Florida
Durham – St. Augustine –
Ft. Lauderdale – Miami – Everglades
– Key West – Cape Canaveral –
St. Augustine – Durham
Floridas Sonnenstrände sind doch genau richtig zu Silvester! Das dachten sich zwei Physikstudenten der Duke University und schrieben eine eMail, wer denn noch mitkommen wolle (und Auto fahren kann...). Ich mailte kurz zurück, und schon saß ich nach einem abwechslungsreichen amerikanischen Weihnachten in Durham und High Point im Nissan gen Süden.
Highway
Am Anfang der Freuden stand mal wieder eine lange Autofahrt, doch das ist keineswegs langweilig, gibt es doch eine Menge zu sehen auf US-Highways. Da wären zum Beispiel die riesigen Wohnmobile, die mit Leichtigkeit einen hoppelnden Jeep an der Abschleppstange hinter sich herziehen: auf in den Familienurlaub. Oder die Vielfalt an niedlichen Limousinen, welche wir wohl ohne Zögern als Straßenkreuzer titulieren würden. Und die dann auch noch den euphemistischen Namen „Towncar“ tragen. Einige der Autos waren über und über in Schmutz und Salzkristalle eingehüllt, wohl Flüchtige aus den Schneestürmen des Nordens. Und immer wieder macht es Spaß, die Nummernschilder zu lesen, denn in den Staaten kann man sich deren Beschriftung beliebig wünschen: wie wäre es mit „HORSE 1“ , „SUCCESS“ oder auch „STATEBOI“? Die Tuchfühlung, welche man hier (nackenhaarsträubend) zum Vorfahrer zu halten pflegt, macht das ganze Spielchen noch viel einfacher. Nummernschilder sind zudem auch nur hinten Pflicht, vorn trägt man (besser: das Auto) anstelle einer number-plate dann seine Präferenzen zur Schau. In Duke ist es meist Name und Logo der Blue-Devils Basketballer. Die Polizei stört das nicht, gibt es doch keine Blitzer; vielmehr wird man entweder herausgewinkt, von Polizeifahrzeugen umzingelt oder vom Helikopter gejagt (kein Witz!). Wenn man also am Zielort angekommen ist, hat man es geschafft. Deshalb auch die Entschuldigung vieler Raser: es rasen doch alle, dann darf man mithalten – könnte funktionieren, denn wo der Blitzer Gleichberechtigung walten ließe, können das die Polizisten nicht, und dann wird wohl eher keiner bestraft...
Ab und zu wird die Fahrt von einer Toll-Station unterbrochen, an der man seinen Obolus zu entrichten hat. Auf dieser Strecke voll manumatisch, d.h., man zielt die abgezählten Münzen in einen großen Plastiktrichter zur Linken, hat man die volle Punktzahl erreicht, dann hebt sich die Schranke.
Unsere Raststätten heißen hier „Food Exit“, „Lodging Exit“ oder „Gas“ und werden immer wieder von gigantischen Straßenschildern angekündigt, die weit über die Bäume hinausragen und das schnelle Essen preisen. Bald hatten wir South Carolina und Georgia hinter uns, Florida lag vor uns. Das Touristencenter an der Grenze bot genug Infomaterial, um sich alle Taschen vollzustopfen; vor allem aber Coupon-Heftchen mit Rabattmarken für diverse Sehenswürdigkeiten. Diese Dinger sind eine wahre Plage in den Staaten, überall gibt es Coupons in Papier- und auch elektronischer Form. Im Supermarkt, an der Tankstelle, bei McDonalds, im Museum, bei amazon.com - wie viele wertvolle Menschenstunden gehen wohl bei der Suche nach den richtigen unwiederbringlich verloren...
St.
Augustine [map] [top]
Wir landeten nach Einbruch der Dunkelheit in St. Augustine, einer kleinen beleuchteten Märchenstadt. Sie ist 435 Jahre alt und damit die älteste europäische Gründung in den Vereinigten Staaten. Davon zeugt ein altes Stadtviertel und eine vollständig erhaltene spanische Festung, von deren Kanonendeck aus es sich vorzüglich über das Meer schauen läßt. Das wissen natürlich auch all die Reisebüros, und so mussten wir uns die Geschichte mit Schulklassen teilen. Dafür erzählten die historisch gekleideten Mitglieder eines Vereins von der wechselvollen Geschichte Floridas, mal spanisch, mal englisch und letztlich – Halleluja – usamerikanisch. Die moderne Stadt wurde maßgeblich von Henry Flagler geprägt, einem Partner von Rockefeller. Er hat Ende des 19ten Jahrhunderts die Eisenbahn in Florida gebaut und es damit touristisch erschlossen. Und in St. Augustine eröffnete er drei riesige Luxushotels, die noch heute märchenhaft anmuten. Eines davon hatte den seinerzeit größten Swimmingpool der Welt und beherbergte diverse Schwimmeisterschaften. Die Depression (Weltwirtschaftskrise) hat zweien davon aber die Puste genommen und so finden sich da jetzt eine kleine Universität bzw. die Kunst- und Kitschsammlung eines anderen Industriellen, der sich in der Krise billig ein Vermögen zusammenkaufte.
Wir blieben nur eine Nacht in dem gemütlichen „Pirate House“ Hostel und fuhren dann weiter nach Fort Lauderdale in Südflorida. Endlos geradlinig zieht sich der Highway 95 entlang der Ostküste Floridas und langsam aber bestimmt wandelt sich das Bild. Die Vegetation wird immer tropischer, Tillandsyen besiedeln in dichten Büscheln die Äste und zunehmend bestimmen Palmen das Bild. Immer wieder aber sah ich auch tot scheinende Nadelwälder zu beiden Seiten, und mir ist bis heute nicht klar, ob das ewiger- oder nur Winterschlaf war. Vielleicht war es ja aber auch das Werk eines Immobilienspekulanten, der dort den 175ten Luxusgolfplatz oder Food-Exit eröffnen wollte. [joke für insider]. Bei unserer Mittagspause hatten wir dann das Vergnügen eine komplette Familie in Golftracht zu bestaunen, aber kein Grund zum Neid, denn dieser Sport ist hier weniger exklusiv als in Deutschland. Würden sie sich sonst so begierig auf das „2 Big Mac for $2“ – Angebot stürzen?-)
Fort
Lauderdale [map] [top]
Stück für Stück kletterten wir die Hierarchie der Straßen hinab und landeten schließlich im Zentrum von Fort Lauderdale. Auf dem Weg zum Hostel passierten wir riesige Autohäuser und noch nie habe ich so viele Daimlers, Porsches und Ferraris auf einen Haufen gesehen. Als wir dann vor unserer Herberge standen, stießen wir einen kleinen Jauchzer aus: 100 Meter vom Strand, free food und ein Apartment für uns – bei 17 Dollar pro Person. Leider wurden gerade vor unserem Fenster zwei riesige Hochhäuser mit Apartments gebaut, quasi auf dem Strand und uns des traumhaften Seeblicks beraubend. Wir kamen gerade noch rechtzeitig, um den Sonnenuntergang am unendlichen Strand mitzuerleben, und da hatte ich es wieder, mein Meer. In der Ferne sahen wir die riesigen schwimmenden Hotels der Kreuzfahrtreedereien, die von Ft. Lauderdale aus in die Karibik starten, und ihre fliegenden schnellen Brüder. Auf dem fast schon verlassenen Strand baute noch ein Junge eine Sandburg, und er hatte ein Baseball-Cap auf. Hellblau... und als ich genauer hinsah, entdeckte ich den weißen Fuß der Tarheels, unserer Erzrivalen aus Chapel Hill.
Das abendliche Herz der Stadt aber ist der Las Olas Boulevard, wo sich ein Restaurant an das andere fügt, unterbrochen von Kunstgalerien oder auch mal einem Juwelier. Auch hier sind alle Palmen dicht mit Lichterketten umwickelt, manchmal erstrecken sich diese sogar auf die einzelnen Wedel... Die Straße staut sich von Luxuskarossen mit der großen Florida-Orange auf ihrem Nummernschild und wir waren froh, für unseren roten Nissan einen kostenlosen Parkplatz in einer Seitenstraße gefunden zu haben. Normalerweise kommt man nicht ohne meter (Parkuhr) oder einer Flatfee von 5 Dollar weg. Wir passierten das kleine einsame Businesszentrum der Stadt, in der sich zu unserem erstaunen sogar einige Investmentbanken niedergelassen haben (wegen des Strandes?) und kamen dann zum River Front Center, einem Unterhaltungskomplex mit Kinos, Cafés und der Anlegestelle zur Yacht-Stadtrundfahrt. Ein Mexikaner sprühte grelle Bilder mit Sprayfarben und die Eltern der staunenden Kinder sorgten sich um deren Gesundheit. In Florida gibt es unzählige Einrichtungen mit dem Namen „Hall of Fame“, die sich Größen aus verschiedenen Bereichen verschrieben haben. Ft. Lauderdale hat die Swimming Hall of Fame und riesige Plakate glorifizieren die Helden dieses Sports. Der Pool der Einrichtung machte gerade zu und die letzten Bader wurden von den Schaumstoffschutzmatten auf ein immer kleineres Wasserloch zusammengeschoben bis sie nicht umhinkamen, ihre zitternden Körper aus dem warmen Naß zu hieven. Der vorherrschende Straßenbaum ist die Kokospalme und meine russischen Kameraden versuchten im Schutze der Dunkelheit nicht nur einmal, eine Nuß zu erspringen... jedoch ohne Erfolg.
Miami und Miami Beach [map] [top]
Wir wußten noch nicht so recht, wo wir Silvester verbringen würden, und so starteten wir am 31ten nach Miami um zu sehen, ob sich da bessere Möglichkeiten böten als in Ft. Lauderdale. Genau eine Stunde brauchten wir bis uns eine große Brücke vom Highway nach Miami Beach führte, zur vorgelagerten Luxusinsel. South Beach, der berühmte südliche Teil, ist voller interessanter art deco Architektur. Fast jedes Haus hat eine andere (Pastell-)Farbe und immer wieder neue Formen geben Anlaß zu erforschender Betrachtung. Irgendwie musste ich so ein bisschen an Dessau und sein Bauhaus denken... Vor einem Hotel stand ein uraltes blitzendes Auto und man fühlte sich wie in den goldenen Zwanzigern. Alle Häuser hier sind Hotels, Restaurants oder Geschäfte, bis auf ein wunderschönes romantisches altes Anwesen voller Grün – für mehrere Millionen von Versace gekauft, der aber leider bekanntermaßen nicht mehr viel Freude daran hatte. Und vor wenigen Monaten wurde die Villa an einen Telekom-Boss aus Raleigh verkauft, richtig, Raleigh gleich neben Durham.
Die Strandpromenade war voller Leute, leider nicht so viele Models, Photographen und Skater, wie die Führer versprachen; vielleicht war es ja auch etwas kühl für nackte Beine. Dennoch gefiel es uns hier, die riesige Bühne, die ein nächtliches Konzert von Boy George ankündigte, sowie die vielen Vorbereitungen der Restaurants und Clubs für die letzte Nacht des Jahres ließen uns den Beschluß fassen, hier ins neue Jahr zu feiern.
Nach einem kurzen Intermezzo am Strand, bei dem uns immer wieder Werbung hinter sich herziehenden Flugzeuge umreisten (und natürlich wurden wir von den Liegestühlen vertrieben) stärkten wir uns bei Miami Subs – einer der duzenden Fastfoodketten - bevor wir nach Downtown Miami fuhren. Dort kamen wir gerade recht zur Silvesterparade, die sich über eine Stunde hinzog und Jung wie Alt gefangen hielt. Den Beginn machte die Polizei von Miami, die Ihre Reiterstaffel, Motorräder und die Fahrradtruppe ins Rennen schickte, nicht ohne immer wieder die Hände der Bürger zu schütteln. Es folgten die lokalen Größen in Cabrios (gesponsert vom lokalen Chrysler-Autohaus) und ließen sich beklatschen – jeder hat hier irgend einen herausragenden Titel „Chief Executive Officer of Festival Organization Committee...“. Dann aber wurde es bunter mit funkensprühenden, sich im Kreise drehenden dreirädrigen Autos, den altbekannten aufblasbaren Riesenfiguren, künstlicher Hawaii-Insel (gesponsert von American Airlines) und schließlich unzähligen High School Bands. Über Weihnachten hatte ich einige High School Jahrbücher meines Gastgebers angeschaut und war erstaunt von der Vielfalt der Aktivitäten und ihrer Professionalität. Sport und Bands gehören zu den beliebtesten, aber es gibt auch die „Black Gentlemen“, die sich für das Wohl der lokalen Community einsetzen, den German Club („Na Klar!“) oder die stolzen Uniformträger des Militärnachwuchses (kenn’ ich irgendwie).
Für eine Stadtbesichtigung war es nach Ende der Parade zu dunkel, und so machten wir uns auf den Weg zu South Beach, aus Angst vor Parkplatzmangel tauchte der Vorschlag eines Taxis auf und ich nur meiner Intervention war es zu verdanken, daß wir dann für zwei Dollar im Bus saßen. Und 10 Minuten später standen wir wieder inmitten der Menschenmassen auf der Strandpromenade. Vor den Restaurants türmten sich die Hummer und Steaks, um die Vorbeiziehenden zu einem der Silvestermenüs zu verführen, doch kaum einer wollte sich für 70 Dollar in die Kälte setzen und mit einem Papierhut auf dem Kopf zum Spaß der Leute machen. Auf dem Strand entdeckte ich ein romantisches Leuchten, und beim nahen Hinschauen (ich mußte erst meine Begleitung überzeugen, daß dies bestimmt interessant sei) war es eine wunderbar filigrane Sandburg, die unzählige Ahs und Os hervorrief. Es wurde immer später, das abgesperrte Strandstück vor der Bühne füllte sich nicht und wir gingen dem großen Moment entgegen. Trotz unerwarteter Kälte (es war angeblich die kälteste Silvesternacht seit Menschengedenken) versammelten sich viele Menschen am Strand, und wie erwartet, begann ein großartiges Feuerwerk, über dem Meer. Da wir den Sekt zu Hause (also Ft. Lauderdale) vergessen hatten, musste meine große Limoflasche als Ersatz herhalten und nach einem „fsewo karoschewo“ genossen wir die bunten Lichter.
Der nächste Tag war dem Ausruhen gewidmet und warm genug für ein ausgiebiges, doch reueloses Sonnenbad. Und endlich kam ich auch mit meinem Buch voran – die Duke-Zeit wird als die bisher leseintensivste meines Bildungslebens in die Geschichte eingehen.
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