USA cross-country und Westküste (11.5.-29.5.2003)

 

Durham (North Carolina) – Ashville (North Carolina) – Nashville (Tennessee) – Memphis (Tennessee) – Little Rock (Arkansas) – Austin (Texas) – San Antonio (Texas) – Fort Stockton (Texas) – El Paso (Texas) – Tuscon (Arizona) – San Diego (California) – Santa Barbara (California) – Los Angeles (California)

 

Wieder einmal kam es von jetzt auf gleich. Das Semester an Duke war gerade zu Ende und ich wollte mich eigentlich an mein First-Year Paper machen. Doch ein Kommilitone (Shlomi) plante, mit dem Auto nach Hause zu fahren und fragte, ob ich nicht mitkommen wollte. Mit dem Auto von Durham nach San Diego? Da konnte ich nicht nein sagen, und so saß ich am nächsten Tag in einem Corolla auf dem Weg gen Westen. Zum Glück konnte ich einen meiner Volleyball-Teamkameraden zum Blumengießen verpflichten... Am Abfahrtstag, dem 11. Mai, fand auch die große Graduierungsfeier an Duke statt. Eigentlich hätte Kofi Annan sprechen sollen, aber er war kurzfristig krank geworden, und so war es nur halb so spannend. Aber es gab kostenloses Essen, und so stopften wir uns vor der Abfahrt voll mit Erdbeeren, Croissants, Spargel, und warmem Schinken. Shlomi würde nicht mehr nach Duke zurückkehren, und so nahm der Abschied von den anderen doch etwas mehr Zeit in Anspruch.

Dann machten wir uns auf den Weg zu unserem ersten Etappenziel: Ashville, in den Blue Ridge Mountains North Carolinas. Die Autobahnen in den USA sind immer sehr breit und ordentlich unterhalten, so ist das Fahren meist angenehm. Die Fahrt führte größtenteils durch grüne Felder und Wiesen, bevor es gegen Ende langsam hügelig wurde. Die schöne Aussicht wird jedoch fast überall von den riesigen Werbetafeln gestört, die in regelmäßigen Abständen zu beiden Seiten der Straße stehen. Trotz der Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Meilen pro Stunde (ca. 110 km/h) erreichten wir schließlich Ashville. Zuerst durchfuhren wir eine kleine Ansammlung von Fast-food Etablissements und schäbigen Straßen und ich fürchtete schon, dies sei Ashville. Nach einigen Kurven aber sahen wir die eigentliche Stadt, die sich uns in einer wunderbar warmen Nachmittagssonne präsentierte. Die Straßencafés waren voller Leute, es wehte ein angenehm kühler Wind (in Durham herrschten hochsommerliche Temperaturen), und die vereinzelten hohen Häuser hoben sich friedlich von den umliegenden Grünen Berghängen ab. Wir hatten uns in einem Motel eingenistet (ca. 60 Dollar pro Nacht kostet so was) und hatten nun den ganzen Abend Zeit, die Stadt zu erforschen. Natürlich stach mir sofort die O’Henry Avenue in die Augen. Viele der Häuser hier versprühten den charme der 20er Jahre, als der Ort seinen Boom erlebte, doch natürlich gibt es auch die ein oder andere Glasfassade. Abseits von der Hauptstraße bieten sich etwas andere Bilder. Auf unserem Streifzug stießen wir auf ein Viertel, für welches mir „Punkerviertel“ die beste Beschreibung scheint. An jeder Ecke saßen Leute von einem Schlag, wie ich ihn wohl aus Dresdens Neustadt und Berlin kenne, dessen Existenz in Duke aber in Vergessenheit gerät. In einer sonnigen Seitenstraße spielte ein kleines Wurzelmännchen auf der Gitarre und sang dazu, im – wie Shlomi mir nacher erklärte – westernhaften „bluegrass“-Stil. Als er uns entdeckte, spielte er extra für uns, nicht ohne nachher um eine milde Gabe zu bitten. Und natürlich ließ ich es mir dann nicht nehmen, ihn dann gemeinsam mit seiner „Familie zu fotographieren. Wir erforschten noch die residential areas, also die Stadtviertel mit den Wohnhäusern. Alles sehr angenehm aussehend, nicht zu schäbig und nicht zu pompös. Am nächsten Morgen besichtigten wir die Grove Arcade, eine kleines, ausgestorben scheinendes Einkaufszentrum. Da es dort nicht zu viel zu sehen gab, ließen wir uns zu einem wunderbar gemütlichen Frühstück nieder. Ich hatte einen getoasteten Bagel (Rundes Gebäck mit Loch in der Mitte) mit Lachs und einer interessanten Mischung aus Kapern und Zwiebeln, außerdem mehrere Tassen Kaffee. Dabei war natürlich ausschlaggebend, daß in den USA in den meisten Restaurants Kaffee und Limo nachgefüllt wird ohne extra Kosten. Man kann also ewig dabei sitzenbleiben. Also ordentliche Studenten machten wir natürlich noch einen Abstecher zur Uni von Asheville, die etwas abgelegen ist. Nett, aber nicht überwältigend. Leider schafften wir es nicht mehr, uns das Biltmore Estate anzuschauen, den größten privaten Landbesitz in den USA.

Wir rollten wir weiter gen Westen, durch die wunderbare Bergwelt der Great Smokey Mountains. Bald hatten wir die Berge hinter uns gelassen, und das tiefe Grün der Wälder wurde abgelöst von wunderbar bunten Frühlingswiesen, vor allem der Mohn in den verschiedensten Farben hatte es mir angetan. Hätte ich die Augen allein auf die Natur gerichtet, wäre mir jedoch so einiges entgangen; nicht nur die Vielfalt der riesigen Laster, sondern auch der Weihnachtsmann auf Sommerurlaub. Natürlich gab es wieder die riesigen Werbeschilder, u.a. für Fireworks – Feuerwerksverkauf scheint hier immer ein großes Geschäft zu sein. Schon auf der Tour nach Florida hatten wir die riesigen Läden bestaunt. Außerdem gab es noch Schilder „Inmates at Work“ – Gefängnisinsassen setzten die Straße instand oder mähten das Gras. Es wäre nicht schlecht gewesen, wenn sie sich um die große Anzahl an überfahrenen Tieren gekümmert hätten, welche die Straßenränder überall säumten. Aber es blieb keine Gelegenheit zur Trauer, verlangten doch Werbetafeln wie „Jesus Saves“ oder „Jesus sagte: Du sollst Deinen Nachbarn lieben – er meinte es!“ meine Aufmerksamkeit. Wir machten auf unserer Tour viele Tankstopps, da man hier hat man seltener die Chance als in Deutschland, und wir nicht mitten in der Prärie ohne Sprit dastehen wollten (1.90 Dollar für 4 Liter). Obwohl man an der Tanksäule mit Kreditkarte zahlt, beorderte mich Shlomi an diesem Tag in die Tanke. Und aus einer Reihe von Büchsensuppenregalen heraus beobachtete ich für eine Weile die filmreife Konversation zwischen der jungen Dame hinter dem Tresen und dem alten Mann, welche in einem unglaublich südlichen Akzent gehalten war. Das also ist ein Stück Leben in den Südstaaten. Zu Mittag aßen wir in einem „Cracker-Barrel“ Autobahnrestaurant. Diese Kette hat sich der südlichen Küche verschrieben, und so gibt es dort vor allem Barbecue-Gerichte und das typische „Meat-and-three“, also Fleisch mit drei Gemüsen nach Wahl.

Wieder zurück im Auto düsten wir dann mit 110 Sachen unserem nächsten Ziel Nashville entgegen. Der Weg war nicht weit, und so sahen wir bald die Silhouette dieses Country-Mekka. Für eine Weile folgten wir den Touristentafeln in der Stadt und kamen so an einigen interessanten Ecken vorbei. Eine neue Erfahrung war für mich der Anblick von „Hooters“, einer Bar/Restaurant-Kette, die besonderen Wert auf attraktive Bedienung legt. Und das im konservativen Süden! Das nächtliche Bluesleben spielt sich in der engen Bourbon-Street ab, die erstaunlich an New Orleans’ French Quarter erinnert, aber nur halb so beeindruckend ist. Auf der Suche nach dem großen Überblick landeten wir in einem Hotel, und ich begab mich schnurstracks in den Fahrstuhl und drückte auf die höchste Etage. Zum Glück stieg auch ein Mann mit dem selben Ziel ein und aktivierte mit seiner Magnetkarte den Fahrstuhl – sonst hätte selbiger sich wohl nie in Bewegung gesetzt. Von oben dann ein toller Blick über die Stadt. In einem Laden probierten wir Cowboy-Hüte aus, und ich war erstaunt, Exemplare für sage und schreibe 599 Dollar zu entdecken. Etwas abseits der Innenstadt befindet sich der Centennial Park mit einer Nachbildung des Parthenon in Athen. Gleich daneben der schöne Campus der Vanderbilt University, duftend mit seinen vielen Magnolien. Wir hatten Abendbrothunger und fragten in einem Tower-Records-Plattenladen (typisch für Uni-Städte) nach einem interessanten Studentenlokal. Nach einiger Aufwärmzeit hatte das Mädchen tatsächlich einige Ideen, und wir landeten in einem gemütlichen Burgerrestaurant, komplett mit kostenlosen refills für Eistee und Fernsehern mit Basketball. In Nashville muß man natürlich etwas von der Musik mitbekommen, und so opferten wir 7 Dollar Eintritt in eine Country-Bar. Doch das war es wert, die Musiker zauberten mit Gitarren, Fiedeln, Akkordeon, Schlagzeug und einer mir bis dahin unbekannten Gitarren-Klavier-Mischung richtig mitreißende Musik. Unter der Zuhörerschaft entdeckte ich auch einen Heranwachsenden mit einem North-Carolina-Basecap (mit der Zeit wird man für diese Signale sensitiviert) und ich war in der rechten Stimmung, mit doch tatsächlich ein Bier zu leisten.

Bevor wir uns am nächsten Morgen auf den Weg nach Memphis machten, hatten wir Frühstück in einem Waffle-House. Diese Kette mit dem markanten gelben Schild bietet nicht nur Burger an, sondern eben auch Waffeln. Leider lag mir der klebrige Brei den halben Tag über schwer im Magen. Gleich neben unserem Motel bot sich noch ein interessanter Schnappschuß, der die wundersame Vermischung von Patriotismus und Kommerz wiedergibt. Memphis war schnell erreicht, und wir wurden von einer wundersamen Pyramide begrüßt. Berühmt ist Memphis natürlich für Elvis und den Rock’n’roll, entsprechend werden beide auch touristisch entsprechend ausgebeutet, vor allem um die Beale Street. Auch ohne Wurzeln in den roaring sixties, läßt man sich natürlich ein Photo mit dem King nicht entgehen... Viel mehr hat die Stadt auch nicht zu bieten, nach einer halben Stunde Fußmarsch über Schnellstraßen (Fußwege sind selten) erreicht man zwar ein kleine gemütliches „Victorian Village“, aber das ist eher herausragend, weil es sich so von den Betonstraßen abhebt. In der Innenstadt gibt es eine kleine Fußgängermagistrale mit historischer Straßenbahn und einem kleinen grünen Platz mit Bänken für ein Nickerchen. Insgesamt fanden wir die Stadt nicht zu aufregend und entschlossen uns, noch am selben Tage weiterzuziehen nach Little Rock.

Sobald wir die Grenze zwischen Tennessee und Arkansas überfahren hatten, änderte sich die Landschaft. Das Land wurde flacher, die Wälder wurden spärlicher, und es gab mehr Flüsse und Seen. Kurz vor Little Rock ereilte uns eine schwarze Gewitterfront, und wir wurden daran erinnert, daß wir uns einer Region näherten, welche in den letzten Wochen wiederholt von Tornados heimgesucht worden war. Wir machten einen kurzen Stop an einer der kunterbunten Tankstellen, bevor wir uns entschlossen, bis Little Rock weiterzufahren. Viel wäre uns ja auch nicht übrig geblieben. Natürlich wurde dies mit Sturm, Blitzen und prasselndem Regen belohnt, aber wir wurden nicht von der Bahn geschwemmt und landeten schließlich am Abend in der Hauptstadt Arkansas, bei untergehender Sonne. Fast jede Stadt in den USA scheint wenigstens einige hohe Gebäude zu haben, und so hat also auch in Little Rock seine „Skyline“. Wir schlenderten noch etwas durch die ausgestorbene Innenstadt und kehrten dann aus Versehen in einem feinen Restaurant ein, Cajun-Küche à-la New Orleans. Die Portionen waren dafür riesig, und eine willkommene Abwechslung zum unterdessen eintönigen Billig-Restaurant-Essen (welches natürlich immer noch besser war als ständig McDonalds). Wir fragten den Kellner, wo denn das Nachtleben stattfinde und landeten dann in einer Vorstadtmall mit Kino. Der Opa am Kartenverkauf war sehr nett und lies uns telefonieren nach einem passenden Hotel. War ja auch sonst nix los, wir waren die einzigen Gäste weit und breit. Bevor der Film dann anfing (Bringing Down the House) spielten wir in der Kinolobby Pacman, ein uraltes aber immer noch fesselndes Computerspiel.

Am nächsten Morgen fuhren wir zum Frühstück an die nett aufgemachte „Waterfront“, eine Art in-house Markt mit vielen kleinen Freßbuden. Zur gleichen Zeit stürmte auch eine High-School Klasse ein und so gab es etwas Leben in der Bude. Außerdem informierte uns eine nette Dame über das geplante William J. Clinton Presidential Center und Library; jeder President hier in den USA stiftet wohl etwas derartiges in seiner Heimat, um nicht nur wegen seiner Affairen oder Skandale in der Erinnerung der Leute zu bleiben. Dann ging es auf zur Stadtbesichtigung. Wie jede Landeshauptstadt hat auch Little Rock ein State Capitol, welches mehr oder weniger dem Capitol in Washington ähnelt. Wir erwischten eine Führung und sahen uns so gründlich in dem großen Gebäude. Da Clinton aus Arkansas kommt, wird er hier überall verehrt, endlich mal einer, der es zu was gebracht hat :-). Und so steht seine Büste in der Rotunda, und so manches der Mitglieder von Senate und House würde ihm wohl gerne nacheifern. Besonders stolz ist man auf die riesigen Bronzetüren von Tiffany und ich auf meine neuen halblangen Hosen, die mich endlich ein bissel mehr amerikanisch machen. In der Stadt auch sonst viele Spuren südstaatlicher Hauptstadtgeschichte, vor allem schöne Villen und Herrenhäuser, von denen viele von Lawfirmen (Anwälten) besetzt sind. Der Stolz der Stadt aber ist das alte State House, in welchem President Clinton seine Wahl gefeiert hat. Es bietet nun einen Abriß der Geschichte der Region, welche nach hiesiger Zeitrechnung mit dem Kauf Louisianas (also der heutigen mittleren USA) durch Regierung Jefferson in 1803 beginnt. Vor allem aber präsentiert man eine kleine Clinton-Ausstellung mit Saxophon, Familienbildern und originalem Turnschuh (geruchsfrei weil in Glaskasten). Wir machten einen Abstecher zur Stadtbibliothek, um emails zu lesen und uns über das Wetter zu informieren. Noch war unser Plan, Oklahoma City anzupeilen. Aber so richtig aufschlußreich war weather.com nicht. Wir kehrten zurück zur Waterfront für einen Milkshake und wurden Zeugen eines kleinen Volksfestes mit Oldtimer-Ausstellung und Rockband, welche für eine regionale Fernsehshow (auf Channel 7) aufgenommen wurde. Die Bühne war am Ufer des Flusses, der aber sonst nicht besonders gut in die Stadt eingepaßt wurde... zumindest, wenn man Dresden als Maßstab nimmt. Die Angler wird es freuen. Auffällig war übrigens, daß in Little Rock viele Schwarze zu sehen waren. Den Abend verschlug es uns wieder ins Kino, diesmal zu „Confidence“ (und, natürlich, Pac-Man). Und wieder war der liebe alte Mann, von dem wir uns natürlich gebührend verabschiedeten.

Zurück im Hotel dann entschieden wir uns angesichts der Warnungen des Weather-Channel, Oklahoma-City südlich zu umfahren. Wir würden also die Route durch Texas nehmen. Diese Route führte uns auf der I-30 auch zum kleinen Örtchen Hope. Und dieser Ort ist nichts anderes als der Geburtsort von Bill Clinton. Das heißt natürlich, daß sich hier auch alles um Bill Clinton dreht. Es gibt ein Museum über ihn, eine Stadtwanderung zu seinem Geburtshaus, seiner Grundschule, und dem Haus seiner Jugend. Auf dem handgemalten Stadtplan erfahren wir außerdem, daß er als Kind immer gern mit seiner Modelleisenbahn gespielt hat und den Lehrern als sehr gescheit und lieb in Erinnerung ist... Wenn man sich überlegt, wie unterschiedlich die Geschichte der beiden letzten Präsidenten ist (Clinton Halbwaise aus einem hoffnungslosen Nest „Hope“ und Bush als Sohn eines Präsidenten), so ist es nicht verwunderlich, daß ihre Politik wohl kaum unterschiedlicher sein kann. Wir gönnten uns eine Pause im Stadtbäckerei-Café, wo wir natürlich die Bilder von Clinton an der Wand studieren mußten. Nach einem letzten Blick auf die überdimensionale Bank, das größte und feinste Gebäude in der ganzen Stadt, fuhren wir weiter gen Süden, der Grenze zu Texas entgegen. Mit uns auf der Bahn wie immer die wundersamen Gespanne aus einem SUV (großer fetter Jeep oder dergleichen), einem Wohnwagenanhänger, und einem kleinen Auto (meist Japaner) hinten dran.

 

Bald erreichten wir Dallas, umfuhren die Stadt aber auf dem Autobahnring. Und so sah ich davon nur ein riesiges Plakat für die Dallas Mavericks mit dem deutschen Basketball-Superstar Nowitzki und natürlich die Skyline. Nächste Station war Austin, größte Universitätsstadt in Texas. Und Austin hat einiges zu bieten. Nicht nur ein weiteres State Capitol, sondern vor allem eine angenehm belebte Innenstadt und eben das Uniflair. Überall wehten texanische Flaggen, zumeist in einer kleineren Ausgabe unter einer größeren US-Flagge am selben Mast. Als ich das Autofenster öffnete, schlug uns eine schweißtreibende feuchte Hitze entgegen, doch so waren wir dem Geschehen näher als in einem benzingetriebenen Kühlschrank. Außerdem werden die Bilder durch die Scheibe immer blaustichig. Vor dem zentralen Turm der Uni schießen freundliche Polizisten schon mal ein Touristenfoto. Weniger Interesse für sightseeing dürften die biertrinkenden Obdachlosen oder die überall mit Coke-Bechern bettelnden Punker haben. Am Abend sahen wir den Turm in anderem Licht: als Kulisse zu den Proben der zentralen Graduierungsveranstaltung. Und wenn das Uniorchester zur aufziehenden texanischen Flagge spielt, dann darf man auch mal eine Gänsehaut bekommen... Nachdem wir uns unser Motel gleich unter der Autobahn eingezogen waren, machten wir uns noch auf zur 6th street, wo sich eine Bar an die andere reiht. Viele waren von Türstehern beschützt und es ertönte Musik verschiedener couleur, inclusive reizvollen Technos. Und natürlich waren überall junge Leute zu sehen, wenn die Etablissements auch keineswegs voll zu sein schienen. Wir beließen es aber bei unserer kleinen Besichtigung zu Fuß und nutzten lieber noch das kostenlose Internet im „Days Inn“, um nicht den Kontakt zu Bekannten und Verwandten zu verlieren.

 

Nur ein kurzes Stück war es von Austin nach San Antonio, wo wir am nächsten Tag eine Mittagspause einlegten. Auf dem Weg allerdings wurde angesichts der Werbetafeln deutlich, daß es hier in Texas bedeutendes deutsches Erbgut geben muß... nicht nur wurde ins Restaurant „Oma’s Haus“ eingeladen, sondern auch in den Spaßpark „Schlitterbahn“ in New Braunfels. Ab und zu wurde für „Bratwurst“ geworben, oder auch mit einem „Beirgarten“. Und wer möchte nicht im kleinen Städtchen „Schertz“ wohnen? Ähnlich international mutete der große Stern an, der hier in Texas fast alles ziert, von der Staatsflagge bis zu den Autobahnbrücken.

San Antonio hat uns sehr positiv überrascht. Die Stadt hat viele schöne alte Gebäude und einen interessanten mexikanischen Einschlag. Wir leisteten uns ein schmackhaftes mexikanisches Mittagessen an einer venezianisch anmutenden Wasserstraße und hatten dabei sogar noch Musik einer mexikanischen Musikantengruppe. Anschließend warfen wir einen Blick in das Alamo, eine alte Mission, in der sich amerikanische Siedler 1836 erfolglos vor dem Mexikanern verschanzt hatten. Außerdem gab es sexy Männer in Cowboyhüten zu sehen.

 

Nach San Antonio verlagerte sich der Schwerpunkt unserer Reise auf die Landschaften, sind Städte doch spärlich gesät im Südwesten der USA. An den Seiten der Autobahn wurde der Bewuchs nun zunehmend spärlicher und bald wurde das Buschland von Kakteen und Yucca abgelöst. Von wirtschaftlicher Nutzung war keine Spur, und so fragte ich mich gelegentlich, was die hier mit dem Land anstellen. Und warum es eingezäunt ist. Um unseren Abendhunger zu stillen, machten wir an einer Raststätte halt, die einen echten Trucker-charme versprühte. Und das riesige Stück Beef mit Kartoffelmus hielt dann auch eine ganze Weile vor. Leider waren keine Trucker zu sehen, sondern nur ein älteres Ehepaar, welches tapfer mit riesigen Burgern kämpfte. Hier in Amerika ist ja alles eine Nummer größer... Wir fuhren weiter gen Westen, der untergehenden Sonne entgegen. Die Straße durchschnitt eine hügelige Landschaft und hinterließ so goldgelbe Flecken im Buschland. Ab und zu begleitete uns der Geruch von Öl, gepaart mit dem Anblick rostiger, doch sich ständig bewegender Ölpumpen. Ebenso eindrucksvoll die Windräder, welche mich irgendwie an alte Western-Filme erinnerten. Die Wildwest-Musik fehlte uns allerdings, gab das Radio in dieser Einöde doch nur noch ein mystisches Rauschen von sich. Wir waren fast die einzigen auf weiter Flur und konnten so ungestört erleben, wie die Sonne hinter einem windmühlengespickten Berg unterging. Unser Schlafplatz für diese Nacht, Fort Stockton, hatte nicht viel mehr als das Flair eines verlorenen Postens zu bieten, wenn auch eingebettet in eine interessante Landschaft. Wir machten uns früh am Morgen auf den Weg, und ließen die bizarre Gegend hinter uns. Das Buschland war nun fast ganz verschwunden, und riesige Yucca säumten den Weg. Anders als die kleinen Exemplare in Dresdner AWG-Wohnblöcken, haben diese Exemplare einige Jahre auf dem Buckel und haben sich so über die Menschheit erhoben. Immer wieder fiel mein Blick auch auf die riesigen Laster, die sich altmodisch blitzend vor der Bergkulisse präsentierten. Etwas abseits sahen wir einen ewig langen Güterzug mit vier Loks und die Karte zeigte an, daß wir uns parallel zum Rio Grande bewegten. Leider war vom Fluß nichts zu sehen. Das Radio gab nun wieder Laute von sich, allerdings waren diese zumeist in spanischer Sprache. Shlomi stoppte für ein liegengebliebenes Auto, und die mexikanischen Gesichter waren hocherfreut, endlich mit unserem Schraubenschlüssel das Rad wechseln zu können... Wir waren zweifellos in der Nähe der mexikanischen Grenze. Und richtig, bald tauchten wir in die Betriebsamkeit El Pasos ein, der berühmt-berüchtigten Grenzstadt in atemberaubender Bergwelt. Wir drehten eine kleine Runde mit dem Auto durch die geschäftigen Straßen. Aus Lautsprechern wurden in Spanisch die Waren angeboten und viele Schilder waren in Spanisch beschriftet. Die Menschen waren fast alle Mexikaner. Wir verließen die Stadt gen Westen, vorbei an einigen Industrieanlagen und weißen Silos. Auf dem nächsten Stück unserer Fahrt wurde die Landschaft noch eindrucksvoller. Die Berge waren nun nicht mehr sanft, sondern kantig und steil, geformt aus einem roten Gestein. Ab und zu sahen wir eine Windhose auf der Ebene, den roten Staub in einer hohen Säule umhertragend, jedoch meist gerade dann verschwindend, wenn ich meine Kamera gestartet hatte. Wir hatten zwar mit unserer Umfahrung Oklahoma Citys die Tornados vermieden, von Dreckwolken (dust devils) wurden wir aber hier nicht verschont.

 

Vorbei an ständig wechselnder Bergwelt und kleinen Grand Canyons erreichten wir schließlich Tuscon, einen kleinen Haufen Hochhäuser in der Wüste Arizonas. Erstaunlicherweise hatte die Stadt jedoch einiges zu bieten und schien fast schon ein gemütlicher Platz zum Leben. Da gab es eine schöne alte spanische Kirche, überall bunt angemalte kleine Häuschen und sogar eine kleine Uni. In den Grünanlagen coexistierten friedlich stachelige Kakteen, Bäume mit saftigen Orangen, und grellbunten exotische Blumen. Und überall die Berge schützend im Hintergrund. Auf der Suche nach einem Kino stießen war auf eine festlich geschmückte mexikanische Hochzeitsgesellschaft, und fast hätte ich mir gewünscht, zu einer zünftigen Fiesta eingeladen zu werden. Wäre bestimmt besser gewesen als der Chicken-Burger bei Denny’s. Etwas fragwürdig war jedoch die politische und soziale Einstellung der Bewohner, zumindest soweit man diese aus den Plakaten (Wetbacks ist ein Schimpfwort für Mexikaner) und Werbetafeln abzuleiten versucht ist... Die letzte Etappe führte uns von Tuscon nach San Diego. Die Namen der Orte auf den Straßenschildern lesen sich teilweise recht komisch, oft sind sie Zusammensetzungen wie „Calexico“ oder „Texarkana“. Wohl wegen der Immigrationsprobleme kreisten ab und zu Hubschrauber über dem Gebiet (wir waren noch immer nahe der Grenze), und zwei Mal mußten wir an Kontrollpunkten anhalten. Gesichtscheck. Doch die Landschaft wurde immer spektakulärer. Nicht nur nahmen die Berge verrückte Formen an, sondern auch die Pflanzenwelt buk keine kleinen Brötchen mehr. Überall ragten Kakteen in den verschiedensten Formen in den Himmel, manche so alt, daß ihre Stämme schon langsam von Karies befallen zu sein schienen. Ganz selten sichtete ich mal eine Kuh, die sich furchtlos unter einem Kaktus zu schaffen machte, und vor einem Bergmassiv sorgte eine Straußenfarm für Abwechslung. Je näher wir der Westküste kamen, desto mehr mischte sich der Mensch wieder ins Bild, zuerst mit grünen und gelben Feldern, später auch mit kleinen Siedlungen und Palmenhainen. Dieses Zusammenspiel von Felswüste, Mensch und Wasser weckte einige Erinnerungen an Ägypten, wo das Niltal ähnliche (aber wohl noch spektakulärere) Aussichten bietet. Nach kurzer Zeit verließen wir Arizona mit seiner farbenfrohen Flagge und erreichten Californien. Hier verwandelte sich die Steinwüste in eine Sandwüste, ein Bild, welches mich einigermaßen überraschte. Bald wich der Sand den Menschen, deren kleine Farmen nun anhand der Palmwipfel schon von Ferne in den grünen Feldern zu erkennen waren. Ab und zu sahen wir Wohnwagen-Parks, die sich auf der Ebene zwischen der Straße und den Bergen angesiedelt hatten. Wie auf einem riesigen Parkplatz standen die meist alublitzenden Gefährte in der Landschaft. Bevor wir endgültig in die Küstenregion eintauchten, passierten wir eine mondartige rote Geröllwelt (nicht, daß ich das aus eigener Anschauung vergleichen könnte...). Dann endlich erreichten wir das Ziel unserer Tour, San Diego.

 

Die Stadt erstreckt sich mit ihren Vororten über viele Hügel und Täler, von Osten bietet sie eine italienisch anmutende Szenerie. An den Berghängen wachsen Zypressen und Palmen, alles war voller bunter Blumen, und die reichen Villen zeugten von dem Glück der Menschen hier. Bald verwandeln sich die Straßen in riesige Highways und vorbei am Kolossalen Beton-Footballstadium. Am Tag unserer Ankunft bei Shlomis Familie machten wir nur eine kleinen Spaziergang im neighbourhood. Alles ist voller Pflanzen, auf den Spitzen der Hügel sonnen sich schicke Villen, und ab und zu befand sich anstelle einer Villa ein Gestüt. Passend verlief neben dem Fußweg ein sandiger Reitweg... Shlomis Familie war ausgesprochen nett und wir hatten einige anregende Gespräche, die Themen von Aktien bis mathematische Philosophie umfaßten. Am nächsten Tag (die Bilder wurden leider von der Matrix gelöscht .( schauten wir uns zuerst Downtown an. Die Innenstadt hat natürlich auch Hochhäuser, macht aber einen gemütlicheren Eindruck als viele andere Städte. Es gibt Cafés und Restaurant im sogenannten Gaslampenviertel, und am Meer kann man inmitten von Touristenständen Schiffe (und Leute) beobachten. Das Einkaufszentrum (Horton Plaza) ist mexikanisch kunterbunt und bietet unzählige Gaumenfreuden. Nachher fuhren wir auf den Campus der University of California, San Diego (UCSD), und ich ging auf Entdeckungsreise, während Shlomi einige Dinge erledigte. Der Campus ist sehr weitläufig und überrascht mit seiner unkonventionellen Architektur, wie der berühmten Raumschiff-Bibliothek oder der kunterbunten Statue eines „Sonnengottes“. Besonders schön war, daß das Semester an der UCSD noch nicht zu Ende war, und ich so das normale Studentenleben mitbekommen konnte, komplett mit emailen am Internet-Computer, Salat im Lesecafé und Sonnen auf der Parkbank. Dabei fiel mir auch auf, daß der Anteil der Asiaten hier besonders hoch war. Dafür gab es kaum die berühmt-berüchtigten blonden beachgebräunten CalifornierInnen. Aber ich hatte ja noch einige Tage vor mir :-). Am späten Nachmittag fuhren wir dann ans Meer. Zuerst fuhren wir nach La Jolla, einer noblen Gegend, an deren Stränden sich selbst die Robben wohlfühlten. Dann ging es zu den jugendlicheren Stränden Mission Beach und Pacific Beach, wo sich auf der Strandpromenade Unmassen von Menschen tummelten, viele davon auf Rädern, Rollschuhen und Skateboards oder hatten ein Surfboard unter dem Arm. Hier herrschte die California-Dreaming Stimmung. Zum Sonnenuntergang leisteten wir uns einen Platz auf der Dachterrasse eines Cafés und verbrachten so unseren letzten Abend mal wieder in Diskussionen über Gott und die Welt. Shlomis Frage, welchen Ort ich denn am meisten gemocht hätte, konnte ich wahrheitsgemäß mit San Diego beantworten.

 

Am nächsten Tag wurde ich mit einem Toas-Creamcheese-Tomato-Frühstück versorgt (mal nicht Burgers oder Muffins), und nachdem ich mich von meinen Gastgebern verabschiedet hatte, ging es auf nach Solana Beach, von wo aus ich mit dem Zug nach Santa Barbara weiterfahren wollte. Solana Beach ist ein gemütlicher kleiner Ort, und auf der Dachterrasse der örtlichen Mini-Mall genossen wir unser Sandwich mit einem sehr schönen Ausblick. Wir unternahmen noch eine kleine Wanderung am Strand, die uns zu erschlossenen Ecken und abgelegenen Steilküsten führte. Unterwegs entspann sich eine Diskussion, ob und warum man eigentlich weniger wahrscheinlich stehenbleibt, um etwas (Auto, Haus) zu bewundern, wenn man weiß, daß der Eigentümer es sieht. Dann überlegten wir, wie man experimentell testen kann, warum Menschen, aus drei Sorten von Süßigkeiten drei Stück auswählen können, dazu neigen, die selbe Sorte zu wählen, wenn sie zu drei verschiedenen Zeitpunkten gefragt werden, jedoch unterschiedliche Sorten nehmen, wenn sie alle drei Stücke auf einmal wählen müssen... Derartige Gedankenspiele haben uns oft beschäftigt, vielmehr war ich in der Regel fasziniert, wie genious Shlomi im Nu mit einer Antwort aufwarten konnte oder ein Experiment ausgetüftelt hatte. Kein Wunder, daß er von Business zu Psychology wechselt, und damit Duke verloren geht. Aber solche Leute sind es, die mir gelegentlich vor Augen führen, wie die ideale Verbindung von Interesse und Job aussehen kann und sollte. Nach einem letzten Päuschen am Hundestrand mußten wir zu meinem Zug rennen, und bald saß ich in der Bummelbahn nach Santa Barbara.

 

Die meiste Zeit führt die Bahnlinie direkt an der Küste entlang, und so tat es mir nicht weh, daß der Zug zwar modern aussah, aber sich wirklich im Schneckentempo bewegte. So hatte ich mehr Zeit, mir die Landschaft anzusehen, und besonders angetan haben es mir die kleinen Canyons, die zum Meer hinabführen. Am Strand saßen die Leute in der Nachmittagssonne  und ich freute mich auf einige Badetage in Santa Barbara. Auf dem Weg dahin passierte ich auch Los Angeles, welches sich mit seinen riesigen Highways ankündigte. Leider fährt der Zug nicht direkt durch die Stadt, so daß ich mich für diesmal mit einer vagen Skyline zufriedengeben mußte. Rechts und links der Gleise sonst eher Industriegebiets-Flair, etwas gemildert vom Gold der untergehenden Sonne. Ich passierte ein weiteres großes Footballstadium und einige kleine Basketballplätze, auf denen sich kids tummelten und von der NBA träumten.

Im Zug schreibt der erste Kontrolleur ein kleines Zettelchen mit dem Zielort und klebt es an den Sitz, so daß die nächsten Kontrolleure (und die kommen aller Nasen lang), nicht extra nach dem Fahrschein fragen müssen. Diese Störung blieb also beschränkt. Dafür bimmelte immer mal wieder ein Nokia Telefon in genau der Weise, wie es meins in Potsdam zu tun pflegte, und ich mußte feststellen, wie heftig ich wohl damals das hektische Suchen nach dem Ziegelstein eingeimpft bekommen hatte... Dabei hab ich ja nun schon seit fast einem Jahr keine Funke mehr. Und vermisse sie auch keineswegs. Ähnlich dachte vielleicht auch der Mann hinter mir, der von einem Gläubiger angerufen wurde und nach einem gespielten Erstaunen über die ausstehende Zahlung mit einem „ok, next week is my payday“ nachgab. Das letzte Stück der Fahrt absolvierte ich im Dunklen und kam endlich (nach 5.5. Stunden) in Santa Barbara an. Das war also der Ort, an welchem sich der „California Clan“ befand; diese Serie hat unsere Familie jahrelang in Atem gehalten, nachdem das Tal der Ahnungslosen endlich Westfernsehen bekommen hatte... Ich hatte mir ein Plätzchen im Banana Bungalow reserviert und trottete nun mit meinem Rucksack durch die leider schon etwas leere State Street. Immerhin konnte ich erahnen, daß dieses Städtchen mit all den Läden und Restaurants eine schöne Atmosphäre haben würde. Der Banana Bungalow war klein aber sehr angenehm und ich kam sofort mit einigen Leuten ins Gespräch. Bevor ich mich jedoch an einen der Tische im Innenhof setzte, suchte ich mir was zu futtern auf der State Street, nur Starbucks war noch offen, und so aß ich Cookies und Aprikosenkuchen zum Abendbrot. Danach also setzte ich mich zu den anderen Leuten und wir lauschten einem Gitarre spielenden Gast. Nachher zeigte uns der Hostelchef noch Photos von seinem ehemaligen Hostel in San Diego (am Mission Beach, ich hatte es gesehen) und den verrückten (d.h., Nackt-) parties, die er dort veranstaltet hatte. Mit dem Eigentümer dieses Hostels in Santa Barbara könne er das nicht machten bemerkte er seufzend. Ich schlief ganz gut in meinem quietschenden Doppelstockbett; am Morgen gab es kostenloses Frühstück: Toast und Kaffee. Besser als nichts. Und ich traf nahezu die ganze Hostelbesatzung. Eine Gruppe machte sich fertig zur Abreise und eine besonders beredte Mitglied beorderte mich zum Bilderschießen. Mein Zimmernachbar las lieber seine Zeitung, wollte er doch nicht ewig hier im Hostel leben sondern endlich mal einen Job und eine Wohnung finden... Ich gesellte mich für den Tag zur Gruppe des Gitarrespielers, drei Leutchen aus England, zum Glück mit einem nicht ganz so argen Akzent. Wir machten eine kleine Stadtwanderung und landeten schließlich mit dem Ball am Strand; fürs Baden war es leider zu kalt. Aber so spielten wir eben vor schöner Kulisse und ich lernte endlich, wie man dieses (Fottball-)Ei relativ gerade durch die Luft bekommt. Sonst waren nicht viele Leute unterwegs, einige Standläufer und Sandburgen bauende Kinder brachten aber wenigstens etwas Bewegung ins Bild. Ausserdem gab es natürlich noch Möven und Pelikane, die ständig unsere Köpfe umkreisten, und den Strand mit schwarzweißen Mustern versahen... Vorbei am kleinen Leuchtturm machten wir uns zurück in die Stadt, schauten uns einen Film an und vergammelten gemütlich den Rest des Tages. Am Abend wurde im Hostel gegrillt, für 5 Dollar war man dabei, es gab Rippchen, gefüllte Auberginen und Salat. Eine leckere Idee eines Hostelpapas und derartige Ereignisse unterscheiden die kleinen gemütlichen Hostels von den großen eher anonymen International Youth Hostels. Eine lustige dicke Hostelbewohnerin machte außerdem einen Supermarkteinkauf, so daß ich mich überreden ließ, mit den Engländern für ein 30-Pack Bier zusammenzulegen. Zum Glück hab ich ja keinerlei Ahnung von Bier, und so schmeckte das mexikanische Gebräu aus der roten Büchse (Tekate) ganz gut. Als dann alle gesättigt und angeheitert im Hof saßen, begann wieder der Gesang, nicht nur von den Engländern, sondern auch von einer fülligen Lady, die wirklich ein überraschendes Talent entwickelte. Wir beide kamen ins Gespräch, und es stellte sich heraus, daß sie Loretta heißt, Limousinenfahrerin auf Abruf ist und zur Zeit fest hier im Hostel wohnt. Auch auf der Suche nach festem Job und anderer Bleibe. Na das nenne ich Draufgängertum. Meine Engländer reisten in dieser Nacht mit dem Greyhound-Bus weiter, doch es gab keine Pause, reisten doch zwei Ösis an, von denen einer kaum English sprach und froh war, endlich mal wieder deutsche Worte wechseln zu können. Am nächsten Tag zog ich also mit den beiden umher und wir liefen die Strände ab, die bei einem diesigen Wetter nicht gerade zum Verweilen einluden. So beobachteten wir die Unmengen von Vögeln und ihre Fütterung, nicht selten versuchte eine Möve, sich mit einer ganzen Scheibe Toast davonzustehlen. Noch interessanter die exclusive Ausgabe eines alten VW-Busses, und erst, als ich meine Nase förmlich zwischen die angeklebten Jesus-Figürchen schob, bemerkte ich, daß der Fahrersitz besetzt war – mit einem Bilderbuch-Jesus. Und als ich mich etwas erschreckt zurückzog, dachte ich an die Diskussion mit Shlomi über eben dieses Phänomen. Nachdem wir so den South-Beach abgeklappert hatten, gingen wir zurück in die Stadt und gönnten uns ein 8-Dollar All-you-can-eat Mittagessen beim Chinesen. Es machte satt, und ich hatte Mühe mich dann zurück zum Strand zu schleppen, wo wir nun die anderen Richtung einschlugen. Gen Norden befand sich der Bootshafen und einige touristische Lädchens und schließlich zeigte sich auch die Sonne, so daß es warm genug war, sich niederzulassen. Die nächsten drei Stunden verbrachten wir mit Beobachtungen eindrucksvoller Vogelschwärme und kräftiger Ureinwohner. Der kühle Wind ließ mich dabei ganz vergessen, daß die Sonne auch brennen kann, und so wurde ich mit einem heftigen Sonnenbrand abgestraft – wie oft muß man in diese Falle tappen, bevor man endlich klug wird??? Davon wußte ich aber an diesem Tag noch nichts, und so erforschten wir frohgemut einige Sehenswürdigkeiten der Stadt. Da ist vor allem das Court House (Gericht), welches selbst schön anzusehen ist, und von dessen Balkon sich eine wunderbare Durchsicht bietet. Leider war der Aussichtsturm schon geschlossen, und uns blieb nichts anderes übrig, als für einige Zeit auf der Wiese zu rasten. Im schönen Abendlicht bot die Stadt ein wirklich angenehmes Bild, und man konnte ewig auf und ab laufen, um die schöne Architektur, schnieke Partytouristen, Skateboard-Californier, Straßenmusikanten oder auch relaxte Aussteiger (oder Obdachlose?) zu beobachten. An diesem Abend schaffte ich die beiden Ösis zum Greyhound und erkundigte mich dort nach Bussen nach Los Angeles. Ich wollte nicht mit dem Zug zurückfahren, sondern mal den weltberühmten Bus ausprobieren. Aber ein Tag blieb mir noch in Santa Barbara, und so setzte ich all die verbliebenen Touristenattraktionen auf meinen Plan. Zuerst lief ich zur alten Mission Santa Barbara, ein ganzes Ende oberhalb der Stadt in den Bergen. Auf dem Weg kam ich an einigen alten „Adobes“ vorbei, den Lehmziegelhäusern aus Zeiten der ersten spanischen Siedler. Die Mission bot eine interessante kleine Ausstellung zum Leben der Missionare und ureinwohnenden Chumash-Indianer. Danach erklomm ich endlich den Aussichtsturm des Court House und genoß den schönen Überblick über die Stadt und die angrenzenden Berge. Den Sonnenuntergang erlebte ich am Pier (Stearns Wharf), wo ich nicht nur Robben im Wasser entdeckte, sondern auch High-School Schüler, die sich zum Senior-Prom herausgeputzt hatten und auf eine kleine Hafenrundfahrt begaben. Die Prom-Night ist der Höhepunkt des Schuljahres und nicht zuletzt Anlaß für die Bange Frage „Mit wem geh ich, mit wem tanz ich?“. Wieder zurück im Hostel, gesellte ich mich zu den anderen und Loretta erzählte mir groß und breit, wie der High-School Prom abläuft, obwohl sie sich nicht mehr so recht erinnern könnte – ich verstand den hint und machte ihr einige Komplimente, worauf sie mich am liebsten geknuddelt hätte :-). Und prompt öffnete sich die Tür eines Zimmers und es entstiegen zwei geschniegelte Pärchen: die Jungs in Wrack und Lackschuhen, die Mädchen geschminkt in weißen Kleidern. Loretta war voll des Lobes und ließ sich nicht nehmen, die verschämt dreinblickenden Mädchen eingehend zu begutachten und für ihr „terrific“ outfit zu loben. Am nächsten Morgen stopfte ich mich noch mal mit süßem Toast voll, sagte dann good-bye zu den Langzeitgästen (je älter, desto länger verweilt man hier anscheinend), und machte mich auf den Weg zum Greyhound.

 

Für 12 Dollar setzte ich mich dann in einen Bus nach Santa Monica, einen Ort im Großraum Los Angeles. Ich war positiv angetan von der Freundlichkeit des Personals, nicht nur mir gegenüber, sondern auch einem blinden Mann, der mit mir den Bus bestieg. Gleichzeitig führte ich mir vor Augen, was es wohl für mich bedeuten würde, die Dinge nicht sehen zu können... Wenn die Augen vielleicht auch nicht l’essentiel sehen können, so sind mir Bilder doch extrem wichtig. Der Bus fährt ganz scharf an der Küste lang, und so bieten sich schöne Blicke aufs Meer und die kleinen Orte in dieser traumhaften Gegend. Nahe Santa Barbara kann man in regelmäßigen Abständen Schwarze Inselchen im Wasser sehen und mein bester Tip ist Ölplattform. Am Ufer immer mal wieder ein Wohnwagenpark, zuweilen gleichzusetzen mit einem Meer amerikanischer Flaggen. Der Krieg gegen den Terrorismus scheint ja hier wirklich wie eine Bombe einzuschlagen. Vielleicht ist es aber auch einfach die Solidarität mit den armen Soldaten, die so Tapfer die Freiheit verteidigen. Unterwegs auch eine Air Base und Naval Base, und ich fragte mich, wie man 20jährige in den Krieg schicken kann. Überhaupt jemanden... so eine Verschwendung.

Die Fahrt geht durch Malibou, eines der nobelsten Viertel Californiens, dessen Multi-Millionen-Dollar-Häuser sich zumeist in den Wäldern verstecken. Nur mit Glück bekommt man im wackelnden Bus mal eines der Anwesen vor die Linse. Aber es gab auch schäbige kleine Häuschen, und es war schön zu sehen, daß an den riesigen Stränden mexikanische Familien planschten, selbiger also nicht für die Reichen und Schönen reserviert war. Selbst durch den Nebel hindurch leuchteten von den Hängen bunte Kapuzinerkresse und die weißen Kerzen der Yucca. Bald landete ich in Santa Monica und stieg dort um in einen Bus nach Venice Beach, wo ich meinte, ein Hostel reserviert zu haben. Ich hatte vorher angerufen, doch mein Hostelpapa in Santa Barabara hatte mich vor dubiosen Praktiken gewarnt. Und richtig, als ich ankam, machte mir der schleimige Empfangs-typ klar, daß ich nur dank seiner Güte einen Platz bekommen würde, denn meine Reservierung sei leider nicht aufzufinden. Ich verdrängte das Unwohlsein und stand bald auf dem Strand von Venice Beach, der eine einzigartige Mischung von Basketball spielenden Schwarzen, Haschisch rauchenden Rastabelockten, und „normalen“ Touristen bot. Und über allem schwebte der Duft von Räucherstäbchen. Während andere in den Bars herumlungerten, wanderte ich am palmengesäumten Strand und traf auf eine Ansammlung von Leuten, die sich um dahergelaufene Trommler scharten. Ich ließ mich im Sand nieder und genoß den Rhythmus und das Tanzen der Leute vor den Lichtern Santa Monicas. Am nächsten Morgen machte ich mich auf nach Downtown Los Angeles. Wenngleich das reisen in öffentlichen Verkehrsmitteln lange dauert, so gibt es doch immer einen Weg, und die Unkenrufe mancher Los-Angeles-Hasser scheinen mir Fehl am Platze. Downtown gefiel mir sogar ausgesprochen gut. Ich stieg mitten in einem kleinen Hochhauswald aus und fand die Gegend ziemlich ruhig – es war Sonntag morgen. Mit einem kleinen Stadtplan in meinem „Lonely Planet“ ausgerüstet, erreichte ich den Pershing Square, einen schönen grünen Platz, der über und über von Obdachlosen bevölkert war. Es war zwar etwas komisch, einfach so in deren Wohnzimmer einzudringen, aber was blieb mir übrig. Bot der Platz doch eine Aussicht auf das Finanzzentrum der Stadt. Trotz dickbäuchigen Polizeischutzes traute ich mich nicht, den Mann zu fotographieren, der sich am Fuße Beethovens niedergelassen hatte, obwohl dies ein merkenswerter Kontrast war. War wohl auch mehr Respekt als Angst.

Vom Pershing Square sind es einige Blocks bis zur Cathedral of our Lady of the Angels, einem beeindruckenden neuen Kathedralenbau. Und ich hatte doch glatt das Glück, das Ende des Gottesdienstes miterleben zu können, und so die (etwas überkandidelte katholische) Zeremonie mitzuerleben. Am Ende des Gottesdienstes wurde den Musikern namentlich gedankt und geklatscht, und der Bischof wies ausdrücklich auf die 3 Stunden kostenloses Parken hin, so daß noch genug Zeit sei, dem Andenkenladen der Kathedrale einen Besuch abzustatten. Da war es nur folgerichtig, daß in der bunkermäßigen Krypta des neuen Gebäudes Flyer auslagen, die über die Konditionen für einen Sarkophark informierten.

LA strotzt nur so von moderner Architektur; zu den üblichen Glashochhäusern gesellen sich aber auch extravagante Gebäude wie die Walt Disney Concert Hall. Ältere Bausubstanz findet sich um den Broadway, die Hauptstraße, welche fast komplett mexikanisch geworden zu sein scheint. Überall begegnen einem die braunen Gesichter und die typischen Familien mit kleinen Kindern. Waren werden in Spanisch angepriesen, Männer schauen verstohlen nach Schundheftchen mit Blondinen, und Kinder spielen mit ihren Haustieren. Zum Mittag setzte ich mich in ein kleines Restaurant und beobachtete das Leben durch die Fensterscheiben. Direkt vor meinem Fenster ein Papierkorb, in dem ein obdachloser Weißer nach Plasteflaschen suchte, auf die es hier Pfand gibt.

 

Die Stadtväter haben überall Informationstafeln für Touristen verteilt, und so vertrieb ich mir den ganzen Tag in der Stadt und stieß auf einige interessante Sachen, die ich sonst vielleicht übersehen hätte. Eine davon war das etwas unscheinbare Biltmore Hotel am Pershing Square, welches sich drinnen aber als ein wahrer Palast entpuppte. Über die Hintertreppen gelangte ich sogar bis auf das Dach, ohne daß dies jedoch mit einer besonders schönen Aussicht belohnt worden wäre. Etwas abseits der Innenstadt befindet sich der historische mexikanische Kern, wo  - wie für mich gemacht – ein Volksfest stattfand. Und so konnte ich mir traditionelle mexikanische Tänze und die Zuschauer in aller Ruhe anschauen. Wieder zurück im Stadtzentrum kam ich gerade recht, um die Pracht nochmals im abendlichen Licht zu photographieren. Dann aber leerten sich die Straßen sehr schnell, alle Läden wurden geschlossen, und ich saß mit meinen Pommes auf einer gespenstig werdenden Straße. Also gesellte ich mich schnell zu den anderen Wartenden und setzte mich in den Bus zurück nach Santa Monica. Auf der Suche nach dem rechten Bus war ich mit einem Jugendlichen ins Gespräch gekommen, mit dem ich mich nun im Bus fast anderthalb Stunden unterhielt. Besser gesagt, er unterhielt mich. Er komme aus Texas, sei mit einem Zirkus hier nach LA gekommen, hätte nun gekündigt und lebe in einer Obdachlosenunterkunft. Dazu paßte so gar nicht, daß er detaillierte Pläne hatte, das Regierungssystem zu verändern und mit Fachwörtern wie Meiose um sich warf. Was auch immer die Wahrheit war, wir strollten durch den kleinen Vergnügungspark auf dem Pier von Santa Monica und durch die belebte Fußgängerzone, auf der Musiker, Tänzer, rappende Jugendliche, Hundedresseure und allerlei anderes Volk sich ein Stelldichein gaben. Als er dann nach Hause mußte, machte auch ich mich auf den Weg zum Hostel. Ich hatte beschlossen, in ein anderes Hostel nach Hollywood umzuziehen, nicht nur weil es in Venice Beach sehr laut war und mein dauerreisender deutscher Doppelstockbett-Untermieter jeden Morgen anfing zu rauchen, sondern auch, weil nun eben die Gegend um Hollywood dran war und ich mir so die langen Busfahrten sparen konnte. Bevor ich in den Bus stieg, machte ich aber noch einen Abstecher zum Pier von Venice Beach, welches an den Morgenden Ort des mexikanischen Familienangelns zu sein scheint. Gleich daneben die „Kanäle“, welche dem Örtchen den Namen gaben. Und so ein bißchen erinnerte es mich doch an Venedig, zumindest das Wasser sieht ähnlich aus :-). Der Bus nahm den Santa Monica Boulevard und die Autos wurden merklich teurer, je näher wir Hollywood kamen. Im Bus vor allem Mexikaner, wobei einige Männer wunderliche schwarze Haarnetze trugen, wohl um ihre Haarpracht zu formen. Außerdem haben die meisten noch ihren Oberlippenbart aus der Pubertät mit geschleppt :-). Dann stand ich auf dem Hollywood Boulevard selbst – einem blassen Abbild des Glamours, welchen wir vom Fernsehen also Hollywood verkauft bekommen. Die Läden sind alle von der billigen Sorte, eine Fastfood-Bude reiht sich an die andere, und immer wieder stolpert man über Bettler. Es war alles interessant, aber eben nicht „Hollywood“. Zum Glück hab ich ja nicht viel für dieses Business übrig, und so war meine Enttäuschung nicht allzu tragisch. Nachdem ich in mein Hostel eingezogen war (sehr nett alles), entdeckte ich die wichtigsten Touristenspots: das Hollywood-Sign, die Unterschriften der Stars im Beton vorm Chinese Theatre und natürlich die berühmten Sterne auf dem Fußweg. Besonders groß aber nicht besonders schön das Kodak Theatre, wo die alljährlichen Oskar-Verleihungen stattfinden. Von den Wandelgängen aus hat man aber den besten Blick auf die Hänge Hollywoods und den berühmten Schriftzug. Wenig beeindruckend auch das Movie-Museum, in welchem sich die freiwilligen Führer der Masse von 15 Gästen auf einmal nicht gewachsen sahen und letztere wunderten, was man sich denn da eigentlich anschauen sollte. Immerhin hatte das Museum einige echte Kulissen zu bieten, so die Pilotensessel aus Startrek, die natürlich jeder brav probesaß. Ich traf zwei Schweizer im Hostel, und nachdem wir uns in einem Liquor Store Bier geholt hatten (tja, ohne Alk geht nix ...), gesellten wir uns an einen der Tische im Vorgarten. Es war ein schön bunter Mix von Leuten, von denen jeder eine andere interessante Geschichte hatte. Am Abend hatte mich ein anderer meiner Zimmernachbarn entdeckt. Er ist (auch) Sachse, 44 und spricht kaum ein Wort English. Was für eine Freude für ihn, mich als Übersetzer einspannen zu können! Es war schwer, seinen Fängen zu entkommen, und so fügte ich mich am nächsten Tag in mein Schicksal und fuhr mit ihm zum Getty-Center, einem großen modernen Museum, welches von einem Ölmilliardär gebaut wurde und nun kostenlosen Eintritt und atemberaubende Sicht auf LA bietet.

Zuerst nahmen wir den Bus zum Fuße des Getty-Berges. Drinnen wieder meist Mexikaner, aber auch einige Touristen. Erst spät bemerkte ich, daß sich einige Frauen die Nase zuhielten, mit den Händen wedelten und der schwarze Busfahrer dann einen riechenden Penner aus dem Bus geleitete. Als wir Beverly Hills durchfuhren und dort einige Mexikaner ausstiegen, bemerkte mein Sachse clever „Die machen wohl sauber hier“.  Die Getty-Touristen steigen am Berge aus und eine kleine Straßenbahn schraubte sich langsam den Hang hinauf, die Besucher damit auf das große Erlebnis einstimmend. Oben dann trennten wir uns und ich nahm an drei Führungen teil, die alle sehr interessant waren. Eine über die Architektur, eine über die Verbindung von Architektur und Landschaft und eine durch den Garten, der, wie man betont, eine „Skulptur in Form eines Gartens ist“. Vieles entgeht dem ungeschulten Auge vollkommen, und ich konnte nur Staunen, wie jedes Detail dieses riesigen Komplexes durchdacht war und Sinn machte. Von der Ausrichtung der Sichtachsen über die Quadratur des Steines bis hin zur Farbkombination von Gartenblumen und Raumtapete. Das große Plus des Museums ist wirklich das Gebäude und die Einbindung in die Umgebung, die Kunstwerke sind zwar nett, können aber von den europäischen Museen mit Leichtigkeit ausgestochen werden. Ob das alles nun 1.3 Milliarden Dollar und 100 Schiffsladungen Travertine-Stein aus Italien wert war, muß jeder selbst beurteilen. Interessant war außerdem, daß viele Schulklassen das Museum besuchen, und die Kinder u.a. bestimmte Aufgaben erledigen mußten, wie zum Beispiel Kunstwerke zeichnen etc. Auf der Rückfahrt machte ich einen Halt an der Uni von Los Angeles und war überrascht über den schönen Campus, den die Sonne fast in eine Märchenwelt verwandelte. Ich schlich mich in die Bibliothek, um einige emails zu schreiben und wurde dabei von den mittelalterlichen Gesängen eines Studentenchores begleitet. Andere Studenten lagen einfach auf den Bänken und hörten zu – eine sehr schöne Atmosphäre. Auch an anderen Stellen war noch was los, sei es nun das Training der Baseballmannschaft oder eine Vorstellung der indischen Tanzgruppe vor dem Studentenzentrum. Wieder zurück auf dem Hollywood Boulevard stolperte ich gleich in das nächste Abenteuer: die Premiere von „The Italian Job“ im Chinese Theatre. Ich hatte mich gewundert ob der Absperrungen auf dem Fußweg und der wichtigtuerischen Männer in schwarzen Anzügen. Ich fragte einen der schwarzen Männer, was denn los sei, worauf der mich nur mit „private party“ abspeiste. Schließlich aber entdeckte ich – man höre und staune – den Typen aus downtown LA, der wohl zu jeder Premiere hier anreist. Und so warteten wir gemeinsam auf die Stars, die nach dem Ende des Films aus dem Theater kommen sollten. Es dauerte eine Weile, bis sich überhaupt etwas tat, und dann kamen jede Menge Leute aus dem Kino, und ich hatte natürlich keine Ahnung, wer hier wichtig ist und wer nicht. Zum Glück hatten andere mehr Kennung und ein professioneller Souvenirjäger mit weißer Strähne rief einfach nur: „Mos, here, sign!“ und tatsächlich kam Mos Def (hab ich auch noch nie gehört) und gab brav seinen Krakel. Gerade als Teeniestar Seth Green kam, um sich direkt neben mir mit einer Chinesin ablichten zu lassen, war mein Akku alle. Shit. War also eine interessante Erfahrung, aber wieder enttäuschend wenig Glamour. Hollywood ist auch nicht mehr, was es mal war.

Und dann brach der letzte Tag meiner Reise an. Am Morgen stellte ich mich brav in der Küche an und machte mir zwei Pfannkuchen, die Zutaten gab es umsonst vom Hostel. Dabei kam ich ins Gespräch mit einer interessanten Deutschen und wir zogen ein Stündchen um den Block. Zettel an den Wänden der Häuser hatten Dreharbeiten angekündigt, doch statt dessen sahen wir einen echten Polizeieinsatz. Ein Mann drohte, sich vom Dach eines Hauses zu stürzen, und unzählige Polizisten und Feuerwehrleute meinten, sie könnten das mit Gutzureden verhindern. Um zwölf dann holte mich Shlomi in Hollywood, wir hatten uns für noch einen Tag gemeinsamen Sightseeings verabredet, bevor mein Flug dann kurz nach Mitternacht zurück nach Durham ging. Erste Station war Beverly Hills, das Nobelviertel, welches nicht nur mit feinen Villen und dicken Autos aufwartete, sondern auch einer mit Designerläden vollgestopften kleinen „Downtown“. Ich hatte mir zum Glück am Vorabend im Supermarkt Weißbrot und Wiener besorgt, und mußte mir nun kein halsabschneiderisch teures Sandwich kaufen. Noch interessanter war aber die Vielfalt der Villen, die von richtig modernen Exemplaren bis hin zum säulengeschmückten Herrenhaus im Villenviertel „Bel Air“ reichten. Bei unserer Besichtigungstour konnten wir streckenweise einfach den kleinen Touristenbussen folgen, die als „VIP Tours“ oder „Beverly Hills Tours“ die „Star-Map“ aus dem FF kannten. Andernfalls hätten wir natürlich auch einem der zahlreichen Werbeschilder folgen und unsere eigene „Star-Map“ kaufen können, die uns dann angezeigt hätte, wo wir welchem Star auf die Pelle rücken können. Und man wird es kaum glauben, an einem Gartentor kamen wir wirklich gerade zurecht, um ein Kamerateam heftig hantieren zu sehen. Danach fuhren wir nach Westwood, einen Stadtteil nahe der Uni, der auch entsprechend jugendlicher war. Wir hatten ein Abschiedsessen beim Chinesen und machten uns dann auf den Weg zum Flughafen. Unterwegs legten wir einen kurzen Stop am Pier von Venice Beach ein, und es war der perfekte Ausklang einer interessanten Zeit in Los Angeles. Auf dem Flughafen hatte ich noch einige Stunden zu verbringen, die jedoch nicht lang wurden. Der Fortgang der Zeit wurde mir von periodischen Meldungen angezeigt, daß security alert „Orange“ herrschte, und man doch bitte besonders vorsichtig sein sollte. Da beruhigte es, überall „Security“ Leute zu sehen, wenn die auch eher wie ABMs in zu großen Grauen Straßenarbeiterwesten aussahen und sich gelegentlich in umherliegende Zeitschriften vertieften. Halb zwei nachts erhob ich mich über das glitzernde Los Angeles, welches sich dann für eine Ewigkeit wie Lava brodelnd unter mir her zog.

 

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