New York

Drei Monate hatte ich mich schon in Durham gefangen gehalten. Die letzte Zigarettenfabrik hatte gerade ihren letzten Atemzug getan und trauert nun mit der nutzlosen Straße um ihre große Vergangenheit. Nur die Universität gibt der Stadt noch einen Sinn und doch scheint es, als kümmere sich die eine wenig um die andere. Mich in dieser besonderen Art der Ruhe befindend, erhielt ich die folgende eMail über den Verteiler des International House:

Hi,
I am travelling to Upstate New York for Thanksgiving and am offering a
ride. Details are as follows...

Nur diese Worte brauchte es, um meinen Vorsatz, über Thanksgiving ein weiteres Unibuch zu verschlingen, zu stürzen. Und so saß ich nach akribischer Organisation (der eMailer ist Physiker) mit einem Russen, einem Franzosen und einem Inder im Auto. Auf in den melting pot. Die Novembersonne begleitete uns gen Norden auf meiner ersten Highwayfahrt. Doch es kam mir eher wie eine Landstraßenfahrt vor, speed limit 65 mph – gerade mal 100 km/h. Dafür darf man die anderen auch rechts überholen oder selbiges über sich selbst ergehen lassen, wenn man zu unsicher ist, wie weit man die unsichtbare Hand des Gesetztes reizen darf. Regelmäßig trifft man sich jedoch wieder an einer der Toll Stations, einer langen Reihe von Zahlhäuschen, deren Bewohnerinnen die Dollarnoten einsammeln. Das ist also das Jobwunder. Doch dieser Verlust läßt sich verschmerzen, wenn man an der Tankstelle für ganze 12 Dollar seinen Tank vollbekommt. Die winterliche Nacht hatte sich bereits über der Ostküste breit gemacht, als wir uns in einem System von gigantischen Hochstraßen wiederfanden. Und plötzlich, vom dritten Stock aus, sah ich die Lichter zu meiner Rechten: New York. Wir untertauchten den Hudson River im Lincoln Tunnel, und schon waren wir ein Punkt im Netz der Streets and Avenues Manhattens. Nur wenige Ampelkreuzungen und wir bogen in die 23rd Street ein. Hier hatte ich mir ein Hostelbett reserviert, während es meine Mitfahrer noch weiter in den Norden trieb. Und da stand ich nun Mitternacht vor meinem Hostel. Und kam nicht rein. Henry allein in New York.

Doch nachdem ich alle Türen ungläubig zu bezwingen gesucht hatte, nahte der Retter: ein betrunkener schwarzer Gast, der mir aufschloß: die Rezeption mache um 9 zu, ich solle mich doch einfach in den Gang legen. Auf meiner Suche nach dem gemütlichsten Plätzchen stieß ich jedoch auf ein unverschlossenes leeres Zimmer unterm Dach und fand tatsächlich einige Stunden Schlaf.

Als ich am Morgen die Straße betrat, ging gerade die Sonne auf  und verlieh den Gebäuden eine unglaubliche Tiefe. Und ich war allein mit dieser gigantischen Stadt, deren leere Straßen ich mir als Fußwege erklärte. Es war der Morgen eines Feiertages. Ich kehrte in einen McDonald’s ein, der zu meiner Verwunderung pflichtbewußt geöffnet war. Dort fand ich mich dann bei einem fetttriefenden Frühstücksmenü und wässrigen Kaffee wieder, immerhin warnte mich die große Schrift auf dem Becher vor Verbrennungen. Mit mir nur zwei Mexikaner, ein alter Mann, der sich stundenlang an einem Becher aufzuwärmen schien und eine alte Frau, deren verschlissenen gesteppten Plastikmantel ich mir ausgiebig betrachtete. Ich fragte mich, wo sie wohl in dieser Stadt ihren Platz gefunden hatte, irgendwie mochte ich sie und freute mich, daß sie hier war mit mir. Als ich wieder vor die Tür trat, waren die Spitzen der Stadt schon in ein silbernes Licht gehüllt. Ich machte mich auf zur Thanksgiving Parade, einem großen Umzug, der vom größten Kaufhaus der Stadt (und angeblich der Welt) veranstaltet wird: Macy’s. Das ganze Gebiet war abgeriegelt, und ich folgte dem Strom der Menschen durch die dunklen Häuserschluchten. Und da waren wir, ein Wald von Mützen (well, ich hatte leider keine) und bestaunten die amerikanische Vorzeigeparade. Wer dabei an russische Soldaten denkt, liegt falsch, es sind riesige schwebende Disney Figuren, als Clowns verkleidete Bewohner der Stadt und unzählige Highschool Schüler, die in trommelnden und tutenden Bands durch die Straßen ziehen. Und sich diesmal wohl die Nase abgefroren haben. Bald hatte ich genug von dem Trubel, der wohl eher für die noch kleineren Bewohner gemacht war und verschwand wieder im Gewirr der Straßen. Die Kälte zwang mich, bei einer südamerikanischen Straßenverkäuferin harte Dollars gegen einen weichen Schal und eine gefakte Adidas-Mütze einzutauschen, doch nun konnte die Reise richtig losgehen.

Ich wanderte kreuz und quer, überall warteten die Kontraste dieser Stadt: im Westen die alten Docks, an einem davon sollte die Titanic nach ihrer Atlantiküberquerung landen, an einem anderen liegt jetzt ein riesiger Flugzeugträger. Weite Teile von Midtown und Downtown sind entgegen meiner Erwartung ziemlich gemütlich und muten fast kleinbürgerlich an; liebevoll werden winzige Vorgärten und Blumenkästen gepflegt. Nur die dicken Mülltüten am Straßenrand stören irgendwie. Im Zentrum und Süden Manhattens staunte ich immer wieder über die verschiednen Arten von Wolkenkratzern, viele Jahrzehnte alt und mehr als nur Glas und Stahl. Filigrane Spitzen erinnern an die Anmut der Gotik, fast bedrückende Kolosse lassen mich an Fritz Langs Metropolis denken. Und daran, daß der deutsche Größenwahn viele deutsche Größen der Kunst und Architektur gerade in diese Stadt getrieben hat. Der winzige Triumphbogen am Washington Square war da wohl ein Ausrutscher. Überall in der Stadt kleine Parkplätze und Parkhäuser, und ich machte es mir zum Sport, immer wahnwitzigere Preise zu finden. Nicht ohne Grund also ist das Taxi – cab – hier weit verbreitet, und ab und zu muß man schon Geduld aufbringen, um eins zu bekommen. Ich verließ mich lieber auf meine Füße. Nach einer langen Wanderung durch Chelsea, Greenwich Village und SoHo sah ich sie endlich, die Türme des World Trade Center. Fast außerirdisch wirken sie gegen die altertümlichen Wasserbehälter, welche die Dächer der Stadt bevölkern und man ist überwältigt, wenn man sie in den Himmel steigen sieht. Es war nun schon später Nachmittag und ich beschloß, mich über der Stadt auszuruhen und das Abendwerden auf der Spitze des WTC zu genießen.
Es war wunderbar. Unzählige Runden drehte ich, die selben Orte immer wieder anderes wahrnehmend. Die Brücken, welche Manhattan mit den Brooklyn und Queens verbinden, die winzige Freiheitsstatue inmitten des großen Wassers und schließlich Manhattan selbst. Ein Meer von Häusern erzählte die Geschichte eines großartigen Jahrhunderts und ich verbrachte lange Zeit damit, in meinem Führer das Schicksal Rockefellers, Chryslers und Woolworths durchzulesen, welche so gewaltige Zeichen hinterlassen haben. Und langsam begann die Stadt zu glühen, bevor sie ihr Licht in die Welt hinausschickte.

Für den Rückweg nahm ich die Subway, eine ausgesprochen schäbige Einrichtung. Letztlich landet man aber auch damit am Ziel und ich entstieg der unterirdischen Welt. Das letzte Ziel für diesen Tag war der Times Square, das geschäftige Zentrum New Yorks. Besonders am Abend, wenn sich hier alles auf dem Weg zu den Theatern des Broadways tummelt oder einfach nur die unzähligen Leuchtreklamen, Nachrichtentafeln und endlosen Lichterketten der vorbeifahrenden Autos bestaunt. Und wer will, kann sich auch einen tiefen Einblick in die Polizeiwache gönnen, die fast vollverglast mitten auf dem Platz steht. Mein Abendbrot gönnte ich mir mal wieder bei McDonalds, der eine exzellente Gelegenheit bietet, vom ersten Stock aus das Treiben zu beobachten. Zum Glück sah ich erst nachher, in welche Gefahr man sich dabei begibt... :-). Ich war recht zeitig im Bett, denn den ganzen Tag lang war ich durch die Stadt gewandert, und die so winzig scheinende Insel ist doch gar nicht so klein wie man denkt

Am nächsten Morgen machte ich mich auf den Weg zum Heiligtum. Am Eingang der Börse bekam ich eine Eintrittskarte und hatte nun vor meiner Führung noch zwei Stunden Zeit, die Gegend anzuschauen. Wie schon in London, wo ich mitten in der City auf eine kleine Kirche gestoßen war, hält sich auch hier Tapfer ein Gotteshaus gleich neben all den Wolkenkratzern. Drinnen nur einige Touristen und ein Aufruf, Geld für die Erhaltung des Gebäudes zu sammeln...  Noch weiter im Süden, an der Spitze von Manhattan, endlich wieder etwas Grün, der Battery Park. Von hier aus gehen die Fähren nach Staten Island und zur Statue of Liberty, doch als ich die Arme da so klein am Horizont sah, strich ich eine weitere Annäherung von meinem Plan. Dann war es so weit, meine Zeit war gekommen und brav stellte ich mich an die Schlange für meine Führung. Doch es dauerte ganze zwei Stunden, bis ich mich endlich auf Waffen durchsuchen lassen durfte, die endlose Wartezeit nur ab und zu durch eine besonders lange Limousine unterbrochen und durch den small talk mit einer amerikanischen Familie, deren Tochter in Chapel Hill studiert hat, und die mich in meinem Glauben bestärkte, Duke sei one of the best Universities. Von der Zuschauertribüne aus konnte ich dann endlich auf den Tradingfloor blicken. Welten größer als Berlin und auch Frankfurt, doch man machte sich schon bereit für den Dienstschluß, es war dreiviertel 4. Erst auf den zweiten Blick erkannte ich, was den meisten Trubel veranstaltete: Kinder. Es war „Kids at Wall Street“ – Tag.  Und ich musste zuschauen, wie sie durch die zwischen den Tradingposts umherrannten, Luftballons durch die Luft wirbelten und die Notizblocks der Trader zu Konfetti verarbeiteten. Als ein Kind dann das Ende des Handelstages einläutete, war die Nasdaq fett im Plus. Man müsste nochmal 13 sein. Auf dem Weg zum Intrepid Sea Air Space Museum (dem Flugzeugträger) sah ich einige Demonstranten, deren Plakate die Präsidentschaftskandidaten als Stimmenräuber beschimpften. Insgesamt aber scheint das Land nun wieder seine eigenen Wege zu gehen und abzuwarten, auf welchen Präsidenten sich die Politiker und Juristen letztlich einigen werden. Am Abend dann erforschte ich die Einkaufsgegend, in seinem Zentrum das Rockefeller Center, ein leuchtendes Beispiel amerikanischer Größenliebe. Auf dem Vorplatz eine Kunsteisbahn und der Chor der Engel. Dem Weihnachtsschmuck nach zu urteilen war man hier überhaupt unglaublich froh über Christi Geburt.

Als Krönung dieses Abends hatte ich das Empire State Building auserkoren, und nach einiger Wartezeit liftete mich der Fahrstuhl in die Höhen dieses „berühmtesten Gebäudes der Welt“. Anders als das World Trade Center macht es aber einen fast schon schmuddeligen Eindruck und die Aussicht ist weniger beeindruckend; in welche Richtung man auch schaut, man sieht immer nur einen Teil der Stadt.

Nach der Mitte und dem Süden der Stadt blieb nun noch der Norden. Ich gönnte mir nur eine kurze Runde im Central Park, der bei diesem Wetter nicht gerade einladend war, aber dennoch einige Skater, Läufer und Radfahrer anzog. Es gibt ja auch wenig Alternativen. Im American Museum of Natural History bestaunte ich die beachtliche Sammlung, inklusive eines riesigen Blauwal-Modells (der mit dem Zug im Bauch) und der Sauriersammlung. Vor dem Gebäude ein Stück amerikanischen Selbstverständnisses, sorry amerikanischer Geschichte: ein stolzer berittener weißer Eroberer, zu seiner Rechten ein Indianer und zur Linken ein wilder Schwarzer. Heute tragen die Straßenkehrer wenigstens richtige Kleidung.

Vorbei am Times Square, auf dem fast ständig eine riesige mehrfachgewundene Schlange um Broadwaykarten ansteht ging es dann zum Ostende der Insel, dem Gebäude der Vereinten Nationen. Ein jämmerlicher Anblick. Drinnen aber gab es eine wundervolle Fotoausstellung, die aus einem weltweiten Wettbewerb hervorgegangen ist, und ich bekam schon wieder Fernweh – dabei war ich doch schon quasi doppelt auf Reisen... Im Bus zurück kam ich mit dem Busfahrer ins Gespräch und kurz darauf fing ein weiterer Mitfahrer an, sein Besatzerdeutsch herauszukramen. Sie zeigten mir die deutsche Botschaft und fragten mich über woher und wohin, ein seltenes Gefühl von Menschennähe in dieser Stadt. Als ich mich nach dem Aussteigen noch einmal nach dem Bus umwandte, rannte mir ein Mädchen entgegen „Mister!...“ – mit meinem Schal in der Hand, während der Busfahrer wartete... Wenn ich so zurücküberlege, müssen die beiden wohl schwarz gewesen sein. Nachdem ich mich in der Stadtbibliothek in eine Warteliste eingetragen hatte, konnte ich eine halbe Stunde umsonst internetten und das wunderbare Gebäude mit seinen riesigen Lesesälen bewundern. Es begann zu regnen, und ich nahm die Subway zurück nach Hause. Nicht, ohne ein Bild von der Station am Times Square zu machen, wer würde mir sonst schon glauben, daß man (in New York!) vor Pfützen auf dem Bahnsteig kaum laufen kann und daß die Träger einen gefährlich maroden Eindruck machen? Doch auch auf den Straßen erwartet einen so die eine oder andere Überraschung.

Am Abend traf ich mich mit einer Internetbekanntschaft im East Village, dem neuen funky Viertel der would-be Bohemiens und alten Omas. In einem hippen Restaurant hörte ich von Freud und Leid der Stadt, von den schlaflosen Nächten, aber auch den kaum erträglichen Preisen und dem Mangel an ernsthaften menschlichen Beziehungen. Hm.

Da ich einen sogenannten City-Pass, ein (natürlich :-) Supersparticket-Heftchen gekauft hatte, lenkte ich meine Schritte am letzten Morgen in das Museum of Modern Art (MoMa). Hier kann man einige Stunden mit herausragenden Kunstwerken zubringen, wird jedoch (zum Glück) nicht von purer Masse erschlagen. Es waren wunderbare Stücke dabei. Und auf einmal wurde mir wieder bewußt, daß man über unsere Welt nachdenken muß, daß jeder Gegenstand – ganz zu schweigen von Menschen – es verdient, sich in ihn hineinzuversetzen, sich mit ihm auseinander- und zusammenzusetzen, ihn als Schöpfung zu schätzen. Es tat mir gut, auf meinem Nachhauseweg einen kurzen Stop in der St. Thomas Church einzulegen, gleich neben Saks auf der Fifth Avenue. 

Meine Mitfahrer hatten sich verspätet, und so blieb mir Zeit, im Aufenthaltsraum des Hostels gemütlich bei einem Tee von der Stadt Abschied zu nehmen. Und der obligatorische Fernseher berichtete mir, daß der Freitag nach Thanksgiving mal wieder der absolute Top-Einkaufstag des Jahres war.