Hawaii
Flug – O’ahu – Maui – Big Island
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Der zweite Teil meiner Reise in den amerikanischen Westen führte mich von San Francisco nach Hawaii. Diese Inselgruppe liegt mitten im Pazifik, und von Deutschland aus hätte ich wohl nie die 20 Stunden Flug auf mich genommen, um das kleine Paradies zu entdecken. Das wäre ein Fehler gewesen, wie man ihn als Traveller wohl kaum größer machen könnte.
Auf dem abendlichen Flug nach Honolulu genoß ich wieder die untergehende Sonne. So langsam werden Sonnenuntergänge sich immer ähnlicher, verlieren dennoch nicht ihre so tiefe Bedeutung. Weiße Wolkenberge leuchteten aus den geglätteten Wattewolken wie Eisberge. In seiner wahrhaften Unendlichkeit ist der Himmel noch freier als das weite Meer, noch weniger von den Menschen geformt. Wie schon in San Francisco, las ich auch in jeder freien Minute während des Fluges Mitcheners „Hawaii“, von den ersten Bewohnern, welche mit dem Kanu weit aus dem Süden diese jungen Inseln erreichten, von ihren feuerspeienden Göttern und heidnischen Bräuchen. Ich näherte mich diesem Lande mit einem Eindruck und Gefühl für seine Geschichte, wie ich es bisher selten gespürt hatte.
Vorstellungslos über die Dimensionen des heutigen Hawaii und orientierungslos hielt ich erst die vereinzelten Lichter der Nordostküste für Honolulu. Doch plötzlich entdeckte ich das Lichtermeer der elftgrößten Stadt der USA, der Hauptstadt des 50ten und letzten Bundesstaates: Honolulu. Ein Flughafenshuttle brachte mich zum Banana Bungalow, einem zehnstöckigen Hostel, nachdem die anderen Touristen in einem der vielen Kettenhotels abgeliefert hatte. Der erste Schreck erwartete mich in meinem stickigen Dormitory (Mehrmannschlafzimmer): Mädchen. Das erste Mal, dass ich einen mixed room hatte. Als sich die Fahrstuhltür öffnete, überraschte ich eine Frau beim „Shit“-Sagen, worauf sie sich bei mir entschuldigte. Ähnliches war mir schon auf meiner Wanderung zum Muir Wood bei San Francisco passiert, als einer Dame die Mülltüte platzte, und auch im Fernsehen werden bei Interviews derartige Worte (S... oder F... ) brav mit einem Piep übermalt. Ungeachtet der Tatsache, dass sie im realen Leben fast jeder täglich in den Mund nimmt.
Den folgenden Tag erkundete ich den weltberühmten Waikikī Beach (auf der letzten Silbe zu betonen). Er ist zwar nicht unbedingt der schönste Strand in Bezug auf Sand und Wasser, doch das natürliche und menschengeschaffene Umfeld macht ihn einzigartig. Auf der Ostseite wird er begrenzt von einem erloschenen Vulkan, dem Diamond Head, der auch gleichzeitig das Wahrzeichen von O’ahu ist, der Hauptstadtinsel. Angeregt durch die Geschichten meines Buches, machte ich mich auf die Suche nach den Ureinwohnern. Am Strand gab es eine mir ungewohnte Spezies Mensch, in übermächtiger Anzahl und deshalb von mir als Hawaiier klassifiziert. Später musste ich mich belehren lassen (und mir meine Einfalt eingestehen), dass dies natürlich Touristen seien: Japaner. Anders als ihre bildungs- und photohungrigen Landsleute in anderen Teilen der Welt, sind diese Japaner Urlaubsjapaner und unterscheiden sich auch äußerlich. Sie sind meist viel jünger, haben grell blond gefärbte Haare und riesige Tatoos, sind meist sehr dünn und schleppen Surfboards oder Boogieboards. Und sie sind überall, eben wie hier zu Hause. Ich nahm mich vor der pazifischen Sonne in Acht und machte mich Mittags wieder zurück in mein Hostel, wo ich Daniel, einen surffanatischen Engländer traf. Mit einen around-the-world ticket hatte er sich auf den Weg gemacht, die Surfparadiese unserer Erde zu erkunden. Beim letzten Stop in Australien hatte er sich leider den Fuß verknackst, und so hatte er nicht viel von Honolulu, dafür umso mehr über die aktuellen soap operas zu berichten. Von einer ebenfalls eintreffenden Zimmergenossin (eine 2-Meter-Deutsche) wurde uns ein billiger Chinese empfohlen und so machten wir uns auf in die geschäftigen Straßen Waikikis, des etwas abseits des eigentlichen Zentrums gelegenen Touristenstadtteils Honolulus. Wir fanden nicht das gelobte 5$-all you can eat buffet, aber dafür eine kleine Kneipe, in der wir nur neben Chinesen saßen und dem Koch bei seinem flinken und schweißtreibenden Werk zusehen konnten. Auf dem Rückweg passierten wir die überwältigende Buntheit der Surfboard-Ausleihstände. Die vom Profi sofort erkennbare Minderwertigkeit der Boards störte mich dabei wenig. Überall an den Straßenrändern stehen Boxen mit kostenlosen Inselführern und Shopping Guides, wobei die teilweise recht guten Tips natürlich nur dazu dienten die Hawaii-Touristen von einem 2-for-1 Angebot zu überzeugen oder zum Gebrauch der Coupons zu überreden.
Unsere deutsche Mitbewohnerin erzählte von ihrem Scuba Diving Kurs an der viel weniger touristischen Nordküste und ich bedauerte, dafür keine Zeit zu haben, fasziniert mich doch die bunte (Aquarien-)unterwasserwelt sehr. Bis in den Abend unterhielt ich mich stundenlang mit ihr, obwohl ich sonst auf meinen Reisen eigentlich eher Abstand von anderen Deutschen halte. Als es dann dunkel war, machte ich mich auf den Weg zum Strand und erlebte einen wunderbaren Abend. Waikiki ist so romantisch, dass es eigentlich eine Sünde ist, dort allein zu sein... Die Straßen und Hotelgärten sind gesäumt von brennenden Fackeln, das Rauschen des Meeres kündet von seiner zeitlosen Unendlichkeit und erfüllt gemeinsam mit dem Sand mit einer nächtlichen Wärme. Am Westende von Waikiki Beach stehen die edelsten Hotels und aus den Restaurants erklingt ein melancholisches Piano, jugendliche Karaoke-Versuche, eine rückwärtsschauende Big Band oder aber – und hier soll man verweilen – der so exotische Gesang, welcher die unbeschreiblichen Bewegungen der Hula-Tänzerinnen begleitet. Überall genießen Liebespaare die sorgenlose Urlaubszeit, und von dieser Stimmung eingefangen, fiel selbst ich auf die beiden Damen rein, die sich mir näherten, gerade als ich in den unglaublich klaren und endlosen Sternenhimmel versunken war. Ein breites Grinsen auf dem etwas fülligen Gesicht und mit einem breitgezogenen Al-oooooooo-ha (dem Touristengruß) hängte sie mir eines der betäubend duftenden Leis um den Hals. Diese Blumenketten sind fast schon Symbol für Hawaii und natürlich besonders beliebt bei Touristen. Deshalb war es auch nicht verwunderlicht, dass mich das breite Grinsen nun um eine großzügige Spende bat. Mein schmales Lächeln verwandelte sich in den doch eigentlich gerade weggepackten Businessinstinkt, und ich umhüllte die meine Zauberwelt gestört habende mit ihrem eigenen bezirzenden Duft. Mitleid erfasste mich für die missbrauchten Blüten.
Da mir die Hostelstimmung im Banana Bungalow absolut gefehlt hatte, hatte ich bereits am ersten Morgen den Umzug in ein anderes Hostel beschlossen. Trotz des neugefundenen Freundes, setzte ich diesen Entschluß bald um und landete natürlich prompt in einer ziemlich runtergekommenen Absteige – im Zimmer mit einem Deutschen. Er hatte sich an seinem ersten Tag knallrot gesonnt und verbrachte nun vernünftigerweise den Großteil des Tages in der Schwüle des Hostelzimmers. Nachdem ich mir die kurzen Erlebnisse des Goldschmiedes aus einem der westdeutschen Dörfer angehört hatte, zog es mich doch wieder nach draußen und ich machte mich auf den Weg zu Diamond Head. Der etwas diesige Morgen machte mir die Entscheidung gegen den Bus leicht, und ich wanderte aus der Stadt zum Fuß des Berges. Nur ein kleiner Tunnel führt durch die trocken bewachsene Wand des Vulkans. Innen in unterdessen knalliger Sonne die Straßen eines ehemaligen Militärstützpunktes, ein Häuschen, um den Eintritt zu bezahlen und ein Klo, um die mitgebrachte Wasserflasche an der water fountain (Trinkwasserfontäne :-) wieder aufzufüllen. Beim Aufstieg zum Aussichtspunkt überholte ich mehrere ältere Touristen, die sich mühsam die unzähligen Stufen hinaufschleppten und in ihren Badelatschen fast absturzreif aussahen. Einige hochrote Gesichter verstopften die schmalen Tunnel, um sich im kurzen Schatten wieder zu besinnen. Die gesamte Ostseite des Berges ist von ehemaligen militärischen Räumen durchzogen und auf dem höchsten level befindet sich der heutige Aussichtspunkt. Von dort bietet sich der Blick auf das endlose Meer mit seinen Riffen, den eindrucksvollen Krater mit seinem zerklüfteten Kraterrand und natürlich die Hochhäuser Honolulus. Zufällig war auch ein ehrenamtlicher, braungebrannter und mit dicken Lederschuhen ausgerüsteter Führer da, der uns die Wolken zeigte, unter denen sich die Inselschwester Molokai versteckte und an welche schon den alten Seefahrern das langersehnte Land angezeigt hatten. Dann bot er für die kommenden Tage eine zweistündige kostenlose Führung durch den Regenwald O’ahus an. Nachdem allerdings rauskam, dass eigentlich mal wieder eine donation von $20 erwartet wurde, versenkte ich seine Visitenkarte in meiner Hosentasche. Was die Natur betrifft, sind die anderen Inseln ohnehin berühmter als das touristische O’ahu.
Wirklich kostenlos war die Kodak Hula-Show am nächsten Tag, zu der ich Daniel mitschleppte, nachdem ich mich ins Hostel zurückgeschmuggelt und an Toast und Kaffee gelabt hatte. Seit unzähligen Jahren sponsert der Filmriese die Hula Show, natürlich nur, um gleich dabei überteuerte Filme abzusetzen. Aber ich war zum Glück noch mit deutschem Agfa ausgerüstet und konnte die süßen Tänzerinnen festhalten. Es gibt auch Hula für Männer, doch die gaben kein allzu gutes Bild ab. Besonders interessant die „Band“: ältere Damen mit dicken Leis um den Hals, Bass, Gitarren (Segnungen der westlichen Welt) und dem unverwechselbaren Gesang; unabdingbar für die sehenswerte doch leider schlechtbesuchte Show. Daß die Röcke nicht mehr wie früher aus Ti-Leaves bestanden, sondern aus Plastik konnte man verschmerzen, waren doch die Bewegungen des Hula so zeitlos schön wie eh und je. Die Hände sind viel wichtiger als die wackelnden Hüften und erzählen Geschichten. Von der Schönheit der Inseln, dem endlosen Meer oder den guten alten Zeiten. Als dann die Besucher auf den Rasen geholt wurden und man ihnen den Hula „beibrachte“, wurde ich allerdings wieder aus meinen Träumen in die touristische Realität zurückgebracht.
Am Nachmittag testeten wir das Bussystem von O’ahu angeblich das beste in den Vereinigten Staaten (keine Kunst im Land der Autos). Wir fuhren ins Zentrum von Honolulu, viel ruhiger als Waikiki und doch eindeutig großstädtisch. Ziemlich individuell der Aloha-Tower, jetzt natürlich umgeben von einer Shopping Mall mit allerlei touristischem Klimbim (eine Hula-Tänzerin fürs Armaturenbrett oder Salz- und Pfefferstreuer in Busenform gefällig?). Eher unpassend individuell die vielen (Büro-)hochhäuser vor den tiefgrünen Bergketten des Landesinneren. Wieder im Bus lauschten wir der unüberhörbaren Konversation zwischen einer (nun einheimischen) Japanerin und einem (immer schon einheimischen) Hawaiian. Sie hatte einen kaputten Videorekorder und ließ sich – niemals Antworten glaubend – erklären, wo sie ihn hinbringen müsse. Er war wie viele hier unglaublich dick und hätte gut und gerne zwei der schmalen Bussitze einnehmen können. Wäre da nicht eben jene Japanerin gewesen, die sich ihm ohnehin schon viel zu sehr näherte, was er mit unmissverständlichen Gesten immer wieder zum Ausdruck brachte. Unmissverständlich für alle im Bus bis auf eine... Auch sehr dicke Frauen entdeckt man immer wieder, und ich erinnerte mich an Malama, die Königin in meinem Hawaii-Geschichtsbuch, welche so viel wie möglich essen musste, weil die Polynesier glaubten, das stärke nicht nur die Königin sondern die gesamte Gemeinschaft und versorgte sie mit dem lebensnotwendigen göttlichen manna.
Am Abend rollten die Wolken die Berge hinab und veranstalteten mit der Sonne ein eindrucksvolles Schauspiel.
Am nächsten Tag fuhren wir bis zum größten Shoppingcenter vor Ort. Es heißt Ala Moana und ist gleichzeitig der zentrale Busumsteigebahnhof. Dort wechselten wir in die eisgekühlte Nummer 52, eine Buslinie, die eine Runde um fast die ganze Insel dreht. Zwei Stunden fuhren wir nun zwischen den Bergketten der Insel gen Norden, vorbei an menschenleeren grünbraunen Ananasfeldern. Neben mir ein gebürtiger Hawaiian, der mir erzählte, wie sehr er diese Inseln liebt, dass die Japaner lange Zeit die meisten Zuwanderer stellten, jetzt aber von den Amerikanern und Europäern überholt werden, und alle zusammen diese Insel schon viel zu sehr ihrer Natürlichkeit beraubt hätten. Und ich fragte ihn aus, welche der anderen Inseln er für die schönste hielte, denn meine Reise war noch nicht endgültig geplant. Die Nordseite O’ahus, oder einfach „The North Shore“ soll im Winter mit bis zu 30 feet (10m) hohen Wellen die Surfer locken. Wir hatten die Winterzeit gerade verpasst und so bot sich nun – off season - eine ruhige See für ein kurzes Bad im glasklaren Wasser. Dicht neben mir zogen Kanus unablässig ihre Trainingsrunden im gleißenden Licht. Zurück nach Honolulu ging es an der Ostküste der Insel, weit weniger bewohnt und unglaublich schön. Zerklüftete Berge sind über und über bewachsen mit tiefgrünem Wald und nur ab und zu schmiegen sich verschlafene Örtchen an sie an. Nicht mehr lange wird dies so bleiben, wie ein nagelneues Luxusressort mit Golfplatz an einem traumhaften Strand deutlich macht. Höhepunkt war die Überquerung der Koolau Range bei Kaneohe, von wo aus sich ein atemberaubender Blick über die in das plastische Licht der absteigenden Sonne gehüllte Ostküste bot. Ich nahm mir vor, nochmals hier herzukommen, mit einem Moped oder einem anderen unabhängigen Vehikel, um diese Schönheit so lange aufnehmen zu können, wie ich muß, um mit diesem Ort abzuschließen. Bald tauchten wir wieder in die Betriebsamkeit Waikikis ein. In einer der vielen Shopping Malls, die man kaum vermeiden kann, reizten uns die noch lebenden Austern, „garantiert mit Perle“. Uns wurde erklärt, dass sie in Japan auf einer Farm wachsen, jede in der Kindheit einen Fremdkörper eingepflanzt bekommt, und deshalb zwangsweise auch eine Perle produziert. Ich verwarf die Idee, diese schlüpfrigen Geschöpfe als Heimatmitbringsel zu kaufen und wand mich ab, als Daniel von den Verkäufern mit Schmuckstücken für seine Freundin in den Bann gezogen wurde :-(. Draußen auf der Straße eine Fülle von Straßenkünstlern, die internationale Gilde der unbeweglichen, in Gold oder Silber gehüllten Statuen, welche durch Kleingeld zum Leben erweckt werden, Papageien- und Schlangenträger für exotische Photos, ein Schwarzer mit Steeldrums und der festgewachsen scheinende Alte mit seiner Minigitarre und den typischen Hawaii-Liedern.
Zum Glück findet man abends dank des allgemeinen Touristensogs schnell zur Strandpromenade zurück, denn Straßenschilder würden wenig helfen. Zu schnell verwechselt man die gesuchte Kalakaua Avenue mit der Kalia Road, Kapahulu, Kaiulani oder auch Kuhio Avenue.
Honolulu hat aber noch mehr als Hotels und Büros zu bieten. Auf einem kleinen Areal inmitten der Stadt ist die königliche Geschichte des Inselstaates versammelt. Der Iolani Palace verleugnet nicht europäische Schönheitsideale und ähnelt dem ehemaligen Gerichtssitz (Aliiolani Hale) mit der berühmten Statue des King Kamehameha I. Gleich daneben der das neue State Capitol, ein sehr modernes Gebäude, dessen unzähligen architektonischen Symbole man schwerlich ohne Hilfe entziffern kann. Unweit der alten Missionarskirche aus Korallen mit der obligatorischen Limousine (Hawaii ist fast immer ausgebucht für Hochzeiten) jedoch schon wieder die Zeichen der neuen Zeit.
Am Nachmittag nahm ich mein Hostel beim Wort und lieh mir ein kostenloses Boogie-Board aus. Ich traf mich mit Daniel, der mir erklärte, wie man sich drauflegen muss und versuchte mich eine Stunde lang an Waikiki Beach. Gemeinsam mit unzähligen anderen wartete ich auf eine große Well, um mich dann mit vollem Schwung auf sie zu werfen, leicht vorzulehnen – und auf der Stelle zu versacken. Na ja, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wie Schumi bei der Formel eins blieb ich halt am Start stehen und mit mir noch viele andere, die sich gerade erst diesem Sport verschrieben hatten. Der Versuch ist dennoch nicht spurlos an mir vorbeigegangen, denn man wird genug von den Wellen erfaßt, um sich die Knie am scharfkantigen Unterwassergestein aufzuschlagen, und das reibende Board führt zu erheblicher Rötung am Bauch.
Ein besonders wichtiges Ereignis fiel in die Zeit meines Aufenthaltes in Honolulu: die Premiere des (mal wieder) teuersten Films aller Zeiten: Pearl Harbor. Einer der ca. 12 atombetriebenen Flugzeugträger der US-Navy wurde von Filmemacher Disney angemietet und zum schwimmenden Premierenkino umfunktioniert. Zwei Tage danach machte ich mich auf, um diesen sagenhaften Hafen, Ort der wohl größten US-amerikanischen Niederlage zu besichtigen. Von der elektronischen Haltestellenanzeige zum Touristennarren gehalten, stieg ich an „Pearl Harbor“ aus, nur um von einem strammen Matrosen in weißem Anzug nach meiner ID gefragt zu werden. Kein Zugang zum Militärhafen für Touris. Und so wackelte ich die Fernverkehrsstraße lang bis ich meine Touristenkollegen am Visitor Center für die USS Arizona wiedertraf. Die USS Arizona ist eines der Schlachtschiffe, die 1941 von japanischen Bombern vor Anker versenkt wurden. Noch heute liegt das Schiff auf dem Meeresgrund, mit über 1000 Matrosen an Bord. Quer über das Wrack spannt sich ein weißes Mahnmal, zu welchem die Besucher nach einem eindrucksvollen Film gefahren werden, wo einige von ihnen sich halb tot knipsen, andere stumm an die Wand gelehnt Namen lesen und das unsägliche Leid nachvollziehen. Ich gab auf, darüber nachzudenken, was man wohl angesichts 1000 mal 1000 Toten dieses und anderer Kriege fühlen müsste...
Vorbei an den Fastfood-Buden, Überbleibsel der Abendversorgung für Premierenzaungäste, betrachtete ich den riesigen Flugzeugträger. Bei aller Ablehnung des Krieges ist die Technik (und natürlich die Soldaten) beeindruckend. Ich fragte mich so lange durch, bis ich in einem kleinen Bauwagen landete, wo besichtigungswütige Touristen eine Zutrittsgenehmigung erhalten können, wenn sie in Begleitung eines Soldaten sind. Mir fehlte nur leider der Soldat. Verzweifelt hielt ich Ausschau, bis ich mich einfach an eine Minigruppe hängte, deren Uniformierter schon so nicht wusste, wie er zu der zweifelhaften Ehre eine Führung kam. Doch er taute etwas auf und führte uns durch die ewigen Gänge des Schiffes, in das riesige Zwischendeck, dem Monsterparkplatz für die Flugzeuge, zur unbewegbaren Ankerkette, zu den gigantischen Flugzeugfahrstühlen und auf das Flugdeck. Da stand eine alte japanische Propellermaschine neben dem neuesten multi-million Dollar Kampfjet und das alles wieder vor der einzigartigen Kulisse der Berge Hawaiis. Schließlich erkletterten wir den Kommandoturm, bestaunten die blinkenden Bildschirme im abgedunkelten Waffenkontrollraum und die erhabene Sicht auf der Brücke. Der Rückweg führte vorbei an den Vorspeisen und Desserts der Kombüse, den mit riesigen Heinz-Ketchup Flaschen geschmückten Tischen des Speisesaales und den Schokoriegelautomaten. Leider kam er nicht auf die Idee, uns die Mannschaftsräume zu zeigen.
Überall auf der Wanderung wurden militärische Grüße ausgetauscht und ich war froh, als Tourist nicht in diese Welt der Unter- und Überordnung eintauchen zu müssen, selbst einen Captain mit „Hello“ grüßen zu dürfen und ein ebenso freundliches erwidert zu bekommen.
Auf dem Rückweg geriet ich prompt wieder in eine asiatische Hochzeit, die ich mit ihren eigenen Waffen ablichtete :-). Bei „Jack in the Box“ (eine Art billig-McDonald’s) kaufte ich mir am Abend Tacos und kam gerade recht zu einer kostenlosen Hula-Show. Gesponsert von der Stadtverwaltung für die lieben Gäste. Und wieder genoß ich die seltsamen Tänze, wenn auch die hüftenschwenkenden Tänzerinnen arg jung waren. Diesmal brachten die Abendwolken sogar einige Regentropfen aus den Bergen mit, und bald hatten sich die meisten Zuschauer verflüchtigt, die armen Hula-lernenden Touris mit ihren minderjährigen Betreuern alleinlassend.
Auf dem Sand liegend betrachtete ich vorerst ein letztes Mal die Lichter von Waikiki Beach.
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Schon at Duke hatte ich den Flug von Honolulu nach Kahului, dem Flughafen auf Maui, gebucht. Entgegen meinem Willen bestellte der Mann an der Hostelrezeption meinen Flughafentransport für gerade mal eine Stunde vor meinem Abflug – und ich hatte ganz Honolulu zu durchqueren. Sein Argument: Interisland Flüge sind wie Busfahren, meist weniger als eine Stunde voneinander getrennt und die Airlines haben nichts dagegen, wenn man einen anderen als den vorgesehenen Flug nimmt, solange Plätze verfügbar sind. Ich glaubte nicht so recht daran und schwitzte heftig im zähen Verkehr, bis ich endlich 20 min vor Abflug mein elektronisches Ticket ($78) gegen die Bordkarte einlöste und als letzter in die kleine Maschine einstieg. Dennoch bekam ich einen Fensterplatz und konnte die nun bekanntere Skyline von Honolulu betrachten, flog vorbei an Diamond Head und war bald über dem Kaiwi Channel. Die Flüge sind so kurz, dass es gar kein richtiges „cruising“ gibt, der Steigflug mündet fast direkt in den Sinkflug und nach einer halben Stunde lagen die Berge Mauis direkt unter uns. Wir durchflogen den schmalen Sattel zwischen den Bergen des Westens und dem schlafenden Vulcan Haleakala, der die Ostseite der Insel bildet. Der Flughafen ist winzig und dem Klima angepasst an allen Seiten offen. Eher wie ein Taxistand. Selbiges zum Hostel zu nehmen, versuchte ich vorerst zu vermeiden, aber vergeblich hielt ich Ausschau nach anderen Rucksäcken und öffentlichen Transport gibt es nur auf O’ahu. So fand ich mich schließlich 13 Dollar ärmer in einer kleinen Straße in Wailuku, vor dem Banana Bungalow Maui. Und anders als der Namensfetter in Waikiki, war diese Bleibe ein echtes, perfektes Hostel. Der (wohl verzauberte) Australier an der Rezeption zeigte mir alle Ecken und Einrichtungen des Gebäudes, vom dunklen Schlafraum über die große Küche, den Aufenthaltsraum mit Fernseher, Tischfußball und Holzbänken, den Garten mit Mangobäumen zur Selbstbedienung und Hängematten bis hin zum Warmwasserbadebassin mit hygienischem Chlorduft. Am wichtigsten aber waren die Einschreibelisten für die kostenlosen Touren zu den Erlebenswürdigkeiten der Insel. Ein Auto würde hier ca. 30 $ pro Tag kosten und so sind diese Touren sprichwörtlich Geld wert. Natürlich auch, weil man mit lauter lustigen Leuten aus aller Welt zusammen die Zeit verbringt. Einer meiner Mitbewohner erklärte mir den Weg zum einzigen Supermarkt am Ort, wo ich mich endlich auf Eigenversorgung umstellte (bisher hatte ich eher von Fastfood gelebt).
Der erste Ausflug führte uns gleich zum Haleakala Krater, auf einem 3000 Meter hohen erloschenen Vulkan. In einem Supermarkt deckten wir uns mit Proviant ein und ich schüttelte den Kopf über ein Stückchen eingeschweißtes Zuckerrohr für 3 Dollar. Denn gleich würden wir durch die mannshohen Zuckerrohrfelder der Tiefebene fahren, vorbei an der schwarzrauchenden Rafinerie, die jetzt ein Zuckermuseum beherbergt. Das dichte Grün wuchs – ganz entgegen meinen Erwartungen – schief und krumm in großen Büschen. Vor der Ananas war Zucker der Reichtum der Hawaiian Islands, heute hat er kaum noch Bedeutung und wurde abgelöst von Ananas (1/3 der Weltproduktion), Papaya und Eukalyptus. Unser 14-Mann-Bus wand sich dann die Westflanke des Berges hoch und immer malerischer wurde der Blick auf die anderen Berge und das angrenzende Blau des Pazifik. Die tiefhängenden Wolken versteckten die Bergspitzen und wir näherten uns immer mehr dem weichen Dach. Ab und zu erstaunten uns Fahrradfahrer auf dieser spitzen und steilen Straße, von der auch immer wieder kleine Wege zu idyllischen Häuschen und Villen führten. Unser israelischer Fahrer, ebenfalls ein Hostelbewohner schlug eine kleine Kennenlernrunde vor und wir stellten befriedigt unsere Internationalität fest: Israel, Singapore, Deutschland, California, UK, Polen, New York. Bald hörte der Wald auf und wurde abgelöst von Büschen, Farnen und Moosen. Als wir in die Wolken eintauchten, wurde es merklich kühler, und bald sahen wir sie in gleißendem weißen Licht unter uns liegen. Kurz vor dem Gipfelparkplatz begegnete uns eine lange Schlange von Mountainbikern in Einheitskleidung. Ich hatte darüber schon im Flugzeug gelesen: ein Tourenveranstalter karrt sie allesamt für viel Geld hier hoch und dann dürfen sie den Berg runterrollen. Wie aufregend. Das Besucherzentrum sitzt direkt auf dem Kraterrand und bietet den besten Blick über den Krater. Auf seinem Grund sind mehrere Minivulkane (pu’u) zu entdecken, die eine eindrucksvolle Hügellandschaft bilden. Als ich so in die Vielfalt der Erdfarben versank, musste ich unversehens an Mitzpe Ramon denken, den riesigen Krater in der israelischen Wüste. Von hier aus sahen wir nun auch unsere heutige Tour: quer durch den Krater, 13 Meilen unter wolkenlosem Himmel über Lava- und Aschefelder. Nach einem Gruppenfoto mit der Digitalkamera des Hostels machten wir uns auf den Weg. Die Wanderung führte uns vorbei an dem nur auf Hawaii heimischen Silversword, einer schönen, silbern behaarten Pflanze, die am Ende ihres Lebens eine riesige Blüte in die Wüste schiebt. Die Landschaft macht einen fast außerirdischen Eindruck, wie ein großes Meer liegen Lavastücken so weit das Auge reicht. Nur ab und zu kann sich ein kleines Stück Grün im Schatten halten. Angesichts internationaler Gespräche verging die Zeit sehr schnell und bald waren wir wieder am Aufsteigen, auf der Ostseite des Berges wurde es viel grüner, wir wanderten eine Zeitlang in den Wolken und standen plötzlich wieder auf dem schmalen Kraterrand, hinter uns die Vulkanwüste, vor uns der Pazifik. Unser Israeli hatte einfach die Schlüssel zum Bus einem Touristenpaar in die Hand gedrückt und sie gebeten, ihn auf dem zweiten Besucherparkplatz zu parken, wo wir nun gespannt ankamen. Und da stand er, bereit, uns auf die Spitze zu fahren, um dort den Sonnenuntergang zu erleben. Ausgerüstet mit meinem Wollpullover musste ich nicht bibbern, als wir sahen, wie der rote Ball sich hinter den Bergen der Westküste unter das Wolkenmeer unter uns senkte. Als wir uns den großen Berg hinunterschlängelten konnten wir die ersten Sterne erahnen und waren nach diesem Tag der reinen Natur beeindruckt vom kleinen doch großstädtisch anmutenden Lichtermeer Kahuluis im Tal.
Die Gartenbank vor dem Küchenfenster war ein beliebter Platz zum Frühstücken und am nächsten Morgen geriet ich dort mit einer deutschen Sparkassenangestellten in die Diskussion über Geld, Moral und Aktien... dieses Hostel war voller bemerkenswerter Personen, zwei von ihnen sollten mir später auf meinem Weg wieder begegnen.
Es war Sonntag, und natürlich hatte ich geplant, einen Gottesdienst hier im Ort mitzuerleben. Es gab eine Reihe von Kirchen, doch ich suchte mir die älteste aus, benannt nach der Königin Kaahumanu, Frau des großen Kamehameha I, welcher das Inselreich 1810 vereint hatte. Ich war zu zeitig da (es ging erst 11 Uhr los) und war allein mit einer Frau und ihrer alten Mutter. Gleich sprach sie mich an, und wir unterhielten uns über die Geschichte und das Leben auf den Inseln. Sie arbeitet nun in Honolulu in der Tourismusbranche und kommt auf das zurückgezogene Maui, um Zeit mit ihrer Mutter zu verbringen. Sie bot mir an, einen Teil ihrer Lesung der Epistel zu übernehmen, was ich schüchtern ablehnte. Als es dann 11 Uhr war, waren wir immer noch zu dritt, und so wurde es ein Gottesdienst der 7: Wir drei, ein späterkommendes Kind, ein Pastor, ein Kirchendiener und eine klavierspielende Frau. Abgesehen von diesem Eindruck des Absterbens der Kirche, war es eine schöne und interessante Zeit. Die kleine Kirche war geschmückt mit vielen tropischen Blumen, der Pastor trug ein großes buntes Tuch über seinem cremefarbenen Umhang und ein riesiges Kreuz aus Kaui-Muscheln. Als er begann, entdeckte er das neue Gesicht, begrüßte mich und bat mich um eine kurze Vorstellung. Der Kirchendiener trug ein buntes Hawaii-Hemd, die Klavierspielerin ein luftiges Ganzkörpernachthemdkleid. Denn selbstverständlich gab es keine Klimaanlage, nur warmen Wind, der durch die geöffneten Fenster wehte, aus denen sich ein weiter Blick über die Berge bot. Der Gottesdienst wurde teils in Englisch, teils in Hawaiian gehalten. Doch selbst die englische Predigt war immer wieder durchsetzt von Hawaiian Wörtern. Und wenn mir auch die Noten bekannt vorkamen, so musste ich auf den guten Inhalt der mir so fremden Worte vertrauen, als ich versuchte, die endlosen Silben dieser alten Sprache zusammenzusetzen, um die kleine Gemeinde nach besten Kräften beim Gesang zu unterstützen.
Mittags war ich wieder zurück in meinem Hostel und genoß das Aussteigerflair. Ab und zu plumpste eine Mango auf den Boden oder eine der riesigen braunen Schoten eines mir unbekannten Baumes. Meine Mitbewohner schaukelten in Hängematten, rauchten Gras oder saßen vor der Flimmerkiste. Überall grünte und blühte es, bunte Vögel saßen in den Bäumen oder bildeten fremde Silhouetten gegen den leicht bewölkten Himmel.
Für den Nachmittag war eine Fahrt zum Makena Beach angesagt. Als Badestelle ist er viel schöner als Waikiki, und das Hostel sponserte sogar noch ein tragbares Volleyballnetz. Gegen Abend wurde ein Umzug angekündigt, auf den kleinen Nebenstrand. Diese unverständliche Tat machte plötzlich Sinn, als ich dieses Fleckchen Sand vollgestopft mit Menschen sah. Jeden Sonntag wird hier mit Trommeln, Flöten, Gesang und Tanz der Sonnenuntergang gefeiert. Hunde beschnupperten alles und jeden, viele Besucher sahen aus wie die berüchtigten 68er, dem amerikanischen Anstand zum Trotz waren sie nackt und hatten einen Heidenspaß. Ungeniert bodysurften Nackte auf den abendlichen Wellen oder schienen vor den anderen den Strand auf und ab Schau zu laufen. Nicht einmal der alte dürre Mann mit seinem String Tanga erregte Aufmerksamkeit, als er Cuba-Orangen [Intelligenztest für den politisch bewanderten Leser!] einfach mit dem Mund zerfleischte und die tropfenden Reste einfach in den Sand fallen ließ. Am anderen Ende des Strandes eine erstaunlich homogene Ansammlung von nackten Männern – und dahinter ein perfekter Fotospot. Als die Sonne dann das Wasser berührte, wurde gejauchzt und geklatscht, die Ekstase erreichte ihren Höhepunkt (ja, auch ich sprang durch die Gegend), bevor wir begeistert in unserem Bus den Rückweg zum Hostel antraten.
Dienstags wurde eine Regenwaldtour zu den Swinging Bridges angeboten. Obwohl die meisten Hostelbewohner für eine längere Zeit im Banana Bungalow wohnten, war die Reisegruppe doch von vielen neuen Gesichtern geprägt, darunter Chris aus Nebraska. Die Wanderung führte über schwankende Hängebrücken, vorbei am vielfältigen Grün tropischer Pflanzen, verrottenden Autos und schließlich zu großen Wasserfällen. Wir nahmen ein erfrischendes Bad und einige Mutige sprangen sogar in die ungewisse Tiefe. Zum Glück hatten wir genug Pflaster mit, um die Schnittwunden zu verarzten. Immer wieder gibt es bunte Farbtupfer, seien es große orange Blüten auf den Wegen oder rote Vögel in den Ästen. Nur weiß, dafür besonders anmutig, der Koa’e kea, der weißschwänzige Tropenvogel.
Eine der wohl berühmtesten Touren auf Maui ist die Straße nach Hana. Entlang der steilen Westküste windet sie sich extrem schmal. Doch der Autofahrerschweiß lohnt sich: in jedem der unzähligen kleinen Täler stürzt sich ein weißer Wasserfall in die Tiefe, um kurz darauf im blauen Meer aufzugehen und tiefgrün überzieht der Regenwald die steilen Kliffs direkt bis an das Wasser. Leider gibt es auf dem schönsten Stück keine Chance, für ein Photo anzuhalten. Gestoppt wurde aber an einem eindrucksvollen black sand beach, zerkleinertes Vulkangestein gibt ihm (und vielen anderen auf Hawaii) diese ungewöhnliche Farbe. Auf dem Weg zu einem noch eindrucksvolleren read sand beach passierten wir ein Schulgelände, welches eher für einen Nationalpark geschaffen schien und ich beneidete die Schüler – die Lernmotivation muss jedoch angesichts des phantastischen Ausblicks und der einladenden Strände eher problematisch sein. Schleichwege führten uns entlang sandiger Kliffs mit nicht zu unterschätzender Absturzgefahr. Doch die Lage der Bucht ist einzigartig. Beim Trocknen unterhielt ich mich mit einem Polen, der IT-Manager für eine große Konsumgütercompany ist, und mich einiger meiner Illusionen zu weltweiten Computersystemen beraubte. Wir stoppten noch für warmes, duftendes Bananenbrot und Fischtacos inmitten der Wildnis. Ein bodenloser Bierkasten diente den Farmerkindern als Basketballkorb und der Papa erklärte uns, wie man Taro anbaut, die Pflanze, aus der die Hawaiians traditionell ihr Poi gewinnen, einen Stärkebrei, der unangenehm nach nichts schmecken soll und meist mit anderen Speisen gemischt wurde. Ich habe nie die Chance gehabt, diese sagenumwobene Speise zu kosten, wird sie doch von den Errungenschaften des amerikanischen Festlandes längst in tiefen Schatten gestellt. Dann setzte sich unser Bus wieder in Bewegung zum schönsten Ort meiner gesamten Reise: den paradiesischen Seven Sacred Pools. Es ist ein relativ weites Tal, welches in die Küstenberge eingeschnitten ist. Am Beginn des Wanderwegs verlockt ein Wagen mit tropischen Früchten und bemalten Kokosnüssen, die man per US Postal Service weltweit verschicken kann. Beim Aufstieg sieht man immer wieder den Fluß die Felsen herunterstürzen, inmitten des Dschungels, der selbst steile Felswände überwuchert hat und selbige gleichsam hinunterfließt. Nach einiger Zeit gelangt man in einen dichten Bambuswald. Noch nie habe ich derartig großen Bambus gesehen, doch schon oft davon geträumt, wenn ich davon gehört hatte, daß er in China und anderswo als Baumaterial eingesetzt wird. Es ist einfach eine irre Vorstellung, daß die Bäume in diesem dunklen Wald eigentlich Gras sind. Und wie es zum Regenwald gehört, bekamen wir auch prompt eine Dusche, welche dieses einzigartige Erlebnis jedoch nur noch verstärkt hat. Nach einem weiteren Aufstieg durch dichten Wald und dem verletzungslosen Treffen mit einigen Moskitos erreichten wir schließlich den höchsten der Wasserfälle: 130m hoch an einer senkrechten Steilwand. Diese zwei Stunden haben mir wirklich das schönste grüne Fleckchen Erde bisher vor Augen geführt.
Auf der Rückfahrt erlebten wir nochmals die Straße nach Hana, diesmal aus der anderen Richtung und in besonderer Hast, da unser erfahrener Driver die Spitzkurven ungern bei Dunkelheit befahren wollte. Mitten auf einem der Berge in den grünen Wellen ein riesiges weißes Kreuz zum Gedenken an einen der Missionare, die diese Inseln zum Christentum geführt haben. Als es draußen dunkel geworden war, begannen wir ein Ratespiel, und diskutieren Weltwunder, amerikanische Schauspieler, Mount Everest Unglücke, Pflanzenextrema und Geschichte. Die diesmal minderzähligen Europäer hatten oft das Nachsehen, rächten sich jedoch mit Fragen zu Europa, wenn sie mal das Fragerecht mit einer richtigen Antwort errungen hatten. Auf dieser Fahrt lernte ich auch Bob kennen, irgendwo in den 40ern oder 50ern, Aussteiger aus dem Mainlandleben und nun auf unbestimmt langer Reise durch die Inselwelt. Er hatte mit Abstand das größte Allgemeinwissen und verstand es, mit seinen bildhaften Erzählungen die Zuhörer in den Bann zu ziehen. Er belebte nicht nur auf Maui das Hostelleben, sondern ich traf ihn auch später auf dem Big Island wieder.
In den vergangenen beiden Tagen hatte ich mit 4 anderen eine kleine Gruppe gebildet, und es wurde beschlossen, den Abend mit einer Kiste Bier am Makarena Strand zu verbringen. Einer der beiden Chris’ hatte ein klappriges Auto gemietet und so rasten wir zum verlassenen, von Mond und Sternen beschienenen Strand. Es wurde eine lange Nacht, und nach Truth or Dare, mehreren Runden Nacktbaden und Geschichten erzählen fehlte uns schließlich der Antrieb, nach Hause zu fahren. So verbrachten wir die Nacht am Strand, der diesmal leider nicht ganz so warm war. Bei Anbruch des Tages räumte einer der beiden Amerikaner unter uns die Bierbüchsen weg, denn öffentlicher Alkoholgenuß ist in den Staaten verboten. Wir hatten den morgendlichen Strand noch eine Weile für uns, abgesehen von den kleinen Krabben, deren Bohrlöcher und wundersamen Fußspuren überall zu finden waren.
Am Vormittag fuhren wir zu den Schnorchelstränden nahe Lahaina, der alten Seefahrerstadt im Norden der Insel. Wir verbrachten nur kurze Zeit in Lahaina, wo es sehr touristisch zugeht. Hauptsehenswürdigkeit ist der größte Banyan-Baum der Inseln. Banyan nehmen unglaublich viel Platz ein, weil aus ihren Ästen Seitenäste wieder nach unten in die Erde wachsen und so eine stabile Struktur entsteht, bei der es manchmal schwer zu sagen ist, welcher Stamm eigentlich der erste war. Dem Kunstbedürfnis war mehr oder weniger Genüge getan mit der Besichtigung der Galerien des angeblich berühmten Wyland, eine Mischung aus Kunst und Kitsch, von Plastiken springender Delphine bis hin zu überhöhter Farbigkeit in Wasserfallgemälden. Wir mieteten uns Schnorchelausrüstung und fanden nach ewiger Suche einen Parkplatz nahe der Hotels, deren Strände die besten Schnorchelgründe der Gegend sein sollten. Der erste Versuch war schön aber nicht begeisternd, nur ab und zu kreuzte ein Fischlein unseren Weg, doch ich lernte wenigstens, mit dem Schnorchel umzugehen, war das doch – abgesehen von den frühzeitlichen Trainings in der Badewanne – mein erster Versuch. Wir beschlossen, zu einem der schwarzen Felsen umzuziehen, die weiter nördlich am Strand sichtbar waren. Und dort trafen uns die Wunder des Meeres mit einem Schlag. Eine unglaubliche Vielfalt an tropischen Fischen, die mir so geliebten Meeresaquarien der Tiergärten weit in den Schatten stellend. Riesige Schwärme glitzernder blauer Pfeile, die wie eine Wolke vor dem atemlosen Taucher dahinziehen. Am Boden dunkle, welsartige Fische, immer wieder der bunte Nationalfisch Hawaiis, der Riff Trigger Fisch oder auch Humu'humu'nuka'nukaa'pua'a. Nadelförmige durchsichtige Fische, Schlangenartige und rotblaue Parrots. An der Felswand großflächige Korallen, leider nicht sonderlich bunt, dafür umso besserer Hintergrund für die farbige Fischwelt. Auf dem gelben Meeresgrund nicht nur Fische, sondern auch die gleichmäßigen und unendlichen Muster des Sonnenlichts, gebündelt von den kleinen Wellen. Man muß sich gar nicht viel bewegen, sondern kann auch einfach auf dem Bauch liegend die Welt unter sich vorbeiziehen lassen. Dann schaukelt man allerdings auch noch innerlich, wenn man schon lange wieder auf dem Strand zum Trocknen liegt. Den Sonnenuntergang verbrachten wir in den Liegestühlen eines der Hotels, im Hintergrund wieder die Musik echten Hulas und vor uns Fischerboote im Lichte der untergehenden Sonne. Außerdem noch hinter uns ein Mann, den ich um ein Gruppenphoto bat. Dem Akzent seines yes entnahm ich die deutsche Herkunft und sprach ihn unglücklicherweise darauf an. Er war glücklich, endlich einen Landsmann gefunden zu haben, um sich über die unsäglichen Sicherheitskräfte zu beschweren, sie hatten ihm verboten, seine Büchse Bier auf dem Hotelgelände zu trinken. Ich brauchte lange Minuten, ihm darzulegen und schließlich in die Hand zu versprechen, daß es in den Staaten gesetzlich verboten ist, öffentlich zu trinken, was er mir erst nicht glaubte, schließlich aber doch verzweifelt hinnahm.
Am nächsten Tag ging es wieder mit einer Hosteltour auf Reisen, Schnorcheln zum „Aquarium“. Zuerst mussten wir einige Zeit über scharfe Lava wandern, in deren Spalten ich ab und zu erstaunt einen Farn entdeckte, den ich seit frühester Kindheit aus Omas Schlafzimmer kannte. In vielen hundert Jahren konnte jedoch noch nichts anderes Fuß fassen. Schließlich kamen wir zu einem Ministrand, der aber tatsächlich der Einstieg zu einem „Aquarium“ war. Das gesamte Gebiet war voller Unterwasserfelsen, welche diese vielfältige Welt erst möglich machten. Zu den vielen bunten futtersuchenden Fischen kamen hier noch leuchtend rotorange Seesterne und farbige Korallen, in deren kleinen Löchern und Höhlen fast immer Seeigel wuchsen. Einige von uns hatten sich Unterwasser-Einwegkameras gekauft und fingen nun die Natur und ihre Hostelkameraden ein. Am Nachmittag ging die Tour weiter zum Makarena Beach. Ich stieg noch einmal mit meiner Snorkelgear ins Wasser und stieß doch tatsächlich im sonst fischarmen Wasser auf einen großen, rochenartigen Fisch. Auf der Oberseite schwarz und unten samtartig weiß, schwebte er durch das sonnendurchflutete Meer und schien mich lange Zeit nicht zu bemerken. Ich folgte ihm leise *gr* und beobachtete den Riesen mit den zwei kleinen umgebogenen Flossen am Maul, bis er irgendwann Gas gab und innerhalb weniger Sekunden in der endlosen Tiefe verschwunden war. Am Strand hinderte mich starker Wind an der Lektüre meines Buches und so stahl ich mich davon, um auf dem kleinen benachbarten Nacktbadestrand alte Ostseegewohnheiten wieder aufleben zu lassen und mein blasses Mittelteil dem Urlaubsbraun der Umgebung anzupassen. Ich gab vor, die Blicke der Mittelalterlichen zu ignorieren und erfreute mich gleichermaßen an den zwei Schönheiten, die völlig entblößt und lachend einen der Bäume erkletterten und herabhängend Affe spielten. Auch hier ging ich nochmal Schnorcheln und wunderte mich, daß sich die Fische nicht von Sonnencreme und wasserwirbelnden Menschenwesen gestört zu fühlen schienen.
Am letzten Tag auf Maui ging es zum Iao Valley, in die Berge gleich hinter unserem Hostel. Wir verließen den asphaltierten kurzen Weg, der nur bis zum Aussichtspunkt auf die Iao-Nadel führt und schlugen uns durch den dichten Wald. Wie von unserem Führer halbstill erhofft, kamen wir bald zu schlammigen Pfaden und es dauerte nicht lange, bis eine unerbittliche Schlammschlacht eröffnet wurde. Ich entkleidete mich vorsorglich so weit möglich und ertrug die Kruste auf meiner Jünglingsbrust, während andere dafür ihre Kleidung wählten. Am Ende schlossen wir alle Frieden und erfreuten uns an der einzigartigen Bergwelt. Beim Abstieg erwischte uns ein sintflutartiger Regen, der dieses Schmutzerlebnis so richtig perfekt machte. Im geheizten Bus fuhr uns der liebe Israeli dann noch zu einem Sonnenstrand. Unterwegs passierten wir wieder schöne Wasserfalltäler, einen Bananenbrotstand und abgelegene Traumhäuser. Das Autoradio wurde nie in Ruhe gelassen, denn wann immer traditionelle Hawaii-Musik erklang, wurde hektisch auf einen anderen Kanal umgeschaltet. Im Beach Park hüpften wir zum Schrecken der anderen Bader mitsamt Klamotten ins Wasser rieben uns mit Sand ab. Während unsere Sachen dann in der brennenden Sonne auf schwarzen Steinen zu Brettern trockneten, buddelten wir eine von uns vollkommen im Sand ein und genossen noch mal so richtig die Urlaubsatmosphäre.
Am nächsten Morgen würden mehrere von uns abreisen, und so überlegten wir den passenden Abschied. Eine weitere Nacht am Strand würde den Abflug gefährden und wohl auch nicht mehr so schön sein wie die erste. So wurde also eine halbe Gallone Tequilla gekauft und „A-Loch“ gespielt. Wer im Spiel verliert wird zum Trinken genötigt, und so fand ich mich zu späterer Stunde da wieder, wo ich eigentlich gar nicht so richtig hinwollte: inmitten Trinkender, Rauchender und F-Worte ausstoßender Hostelbewohner. Aber man muss ja lernfähig sein. Der Sternenhimmel und die Fackeln verliehen dem ganzen dann trotzdem die richtige Stimmung. Als alle anderen schon im Bett waren, fand ich mich mit zweien meiner Freunde in der Hängematte wieder, führte in ihrer Bathroom-Pause mit Chris ein kurzes aber ernstes Gespräch und zog erst in mein Zimmer um, als der Gartensprinkler uns einen pazifischen Monsun vortäuschte.
Big Island [top] [Hawaii-map]
Am Morgen übergab ich unsere beiden Mädchen, die einen der ersten Flüge nach Honolulu gebucht hatten, an den Taxifahrer. Ich hatte mir einen der Discount Coupons gekauft, der für $63 auf einer der beiden Airlines (Hawaiian Airlines oder Aloha) zu beliebigen Flügen eingesetzt werden kann und konnte so nach einem gemütlichen Frühstück den 8-Uhr Shuttle des Hostels nehmen. Am Airport angekommen bat ich um den nächstmöglichen Flug nach Hilo, an der Ostküste des Big Island. Da ein Direktflug erst am Mittag ging, wurde ich nach Honolulu geroutet und von dort nach Hilo. Was eigentlich eine Ressourcenverschwendung ist, war für mich ein willkommener Ausflug in die Lüfte. Noch einmal überflog ich den Kapiolani Park und Waikiki Beach und stieg auf Honolulu International um, diesem japanisch besetzten Flughafen mit den riesigen 747 der JAL – Japanese Airlines. Kleine Servicekräfte wimmelten in den Gängen und riefen ihren Landsgenossen Hinweise durch das Megaphon zu. Seufzend las ich an einem Zeitungsstand „Disco blown up in Israel“ und war froh, daß meine Jette ihr Studium dort vor einiger Zeit beendet hatte.
Nach einem Imbiss bei Burger King stieg ich in einen kleinen Flieger der Aloha und flog an Molokai und Maui vorbei auf das Big Island zu. Dieses jüngste der Hawaiian Islands (abgesehen vom noch unter Wasser liegenden Baby Lo’ihi gleich daneben) liegt am weitesten südöstlich und ist mehr als doppelt so groß wie alle anderen Inseln zusammen. Hilo liegt auf der Ostseite und so bekam ich einen wunderbaren Aussichtsflug auf diese Küste, die von einer Vielzahl grüner Täler durchzogen ist. Auf Hawaii kommt der Wind von Osten und so ist diese Seite die regenreiche. Von der Flanke des riesigen Vulkans Mauna Kea kommend, durchfließen die Flüsse weite Ebenen und ergießen sich schließlich in malerischen Buchten in den Pazifik. Auch Hilo Airport war eine ruhige und luftige Angelegenheit. Bob hatte mir empfohlen in Arnott’s Lodge einzukehren, und so nahm ich ein Taxi zu diesem Hostel. Arnott’s zahlte freundlicherweise den Fahrer und ich konnte mir ein beliebiges Bett aussuchen, denn ich war der einzige Gast im Männerschlafsaal. Carrie an der Rezeption schloß mich gleich ins Herz, erzählte ich ihr doch von Chris, der hier bei ihr gewohnt hatte, bevor er in den Banana Bungalow nach Maui weitergezogen und in meiner kleinen Ausflugsgruppe gelandet war. Kurz darauf rollte auch Bob auf einem klapprigen Fahrrad ein, er hatte Maui einen Tag vorher verlassen, und so fühlte ich mich nun schon wieder fast wie zu Hause. Auch Arnott’s bot Touren an, allerdings diesmal professionell für – nicht gerade wenig – Geld. Doch am Anreisetag buk ich kleine Brötchen und wanderte Richtung Stadtzentrum. Ich kam vorbei am Banyan Drive, einer bekannten Straße, auf der viele berühmte Leute zur Blütezeit Hilos einen Banyan Baum gepflanzt haben; viele davon sind nun, nach ca. 70 Jahren stattliche Exemplare. Am Abend schwatzte ich lange mit Carrie, die hier auf dem Big Island geboren ist und noch nie auf dem Festland war. Ein Leben, wie ich es mir kaum vorstellen kann...
Gleich am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg, um das zu sehen, wofür das Big Island so berühmt ist: aktive Vulkane. Gemeinsam mit einem netten aber manchmal etwas nervenaufreibenden Gemisch aus mittelalterlichen Frauen machte ich mich auf die geführte Tour und lernte bald die interessanten Informationen des Tourguides schätzen. Auf Maui waren die Ausflüge eher von der Gemeinschaft geprägt, hier von professionellem Wissen – beides sehr schön. Erste Amtshandlung war das Besorgen eines frischen Ti-Blattes, welches hinter die Sonnenblende gesteckt wurde. Die Ti-Pflanze gilt den Hawaiians als Glücksbringer, und ist deshalb auch an fast jedem Haus zu finden. Sie diente außerdem auch als Material für die Hula-Röckchen. Dann fuhren wir zum Vulkanoes National Park und besichtigten das kleine, aber sehr interessante Museum. Dort lernte ich, daß Hawaiis Vulkane Schichtvulkane sind, die ständig Lava ausstoßen, aber nur selten in spektakulären Eruptionen. Und so sah ich nur die Bilder der Lavafontänen, Lavaströme und darin verbrennenden Wälder beim letzten großen Ausbruch 1984. Der Krater (oder Caldera) des zur Zeit aktiven Vulkans Kilauea ist auch sehr groß, aber macht relativ wenig her. Zwei kleinere Krater in der großen Caldera sind eher niedlich. Immerhin soll hier Pele wohnen, die alte Göttin der Vulkane, die eben immer mal Lust bekommt, das Land mit Feuer zu überziehen. Nichts dampfte oder brodelte jedoch, denn die Lava sucht sich andere Wege, um nach außen zu gelangen und die Insel langsam aber stetig weiter zu vergrößern. Dazu fließt sie zum Beispiel in großen Röhren Richtung Meer – die Außenschicht aus erstarrter Lava, welche das Innere vor dem Abkühlen schützt. Einen dieser Lava Tubes kann man besichtigen und durchwandert dazu einen beeindruckenden Farnwald. Dann aber wurde es spannend: wir machten uns auf zum aktuellen Lavaflow. Die Fahrt dauerte einige Zeit und führte durch endlose Lavafelder, entweder schroff wie auf Maui, dann heißt die Lava a’a, oder aber relativ glatt – pahoehoe. Irgendwann war die Straße zu Ende und nach dem passieren eines Besucherklos wußten wir, warum: die Lava hatte sie überrollt. Gleiches war dem Ort Kalapana geschehen, von dem nur noch ein Häuschen und ein Schulbusdach übrig sind. Es gab viele Versuche, die Lava zu beherrschen. In den 30ern versuchte man es mit großen Bomben, in den 70ern ökologischer mit wasserwerfenden Hubschraubern, doch nichts davon hat Pele an ihren Werk gehindert.
Wir kletterten auf das Lavafeld, links von uns der Kilauea, eingehüllt in sogenannten vog – VulcanoFog. Vor uns das endlose Lavafeld, links der Ozean, in den sich immer neue Landmassen dampfend schieben. Und unter uns die wundersamsten Formen, gebildet von erstarrender Lava. Es gab Falten, wie sie einer alten Frau alle Ehre machen würden, übereinandergeschobene Riesenfladen oder auch das sogenannte Haar Peles, winzige goldene Lavafäden, die entstehen, wenn der Wind ins Meer tropfende Lava wegbläst. Unser Führer erklärte uns, wie man Lava findet: entweder man sieht Leute, was aber wenig wahrscheinlich ist, da er der einzige ist, der eine solche Tour anbietet, und nur wenige einen Alleingang wagen. Normalerweise erkennt man einen frischen Lavaflow an den Hitzewellen, also flimmernder Luft und Helikoptern. Und so hielten wir alle gespannt Ausschau. Schon nach wenigen Meilen flimmerte es heftig und aus einigen Spalten stieg leichter Rauch auf. Doch im hellen Licht ist es schwer, Lavaglut zu entdecken, und so war mir doch etwas mulmig zumute. Besonders nach der Erzählung von qualmenden Schuhen, die es auf der Tour regelmäßig gebe. Je silberner die Oberfläche der Lava ist, desto frischer, und plötzlich sahen wir es rot unter einem silbernen Fladen hervorschimmern. Prompt fühlte ich, Abschied nehmen zu müssen von meinen historischen Reiseschuhen, doch so schlimm war es noch nicht. Unser Führer ließ uns warten, um allein das Gebiet zu erkunden, und bald führte er uns zu einem Lava-Ausbruch. Langsam doch unaufhaltsam schiebt das zähe Gestein über seinen gerade erst erstarrten Vorgänger. In weiser Vorraussicht waren wir mit Holzstöcken ausgestattet worden. In die Lava gesteckt, flammen sie auf und verbrennen fauchend. Doch es ist nicht so einfach mit einem kurzen Stock, hat man doch das Gefühl, Gesicht und Hände möchten gleiches tun. Trotzdem lächelt man natürlich. Man kann auch einen Fluß wiederbeleben, indem man den Zähen Mantel eines Fladens mühsam zerreißt und die helle Glut erneut hervortreten läßt. Kurz nachdem die äußere Schicht die silberne Farbe angenommen hat, beginnt es zu knistern, und winzige Lavastückchen springen ab und Risse bilden sich – der erste Schritt der Erosion und eines immerwährenden Wandels. Ein weiteres Touristenschmeckerchen waren in die Glut geworfene Kupferpennies, die zu einer grünen Stichflamme führten. Die 50-Stück-Rolle explodierte leider nicht wie erwartet sondern versank ohne einen Mucks im Schleim. Wegen der giftigen Gase durften wir nur 30 Minuten im aktiven Gebiet bleiben, doch natürlich fanden wir ausgerechnet bei 29 einen noch größeren Ausbruch. Derartig befriedigt traten wir den Rückweg an und rasteten mehrmals, wobei es einen wunderschönen Regenbogen über dem Meer zu bewundern gab. Und wie ein ferner Gruß tauchte plötzlich wieder der Oma-Farn in einer kleinen Spalte zwischen den Falten auf. Obwohl es den Unwillen Peles verheißt, konnte so mancher nicht widerstehen, ein Stück Lava mitzunehmen. Anders als der deutsche Basalt, ist sie von unzähligen Blasen durchzogen und leicht wie Bimsstein, deshalb verschwand unser Trinkflaschenwasser auch sofort in die Tiefe.
Am nächsten Tag ging es auf zum Mauna Kea, dem größten Berg der Erde. Zumindest, wenn man ihn vom Meeresboden aus misst, dann kommt er auf gewaltige 10 km. Aber selbst die aus dem Wasser ragenden 4200m (13800 Fuß) reichten, um uns unvergleichliche Naturschauspiele zu liefern. Wir starteten am zeitigen Nachmittag und fuhren landeinwärts. Das bei Sonnenanbetern verrufene Hilo machte seiner Reputation alle Ehre und hüllte uns in trübes Regenwetter, welches auch auf halbem Weg zum Gipfel nicht besser wurde. Anstelle der Bergszenerien sahen wir nur grau entlang der für Mietautos verbotenen Paßstraße. In einer der vielen Kurven entdeckten wir prompt ein verunfalltes Mietauto – derdie Arme darf die gesamten Kosten allein bezahlen. Da helfen auch nicht die Polizeiautos, die hier auf der Insel meist zivil sind, weil Polizisten die Hälfte der Kosten ihres privaten Autos erstattet bekommen, wenn sie es in Polizeidienst stellen; es soll auch eine Polizei-Corvette geben berichtete unser beredter Führer. Wir machten eine Pause, um uns an die Höhe zu gewöhnen (selbstverständlich hielt ich das für überflüssig) und hofften, daß die Wolken nicht bis zum Gipfel reichen – was sollte sonst aus unserem geplanten Sterngucken werden? Auf dem letzten Stück Straße, teilweise nur befestigte Erde, wurde der Blick immer besser, und wir sahen die vielen kleinen Kraterhügel, die wie Pickel am großen Mauna Kea kleben. Mit steigender Höhe wurde es immer kühler, und als wir dann oben ankamen sahen wir nur noch weiß. Wolken über und unter uns, Schnee unter uns.
Staunend und doch etwas traurig stapften wir durch den Schnee, bis sich doch plötzlich der Vorhang öffnete, und die milliardenschweren Teleskope im Sonnenglanz erschienen. Mit 13 Teleskopen ist Mauna Kea mit Abstand der bedeutendste Ort zur Himmelsobservation auf der Erde. Das liegt einmal an seiner Nähe zum Äquator (22 Grad), vor allem aber dem fast immer klaren Himmel – ungestört von großstädtischem Licht. Dafür nehmen die Wissenschaftler auch in Kauf, daß Mauna Kea noch nicht für erloschen erklärt ist... Wir liefen weiter zum eigentlichen Gipfel, der noch immer als heilig angesehen wird, und von einem heidnischen Altar gekrönt ist. Hier werden traditionell lauter wertvolle Dinge geopfert: eine Kokosnuß, weil sie so reines Wasser enthält, Alkohol, Bananen und neuerdings auch Sonnenbrillen. Menschenopfer gab es bei den Hawaiians auch, aber nur Männer, wegen der Reinheit. Es bietet sich ein wunderbarer Rundblick über die Observatorien, Kraterhügel (oder pu’u) und rotes Licht gehüllten Wolken. Obwohl es nur wenige Schritte bergauf zum Gipfel ging, machte die dünne Luft dies zu einem ziemlich atemberaubenden Unternehmen, einige Mitreisende zogen lieber unterwegs die Notbremse. Schade. Bald war die Sonne vollkommen untergegangen, und wir machten uns mit Blinklicht (mehr ist verboten auf dem Gipfel) hinab zum Besucherzentrum, um unsere Teleskope aufzubauen. Glücklicherweise hatten sich die Wolken auch weiter unten verzogen, und es bot sich uns ein idealer Himmel. Da sonst keine Besucher im Zentrum waren (die große japanische Reisegruppe in Einheitswattejacken war abgereist), durften wir trotz unseres kommerziellen Charakters die vollautomatischen Teleskope des Besucherzentrums nutzen und bekamen die Wunder des nördlichen und südlichen Sternenhimmels gezeigt. Auf Knopfdruck drehte sich das Teleskop zum gewünschten Objekt und wir bekamen Erklärungen vom Sternenspezi. Allein der große runde Mond übertrieb es dann doch etwas und hinterließ einen großen grünen Fleck im betrachtenden Auge.
Nach diesem beiden großartigen Touren (je 50 Dollar) war am nächsten Tag Sparen angesagt. Ich mietete mir ein Fahrrad und machte mich auf zu den wunderbaren Tälern der Ostküste, die ich schon während des Landeanfluges als Ziel bestimmt hatte. Eines davon beherbergt die Akaka Falls, mit 130 Metern auch die höchsten der Insel. Ich machte einen Umweg über die scenic-view Küstenstraße, an einer Ecke tankte ich neue Energie in Form der winzigen doch dafür umso aromatischeren einheimischen Bananen. Ein botanischer Garten lockte in einer abgelegenen Bucht, doch die 14 Dollar entlockten wieder. Eine Nebenstraße führt zu den Akaka-Falls und ich mußte eine Pause einlegen, gleich neben einer Papaya-Plantage. Nach quälender Fahrt (ich schob es auf das alte Fahrrad) erreichte ich endlich den Wasserfall, zu dem ein kleiner Pfad vorbei an weißen Orchideen und pinken Fleißigen Ließchen führt. Auf dem Rückweg passierte ich wieder ein kleines Wildwestdorf mit Skater, bevor ich die Küstenstraße erreichte. Dort fuhr ich weiter nach Norden und etwa 16 Meilen von Hilo beginnen die wundersamen Täler. Noch nie hatte ich den Baum gesehen, der diese Täler in ein Rotorange tauchte und viel exotischer machte, als Palmen allein dies vermocht hätten. Wie ich später erfuhr, heißt er – passend – African Tulip. Die nächsten Meilen folgt ein Tal dem anderen, und über jedes führt die häßliche Betonstraße, deren Brücken mir aber diesen einzigartigen Blick verschafften. Nur an einer der Brücken gibt es eine Parkmöglichkeit für Autos – und selbst da donnern fast alle vorbei. In einer Feldeinfahrt setzte ich mich zum Rasten, und was sehe ich vor meinem trüben Auge? Ein Stups bestätigt es: eine Mimose. Einfach so auf dem Feldweg...
Wieder zu Hause (bei Arnott’s) angekommen, empfing mich Carrie mit einer Papaya, gekühlt eine wunderbar süße Erfrischung. Dann entdeckte ich noch ein bekanntes Gesicht: eine Holländerin, mit der ich schon auf Maui einen Abend verquatscht hatte. Sie ist Psychiotherapeutin und erleichtert ihren Patienten den Zugang, indem sie auch Massagen anbietet. Ich ließ sie meine Haltung interpretieren („vorwärtsschauend“) und erfuhr, dass sie sich auf einer mehrmonatigen Reise befindet, um Selbstfindungsfarmen zu besuchen... Anyway, ich traf sie hier wieder, und sie erzählte mir, daß einige im Hostel sich mit dem Auto am nächsten Tag auf ins Waipio Valley im Norden der Insel machen wollten. Kurze Zeit später war ich eingeplant und am nächsten Morgen brachen wir auf. In wenigen Minuten sausten wir die Küstenstraße entlang, die ich mir einen Tag vorher so mühsam erkurbelt hatte, und bald standen wir am Eingang zum Tal. Es war einmal Heimat für viele Hawaiians – bevor der Tsunami kam. Die Straße hinab ist nur für Allrad zu befahren, und so liefen wir hinab – das Auto hätte sich bestimmt überschlagen. Die Knie waren weich wie Pappe, als wir unten ankamen und nach wenigen hundert Metern wieder einmal vor atemberaubend in Grün eingebetteten Wasserfällen standen. Wir betteten uns an den heißen schwarzen Strand, wo wir die Besatzung des zweiten Autos trafen und den Blick hinein in das Tal so richtig genießen konnten. Die Rückfahrt verging schnell, weil Senta (die Automieterin) Managerin in einer Softwarecompany ist, und wir natürlich viel über Technology und Untergang zu schwatzen hatten. Unser Mitfahrer fiel vorübergehend in einen leichten Schlaf.
Wie in jeder zuvor, hatte es auch in dieser Nacht wieder geregnet – dennoch behaupten die Einheimischen, Hilo befinde sich gerade in einer außergewöhnlichen Trockenphase. Sonst – so sagt dass Sprichwort, könne man einen Besenstiel pflanzen und bekommt einen Besenbaum... Ich machte mir die Regenfreiheit am Morgen zunutze und mietete mir nochmals das Fahrrad, um endlich auch die Stadt Hilo selbst zu erkunden. Ich fand einen Informationskiosk, in dem die alten Dämchen überrascht den Besucher anschwiegen. Ich erbat ein Informationsblatt und wies schließlich auf den richtigen Stapel – eine kurze Stadtführung mit Karte. Zwei Stunden radelte ich nun von einer Sehenswürdigkeit zur anderen. Keine davon richtig sehenswürdig, aber was kann dieses Örtchen dafür, daß es so im Schatten der gewaltigen Naturschönheiten steht? Im Rathaus stechen dem Besucher die Recruiting-Offices der Armee und Navy ins Auge, wo mit bunten Broschüren für die Vorteile des Militärdienstes geworben wird. Reisemöglichkeiten, 50000 Dollar für ein Unistudium, Fitnesstudio und viele nette Kameraden. Und natürlich Dienst für das Vaterland. In einem der vielen menschenleeren Kaufhäuser versuche ich die nette Verkäuferin mit deutscher Abstammung zum Geständnis zu bewegen, daß Hilo dem ökonomischen Untergang nahe ist – sie tut es nicht, unzählige leerstehende Verkaufsflächen im Stadtzentrum dann doch. Ein Freiwilliger im Palace Theater kann mir nur wenig über die in Restauration befindliche Kinoorgel erzählen – stattdessen, daß es für die lokalen Restaurants billiger ist, tropische Früchte aus Übersee zu importieren, als sie vor Ort zu kaufen. Und in einer Kirche gerate ich in den Schuljahresendgottesdienst, bei dem die Anerkennungen inflationäre Tendenzen annehmen, und am Ende fast jeder Stöpsel (3. bis 8. Klasse) einen Preis mit nach Hause nehmen kann. Ist das der Weg zu lernen, sich über- und unterzuordnen, gerankt zu werden und zu beurteilen? Neben dem Altar hängt ganz selbstverständlich die amerikanische Flagge.
Ich rolle weiter zu den Regenbogenfällen, beliebte Touristenfalle, weil so nah bei der Stadt, doch die „Trockenheit“ läßt den sonst lichtbrechenden Rauch müde in dem kleinen Pool vergehen, ohne daß er jemals die Sonne küssen konnte. Weiter flußaufwärts, vorbei an dem asbestverseuchten alten und gefängnisartig aussehenden neuen Krankenhaus und einer herrlichen Wohngegend, komme ich zu den Boiling Pots, einer Reihe von kleinen Pools. Die „Kochtöpfe“ scheinen zwar nicht gerade auf der Schnellkochplatte zu stehen, boten aber doch einen schönen Anblick. Nahe der Rainbow-Falls pausierte ich dann auf einem kleinen Touristenmarkt und war der einzige Tourist. Kurz danach kamen jedoch noch zwei andere – die Autobesatzung vom Vortage. Gemeinsam verkosteten wir Macademia-Nuts, Papaya-Float, und mir noch immer unbekannte tropische Früchte und schauten uns die Hula Vorführungen an. Die kräftigen Tänzerinnen waren hier schon ausgewachsene Frauen, aber so gewann der Tanz etwas Authentisches, denn bei den alten Polynesian war er keineswegs nur den fototauglichen Mädchen vorbehalten, wie man nach den Aufführungen in Honolulu glauben könnte.
Gemeinsam mit Senta und zwei anderen hatte ich für den nächsten Tag die Abreise an die Westküste geplant, zum angeblich sonnenverwöhnten Kona. Nach einem letzten Gruppenbild verabschiedeten wir uns von unseren Reise- und Hostelkameraden und machten uns auf den Weg, um die Insel auf der Südroute zu umfahren. Unser erster Stop war in einer Orchideenfarm, denn das Big Island wird auch Orchid Island genannt, weil es der weltgrößte Produzent von Orchideen ist. Das wollten wir natürlich sehen, und bewunderten die vielfältigen Pflanzen in dem leider kleiner als erwarteten Ausstellungsraum.
Länger als erwartet hat es dann gedauert, bis wir die kleine Straße zum South Point fanden, dem südlichsten Punkt Hawaiis und damit auch der USA. Die anfänglich gute Straße wurde immer schmaler, bis sie schließlich in eine Buckelpiste überging und ich um unseren braven Miet-Daewoo bangte. Wir passierten eine riesige Windmühlenfarm und durch die offenen Fenster hörten wir die unangenehmen Geräusche, ein Gemisch aus Ächzen, Luftdurchtrennen und Generatordrehen, welches so gar nicht in diese schlichte Wildnis passte. Ein klappriges Schildchen führte zum Parkplatz, auf den wir uns stellten und bei der Abgabe von 5$ an den Familienclan den badebelatschten hawaiianisch aussehenden Jugendlichen fragten, wie wir zum Green Sands Beach kämen. Er erklärte uns den Weg und wir machten uns auf – schließlich war grüner Sand nach gelbem, weißem, rotem und schwarzem zwingend notwendig, die Sammlung zu vervollkommnen. Als wir zur Küste kamen, sahen wir einige einheimische Fischer, die neue Ware fingen und wohl von der Kühlung der alten einen großen Haufen Eiswürfel einfach so in die heiße Trockenheit gekippt hatten. Dahinschmelzendes Eis in Blumenrabatten, auf Fußwegen und eben hier Stränden ist ein allgegenwärtiges Bild in den Staaten. Das Eis selbst ist angesichts der Temperaturen weniger verwunderlich als die Frage, warum man damit nichts besseres anstellt. Vor allem, weil die Amerikaner ja lieber Eis zu trinken scheinen, als Getränke – den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man vergisst, bei einer Bestellung „with no ice“ zu sagen.
Der grüne Sand ist etwas abseits des South Point und so wanderten wir bei starkem aber stetigem Gegenwind nordwestlich. Wir waren fast immer allein, es ist erstaunlich, wie wenig interessant Sehenswürdigkeiten sind, wenn es keinen direkten Shuttlebus gibt... Die Küste ist leider etwas vermüllt von Treibgut (auch vom Landesinneren .-) und die 4x4-Reifenspuren haben sich tief in den sandigen Boden eingegraben. Immer wieder entdeckten wir winzige Wüstenmäuschen, die zwischen den spärlichen Bodenpflanzen umherflitzten und scheinbar die einzigen Anwohner dieser kargen Gegend sind. Ein Fahrradfahrer machte uns Mut, wir hätten den Strand gleich erreicht, und es dauerte doch insgesamt ca. 1 Stunde, bevor wir die Bucht vor uns liegen sahen. Auf dem Weg hatte ein leichter grüner Schimmer dies schon angekündigt, und der Sand hier war nun wirklich grün. Er besteht aus Olivin, einem Halbedelstein, doch mir war sehr verwunderlich, warum es weit und breit keinen grünen Felsen gab, denn irgendwo musste der Sand doch herkommen so gezielt. Zum Baden hatten wir angesichts mangelnder Sonne keine Lust und so begnügten wir uns mit einer ausgiebigen Pause und dem Einsammeln einiger Körnchen als Beweismittel. Vorbei ging es wieder an den Windmühlen und vielen Kühen. Letzteres keine Ausnahme, denn auf dem Big Island befindet sich die größte (manchmal auch nur zweitgrößte) Ranch der USA, mit 225000 acres nimmt sie 9% der gesamten Insel ein. Wir ließen alle Kühe vor Ort und sausten weiter in den Westen und dann die Westküste entlang und vorbei an unzähligen Kaffeeplantagen bis nach Captain Cook, einige Meilen südlich von Kona. Der kleine Ort lag inmitten einer schönen Grünen Landschaft, anders als mir die Leute in Hilo erzählt hatten, die von „Trockenheit“ und „no green“ auf der anderen Inselseite gesprochen hatten. Das kleine Hostel war eher eine Privatpension und hatte vor uns nur einen verschrobenen mittelalterlichen Gast. Nachdem wir die Gummibären auf dem Tisch entführt hatten, kam endlich auch die nette Verwalterin und es begann ein angeregtes Schwätzchen. Dazu kam noch ein netter Bauarbeiter, der eigentlich im Haus seines Freundes wohnt, aber am Wochenende für diesen und seine Frau lieber Platz macht und dann ins Hostel zieht. Leider gehörte für ihn zum Urlaub immer auch Dauertrunkenheit und so wurde seine Beredsamkeit noch weiter verstärkt. Der Abend war bald weit fortgeschritten und so blieb nicht viel mehr als ein Spiegelei und das Bett, in welchem mich das Bauarbeiterschnarchen so lange wach hielt, bis ich verzweifelt und mutig genug war, den Koloss gehörig zu schütteln, worauf er Ruhe gab. Am nächsten Tag zeigte sich auch hier nur ein be-Vog-ter Himmel, und so überdachten wir unsere Plan zum Schnorcheln. Senta&Co. beschlossen, ihr Glück weiter im Norden zu versuchen, wo erfahrungsgemäß mehr Sonne sein sollte, ich aber machte mich auf zu den wenigen Sehenswürdigkeiten dieser Inselseite.
Eine lange, gewundene Straße führte mich hinab in Richtung der großen Kealakekua Bay, in der Captain Cook 1779 ermordet wurde, nachdem die Bewohner festgestellt hatten, dass es sich bei ihm doch nicht um einen Gott handelte. Das kleine Denkmal sah ich nur in der Ferne, weil ich weiter am Berg entlang zur Painted Church lief. Ich wanderte auf einer kleinen, kaum befahrenen Straße, umgeben von tropischen Gärten. Immer wieder legten sich mir verwesende Mangos und überfahrene Kröten in den Weg, huschten marderardige Tierchen über die Straße, erfreuten Hibiskus, Plumeria (die Blüte für die Leis-Ketten) und unzählige andere Blumen und Früchte mein Auge. Hähne krähten mitten am Tage, und ich kämpfte mich durch bellende Hunde und den Beginn einer Kaffeefarmverkaufsausstellung, bevor ich die Holzkirche schließlich vor mir sah: strahlend weiß vor dem Dunkel des Himmels und der Landschaft. Es war ungewohnt, weiße Heiligenstatuen im Urwald zu sehen, einen ähnlichen Eindruck mussten wohl auch die Entdecker im Aztekenland gehabt haben. Die Kirche ist so berühmt, weil sie innen vollkommen bemalt ist. Die Idee der Missionare war es, den Einheimischen die Größe Gottes klarzumachen und einen Eindruck zu geben von den katholischen Meisterwerken in Europa. Im Kirchgarten einige niedliche Ananas und ein Baum, den ich unwissender als Brotbaum klassifizierte, ohne bisher darin berichtigt worden zu sein. Vorbei an Kaffeeplantagen wanderte ich dann hinunter zur Küste, wobei meine vereinzelten Trampversuche keinerlei Erfolg hatten und ich mir sagte „na dann eben nicht“. Man erlebt ja die Landschaft auch viel besser, wenn man sich die Zeit nehmen kann stehen zu bleiben, beliebig vom Wege abzuweichen und alles (vorsichtig) anzufassen. Auch auf diese Weise erreichte ich schließlich die „Stätte der Zuflucht“ (Pu’uhonua O Honaunau). Sie ist ein altes Heiligtum, Wohnort alter Könige und war die einzige Möglichkeit für Hawaiians, welche ein kapu (Tabu) gebrochen hatten, dem Tode zu entgehen. Wer es schaffte, vor seinen Verfolgern durch die Bucht hier her zu schwimmen, dem war vergeben. Heute werden die meisten mit dem Bus hingefahren (ob dann die Vergebung noch klappt?) und alles wurde in einen Nationalpark umgewandelt. Die skurrilen Holzfiguren sind nur selten frei für ein Photo, meist muss man den Japaner davor mit einkaufen :-). Im kleinen Landungshafen für die königlichen Kanus landet ab und zu ein Gummiboot der einheimischen Kinder, was die Seeschildkröten zum Glück nicht zu stören scheint.
Ich verließ das Heiligtum, warf noch einen Blick auf den Strand, in dessen Wasser die einheimischen Kinder tollten und einige Schnorchler und Taucher ihr Unwesen trieben und wanderte nun entlang der einsamen Küstenstraße zurück nach Captain Cook. Die einspurige Straße führte schnurgerade durch ehemalige Lavafelder, die hier allerdings schon mehr mit Büschen bewachsen waren. Unterwegs traf ich Leute, deren sonderbares Verhalten ich mir erklären konnte, als mir die Anführerin mit einer sanften Stimme erzählte, sie seien aus einem Behindertenheim. Ich erzählte von meinem Trampermissgeschick (unterdessen hatte ich schon viele Meilen auf den Buckel), doch bedauernd sagte sie mir, dass ihr Auto voll sei. Ich marschierte also voran, passierte den riesigen Kuhkadaver im Straßengraben, auf den sie mich hingewiesen hatte und kam endlich in den kleinen Ort, von dem aus eine Straße wieder hinauf nach Captain Cook und zu meinem Hostel führte. Kurz nachdem ich ein Auto mit jugendlichen Dorfschönheiten passiert hatte, hielt ein Kleinbus hinter mir. Als ich erstaunt hineinblickte, fragte mich die sanfte Stimme, ob ich mitfahren wollte und ich stieg ein.
Für den Abend hatte die Verwalterin Kartoffelsalat versprochen, wozu wir unsere Geflügel-Hotdogs grillten, und wir feierten Abschied.
Senta nahm mich am Morgen mit zum Flughafen. Auf dem Weg passierten wir das tatsächlich viel trockenere Kona. Der Highway war aber mit bunt blühenden Büschen bepflanzt und machte deshalb trotzdem einen angenehmen Eindruck. Am Airport gaben wir den Daewoo zurück und brachen dann mit unterschiedlichen Airlines auf nach Honolulu. Beim Boarden wieder das gewohnte Bild von Leuten, die schon eine dreiviertel Stunde vorher in der Schlange stehen, um als erste ins Flugzeug zu kommen. Und selbst die letzten am Ende der Schlange geben diese Hoffnung (oder Furcht) nicht auf. Auf den Interislandflügen wird dieses Problem noch verstärkt, weil es keine festen Sitze gibt, sondern - wie im Bus – freie Platzwahl. Bisher noch nie stehen gelassen, habe ich unterdessen lieber ein letztes Stück in meinem dicken Hawaii Buch gelesen.
In Waikiki zog ich wieder in den Polynesian Beach Club ein, und nachdem ich leider kein Moped mehr bekommen hatte, um auf die schöne Ostseite der Insel zu fahren, entschloß ich mich, noch einen Boogy Versuch zu starten. Am Strand überall wieder krebsrote Braunheitsfetischisten und Jugendliche, deren Schlabberhosen gerade so an den Pobacken festhielten und den Blick auf Calvin Klein oder Abercrombie Unterhosen freigaben. Über wenige Meter Von-den-Wellen-mitgerissen-Werden ging mein Wellenreiten auch diesmal nicht hinaus, und so kam ich gerade rechtzeitig zum Konzert der Royal Hawaiian Band, der einzigen königlichen Einrichtung in den Vereinigten Staaten. Im Kapiolani Park, gleich neben Waikiki Beach, hat sie einen neuen Bandstand eingerichtet und erfreut dort einmal in der Woche mit traditionellen Stücken oder auch einem Wiener Walzer. Qualitativ passte sie in die Umgebung und das Ende Ihrer Aufführung war das melancholische Abschiedslied der von den Amerikanern vertriebenen letzten Königin Lili’uokalani: „Aloha ’oe“.
Auch beim x-ten Versuch konnte ich am benachbarten Queens-Surfbeach keines der Männerpärchen entdecken, von denen man mir back at Duke erzählt hatte. Ich hatte gerade noch genug Zeit, um noch mal ins Stadtzentrum zu fahren, am Abend wollte ich den japanischen Umzug mitnehmen, den Wolken von Touristenkimonos überall in der Stadt ankündigten. Die Statue Kamehamea I vor dem Parlament war diesmal mit riesigen Leis geschmückt, gerade erst war sein Feiertag begangen worden, für den er natürlich in Hochform sein muß. Ich drehte noch eine Runde um das State Capitol und nahm dann den Bus zurück auf die Kalakaua Avenue, wo bereits Drachen tanzten, Menschen trommelten und Touristen knipsten. Eine High-School-Band kommt traditionell jedes zweite Jahr nach Hawaii, gibt ein Konzert im Bandstand und nimmt an der Parade teil. Der Umzug endete im Kapiolani Park, wo vor der schönen Kulisse des Diamond Head noch lange fremd anmutende Tänze zu großen Trommeln aufgeführt wurden. Oder besser durchgeführt, denn daran nahmen sehr viele Japaner teil, die meisten von ihnen in Kimonos mit dem dezenten Logos ihres Reiseveranstalters. Ich wohnte diesem seltsamen Treiben eine Weile bei und wechselte dann zum Strand, um einem wunderschönen Sonnenuntergang über der Skyline beizuwohnen.
Am nächsten Morgen verstaute ich mein Gepäck an der Hostelrezeption, am Abend würde mein Flug zurück nach Duke gehen. Vorher aber war noch genug Zeit für einen Ausflug zur Hanauma Bay, berühmtes Schnorchelrevier nahe Waikiki. Selbst früh um 8 war der Bus in diese Richtung so voll, dass er nicht einmal an meiner Haltestelle hielt, und so nahm ich einen anderen, von dem aus man ein Stück laufen muß. Aber dies bot Gelegenheit für einen Stop mit Blick auf die zerklüfteten Berge und die sie langsam erfassende Zivilisation, bevor ich dann in die berühmte türkisfarbene Bucht hinabschauen konnte. Nach etwas Schlangestehen und Geld-für-Schnorchelausrüstung-Bezahlen stieg ich in das warme Wasser, nur um anstelle von bunten Fischen aufgewirbelten Sand, Bikiniunterteile und behaarte Beine zu sehen. Nach einer Weile fand ich doch ruhigere Gebiete und war erstaunt von der Vielfalt der Fische. Die Korallen sahen alle grau und abgestorben aus, doch dies war auch kein Wunder bei diesen Menschenmassen. Nach einer Sonnenpause warf ich noch einen Blick zurück, bevor ich in den Bus stieg und fuhr zum Ocean Park weiter nördlich. Aus Zeitgründen musste ich dort den Rückzug antreten, anstelle wie geplant quer durch die Berge zu fahren, doch entlang der Küstenstraße hatte ich wunderbare Ausblicke auf das Meer, große Strände und Cliffs.
Mein Flughafenshuttle war diesmal zeitig genug da, ich hatte gerade noch Zeit für ein Photo der Hawaiian und Amerikanischen Flagge und schon absolvierte ich meine vorerst letzte Fahrt durch Waikiki und Honolulu zum Flughafen. Froh ließ ich all die bevorzugten Business- und Vielflieger zuerst boarden und verabschiedete mich durch das Flughafenfenster vom Diamond Head. Nach dem Start warf ich einen letzten Blick auf die Wellen und unsichtbaren Surfer, bevor ich mit meinem Nachbarn ins Gespräch kam. Er ist freiberuflicher Vulkanforscher und verreiste gerade für National Geographic. Und so nahm er mich zuerst auch zu ernst, als ich ihm die Lava vor dem Flugzeugfenster zeigte.