns entdeckte, spielte er
extra für uns, nicht ohne nachher um eine milde Gabe zu bitten. Und natürlich
ließ ich es mir dann nicht nehmen, ihn dann gemeinsam mit seiner „Familie“ zu fotographieren. Wir erforschten noch die
residential areas, also die Stadtviertel mit den Wohnhäusern. Alles sehr
angenehm aussehend, nicht zu schäbig und nicht zu pompös. Am nächsten Morgen
besichtigten wir die Grove
Arcade, eine kleines, ausgestorben scheinendes Einkaufszentrum. Da es dort
nicht zu viel zu sehen gab, ließen wir uns zu einem wunderbar gemütlichen
Frühstück nieder. Ich hatte einen getoasteten Bagel (Rundes Gebäck mit Loch in
der Mitte) mit Lachs und einer interessanten Mischung aus Kapern und Zwiebeln,
außerdem mehrere Tassen Kaffee. Dabei war natürlich ausschlaggebend, daß in den
USA in den meisten Restaurants Kaffee und Limo nachgefüllt wird ohne extra
Kosten. Man kann also ewig dabei sitzenbleiben. Also ordentliche Studenten
machten wir natürlich noch einen Abstecher zur Uni von Asheville, die etwas
abgelegen ist. Nett, aber nicht überwältigend. Leider schafften wir es nicht
mehr, uns das Biltmore Estate anzuschauen, den größten privaten Landbesitz in
den USA.
Wir rollten wir weiter
gen Westen, durch die wunderbare Bergwelt der Great Smokey Mountains. Bald
hatten wir die Berge hinter uns gelassen, und das tiefe Grün der Wälder wurde
abgelöst von wunderbar bunten Frühlingswiesen, vor allem der Mohn in den
verschiedensten Farben hatte es mir angetan. Hätte ich die
Augen allein auf die Natur gerichtet, wäre mir jedoch so einiges entgangen;
nicht nur die Vielfalt der riesigen Laster, sondern auch der Weihnachtsmann auf
Sommerurlaub. Natürlich
gab es wieder die riesigen Werbeschilder, u.a. für Fireworks –
Feuerwerksverkauf scheint hier immer ein großes Geschäft zu sein. Schon auf der
Tour nach Florida hatten wir die riesigen Läden bestaunt. Außerdem gab es noch
Schilder „Inmates at Work“ – Gefängnisinsassen setzten die Straße instand oder
mähten das Gras. Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn sie sich um die große
Anzahl an überfahrenen Tieren gekümmert hätten, welche die Straßenränder
überall säumten. Aber es blieb keine Gelegenheit zur Trauer, verlangten doch
Werbetafeln wie „Jesus Saves“ oder „Jesus sagte: Du sollst Deinen Nachbarn
lieben – er meinte es!“ meine Aufmerksamkeit. Wir machten auf unserer Tour
viele Tankstopps, da man hier hat man seltener die Chance als in Deutschland,
und wir nicht mitten in der Prärie ohne Sprit dastehen wollten (1.90 Dollar für
4 Liter). Obwohl man an der Tanksäule mit Kreditkarte zahlt, beorderte mich
Shlomi an diesem Tag in die Tanke. Und aus einer Reihe von Büchsensuppenregalen
heraus beobachtete ich für eine Weile die filmreife Konversation zwischen der
jungen Dame hinter dem Tresen und dem alten Mann, welche in einem unglaublich
südlichen Akzent gehalten war. Das also ist ein Stück Leben in den Südstaaten.
Zu Mittag aßen wir in einem „Cracker-Barrel“ Autobahnrestaurant. Diese Kette
hat sich der südlichen Küche verschrieben, und so gibt es dort vor allem
Barbecue-Gerichte und das typische „Meat-and-three“, also Fleisch mit drei
Gemüsen nach Wahl.
Wieder zurück im Auto
düsten wir dann mit 110 Sachen unserem nächsten Ziel Nashville
entgegen. Der Weg war nicht weit, und so sahen wir bald die Silhouette dieses
Country-Mekka. Für eine Weile folgten wir den Touristentafeln in der Stadt und
kamen so an einigen interessanten
Ecken vorbei. Eine neue Erfahrung war für mich der Anblick von „Hooters“,
einer Bar/Restaurant-Kette, die besonderen Wert auf attraktive Bedienung legt.
Und das im konservativen Süden! Das nächtliche Bluesleben spielt sich in der
engen Bourbon-Street
ab, die erstaunlich an New Orleans’ French Quarter erinnert, aber nur halb so
beeindruckend ist. Auf der Suche nach dem großen Überblick landeten wir in
einem Hotel, und ich begab mich schnurstracks in den Fahrstuhl und drückte auf
die höchste Etage. Zum Glück stieg auch ein Mann mit dem selben Ziel ein und
aktivierte mit seiner Magnetkarte den Fahrstuhl – sonst hätte selbiger sich
wohl nie in Bewegung gesetzt. Von oben dann ein toller Blick über die Stadt. In einem Laden
probierten wir Cowboy-Hüte aus, und ich war erstaunt, Exemplare für sage und
schreibe 599 Dollar zu entdecken. Etwas abseits der Innenstadt befindet sich
der Centennial Park mit einer Nachbildung des Parthenon in Athen. Gleich
daneben der schöne Campus der Vanderbilt University,
duftend mit seinen vielen Magnolien. Wir hatten Abendbrothunger und fragten in
einem Tower-Records-Plattenladen (typisch für Uni-Städte) nach einem
interessanten Studentenlokal. Nach einiger Aufwärmzeit hatte das Mädchen
tatsächlich einige Ideen, und wir landeten in einem gemütlichen
Burgerrestaurant, komplett mit kostenlosen refills für Eistee und Fernsehern
mit Basketball. In Nashville muß man natürlich etwas von der Musik mitbekommen,
und so opferten wir 7 Dollar Eintritt in eine Country-Bar. Doch das war es wert,
die Musiker zauberten mit Gitarren, Fiedeln, Akkordeon, Schlagzeug und einer
mir bis dahin unbekannten Gitarren-Klavier-Mischung richtig mitreißende Musik.
Unter der Zuhörerschaft entdeckte ich auch einen Heranwachsenden mit einem
North-Carolina-Basecap (mit der Zeit wird man für diese Signale sensitiviert)
und ich war in der rechten Stimmung, mit doch tatsächlich ein Bier zu leisten.
Bevor wir uns am nächsten
Morgen auf den Weg nach Memphis machten, hatten wir Frühstück in einem
Waffle-House. Diese Kette mit dem markanten gelben Schild bietet nicht nur
Burger an, sondern eben auch Waffeln. Leider lag mir der klebrige Brei den
halben Tag über schwer im Magen. Gleich neben unserem Motel bot sich noch ein
interessanter Schnappschuß, der die wundersame Vermischung von Patriotismus und Kommerz
wiedergibt. Memphis war schnell erreicht, und wir
wurden von einer wundersamen Pyramide
begrüßt. Berühmt ist Memphis natürlich für Elvis und den Rock’n’roll,
entsprechend werden beide auch touristisch entsprechend ausgebeutet, vor allem
um die Beale Street.
Auch ohne Wurzeln in den roaring sixties, läßt man sich natürlich ein Photo mit dem King nicht
entgehen... Viel mehr hat die Stadt auch nicht zu bieten, nach einer halben
Stunde Fußmarsch über Schnellstraßen (Fußwege sind selten) erreicht man zwar ein
kleine gemütliches „Victorian
Village“, aber das ist eher herausragend, weil es sich so von den
Betonstraßen abhebt. In der Innenstadt gibt es eine kleine Fußgängermagistrale
mit historischer Straßenbahn und einem kleinen grünen Platz mit Bänken für ein Nickerchen. Insgesamt
fanden wir die Stadt nicht zu aufregend und entschlossen uns, noch am selben
Tage weiterzuziehen nach Little Rock.
Sobald wir die Grenze
zwischen Tennessee und Arkansas überfahren hatten, änderte sich die Landschaft.
Das Land wurde flacher, die Wälder wurden spärlicher, und es gab mehr Flüsse
und Seen. Kurz vor Little Rock ereilte uns eine
schwarze Gewitterfront, und wir wurden daran erinnert, daß wir uns einer Region
näherten, welche in den letzten Wochen wiederholt von Tornados heimgesucht
worden war. Wir machten einen kurzen Stop an einer der kunterbunten Tankstellen, bevor wir uns
entschlossen, bis Little Rock weiterzufahren. Viel wäre uns ja auch nicht übrig
geblieben. Natürlich wurde dies mit Sturm, Blitzen und prasselndem Regen
belohnt, aber wir wurden nicht von der Bahn geschwemmt und landeten schließlich
am Abend in der Hauptstadt Arkansas, bei untergehender Sonne. Fast jede Stadt
in den USA scheint wenigstens einige hohe Gebäude zu haben, und so hat also
auch in Little Rock seine „Skyline“.
Wir schlenderten noch etwas durch die ausgestorbene Innenstadt und kehrten dann
aus Versehen in einem feinen Restaurant ein, Cajun-Küche à-la New Orleans. Die
Portionen waren dafür riesig, und eine willkommene Abwechslung zum unterdessen
eintönigen Billig-Restaurant-Essen (welches natürlich immer noch besser war als
ständig McDonalds). Wir fragten den Kellner, wo denn das Nachtleben stattfinde
und landeten dann in einer Vorstadtmall mit Kino. Der Opa am Kartenverkauf war
sehr nett und lies uns telefonieren nach einem passenden Hotel. War ja auch
sonst nix los, wir waren die einzigen Gäste weit und breit. Bevor der Film dann
anfing (Bringing Down the House) spielten wir in der Kinolobby Pacman, ein
uraltes aber immer noch fesselndes Computerspiel.
Am nächsten Morgen fuhren
wir zum Frühstück an die nett aufgemachte „Waterfront“, eine Art in-house Markt
mit vielen kleinen Freßbuden. Zur gleichen Zeit stürmte auch eine High-School
Klasse ein und so gab es etwas Leben in der Bude. Außerdem informierte uns eine
nette Dame über das geplante William J. Clinton Presidential Center und
Library; jeder President hier in den USA stiftet wohl etwas derartiges in
seiner Heimat, um nicht nur wegen seiner Affairen oder Skandale in der
Erinnerung der Leute zu bleiben. Dann ging es auf zur Stadtbesichtigung. Wie
jede Landeshauptstadt hat auch Little Rock ein State Capitol, welches mehr oder
weniger dem Capitol in Washington ähnelt. Wir erwischten eine Führung und sahen
uns so gründlich in dem großen Gebäude. Da Clinton aus
Arkansas kommt, wird er hier überall verehrt, endlich mal einer, der es zu was
gebracht hat :-). Und so steht seine Büste in der Rotunda, und so manches der
Mitglieder von Senate und House
würde ihm wohl gerne nacheifern. Besonders stolz ist man auf die riesigen
Bronzetüren von Tiffany und ich auf meine neuen halblangen Hosen, die mich endlich
ein bissel mehr amerikanisch machen. In der Stadt auch sonst viele Spuren
südstaatlicher Hauptstadtgeschichte, vor allem schöne Villen und Herrenhäuser,
von denen viele von Lawfirmen (Anwälten) besetzt sind. Der Stolz der Stadt aber
ist das alte State House,
in welchem President Clinton seine Wahl gefeiert hat. Es bietet nun einen Abriß
der Geschichte der Region, welche nach hiesiger Zeitrechnung mit dem Kauf
Louisianas (also der heutigen mittleren USA) durch Regierung Jefferson in 1803
beginnt. Vor allem aber präsentiert man eine kleine Clinton-Ausstellung mit
Saxophon, Familienbildern und originalem Turnschuh (geruchsfrei weil in
Glaskasten). Wir machten einen Abstecher zur Stadtbibliothek, um emails zu
lesen und uns über das Wetter zu informieren. Noch war unser Plan, Oklahoma
City anzupeilen. Aber so richtig aufschlußreich war weather.com nicht. Wir
kehrten zurück zur Waterfront für einen Milkshake und wurden Zeugen eines
kleinen Volksfestes mit Oldtimer-Ausstellung und Rockband, welche für eine
regionale Fernsehshow (auf Channel 7) aufgenommen wurde. Die Bühne war am Ufer
des Flusses, der aber sonst nicht besonders gut in die Stadt eingepaßt wurde...
zumindest, wenn man Dresden als Maßstab nimmt. Die Angler wird es freuen.
Auffällig war übrigens, daß in Little Rock viele Schwarze zu sehen waren.
Den Abend verschlug es uns wieder ins Kino, diesmal zu „Confidence“ (und,
natürlich, Pac-Man). Und wieder war der liebe alte Mann, von dem wir uns
natürlich gebührend verabschiedeten.
Zurück im Hotel dann
entschieden wir uns angesichts der Warnungen des Weather-Channel,
Oklahoma-City südlich zu umfahren. Wir würden also die Route durch Texas
nehmen. Diese Route führte uns auf der I-30 auch zum kleinen Örtchen Hope.
Und dieser Ort ist nichts anderes als der Geburtsort von Bill Clinton. Das
heißt natürlich, daß sich hier auch alles um Bill Clinton dreht. Es
gibt ein Museum über ihn, eine Stadtwanderung zu seinem Geburtshaus, seiner
Grundschule, und dem Haus seiner
Jugend. Auf dem handgemalten Stadtplan erfahren wir außerdem, daß er als
Kind immer gern mit seiner Modelleisenbahn gespielt hat und den Lehrern als
sehr gescheit und lieb in Erinnerung ist... Wenn man sich überlegt, wie
unterschiedlich die Geschichte der beiden letzten Präsidenten ist (Clinton
Halbwaise aus einem hoffnungslosen Nest „Hope“ und Bush als Sohn eines
Präsidenten), so ist es nicht verwunderlich, daß ihre Politik wohl kaum
unterschiedlicher sein kann. Wir gönnten uns eine Pause im Stadtbäckerei-Café,
wo wir natürlich die Bilder von Clinton an der Wand studieren mußten. Nach
einem letzten Blick auf die überdimensionale Bank, das größte und feinste
Gebäude in der ganzen Stadt, fuhren wir weiter gen Süden, der Grenze zu Texas
entgegen. Mit uns auf der Bahn wie immer die wundersamen Gespanne aus einem SUV
(großer fetter Jeep oder dergleichen), einem Wohnwagenanhänger, und einem
kleinen Auto (meist Japaner) hinten dran.
Bald erreichten wir
Dallas, umfuhren die Stadt aber auf dem Autobahnring. Und so sah ich davon nur
ein riesiges Plakat für die Dallas Mavericks mit dem deutschen
Basketball-Superstar Nowitzki
und natürlich die Skyline.
Nächste Station war Austin, größte Universitätsstadt
in Texas. Und Austin hat einiges zu bieten. Nicht nur ein weiteres State Capitol, sondern vor allem
eine angenehm belebte
Innenstadt und eben das Uniflair. Überall wehten texanische Flaggen,
zumeist in einer kleineren Ausgabe unter einer größeren US-Flagge am selben
Mast. Als ich das Autofenster öffnete, schlug uns eine schweißtreibende feuchte
Hitze entgegen, doch so waren wir dem Geschehen näher als in einem
benzingetriebenen Kühlschrank. Außerdem werden die Bilder durch die Scheibe
immer blaustichig. Vor dem zentralen Turm der Uni schießen freundliche
Polizisten schon mal ein Touristenfoto.
Weniger Interesse für sightseeing dürften die biertrinkenden Obdachlosen
oder die überall mit Coke-Bechern bettelnden Punker haben. Am Abend
sahen wir den Turm in anderem Licht: als Kulisse zu den Proben der zentralen
Graduierungsveranstaltung. Und wenn das Uniorchester zur aufziehenden
texanischen Flagge spielt, dann darf man auch mal eine Gänsehaut bekommen...
Nachdem wir uns unser Motel gleich unter der Autobahn eingezogen waren, machten
wir uns noch auf zur 6th street, wo sich eine Bar an die andere reiht. Viele
waren von Türstehern beschützt und es ertönte Musik verschiedener couleur,
inclusive reizvollen Technos. Und natürlich waren überall junge Leute zu sehen,
wenn die Etablissements auch keineswegs voll zu sein schienen. Wir beließen es
aber bei unserer kleinen Besichtigung zu Fuß und nutzten lieber noch das
kostenlose Internet im „Days Inn“, um nicht den Kontakt zu Bekannten und
Verwandten zu verlieren.
Nur ein kurzes Stück war
es von Austin nach San Antonio, wo wir am nächsten Tag eine
Mittagspause einlegten. Auf dem Weg allerdings wurde angesichts der Werbetafeln
deutlich, daß es hier in Texas bedeutendes deutsches Erbgut geben muß... nicht
nur wurde ins Restaurant „Oma’s Haus“ eingeladen, sondern auch in den Spaßpark
„Schlitterbahn“ in New
Braunfels. Ab und zu wurde für „Bratwurst“ geworben, oder auch mit einem
„Beirgarten“. Und wer möchte nicht im kleinen Städtchen „Schertz“ wohnen?
Ähnlich international mutete der große Stern an, der hier in Texas fast alles
ziert, von der Staatsflagge bis zu den Autobahnbrücken.
San Antonio hat uns sehr
positiv überrascht. Die Stadt hat viele schöne alte Gebäude und einen
interessanten mexikanischen Einschlag. Wir leisteten uns ein schmackhaftes
mexikanisches Mittagessen an einer venezianisch anmutenden Wasserstraße und hatten
dabei sogar noch Musik einer mexikanischen Musikantengruppe. Anschließend
warfen wir einen Blick in das Alamo, eine alte Mission,
in der sich amerikanische Siedler 1836 erfolglos vor dem Mexikanern verschanzt
hatten. Außerdem gab es sexy Männer in Cowboyhüten zu sehen.
Nach San Antonio
verlagerte sich der Schwerpunkt unserer Reise auf die Landschaften, sind Städte
doch spärlich gesät im Südwesten der USA. An den Seiten der Autobahn wurde der
Bewuchs nun zunehmend spärlicher und bald wurde das Buschland von Kakteen und Yucca
abgelöst. Von wirtschaftlicher Nutzung war keine Spur, und so fragte ich mich
gelegentlich, was die hier mit dem Land anstellen. Und warum es eingezäunt ist.
Um unseren Abendhunger zu stillen, machten wir an einer Raststätte halt, die
einen echten Trucker-charme
versprühte. Und das riesige Stück Beef mit Kartoffelmus hielt dann auch eine
ganze Weile vor. Leider waren keine Trucker zu sehen, sondern nur ein älteres
Ehepaar, welches tapfer mit riesigen Burgern kämpfte. Hier in Amerika ist ja
alles eine Nummer größer... Wir fuhren weiter gen Westen, der untergehenden
Sonne entgegen. Die Straße durchschnitt eine hügelige Landschaft und hinterließ
so goldgelbe Flecken im
Buschland. Ab und zu begleitete uns der Geruch von Öl, gepaart mit dem Anblick
rostiger, doch sich ständig bewegender Ölpumpen. Ebenso
eindrucksvoll die Windräder,
welche mich irgendwie an alte Western-Filme erinnerten. Die Wildwest-Musik
fehlte uns allerdings, gab das Radio in dieser Einöde doch nur noch ein
mystisches Rauschen von sich. Wir waren fast die einzigen auf weiter Flur und
konnten so ungestört erleben, wie die Sonne hinter einem windmühlengespickten
Berg unterging. Unser
Schlafplatz für diese Nacht, Fort Stockton,
hatte nicht viel mehr als das Flair eines verlorenen Postens zu bieten, wenn
auch eingebettet in eine interessante Landschaft. Wir machten uns früh am
Morgen auf den Weg, und ließen die bizarre Gegend hinter uns.
Das Buschland war nun fast ganz verschwunden, und riesige Yucca säumten den
Weg. Anders als die kleinen Exemplare in Dresdner AWG-Wohnblöcken, haben diese Exemplare einige Jahre auf
dem Buckel und haben sich so über die Menschheit erhoben. Immer wieder fiel mein
Blick auch auf die riesigen Laster, die sich altmodisch blitzend vor der
Bergkulisse präsentierten.
Etwas abseits sahen wir einen ewig langen Güterzug mit vier Loks und die Karte
zeigte an, daß wir uns parallel zum Rio Grande bewegten. Leider war vom Fluß
nichts zu sehen. Das Radio gab nun wieder Laute von sich, allerdings waren
diese zumeist in spanischer Sprache. Shlomi stoppte für ein liegengebliebenes
Auto, und die mexikanischen Gesichter waren hocherfreut, endlich mit unserem
Schraubenschlüssel das Rad wechseln zu können... Wir waren zweifellos in der
Nähe der mexikanischen Grenze. Und richtig, bald tauchten wir in die
Betriebsamkeit El Pasos ein, der berühmt-berüchtigten
Grenzstadt in atemberaubender Bergwelt. Wir drehten eine
kleine Runde mit dem Auto durch die geschäftigen Straßen. Aus Lautsprechern
wurden in Spanisch die Waren angeboten und viele Schilder waren in Spanisch
beschriftet. Die Menschen waren fast alle Mexikaner. Wir verließen
die Stadt gen Westen, vorbei an einigen Industrieanlagen und weißen Silos. Auf
dem nächsten Stück unserer Fahrt wurde die Landschaft noch eindrucksvoller. Die
Berge waren nun nicht mehr sanft, sondern kantig und steil, geformt aus einem roten Gestein. Ab und zu
sahen wir eine Windhose auf der Ebene, den roten Staub in einer hohen Säule
umhertragend, jedoch meist gerade dann verschwindend, wenn ich meine Kamera
gestartet hatte. Wir hatten zwar mit unserer Umfahrung Oklahoma Citys die
Tornados vermieden, von Dreckwolken
(dust devils) wurden wir aber hier nicht verschont.
Vorbei an ständig
wechselnder Bergwelt
und kleinen Grand Canyons erreichten wir schließlich Tuscon,
einen kleinen Haufen Hochhäuser
in der Wüste Arizonas. Erstaunlicherweise hatte die Stadt jedoch einiges zu
bieten und schien fast schon ein gemütlicher Platz zum Leben. Da gab es eine
schöne alte spanische
Kirche, überall bunt angemalte kleine Häuschen und sogar eine kleine Uni.
In den Grünanlagen coexistierten friedlich stachelige Kakteen, Bäume mit
saftigen Orangen, und grellbunten exotische Blumen. Und überall die Berge
schützend im Hintergrund.
Auf der Suche nach einem Kino stießen war auf eine festlich geschmückte
mexikanische Hochzeitsgesellschaft, und fast hätte ich mir gewünscht, zu einer
zünftigen Fiesta eingeladen zu werden. Wäre bestimmt besser gewesen als der
Chicken-Burger bei Denny’s. Etwas fragwürdig war jedoch die politische und
soziale Einstellung der Bewohner, zumindest soweit man diese aus den Plakaten (Wetbacks ist ein
Schimpfwort für Mexikaner) und Werbetafeln abzuleiten
versucht ist... Die letzte Etappe führte uns von Tuscon nach San Diego. Die
Namen der Orte auf den Straßenschildern lesen sich teilweise recht komisch, oft
sind sie Zusammensetzungen wie „Calexico“ oder „Texarkana“. Wohl wegen der
Immigrationsprobleme kreisten ab und zu Hubschrauber über dem Gebiet (wir waren
noch immer nahe der Grenze), und zwei Mal mußten wir an Kontrollpunkten
anhalten. Gesichtscheck. Doch die Landschaft wurde immer spektakulärer. Nicht
nur nahmen die Berge verrückte Formen an, sondern auch die
Pflanzenwelt buk keine kleinen
Brötchen mehr. Überall ragten Kakteen in den verschiedensten Formen in den
Himmel, manche so alt, daß ihre Stämme schon langsam von Karies befallen zu sein
schienen. Ganz selten sichtete ich mal eine Kuh, die sich furchtlos unter einem
Kaktus zu schaffen machte, und vor einem Bergmassiv sorgte eine Straußenfarm
für Abwechslung. Je näher wir der Westküste kamen, desto mehr mischte sich der
Mensch wieder ins Bild, zuerst mit grünen und gelben Feldern, später auch mit
kleinen Siedlungen und Palmenhainen. Dieses Zusammenspiel von Felswüste, Mensch
und Wasser weckte einige Erinnerungen an Ägypten, wo das Niltal ähnliche (aber
wohl noch spektakulärere) Aussichten
bietet. Nach kurzer Zeit verließen wir Arizona mit seiner farbenfrohen Flagge und erreichten
Californien. Hier verwandelte sich die Steinwüste in eine Sandwüste, ein Bild,
welches mich einigermaßen überraschte. Bald wich der Sand den Menschen, deren
kleine Farmen nun anhand der Palmwipfel
schon von Ferne in den grünen Feldern zu erkennen waren. Ab und zu sahen wir
Wohnwagen-Parks, die sich auf der Ebene zwischen der Straße und den Bergen
angesiedelt hatten. Wie auf einem riesigen Parkplatz standen die meist
alublitzenden Gefährte in der Landschaft. Bevor wir endgültig in die
Küstenregion eintauchten, passierten wir eine mondartige rote Geröllwelt (nicht, daß ich
das aus eigener Anschauung vergleichen könnte...). Dann endlich erreichten wir
das Ziel unserer Tour, San Diego.
Die Stadt erstreckt sich
mit ihren Vororten über viele Hügel und Täler, von Osten bietet sie eine
italienisch anmutende Szenerie. An den Berghängen wachsen Zypressen und Palmen,
alles war voller bunter Blumen, und die reichen Villen zeugten von dem Glück
der Menschen hier. Bald verwandeln sich die Straßen in riesige Highways und
vorbei am Kolossalen Beton-Footballstadium. Am Tag unserer Ankunft bei Shlomis
Familie machten wir nur eine kleinen Spaziergang im neighbourhood. Alles ist
voller Pflanzen, auf den Spitzen der Hügel sonnen sich schicke Villen, und ab
und zu befand sich anstelle einer Villa ein Gestüt. Passend verlief neben dem
Fußweg ein sandiger Reitweg... Shlomis Familie war ausgesprochen nett und wir
hatten einige anregende Gespräche, die Themen von Aktien bis mathematische
Philosophie umfaßten. Am nächsten Tag (die Bilder wurden leider von der Matrix
gelöscht .( schauten wir uns zuerst Downtown an. Die Innenstadt hat natürlich
auch Hochhäuser, macht aber einen gemütlicheren Eindruck als viele andere
Städte. Es gibt Cafés und Restaurant im sogenannten Gaslampenviertel, und am
Meer kann man inmitten von Touristenständen Schiffe (und Leute) beobachten. Das
Einkaufszentrum (Horton Plaza) ist mexikanisch kunterbunt und bietet unzählige
Gaumenfreuden. Nachher fuhren wir auf den Campus der University of California,
San Diego (UCSD), und ich ging auf Entdeckungsreise, während Shlomi einige
Dinge erledigte. Der Campus ist sehr weitläufig und überrascht mit seiner
unkonventionellen Architektur, wie der berühmten Raumschiff-Bibliothek oder der
kunterbunten Statue eines „Sonnengottes“. Besonders schön war, daß das Semester
an der UCSD noch nicht zu Ende war, und ich so das normale Studentenleben
mitbekommen konnte, komplett mit emailen am Internet-Computer, Salat im
Lesecafé und Sonnen auf der Parkbank. Dabei fiel mir auch auf, daß der Anteil
der Asiaten hier besonders hoch war. Dafür gab es kaum die berühmt-berüchtigten
blonden beachgebräunten CalifornierInnen. Aber ich hatte ja noch einige Tage
vor mir :-). Am späten Nachmittag fuhren wir dann ans Meer. Zuerst fuhren wir
nach La Jolla, einer noblen Gegend, an deren Stränden sich selbst die Robben
wohlfühlten. Dann ging es zu den jugendlicheren Stränden Mission Beach und
Pacific Beach, wo sich auf der Strandpromenade
Unmassen von Menschen tummelten, viele davon auf Rädern, Rollschuhen und
Skateboards oder hatten ein Surfboard unter dem Arm. Hier herrschte die
California-Dreaming Stimmung. Zum Sonnenuntergang leisteten wir uns einen Platz
auf der Dachterrasse eines Cafés und verbrachten so unseren letzten Abend mal
wieder in Diskussionen über Gott und die Welt. Shlomis Frage, welchen Ort ich
denn am meisten gemocht hätte, konnte ich wahrheitsgemäß mit San Diego
beantworten.
Am nächsten Tag wurde ich
mit einem Toas-Creamcheese-Tomato-Frühstück versorgt (mal nicht Burgers oder
Muffins), und nachdem ich mich von meinen Gastgebern verabschiedet
hatte, ging es auf nach Solana Beach, von wo aus ich mit dem Zug nach Santa
Barbara weiterfahren wollte. Solana Beach ist ein gemütlicher kleiner Ort, und
auf der Dachterrasse der örtlichen Mini-Mall genossen wir unser Sandwich mit
einem sehr schönen Ausblick.
Wir unternahmen noch eine kleine Wanderung am Strand, die uns zu erschlossenen Ecken und
abgelegenen Steilküsten
führte. Unterwegs entspann sich eine Diskussion, ob und warum man eigentlich
weniger wahrscheinlich stehenbleibt, um etwas (Auto, Haus) zu bewundern, wenn
man weiß, daß der Eigentümer es sieht. Dann überlegten wir, wie man
experimentell testen kann, warum Menschen, aus drei Sorten von Süßigkeiten drei
Stück auswählen können, dazu neigen, die selbe Sorte zu wählen, wenn sie zu
drei verschiedenen Zeitpunkten gefragt werden, jedoch unterschiedliche Sorten
nehmen, wenn sie alle drei Stücke auf einmal wählen müssen... Derartige
Gedankenspiele haben uns oft beschäftigt, vielmehr war ich in der Regel
fasziniert, wie genious Shlomi im Nu mit einer Antwort aufwarten konnte oder
ein Experiment ausgetüftelt hatte. Kein Wunder, daß er von Business zu
Psychology wechselt, und damit Duke verloren geht. Aber solche Leute sind es,
die mir gelegentlich vor Augen führen, wie die ideale Verbindung von Interesse
und Job aussehen kann und sollte. Nach einem letzten Päuschen am Hundestrand mußten wir zu
meinem Zug rennen, und bald saß ich in der Bummelbahn nach Santa Barbara.
Die meiste Zeit führt die
Bahnlinie direkt an der Küste entlang, und so tat es mir nicht weh, daß der Zug
zwar modern aussah, aber sich wirklich im Schneckentempo bewegte. So hatte ich
mehr Zeit, mir die Landschaft anzusehen, und besonders angetan haben es mir die
kleinen Canyons, die
zum Meer hinabführen. Am Strand saßen die Leute in der Nachmittagssonne und ich freute mich auf einige Badetage in
Santa Barbara. Auf dem Weg dahin passierte ich auch Los Angeles, welches sich
mit seinen riesigen Highways
ankündigte. Leider fährt der Zug nicht direkt durch die Stadt, so daß ich mich
für diesmal mit einer vagen Skyline
zufriedengeben mußte. Rechts und links der Gleise sonst eher
Industriegebiets-Flair, etwas gemildert vom Gold der untergehenden Sonne. Ich
passierte ein weiteres großes Footballstadium und einige
kleine Basketballplätze, auf denen sich kids tummelten und von der NBA
träumten.
Im Zug schreibt der erste
Kontrolleur ein kleines Zettelchen mit dem Zielort und klebt es an den Sitz, so
daß die nächsten Kontrolleure (und die kommen aller Nasen lang), nicht extra
nach dem Fahrschein fragen müssen. Diese Störung blieb also beschränkt. Dafür
bimmelte immer mal wieder ein Nokia Telefon in genau der Weise, wie es meins in
Potsdam zu tun pflegte, und ich mußte feststellen, wie heftig ich wohl damals das
hektische Suchen nach dem Ziegelstein eingeimpft bekommen hatte... Dabei hab
ich ja nun schon seit fast einem Jahr keine Funke mehr. Und vermisse sie auch
keineswegs. Ähnlich dachte vielleicht auch der Mann hinter mir, der von einem
Gläubiger angerufen wurde und nach einem gespielten Erstaunen über die
ausstehende Zahlung mit einem „ok, next week is my payday“ nachgab. Das letzte
Stück der Fahrt absolvierte ich im Dunklen und kam endlich (nach 5.5. Stunden)
in Santa Barbara an. Das war also der Ort, an welchem
sich der „California Clan“ befand; diese Serie hat unsere Familie jahrelang in
Atem gehalten, nachdem das Tal der Ahnungslosen endlich Westfernsehen bekommen
hatte... Ich hatte mir ein Plätzchen im Banana Bungalow reserviert und trottete
nun mit meinem Rucksack durch die leider schon etwas leere State Street.
Immerhin konnte ich erahnen, daß dieses Städtchen mit all den Läden und
Restaurants eine schöne Atmosphäre haben würde. Der Banana Bungalow war klein
aber sehr angenehm und ich kam sofort mit einigen Leuten ins Gespräch. Bevor
ich mich jedoch an einen der Tische im Innenhof setzte, suchte ich mir was zu
futtern auf der State Street, nur Starbucks war noch offen, und so aß ich
Cookies und Aprikosenkuchen zum Abendbrot. Danach also setzte ich mich zu den
anderen Leuten und wir lauschten einem Gitarre spielenden Gast. Nachher zeigte
uns der Hostelchef noch Photos von seinem ehemaligen Hostel in San Diego (am
Mission Beach, ich hatte es gesehen) und den verrückten (d.h., Nackt-) parties,
die er dort veranstaltet hatte. Mit dem Eigentümer dieses Hostels in Santa
Barbara könne er das nicht machten bemerkte er seufzend. Ich schlief ganz gut
in meinem quietschenden Doppelstockbett; am Morgen gab es kostenloses
Frühstück: Toast und Kaffee. Besser als nichts. Und ich traf nahezu die ganze Hostelbesatzung. Eine
Gruppe machte sich fertig zur Abreise und eine besonders beredte Mitglied
beorderte mich zum Bilderschießen.
Mein Zimmernachbar las lieber seine Zeitung, wollte er doch nicht ewig hier im
Hostel leben sondern endlich mal einen Job und eine Wohnung finden... Ich
gesellte mich für den Tag zur Gruppe des Gitarrespielers, drei Leutchen aus
England, zum Glück mit einem nicht ganz so argen Akzent. Wir machten eine
kleine Stadtwanderung und landeten schließlich mit dem Ball am Strand; fürs
Baden war es leider zu kalt. Aber so spielten wir eben vor schöner Kulisse und
ich lernte endlich, wie man dieses (Fottball-)Ei relativ
gerade durch die Luft bekommt. Sonst waren nicht viele Leute unterwegs, einige
Standläufer und Sandburgen bauende Kinder brachten aber wenigstens etwas
Bewegung ins Bild. Ausserdem gab es natürlich noch Möven und Pelikane, die
ständig unsere Köpfe umkreisten, und den Strand mit schwarzweißen Mustern
versahen... Vorbei am kleinen Leuchtturm machten wir uns
zurück in die Stadt, schauten uns einen Film an und vergammelten gemütlich den
Rest des Tages. Am Abend wurde im Hostel gegrillt, für 5 Dollar war man dabei,
es gab Rippchen, gefüllte Auberginen und Salat. Eine leckere Idee eines
Hostelpapas und derartige Ereignisse unterscheiden die kleinen gemütlichen
Hostels von den großen eher anonymen International Youth Hostels. Eine lustige
dicke Hostelbewohnerin machte außerdem einen Supermarkteinkauf, so daß ich mich
überreden ließ, mit den Engländern für ein 30-Pack Bier zusammenzulegen. Zum
Glück hab ich ja keinerlei Ahnung von Bier, und so schmeckte das mexikanische
Gebräu aus der roten Büchse (Tekate) ganz gut. Als dann alle gesättigt und
angeheitert im Hof saßen, begann wieder der Gesang, nicht nur von den
Engländern, sondern auch von einer fülligen Lady, die wirklich ein
überraschendes Talent entwickelte. Wir beide kamen ins Gespräch, und es stellte
sich heraus, daß sie Loretta heißt, Limousinenfahrerin auf Abruf ist und zur
Zeit fest hier im Hostel wohnt. Auch auf der Suche nach festem Job und anderer
Bleibe. Na das nenne ich Draufgängertum. Meine Engländer reisten in dieser
Nacht mit dem Greyhound-Bus weiter, doch es gab keine Pause, reisten doch zwei
Ösis an, von denen einer kaum English sprach und froh war, endlich mal wieder
deutsche Worte wechseln zu können. Am nächsten Tag zog ich also mit den beiden
umher und wir liefen die Strände ab, die bei einem diesigen Wetter nicht gerade
zum Verweilen einluden. So beobachteten wir die Unmengen von Vögeln und ihre Fütterung, nicht selten
versuchte eine Möve, sich mit einer ganzen Scheibe Toast davonzustehlen. Noch
interessanter die exclusive Ausgabe eines alten VW-Busses, und erst, als ich
meine Nase förmlich zwischen die angeklebten Jesus-Figürchen schob, bemerkte
ich, daß der Fahrersitz besetzt war – mit einem Bilderbuch-Jesus. Und als ich
mich etwas erschreckt zurückzog, dachte ich an die Diskussion mit Shlomi über
eben dieses Phänomen. Nachdem wir so den South-Beach abgeklappert hatten,
gingen wir zurück in die Stadt und gönnten uns ein 8-Dollar All-you-can-eat
Mittagessen beim Chinesen. Es machte satt, und ich hatte Mühe mich dann zurück
zum Strand zu schleppen, wo wir nun die anderen Richtung einschlugen. Gen
Norden befand sich der Bootshafen
und einige touristische Lädchens und schließlich zeigte sich auch die Sonne, so
daß es warm genug war, sich niederzulassen. Die nächsten drei Stunden
verbrachten wir mit Beobachtungen eindrucksvoller Vogelschwärme und
kräftiger Ureinwohner.
Der kühle Wind ließ mich dabei ganz vergessen, daß die Sonne auch brennen kann,
und so wurde ich mit einem heftigen Sonnenbrand abgestraft – wie oft muß man in
diese Falle tappen, bevor man endlich klug wird??? Davon wußte ich aber an
diesem Tag noch nichts, und so erforschten wir frohgemut einige
Sehenswürdigkeiten der Stadt. Da ist vor allem das Court House (Gericht),
welches selbst schön anzusehen ist, und von dessen Balkon sich eine wunderbare Durchsicht bietet. Leider
war der Aussichtsturm schon geschlossen, und uns blieb nichts anderes übrig,
als für einige Zeit auf der Wiese zu rasten. Im schönen Abendlicht bot die
Stadt ein wirklich angenehmes Bild, und man konnte ewig
auf und ab laufen, um die schöne Architektur, schnieke Partytouristen,
Skateboard-Californier, Straßenmusikanten
oder auch relaxte Aussteiger
(oder Obdachlose?) zu beobachten. An diesem Abend schaffte ich die beiden Ösis
zum Greyhound und erkundigte mich dort nach Bussen nach Los Angeles. Ich wollte
nicht mit dem Zug zurückfahren, sondern mal den weltberühmten Bus ausprobieren.
Aber ein Tag blieb mir noch in Santa Barbara, und so setzte ich all die
verbliebenen Touristenattraktionen auf meinen Plan. Zuerst lief ich zur alten
Mission Santa Barbara, ein ganzes Ende oberhalb der Stadt in den Bergen. Auf
dem Weg kam ich an einigen alten „Adobes“ vorbei, den Lehmziegelhäusern aus
Zeiten der ersten spanischen Siedler. Die Mission bot eine
interessante kleine Ausstellung zum Leben der Missionare und ureinwohnenden
Chumash-Indianer. Danach erklomm ich endlich den Aussichtsturm des Court House
und genoß den schönen Überblick
über die Stadt und die angrenzenden Berge. Den Sonnenuntergang erlebte ich am
Pier (Stearns Wharf), wo ich nicht nur Robben im Wasser entdeckte, sondern auch
High-School Schüler, die sich zum Senior-Prom herausgeputzt hatten und auf eine
kleine Hafenrundfahrt begaben. Die Prom-Night ist der
Höhepunkt des Schuljahres und nicht zuletzt Anlaß für die Bange Frage „Mit wem
geh ich, mit wem tanz ich?“. Wieder zurück im Hostel, gesellte ich mich zu den
anderen und Loretta erzählte mir groß und breit, wie der High-School Prom
abläuft, obwohl sie sich nicht mehr so recht erinnern könnte – ich verstand den
hint und machte ihr einige Komplimente, worauf sie mich am liebsten geknuddelt
hätte :-). Und prompt öffnete sich die Tür eines Zimmers und es entstiegen zwei
geschniegelte Pärchen: die Jungs in Wrack und Lackschuhen, die Mädchen
geschminkt in weißen Kleidern. Loretta war voll des Lobes und ließ sich nicht
nehmen, die verschämt dreinblickenden Mädchen eingehend zu begutachten und für
ihr „terrific“ outfit zu loben. Am nächsten Morgen stopfte ich mich noch mal mit
süßem Toast voll, sagte dann good-bye zu den Langzeitgästen (je älter, desto
länger verweilt man hier anscheinend), und machte mich auf den Weg zum
Greyhound.
Für 12 Dollar setzte ich
mich dann in einen Bus nach Santa Monica, einen Ort im Großraum Los Angeles. Ich war positiv angetan von der
Freundlichkeit des Personals, nicht nur mir gegenüber, sondern auch einem
blinden Mann, der mit mir den Bus bestieg. Gleichzeitig führte ich mir vor
Augen, was es wohl für mich bedeuten würde, die Dinge nicht sehen zu können...
Wenn die Augen vielleicht auch nicht l’essentiel sehen können, so sind mir
Bilder doch extrem wichtig. Der Bus fährt ganz scharf an der Küste lang, und so
bieten sich schöne Blicke aufs Meer und die kleinen Orte in dieser traumhaften Gegend. Nahe Santa Barbara
kann man in regelmäßigen Abständen Schwarze Inselchen im Wasser sehen und mein
bester Tip ist Ölplattform. Am Ufer immer mal wieder ein Wohnwagenpark,
zuweilen gleichzusetzen mit einem Meer amerikanischer Flaggen. Der Krieg gegen
den Terrorismus scheint ja hier wirklich wie eine Bombe einzuschlagen.
Vielleicht ist es aber auch einfach die Solidarität mit den armen Soldaten, die so Tapfer
die Freiheit verteidigen. Unterwegs auch eine Air Base und Naval Base, und ich
fragte mich, wie man 20jährige in den Krieg schicken kann. Überhaupt
jemanden... so eine Verschwendung.
Die Fahrt geht durch
Malibou, eines der nobelsten Viertel Californiens, dessen
Multi-Millionen-Dollar-Häuser sich zumeist in den Wäldern verstecken. Nur mit
Glück bekommt man im wackelnden Bus mal eines der Anwesen vor die Linse. Aber
es gab auch schäbige kleine Häuschen, und es war schön zu sehen, daß an den
riesigen Stränden mexikanische Familien planschten, selbiger also nicht für die
Reichen und Schönen reserviert war. Selbst durch den Nebel hindurch leuchteten
von den Hängen bunte Kapuzinerkresse und die weißen Kerzen der Yucca. Bald
landete ich in Santa Monica und stieg dort um in einen Bus nach Venice Beach,
wo ich meinte, ein Hostel reserviert zu haben. Ich hatte vorher angerufen, doch
mein Hostelpapa in Santa Barabara hatte mich vor dubiosen Praktiken gewarnt.
Und richtig, als ich ankam, machte mir der schleimige Empfangs-typ klar, daß
ich nur dank seiner Güte einen Platz bekommen würde, denn meine Reservierung
sei leider nicht aufzufinden. Ich verdrängte das Unwohlsein und stand bald auf
dem Strand von Venice Beach, der eine einzigartige Mischung von Basketball
spielenden Schwarzen, Haschisch rauchenden Rastabelockten, und „normalen“
Touristen bot. Und über allem schwebte der Duft von Räucherstäbchen. Während
andere in den Bars
herumlungerten, wanderte ich am palmengesäumten Strand und traf auf eine
Ansammlung von Leuten, die sich um dahergelaufene Trommler scharten. Ich ließ
mich im Sand nieder und genoß den Rhythmus und das Tanzen der Leute vor den Lichtern
Santa Monicas. Am nächsten Morgen machte ich mich auf nach Downtown Los
Angeles. Wenngleich das reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln lange dauert, so
gibt es doch immer einen Weg, und die Unkenrufe mancher Los-Angeles-Hasser
scheinen mir Fehl am Platze. Downtown gefiel mir sogar ausgesprochen gut. Ich
stieg mitten in einem kleinen Hochhauswald aus und fand
die Gegend ziemlich ruhig – es war Sonntag morgen. Mit einem kleinen Stadtplan
in meinem „Lonely Planet“ ausgerüstet, erreichte ich den Pershing Square, einen
schönen grünen Platz, der über und über von Obdachlosen bevölkert war.
Es war zwar etwas komisch, einfach so in deren Wohnzimmer einzudringen, aber
was blieb mir übrig. Bot der Platz doch eine Aussicht auf das Finanzzentrum der Stadt.
Trotz dickbäuchigen Polizeischutzes traute ich mich nicht, den Mann zu
fotographieren, der sich am Fuße Beethovens niedergelassen hatte, obwohl dies
ein merkenswerter Kontrast war. War wohl auch mehr Respekt als Angst.
Vom Pershing Square sind
es einige Blocks bis zur Cathedral of our Lady of the Angels, einem beeindruckenden
neuen Kathedralenbau. Und ich hatte doch glatt das Glück, das Ende des Gottesdienstes miterleben
zu können, und so die (etwas überkandidelte katholische) Zeremonie
mitzuerleben. Am Ende des Gottesdienstes wurde den Musikern namentlich gedankt
und geklatscht, und der Bischof wies ausdrücklich auf die 3 Stunden kostenloses
Parken hin, so daß noch genug Zeit sei, dem Andenkenladen der Kathedrale einen
Besuch abzustatten. Da war es nur folgerichtig, daß in der bunkermäßigen Krypta
des neuen Gebäudes Flyer auslagen, die über die Konditionen für einen
Sarkophark informierten.
LA strotzt nur so von
moderner Architektur; zu den üblichen Glashochhäusern gesellen
sich aber auch extravagante Gebäude wie die Walt Disney Concert Hall. Ältere
Bausubstanz findet sich um den Broadway, die Hauptstraße,
welche fast komplett mexikanisch geworden zu sein scheint. Überall begegnen
einem die braunen Gesichter und die typischen Familien mit kleinen Kindern.
Waren werden in Spanisch angepriesen, Männer schauen verstohlen nach
Schundheftchen mit Blondinen,
und Kinder spielen mit ihren Haustieren.
Zum Mittag setzte ich mich in ein kleines Restaurant und beobachtete das Leben
durch die Fensterscheiben. Direkt vor meinem Fenster ein Papierkorb, in dem ein
obdachloser Weißer nach Plasteflaschen suchte, auf die es hier Pfand gibt.
Die Stadtväter haben
überall Informationstafeln für Touristen verteilt, und so vertrieb ich mir den
ganzen Tag in der Stadt und stieß auf einige interessante Sachen, die ich sonst
vielleicht übersehen hätte. Eine davon war das etwas unscheinbare Biltmore
Hotel am Pershing Square, welches sich drinnen aber als ein wahrer Palast entpuppte. Über die
Hintertreppen gelangte ich sogar bis auf das Dach, ohne daß dies jedoch mit
einer besonders schönen Aussicht belohnt worden wäre. Etwas abseits der
Innenstadt befindet sich der historische mexikanische Kern, wo - wie für mich gemacht – ein Volksfest
stattfand. Und so konnte ich mir traditionelle mexikanische Tänze und die
Zuschauer in aller Ruhe anschauen.
Wieder zurück im Stadtzentrum kam ich gerade recht, um die Pracht nochmals im
abendlichen Licht zu photographieren.
Dann aber leerten sich die Straßen sehr schnell, alle Läden wurden geschlossen,
und ich saß mit meinen Pommes auf einer gespenstig werdenden Straße. Also
gesellte ich mich schnell zu den anderen Wartenden und setzte mich in den Bus
zurück nach Santa Monica. Auf der Suche nach dem rechten Bus war ich mit einem
Jugendlichen ins Gespräch gekommen, mit dem ich mich nun im Bus fast anderthalb
Stunden unterhielt. Besser gesagt, er unterhielt mich. Er komme aus Texas, sei
mit einem Zirkus hier nach LA gekommen, hätte nun gekündigt und lebe in einer
Obdachlosenunterkunft. Dazu paßte so gar nicht, daß er detaillierte Pläne
hatte, das Regierungssystem zu verändern und mit Fachwörtern wie Meiose um sich
warf. Was auch immer die Wahrheit war, wir strollten durch den kleinen Vergnügungspark auf dem
Pier von Santa Monica und durch die belebte Fußgängerzone, auf der
Musiker, Tänzer, rappende Jugendliche, Hundedresseure und allerlei anderes Volk
sich ein Stelldichein gaben. Als er dann nach Hause mußte, machte auch ich mich
auf den Weg zum Hostel. Ich hatte beschlossen, in ein anderes Hostel nach
Hollywood umzuziehen, nicht nur weil es in Venice Beach sehr laut war und mein
dauerreisender deutscher Doppelstockbett-Untermieter
jeden Morgen anfing zu rauchen, sondern auch, weil nun eben die Gegend um
Hollywood dran war und ich mir so die langen Busfahrten sparen konnte. Bevor
ich in den Bus stieg, machte ich aber noch einen Abstecher zum Pier von Venice
Beach, welches an den Morgenden Ort des mexikanischen Familienangelns zu sein
scheint. Gleich daneben die „Kanäle“, welche dem Örtchen den Namen gaben. Und
so ein bißchen erinnerte es mich doch an Venedig, zumindest das Wasser sieht ähnlich aus
:-). Der Bus nahm den Santa Monica Boulevard und die Autos wurden merklich
teurer, je näher wir Hollywood kamen. Im Bus vor allem Mexikaner, wobei einige
Männer wunderliche schwarze Haarnetze trugen, wohl um ihre Haarpracht zu
formen. Außerdem haben die meisten noch ihren Oberlippenbart aus der Pubertät
mit geschleppt :-). Dann stand ich auf dem Hollywood Boulevard selbst
– einem blassen Abbild des Glamours, welchen wir vom Fernsehen also Hollywood
verkauft bekommen. Die Läden sind alle von der billigen Sorte, eine
Fastfood-Bude reiht sich an die andere, und immer wieder stolpert man über
Bettler. Es war alles interessant, aber eben nicht „Hollywood“. Zum Glück hab
ich ja nicht viel für dieses Business übrig, und so war meine Enttäuschung
nicht allzu tragisch. Nachdem ich in mein Hostel eingezogen war (sehr nett
alles), entdeckte ich die wichtigsten Touristenspots: das Hollywood-Sign, die Unterschriften der Stars
im Beton vorm Chinese Theatre und natürlich die berühmten Sterne auf dem Fußweg.
Besonders groß aber nicht besonders schön das Kodak Theatre, wo die
alljährlichen Oskar-Verleihungen stattfinden. Von den Wandelgängen aus hat man
aber den besten Blick auf die Hänge Hollywoods und den berühmten Schriftzug.
Wenig beeindruckend auch das Movie-Museum, in welchem sich die freiwilligen
Führer der Masse von 15 Gästen auf einmal nicht gewachsen sahen und letztere
wunderten, was man sich denn da eigentlich anschauen sollte. Immerhin hatte das
Museum einige echte Kulissen zu bieten, so die Pilotensessel aus Startrek, die natürlich
jeder brav probesaß. Ich traf zwei Schweizer im Hostel, und nachdem wir uns in
einem Liquor Store Bier geholt hatten (tja, ohne Alk geht nix ...), gesellten
wir uns an einen der Tische im Vorgarten. Es war ein schön bunter Mix von
Leuten, von denen jeder eine andere interessante Geschichte hatte. Am Abend
hatte mich ein anderer meiner Zimmernachbarn entdeckt. Er ist (auch) Sachse, 44
und spricht kaum ein Wort English. Was für eine Freude für ihn, mich als
Übersetzer einspannen zu können! Es war schwer, seinen Fängen zu entkommen, und
so fügte ich mich am nächsten Tag in mein Schicksal und fuhr mit ihm zum Getty-Center, einem großen
modernen Museum, welches von einem Ölmilliardär gebaut wurde und nun
kostenlosen Eintritt und atemberaubende Sicht auf LA bietet.
Zuerst nahmen wir den Bus
zum Fuße des Getty-Berges. Drinnen wieder meist Mexikaner, aber auch einige
Touristen. Erst spät bemerkte ich, daß sich einige Frauen die Nase zuhielten,
mit den Händen wedelten und der schwarze Busfahrer dann einen riechenden Penner
aus dem Bus geleitete. Als wir Beverly Hills durchfuhren und dort einige
Mexikaner ausstiegen, bemerkte mein Sachse clever „Die machen wohl sauber
hier“. Die Getty-Touristen steigen am
Berge aus und eine kleine Straßenbahn schraubte sich langsam den Hang hinauf,
die Besucher damit auf das große Erlebnis einstimmend. Oben dann trennten wir
uns und ich nahm an drei Führungen teil, die alle sehr interessant waren. Eine
über die Architektur, eine über die Verbindung von Architektur und Landschaft
und eine durch den Garten,
der, wie man betont, eine „Skulptur in Form eines Gartens ist“. Vieles entgeht
dem ungeschulten Auge vollkommen, und ich konnte nur Staunen, wie jedes Detail
dieses riesigen Komplexes durchdacht war und Sinn machte. Von der Ausrichtung der
Sichtachsen über die Quadratur des Steines bis hin zur Farbkombination von
Gartenblumen und Raumtapete. Das große Plus des Museums ist wirklich das
Gebäude und die Einbindung in die Umgebung, die Kunstwerke
sind zwar nett, können aber von den europäischen Museen mit Leichtigkeit
ausgestochen werden. Ob das alles nun 1.3 Milliarden Dollar und 100
Schiffsladungen Travertine-Stein aus Italien wert war, muß jeder selbst
beurteilen. Interessant war außerdem, daß viele Schulklassen das Museum besuchen, und die
Kinder u.a. bestimmte Aufgaben erledigen mußten, wie zum Beispiel Kunstwerke
zeichnen etc. Auf der Rückfahrt machte ich einen Halt an der Uni von Los
Angeles und war überrascht über den schönen Campus, den die Sonne fast
in eine Märchenwelt
verwandelte. Ich schlich mich in die Bibliothek, um einige emails zu schreiben
und wurde dabei von den mittelalterlichen Gesängen eines Studentenchores
begleitet. Andere Studenten lagen einfach auf den Bänken und hörten zu – eine
sehr schöne Atmosphäre. Auch an anderen Stellen war noch was los, sei es nun
das Training der Baseballmannschaft oder eine Vorstellung der indischen
Tanzgruppe vor dem Studentenzentrum. Wieder zurück auf dem Hollywood Boulevard
stolperte ich gleich in das nächste Abenteuer: die Premiere von „The Italian
Job“ im Chinese Theatre. Ich hatte mich gewundert ob der Absperrungen auf dem
Fußweg und der wichtigtuerischen Männer in schwarzen Anzügen. Ich
fragte einen der schwarzen Männer, was denn los sei, worauf der mich nur mit „private
party“ abspeiste. Schließlich aber entdeckte ich – man höre und staune – den
Typen aus downtown LA, der wohl zu jeder Premiere hier anreist. Und so warteten
wir gemeinsam auf die Stars, die nach dem Ende des Films aus dem Theater kommen
sollten. Es dauerte eine Weile, bis sich überhaupt etwas tat, und dann kamen
jede Menge Leute aus dem Kino, und ich hatte natürlich keine Ahnung, wer hier
wichtig ist und wer nicht. Zum Glück hatten andere mehr Kennung und ein
professioneller Souvenirjäger mit weißer Strähne rief einfach nur: „Mos, here,
sign!“ und tatsächlich kam Mos
Def (hab ich auch noch nie gehört) und gab brav seinen Krakel. Gerade als
Teeniestar Seth Green kam, um sich direkt neben mir mit einer Chinesin
ablichten zu lassen, war mein Akku alle. Shit. War also eine interessante
Erfahrung, aber wieder enttäuschend wenig Glamour. Hollywood ist auch nicht
mehr, was es mal war.
Und dann brach der letzte
Tag meiner Reise an. Am Morgen stellte ich mich brav in der Küche an und machte
mir zwei Pfannkuchen, die Zutaten gab es umsonst vom Hostel. Dabei kam ich ins
Gespräch mit einer interessanten Deutschen und wir zogen ein Stündchen um den
Block. Zettel an den Wänden der Häuser hatten Dreharbeiten angekündigt, doch
statt dessen sahen wir einen echten Polizeieinsatz. Ein Mann drohte, sich vom
Dach eines Hauses zu stürzen, und unzählige Polizisten und
Feuerwehrleute meinten, sie könnten das mit Gutzureden verhindern. Um zwölf
dann holte mich Shlomi in Hollywood, wir hatten uns für noch einen Tag
gemeinsamen Sightseeings verabredet, bevor mein Flug dann kurz nach Mitternacht
zurück nach Durham ging. Erste Station war Beverly Hills, das Nobelviertel, welches
nicht nur mit feinen Villen und dicken Autos aufwartete, sondern auch einer mit
Designerläden vollgestopften kleinen „Downtown“. Ich hatte mir
zum Glück am Vorabend im Supermarkt Weißbrot und Wiener besorgt, und mußte mir
nun kein halsabschneiderisch teures Sandwich kaufen. Noch interessanter war
aber die Vielfalt der Villen, die von richtig modernen Exemplaren bis
hin zum säulengeschmückten Herrenhaus
im Villenviertel „Bel Air“ reichten. Bei unserer Besichtigungstour konnten wir
streckenweise einfach den kleinen Touristenbussen folgen, die als „VIP Tours“
oder „Beverly Hills Tours“ die „Star-Map“ aus dem FF kannten. Andernfalls
hätten wir natürlich auch einem der zahlreichen Werbeschilder folgen und unsere
eigene „Star-Map“ kaufen können, die uns dann angezeigt hätte, wo wir welchem
Star auf die Pelle rücken können. Und man wird es kaum glauben, an einem
Gartentor kamen wir wirklich gerade zurecht, um ein Kamerateam heftig hantieren
zu sehen. Danach fuhren wir nach Westwood, einen Stadtteil nahe der Uni, der
auch entsprechend jugendlicher war. Wir hatten ein Abschiedsessen beim Chinesen
und machten uns dann auf den Weg zum Flughafen. Unterwegs legten wir einen
kurzen Stop am Pier von Venice Beach ein, und es war der perfekte Ausklang einer
interessanten Zeit in Los Angeles. Auf dem Flughafen hatte ich noch einige
Stunden zu verbringen, die jedoch nicht lang wurden. Der Fortgang der Zeit
wurde mir von periodischen Meldungen angezeigt, daß security alert „Orange“
herrschte, und man doch bitte besonders vorsichtig sein sollte. Da beruhigte
es, überall „Security“ Leute zu sehen, wenn die auch eher wie ABMs in zu großen
Grauen Straßenarbeiterwesten aussahen und sich gelegentlich in umherliegende
Zeitschriften vertieften. Halb zwei nachts erhob ich mich über das glitzernde
Los Angeles, welches sich dann für eine Ewigkeit wie Lava brodelnd unter mir her zog.