San Francisco (Mai 2001)

 

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Während meines Studiums at Duke hatte ich jede Gelegenheit genutzt, um mich im Lande umzuschauen. Nach mehreren Ausflügen in den Süden und an die Ostküste stand nach meiner letzten Prüfung der Westen auf dem Plan. Auf dem Weg nach Hawaii plante ich zwei Wochen Stop in San Francisco, der Stadt am Golden Gate.

 

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Air France hatte mir mal wieder einen Freiflug geschenkt und ich stieg in eine Boeing des US-Partners Delta. Einem geschenkten Gaul schaut man ja nicht ins Maul, aber Delta ist wirklich kein Vergleich zu den edlen Franzosen: klapprige Flugzeuge ohne Bordtelefon, ältere Stewardessen, Wein nur gegen 4$ Bezahlung und die Kopfhörer zu den flimmernden Bildschirmen gibt es für 5$. Die Delta-Werbung brüllt einem selbstverständlich umsonst aus den Flugzeuglautsprechern entgegen. Aber wenigstens war der Blick auf die Welt unter uns gratis – und der ist wundervoll. Nachdem wir die tiefgrünen Wälder und dunklen Seen North Carolinas verlassen hatten, zogen sich buntgefleckte Felder unendlich hin und ich konnte mir die geometrischen Muster – von n-Ecken über Ovale bis hin zu Kreisen - nur mit der Experimentierfreude der Bauern erklären, oder waren es vielleicht Ufos? Irgendwann wurden sie abgelöst von einer kargen, rotbraunen Landschaft unendlicher Canyons und schneebedeckter Berge. Alles schien so klein wie im Sankasten, und es krabbelte in den Fingern, die Überhänge anzustupsen und ins Tal stürzen zu sehen. Letztlich gingen die Tafelberge in ein schneebedecktes Gebirge über. Weiße (Salz-)seen lagen schimmernd in der Sonne, doch trotz intensiver Suche konnte ich Salt Lake City nicht ausmachen. Wir machten wohl einen großen Bogen um die Stadt der Missionare, hätte uns wohl zu lange aufgehalten (got it?). Gerade erst hatte ich in einer Zeitung gelesen, dass die tausenden inoffiziellen mormonischen Bigamisten nun um Legalisierung im Namen der Religionsfreiheit kämpfen. Nur ab und zu zeigten sich Wölkchen unter uns und warfen schwarze Schatten auf das Land. Endlich erreichten wir die Westküste. Wie auf einem Computerboard waren die plastikbunten Flächen und Gebäude systematisch angeordnet und die Muster zeigten klar wo wir waren: Bay Area und Silicon Valley.

 

Ankunft [top] [map]

 

San Francisco International Airport ist weit außerhalb der Stadt und so konnte ich gleich am Anfang meines Aufenthaltes die Öffentlichen benutzen – Verkehrsmittel sind immer eine ausgezeichnete Gelegenheit, die Einwohner zu studieren. In diesem Bus schaute ich fast nur in asiatische Gesichter. Entlang des Highways die übliche gigantische Werbung, doch hier entdeckte ich mit Freude einige Dotcoms darunter – gab es doch noch Überlebende?

Mein Hostel rühmte sich mit der zentralen Lage, und so stieg ich nahe Market Street aus, der Hauptstraße San Franciscos. Ich wanderte ein paar Blocks und stolperte dabei ständig über Menschen, die sich für ein Leben auf der Straße entschieden haben (später mehr zu diesem Thema). Und da San Francisco aus unzähligen Hügeln besteht, machte ich dabei auch gleich mit den berühmt steilen Straßen Bekanntschaft. Nachdem ich meine 22 Dollar pro Nacht bezahlt hatte (mit der Zeit habe ich mir abgewöhnt, Dollars umzurechnen und auf den schwachen Euro zu schimpfen) ging ich auf Entdeckungsreise. Der zentrale Union Square war vollkommen von Bauzaun umgeben und so lief ich mehrmals dran vorbei, bevor ich wenigstens die wenigen sichtbaren Kontraste und Konsumtempel würdigen konnte.

 

Berkeley [top] [map]

 

Leider verpasste ich aufgrund meiner Reise die Graduierung at Duke, und so hatte ich mir schon per Web über Ersatz informiert: Graduierung at University of California at Berkeley, meiner Fast-Uni. Gleich am nächsten Tag bestieg ich in einem vollständig mit ATG-Werbung gepflasterten Untergrundbahnhof den BART, eine Kreuzung aus U-Bahn und Nahverkehrszug, und nach einer langen Tunnelfahrt unter der Bay landete ich in Berkeley. Im Unterbewußtsein begann ich, die Uni mit Duke zu vergleichen. Der Campus ist sehr grün und beeindruckend in seiner Größe und der Majestät seiner Gebäude – Duke würde ich mit einem (natürlich wertvolleren) „schön“ dagegen abgrenzen. Ich bestieg den Glockenturm, der einen weiten Rundblick über den Campus und die kleine Stadt bietet, im fernen Dunst ist sogar die Golden Gate Bridge erkennbar. Der Haas School of Business mußte ich natürlich auch einen Besuch abstatten und konnte erfreut feststellen, daß mir der Mix aus undergrads und professionals in dem kleinkarierten Gebäude nicht sonderlich gefiel. Auf dem Weg zum Greek Theater, dem Ort der Graduierungszeremonie, passierte ich einige Gebäude, die erdbebensicher gemacht wurden, Nachwehen der Katastrophe von 1989. Es war noch viel Zeit, und ich entfloh der Hitze in ein kleines Chinarestaurant im an den Campus grenzenden Studentenviertel (Pluspunkt für Berkeley). In der riesigen Bibliothek nutzte ich die Chance zum kostenlosen eMailen. Ein Zettel am Bildschirm teilte mit, dass alle ungenutzen Computer sofort in den sleeping modus fallen, um Energie zu sparen. Besser als der gefürchtete rollende Blackout, das Gespenst der californischen Energiekrise. Auf dem Campus begegnete mir erstaunlich wenig Cal-Pride (also Caps, T-Shirts, Rucksäcke etc. mit dem Unilogo „Cal“).  Vor dem Freilichttheater hatte sich unterdessen eine lange Schlange schwitzender Mamas und Papas gesammelt und Autos quälten sich im Stau. Ich hatte natürlich kein Ticket versuchte vergeblich, einen Hintereingang zu finden. So blieb mir nichts, als an einem offiziellen Eingang meine Geschichte zu erzählen und um Einlaß zu bitten, doch das freundliche Perlweiß-Gesicht beteuerte die Unmöglichkeit meines Ersuchens. Am anderen Eingang stieß ich auf mehr Verständnis, meine Gegenüber bemerkte mit einem Grinsen, dass Duke ja die UC Los Angeles im Basketball besiegt hat, und nachdem ich fix mein Duke-Cap unterm Hemd versteckte, gab sie mir das erlösende Ticket. Ich nahm auf einer der Betonstufen Platz und betrachtete die Gäste in Shorts und Tshirts. Die Bühne war mit den Farben der Uni blau und gelb ausgeschmückt und bald zogen die zahllosen Graduierenden ein. Der obligatorischen Nationalhymne folgte eine Unzahl von kleinen und großen Reden. Der Studentenchef (wie 40% seiner Mistudenten Asiate) ergoß sich in Dankesworten, am Ende sogar in seiner Muttersprache. Der CEO von Pacific Bell bezeichnete die Uni als nicht nur die beste public school der Staaten, sondern sogar der Welt. Ein anderer Redner griff dieses Statement unter Jubel auf und strich das public, worauf der Deutsche mit dem wieder aufgesetzten Dukecap nur grinsen konnte. Ein Univeteran erinnerte sich an die große Zeit, als Berkeley Ausgangspunkt der Bürgerrechtsbewegung war. Dieser Geist wehe noch immer durch die Gänge meinte er – überraschte mich, wenn ich so in die Gesichter der Studenten dieser staatlichen Eliteuniversität schaute. Natürlich gibt es auch an Berkeley Awards für alles Mögliche, von der University Medal bis hin zum Preis für besondere weibliche Sportleistungen und innovatives Denken. Über die Hälfte der Preisträger waren Asiaten. Die Class of 2001 übergab ihr class gift, 36.000 Dollar, die einen Leadership award finanzieren sollen. Höhepunkt aber war die Rede von Janet Reno, ex Attorney General (die, die den kleinen armen Cubaner zurück nach Cuba geschickt hat). Nach der üblichen Vorstellung der Person (ein interpretationswürdiges Murmeln ging durch die Reihen, als Harvard als ihre Ausbildungsstätte erwähnt wurde), lieferte sie eine beachtenswerte Rede. Zeilen wie „don’t take democracy for granted“, “if you lose, lose quickly” und “make your word your bond” beeindruckten mich, doch war ich mir nicht klar darüber, wie viel davon amerikanische Show, Tiefsinnigkeit der Stunde oder wahre, in der Realität wiederkehrende Überzeugung war. In stehenden Ovationen wurde die ehemalige höchste Richterin des zweifellos größten und verrücktesten Rechtssystems gefeiert. Nachdem die Class of 2001 mit einem „Go Bears“ verabschiedet wurde (heißt das nicht Go Devils?), ging es auf zum Büffet am Glockenturm, und zwischen Käsebisquit, frischen Heidelbeeren, Trauben und einer Büchse Coke konnte man sich mit Janet Reno fotographieren lassen. Große Tafeln verkündeten die Spender für das Class Gift und ich versuchte vergeblich, die Lins, Changs, Chungs, Kims und Lees zu zählen.

Bevor ich mich erschöpft in den BART schleppte, lief ich noch die Telegraph Avenue in Berkeley ab, eine Meile von Buchläden, Tatoo-Shops und Kneipen.

 

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Am nächsten Tag machte ich mich auf, San Francisco selbst zu erkunden. Zu Beginn machte ich den Fehler, es mit New York zu vergleichen. Doch anders als in der Stadt der Wolkenkratzer und High Finance, reichen hier nicht wenige Eindrücke, um von Gigantomanie eingenommen zu werden, sondern man muß die Stadt Stück für Stück entdecken. Als erstes wanderte ich zum Museum of Modern Art, einem skurrilen Bau südlich der Market Street. Bereits am ersten Abend hatte ich dieses Viertel durchstreift und mir aus dunklen Tunneln und von Schwarzen belagerten Fußwegen ein Bild gemacht. Das Museum war sehr interessant und einige der mechanischen Kunstwerke waren regelrecht  begeisternd: wie wäre es mit 4 durch Schläuche verbundenen, die Tischgenossen disziplinierenden Kaffeetassen? Oder einem Geschöpf, welches die unzähligen Barcodes auf den Ausweisen und Lippenstiften der Besucher in eine Symphonie von Haartrocknerrauschen, Radiomusik, Laserlicht und sich drehenden Bohrmaschinen übersetzt? In den angrenzenden Yerba Buena Gardens kann man sich dann an den Kunstwerken der Natur erfreuen. Für den Nachmittag hatte ich mich im Hostel für eine Tour angemeldet. An verschiedenen Tagen kommen Einheimische und nehmen Weltreisende bei der Entdeckung ihrer Stadt an die Hand, eine schöne Einrichtung. An diesem Tag ging es in das Haight-Street-Viertel, das 67er Summer-of-Love-Zentrum. Und noch heute verblüfft die Mischung aus wunderbaren viktorianischen Häusern, Hippie-Klamotten, Piercing-Studios, Hunden, Coffee-Shops und Flower-Power-Utensilien. Liebe auf der Parkbank und Drogentote habe ich keine mehr entdeckt. Unsere Tour endete im Golden Gate Park, einer riesigen grünen Anlage, deren 67er-Wiese noch immer von Haight-Streetlern belagert wird.

 

Das Wasser verleiht San Francisco einen besonderen Reiz. Natürlich wird das gründlich zum Geldmachen genutzt. Dabei denke ich nicht zuerst an den Brückenzoll für die Golden Gate Bridge. Da ist Fishermans Wharf, eigentlich ein kleiner Fischerhafen, jetzt aber Ort der 5 for $ 20 Tshirtstände, unweit davon Pier 39, vollgestopft mit Imbissständen, Rummelbuden und Souvenirshops. Und vor allem an die unzähligen Schiffsrundfahrten. Beliebtestes Ziel dafür ist die Insel Alcatraz, das ehemalige Hochsicherheitsgefängnis („The Rock“). Für diese Tour sind die Tickets aber ständig ausverkauft, und so entschied ich mich erst mal für eine Bayrundfahrt. Noch am Pier sonnten sich die Seelöwen, doch sobald wir auf dem offenen Wasser waren, meinte es das Wetter nicht mehr so gut, und so musste ich mit dem berühmten Nebel vorlieb nehmen. Nachdem die Skyline der Stadt in selbigem Verschwunden war, tauchten Fragmente des Roten Wunders darin auf: Die etwas abseits der Stadt gelegene Golden Gate Bridge. Immer wieder gerät diese Brücke in das Blickfeld des San Francisco Besuchers, und immer wieder musste ich ihre veränderte Schönheit bewundern. Von der rummelhaften Hafengegend nahm ich danach die touristische Cable Car, eine Art alte Straßenbahn, die mit unglaublicher Sturheit von einem Kabel die wahrlich atemberaubenden Anstiege hinaufgezogen wird. Etwas Angst kann es einem allerdings werden, wenn es bergab geht, und sich der Bahnführer mit aller Kraft an den mechanischen Bremshebel hängen muss, um den mit fotographierenden Touristen überladenen Wagen unter Kontrolle zu halten. Zum Glück ist die gewundene Lombard-Street, berühmtes Extremum des Anstiegs, gleichzeitig eine Haltestelle, und so gibt es genug Zeit zum Knipsen. Mein 9-Tages Touri-Scheckheft (more than 50% savings!) schickte mich dann in das Exploratorium, ein Museum der Naturwissenschaften zum Anfassen. Wie viel Interessantes es doch da zu lernen gibt – bestimmt hab ich das alles schon mal in der Schule oder von Papa gelernt, doch der Speicher wurde wohl mit ökonomischen Modellen überschrieben. Das Museum befindet sich in einem der wenigen historisch aussehenden Gebäude der Stadt (Erdbeben zwingen regelmäßig zur Verjüngung, erst in letzter Zeit hat man Methoden und Geld, die meist charakterlosen Betonbauten zu schützen). Die Fahrten im für deutsche Verhältnisse klapprigen Nahverkehr sind immer ein Erlebnis. Generell sind alle Leute hier sehr freundlich zueinander. Beim Einsteigen durch die Fronttür zeigt man seine Fahrkarte bzw. zahlt und grüßt dabei den Fahrer. Beim Aussteigen bedankt man sich. Daran ändert sich auch nichts, wenn eine Schulklasse betroffen ist. Ist der (elektro)Bus oder die Bahn ausnahmsweise mal wenig besetzt, dann wird in familiärer Atmosphäre mit dem Fahrer geschwatzt. Und bei besonders guter Laune hält der Busfahrer auch mal mitten auf der Straße, um eine Bekannte zu begrüßen oder Worte mit einem anderen Busfahrer zu wechseln. Eine besondere Zeremonie ist das Einladen von Rollstuhlfahrern, der Bus senkt dabei die Nase, ein Lift wird ausgefahren, die vorderen drei Sitze werden hochgeklappt (Sitzende räumen widerspruchslos ihren Posten) und der Rollstuhl wird vom geduldigen Busfahrer an seinem Platz festgeschnallt. Was machen wir eigentlich in Deutschland mit Behinderten? Ach ja, Zivis fahren sie in einsamen VW Bussen durch die Gegend.

 

Stanford [top] [map]

 

Im Hostel hatte ich mich mit einem Koreaner angefreundet. Er studiert Chipdesign und hatte auf einer Silicon-Valley Konferenz einen Schulkameraden wiedergetroffen, der jetzt in Stanford studiert. Und so machten wir uns am nächsten Tag auf, um die Uni aus erster Hand gezeigt zu bekommen. Der Caltrain brachte uns nach Palo Alto, wo wir abgeholt wurden. Nach einem Lunch beim Chinesen fuhren wir auf den Campus. Die meisten Gebäude sind relativ klein, erdfarben oder gelb und ziemlich charakterlos. Der Mainquad allerdings versprüht italienischen Charme und die Kirche erreicht in ihrer Ausstattung katholische Maßstäbe. Stanford liegt in einer ziemlich trockenen Gegend, und so vermisste ich den Schatten der grünen Bäume, mein Lieblingsplatz zum Lesen und Träumen at Duke wie in Potsdam. Im Universitätsshop fragte ich nach dem Preis der Doktorrobe und unterdrückte mein Entsetzen über den hohen dreistelligen Betrag. Einen Edenholzrahmen mit Passepartout und Uniinsignien für das Abschlußzertifkat gibt es jedoch wesentlich günstiger. Ich werde meinen Computerausdruck wohl in einer Leitzhülle verstauen. Lu zeigte uns seinen kleinen Cubicle und wir tauschten Visitenkarten, bevor wir uns den IT-Bereich des Campus anschauten. Hier steht neben anderen Geschenken das William Gates Building. Nach einem Blick auf die Stanford Business School machten wir uns auf den Weg nach San Francisco, um dort gemeinsam den Abend zu verbringen.

 

City [top] [map]

 

Zuerst führten uns die Einheimischen zum Cliff House, von wo sich ein wunderbarer Blick auf das Golden Gate bietet. Ein kostenloses Museum mit alten Spielautomaten lockt, und nach einer Weile ist man erstaunt, wie viele Quarters die doch so schlucken. Quarters (25 cents) und dimes (10 cents) sollte man sowieso immer in der Tasche haben, sei es für den Bus, ein Telefongespräch oder eben einen Spielautomaten. Nach dem Cliff House, ursprünglich von einem Deutschen bombastisch gebaut und nach mehrfacher Zerstörung nun eher ein mickriges zusammengestückeltes Gebäude, fuhren wir weiter zum Fort Point, einer alten Festung direkt unter der Golden Gate Bridge. In heftigem Sturm betrachteten wir das Wunder von seiner Unterseite. In einem asiatischen Restaurant hatten wir Dinner, willkommene Abwechslung zu meiner Fastfood-Diät. Bei der Fahrt zu unserem Hostel durchquerten wir dann die nur nachts gespenstigen Straßen zwischen Civic Center und Mason Street, wo sich dunkle Gestalten verdächtig nach uns umdrehten.

Zum Frühstück bin ich meist einige Blocks gewandert, down die Powell Street zum Wendepunkt des Cable Car at Market Street. Hier wimmelt es nur so von Touristen und es ist interessant, die lange Schlange abzuwandern, die gespannt darauf wartet, die Traditionsbahn zu besteigen. Auf mehreren kleinen Tischen spielen einheimische Männer Tag und Nacht Schach. Außerdem ist da immer der Schwarze mit seinen Stepperformances (well, er sagt, es sei irgendeine schwierigere Unterart des Steppens), und als Treffpunkt der meisten Straßenbahnen und Busse ist der Platz ein idealer Startpunkt für Stadterkundungen. Falls mein kein fixes Ziel (mehr) hat, kann mein einfach einsteigen und sich an einem beliebigen Ort „ausspucken“ lassen, man wird immer von der genialen Aussicht von einem oder auf einen Hügel und der Vielfalt der Neighbourhoods überrascht sein. Man kann aber auch an Powell Street Stunden damit zubringen, die Touristen zu betrachten. Oder die Einheimischen, bei denen es noch immer besonders beliebt ist, mit einem Radio unterm Arm oder riesigen gepolsterten Kopfhörern auf dem Kopf durch die Straßen zu ziehen oder in dieser halben Weltabgeschiedenheit eine der Banken zu besetzten, die ja eigentlich für müde Touristen gedacht scheinen. So muss man sich dann doch in den McDonald’s setzen, der hier mit klassischer Klaviermusik einen etwas schizophrenen Eindruck macht. Oder Burger King, in dem Sicherheitskräfte Patrouille laufen und ab und zu ein seinen Anstand vergessender Bettler unter kleiner Aufregung gewaltsam davon überzeugt wird, dass er sich mit der Ignoranz der Habenden abzufinden hat.

Ich hatte leider nicht genug Zeit, mich mit der Rolle von Recht und Ordnung ausführlich auseinanderzusetzen. Doch es ist nicht zu übersehen, dass weniger an das Verständnis und Selbstinteresse der Menschen appelliert wird als an ihre Gesetzestreue. Sätze wie „It’s the law“ oder „Federal Law Requires...“ begleiten die Aufforderung, für alte Menschen Sitzplätze zu räumen, nicht die Wiese zu betreten oder keinen Müll aus dem Fenster zu werfen. Möglichst kombiniert mit einer $ 500 fine und prison. Or both.

 

Vom Cable Car kann man sich am Cable Car Museum absetzen lassen (aber nicht drauf verlassen, dass der Fahrer wie versprochen Bescheid sagt, wenn man da ist), und man ist mittendrin in der Geschichte und Gegenwart dieses alten Transportmittels. Riesige Motoren treiben die großen Räder, um die sich das endlose Kabel windet. In einem Kellergewölbe liegt hinter Glas die Kabelkreuzung, aus allen Richtungen kommen die Kabel unter den Straßen hervor. Natürlich gibt es viele zu lesen im Museum und jede Menge Klimbim im Museumsstore. Wie wäre es mit einem Stück Kabel als Briefbeschwerer?

Ich setzte meine Wanderung fort zum Washington Square, dem Zentrum des italienischen Viertels North Beach. Der Platz ist eine kleine grüne Oase und überall sielen sich Mensch und Tier in der Sonne. Man kann schwer sagen, wer hier lebt und wer nur den Tag verbringt, wieder einmal sind Obdachlose vollkommen in die Gesellschaft integriert, zumindest physisch. Die schneeweiße Peter und Paul-Kirche wacht über die Sonnenbadenden und die Straßenkünstler, welche ihre Bilder zur Schau stellen.

 

Zu jeder Stadterkundung gehört auch ein Über-blick. Also suchte ich einen passenden Turm und wurde fündig im Coit Tower auf dem Telegraph Hill. Nachdem ich die zahllosen Fußwegstufen einer Nebenstraße hinaufgeklettert war, bot sich ein phantastischer Blick über die City, und zum ersten Mal konnte ich all die Puzzleteile so richtig zuordnen. Die Fahrstuhlfahrt auf den Turm lohnt sich kaum, der Blick ist schon zu seinen Füßen perfekt. Als Landmark sticht immer wieder der Transamerica Tower am Rande des Business Viertels ins Auge. Eine eigenwillige Architektur, die mich wie eine weiße Kapuze irgendwie immer an den KKK (Klu Klux Klan) erinnert. Der Tag war sonnig und klar, so entschloß ich mich, in einen Bus zur Golden Gate Bridge zu fahren und auf ihr entlang zu wandern. Nachdem ich den gewaltigen Querschnitt des Hauptkabels bewundert hatte, betrat ich den schmalen Fußweg, und Schritt für Schritt wurde mehr von der Stadt sichtbar. Eingerahmt in des berühmte Rot der Brücke.

 

Am nächsten Tag zog ich aus meinem sterilen Hostel um in ein echtes Backpacker Hostel, called Green Tortoise auf einer auch nachts geschäftigen Straße nahe Chinatown. Es ist ein klappriges Haus mit Möbeln und Menschen zusammengewürfelt aus allen Teilen der Welt. Dazu ein großer Aufenthaltsraum, in dem zum Frühstück Bagels und Obst bereitstanden und eine Flower Power Musik gute Stimmung verbreitete. Ich spezialisierte mich auf die Marmelade, denn trotz starker Sympathie für einige amerikanische Einrichtungen komme ich an die widerliche Erdnussbutter einfach nicht ran. Sogar eine Sauna hat das Hostel. Dann machte ich mich auf ins Civic Center, zur City Hall. Dieses Gebäude mit seiner riesigen Kuppel hat das Erdbeben von 89 mit Schäden überlebt und war gerade erst für 300 Mio restauriert und erdbebensicher gemacht worden. Letzteres erreicht man, indem man alles auf Gummi stellt. Geniale aber teure Idee. Die Civic Hall ist umgeben von der Opera und anderen Gebäuden im klassischen Stil. Aber alles ziemlich leblos und verloren in der betriebsamen Stadt. Nur die United Nations Plaza, zwischen City Hall und Market Street zieht Leute an, die meisten davon fahren ihren gesamten Haushalt mit sich ein einem großen Einkaufswagen herum. Nirgends habe ich jemals so viele Obdachlose gesehen wie in San Francisco. In Deutschland vertreibt man sie von den touristischen Plätzen auf die Bahnhöfe, Parks und in caritative Einrichtungen, hier aber sind sie überall und keinen scheint es zu stören. Nachts bauen sie sich Betten in den Eingängen zu Supermärkten, geschützt von einer Mauer aus Einkaufswagen. Tags sitzen sie vor den Geschäften und strecken den Vorbeigehenden die abgegriffenen Pappbecher entgegen. Just a dime. Man lernt automatisch, sie zu ignorieren, es bleibt nicht viel anderes übrig. Als ich einen Einheimischen Tourguide im Hostel befragte, meinte er etwas unsicher, dass San Francisco ja immer eine freie Stadt gewesen sei (siehe Schwulenszene), jeder könne hier seinen Platz finden. Außerdem schafft die Pazifikküste ein ausgeglichenes Klima ohne kalte Winter. Hm.

 

Ich machte mich auf in den Golden Gate Park, vorbei an der 67er Wiese zur Academy of Sciences, einem großartigen Naturkundemuseum mit einem herausragenden Aquarium. Ich liebe die Farben und Formen tropischer Unterwasserfauna, und so trieb mich erst der Museumsgong aus dem Gebäude. Aber ich sollte noch viel mehr davon während des zweiten Teils meiner Reise sehen, auf Hawaii. Gleich daneben der Japanische Garten, mit seinen fremden Formen, Pflanzen und Tempelchen. Fast zufällig entdeckte ich das Strybing Arboretum, einen wunderschönen botanischen Garten. Die farbenfrohen Fingerhüte erinnerten mich an den heimatlichen Garten und die exotischen Pflanzen in der Chile-Abteilung versuchten mich schon wieder zu Reiseplanungen. Dabei war ich doch ohnehin schon auf Doppelreise, einmal in North Carolina, und von da aus nun im Westen.

 

Der Golden Gate Park ist ein wichtiger Punkt im Leben der Menschen hier, und an einem Sonntag konnte ich ein großes Volksfest miterleben. Nach einem Wettlauf, den ich wegen meines langen Schlafens leider verpasst hatte, waren die Wiesen waren voller Menschen, bunter Luftballons und guter Laune. In wundervollem Sonnenschein flanierte man mit Kind und Kegel durch das rare Grün, fuhr Rad, Skateboard oder Scooter (Miniroller). Jugendliche spielten Basketball und Musiker veranstalteten spontane Jam-Sessions auf Wiesen und Fußwegen. Es war eine wunderbare Atmosphäre und ich wurde vollständig von der lay-back-Stimmung eingenommen. Another Summer of Love?

 

Mein Guidebook hatte mich auf die Idee gebracht, Levi’s Fabrik zu besuchen. Seitdem es uns Ostkindern erlaubt ist, ist die 501 meine zweite Haut (mehrfaches Fremdgehen mit 20-DM Kaufland Substituten haben im Spiegel kein gutes Bild hinterlassen), und so konnte ich kaum darauf warten, mein Business Auge auf die Operations dieses Dinosauriers zu richten. Doch als ich in das strahlend gelbe Holzgebäude trat, sagte mir der Wächter, dass der einzige Museumsführer vor zwei Jahren gestorben sei und die Touren deshalb eingestellt sind. Etwas ungläubig dacht ich an die Show, welche Coca Cola in Atlanta macht und wollte den armen Mann schon mit meinen Marketingideen belästigen. Doch dann drehte ich doch lieber ab und tröstete mich mit dem Gedanken, dass die meisten Jeans wohl ohnehin made in India sind. So schlenderte ich die Haight Street entlang, atmete den Atem der wirklich freien Menschen, aß einen dicken Burrito beim Mexikaner und ertrug dabei die Fragen und Blicke einer Mitessenden. Unweit Haight Street ist die University of San Francisco, in jesuitischer Tradition und mit einer gewaltigen Kathedrale, welche weithin sichtbar lockt. So machte ich einen Abstecher und fühlte mich wohl auf dem kleinen gemütlichen Campus. Ein Poster kündigte den Graduierungsgottesdienst an, und freudig beschloß ich, mir diesen nicht entgehen zu lassen. Endlich konnte ich mein sorgfältig eingetütetes Hemd auspacken und wandelte mich so vom staubigen Traveller zum zivilisierten Bürger. Ich benötigte keine Eintrittskarte und saß gespannt in der alten Kirchenbank. Geführt von einer weihrauchschwenkenden, an Hare Krishna erinnernden Studentin, zogen die Graduierenden erhaben ein, diesmal ohne Winken zu ihren Familien wie in Berekeley. Die Professoren folgten in ihren bunten Roben, deren verschiedenen Farben Aufschluß über die Ausbildungsstätten ihrer Träger geben. Wieder gab es Reden, Preise und diesmal Lieder und Gebete. Leider kein Buffet.

Zurück zum Golden Gate Park durchquerte ich einen der vielen Tunnel, den ein Gitarrespieler mit schöner Musik erfüllte. Nachdem ich den verwilderten Stow Lake umrundet hatte, suchte ich eine Weile vergeblich die nächste Bushaltestelle und traf dabei eine norwegische Lehrerin, die ein Jahr Sabbatical genommen hatte und nun die Welt umreiste. Ich empfand tiefen Respekt und beantragte schon mal meinen Sabbatical. Gemeinsam fanden wir dann den Bus und ich machte mich auf zum Fort Mason, ehemaligen Militärbaracken an der Bay, die jetzt aber kleine Läden und Museen beherbergen. Es gab dort nicht viel zu sehen, bis auf den Blick auf das Wasser und die wieder in Nebel gehüllte Golden Gate Bridge. Gleich nebenan ist der Ghirardelli Square, hervorgegangen aus einer großen Schokoladenfabrik gleichen Namens. Ich ignorierte die vielen Luxusläden und fand eine nostalgischen Rest der Fabrik im Ghirardelli Café. Und was sahen meine trüben Augen? Eine Maschine made in Dresden rührte unablässig die Kakaocreme. Da ist man doch stolz als alter Dresdner. Ich erstand eine Kugel Ghirardelli Schokoladeneis für  $ 3,50 und genoß sie trotzdem.

 

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Für den nächsten Tag hatte ich mir etwas Besonderes aufgehoben: Silicon Valley. Aus meinem Börsenzeiten waren mir Namen wie Santa Clara und San Jose als Headquarters der himmelstürmenden Dotcoms bekannt (neben Jena natürlich). Und so stieg ich wieder in den Caltrain mit einer Fahrkarte nach Santa Clara. Aus dem Zugfenster entdeckte ich Laster mit half.com Werbung, die Website, welche mir meine Schulbücher für so wenig Geld verschafft hat im letzten Jahr. In Santa Clara ausgestiegen, durchstreifte ich einen blütenduftenden Campus mit einer schönen kleinen Kirche. Jeder Ort scheint hier eine eigene Universität zu haben. Und diese war besonders schön gelegen. Auf der Suche nach den Dotcoms aber trieb es mich weiter und ich kam in ein Wohngebiet, doch kein Dotcom weit und breit. Ich sah einen Mountainbike Shop und spazierte hinein. Mit meiner Bikevergangenheit und dem heimischen Fuhrpark bin ich immer für ein Schwätzchen gewappnet, und eine Diskussion über die Werte von Traditionsmarken wie Gary Fisher kommt schnell in Schwung. Langsam auf die Frage nach den Dotcoms hinarbeitend, erfuhr ich, dass die Sales an neureiche Manager nach der Börsenpleite im letzten Jahr dramatisch zurückgegangen sind. Vorher lief der Laden wie geschmiert mit all den teuren Bikes. Aber Dotcoms, so erfuhr ich, gibt es nur noch in San Jose. So wanderte ich also (den armen Verkäufer ohne Umsatz zurücklassend) zum Bahnhof zurück und fuhr nach San Jose. Doch auch dort fand ich nur ein kleines Städtchen und kostenlose Shuttles zu wenig interessanten Plätzen. Endlich fragte ich die Dame am Fahrkartenschalter und sie konnte nicht recht nachvollziehen, was ich in Silicon Valley wollte, es seien doch nur Offices. Weiß hier keiner, welche magische Bedeutung dieser Name hat? Wie viele Leute eine neue Welt erträumen auf der Basis dieser kleinen Siliconchips und der ihnen entspringenden Netzwerke? Wie viele Leute ihr Hab und Gut gewettet haben auf die Träume dieser neuen Welt und vorerst eine Niete gezogen haben? Starrköpfig erzwang ich eine Antwort auf meine Suche und saß in der Straßenbahn (Light Train) nach Cisco Land. Vorbei fuhr ich an den modernen aber nicht gigantischen Bauten all der großen bekannten Firmen. Es begann erstaunlicherweise mit einem Gebäude der Infineon, doch dies war das einzige deutsche Zeichen. Entlang der ewigen Straße zogen sich dann Internationals wie Canon, Hitachi, Sun und schließlich Cisco. Im Hintergrund die roten Bergketten, denn Silicon Valley ist wirklich ein Valley. High Tech mitten in trockener Wüste. Unterbrochen wurden die Offices von unbeendeten Apparmentkomplexen, der Silicon Valley Bank und ab und zu Schildern mit der Aufschrift „for lease“. Ich stoppte an der Tasman Road, wo sich Ciscos Gebäude ewig hinziehen. Zwar alles High Tech aber bisher noch kein Dotcom. Mussten wohl ihre Räume hier aufgeben. Ich stieg in eine andere Bahn und fuhr in Richtung Mountain View (nicht zu verwechseln mit dem Softdrink Mounain Dew). Wir passierten ein riesiges Westin Hotel und Kongresszentrum, welches das Intel Shareholder Meeting ankündigte – und ich dachte mit Bangen an die unbequemen Fragen, welche Manager in den diesjährigen Meetings zu beantworten haben werden. Plötzlich ein kleiner Flachbau: ehealthinsurance.com. Das ist doch was. Dann ein großes Gebiet mit Bungalows, wohl die Sommerwohnungen der Dotcommer. Und trotz des economic slowdown herrscht in Silicon Valley noch immer ein Bauboom: ein großer Glaspalast für YAHOO! hier und unzählige Appartments da. Investitionsplanungen sind wohl noch immer zu träge. Gegen Ende der Fahrt erreichten wir das Gelände von Rüstungsgigant Lockheed Martin, riesige Hallen und Parabolantennen hinter Stacheldraht und NASA Logo. Auf der anderen Seite ein Rummel mit Riesenrad und Achterbahn – gibt es etwa doch Jungmanager mit Kindern? Oder sind wir die Kinder...? Als ich all das sah, vor den zeitlosen hitzeflimmernden Bergen, in der eisgekühlten Straßenbahn, wurde ich aus all der Bewunderung herausgerissen vom Gedanken über die Energie, die hier von in unwirtliche Gegend gezwungener Existenz benötigt wird. Hunderttausende Menschen fahren täglich in die Offices, tausende Klimaanlagen kämpfen gegen die Sonne und wahrscheinlich hunderte Ärzte gegen die resultierenden Erkältungen. Doch wie magisch wurden Menschen und Kapital in den letzten Jahren in dieses Tal gezogen, wo sie eigentlich nicht hinzugehören scheinen. Wie wird es hier in 10 Jahren aussehen?

 

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Entgegen meiner Natur, doch angelockt von den aufregenden Schaufensterbildern, stattete ich dem San Francisco Shopping Center auf der Market Street einen Besuch ab. Im mehretagigen Nordstrom, einem Nobelkleidungsstore, bewunderte und bemitleidete ich nur kurz den Pianospieler, dem die Aufmerksamkeit und der Applaus eines richtigen Publikums versagt blieb. Bei Abercrombie & Fitch, der Marke für alle, die sich für sexy halten (und es meistens auch sind), tauschte ich grünes Plastikgeld gegen ein grünes Hemd ein. Nach einem Abstecher zu Body Shop, einer Firma, die wir an der Business School auseinandergenommen haben, folgte ich doch wieder meinem Anti-Shopping Naturell auf die Straße. Vor dem Marriot bemerkte ich ungewöhnliche Geschehnisse: einen Streik. Streiks eher mit dem sozialistischen Frankreich assoziierend, diagnostizierte ich mich auf der Seite der Arbeitgeber und konnte nicht verstehen, dass diese Leute ihre Firma derartig vor der Öffentlichkeit degradieren. Ich wäre wohl ein guter Angestellter, lieber aber ein Ansteller *gr*. Nach langer Busfahrt besichtigte ich die leider geschlossene, hypermoderne (well, irgendwie sind selbst die 70er noch immer modern in den Augen der Europäer) St. Mary’s Cathedral, welche die ältere deutschstämmige evangelisch-lutherische Kirche nebenan vollkommen in den Schatten stellt. Lutherisch ist mir in dem ganzen Jahr in den USA noch nicht begegnet. Etwas weiter westlich ist das Japan Center. Nachdem die Japaner viele Jahre eher zweitklassig behandelt wurden, hat man ihnen hier ein Shoppingcenter hingesetzt, welches allerdings bestenfalls einen drittklassigen Eindruck macht. Drinnen nur Gimmik und endlose Schaufenster mit meist verstaubtem Plastik-Japan-Food. Eine interessante Einrichtung der Restaurants, die dem Unkundigen hilft, all die Zaubereien aus rohem Fisch auseinanderzuhalten. Auf der Fahrt passierte ich ein riesiges Klinikgelände der Kaiser Permanente. Der normale Tourist wird dieses ignorieren, aber nach einem Semester Studium des amerikanischen Health Care Systems war es interessant, eine Health Management Organization life zu sehen. Und ich erinnerte mich an die lebhaften Diskussionen über das amerikanische (Un?-)Sozialsystem. Interessant ist auch, dass in Bussen und Bahnen viel Werbung mit Gesundheit gemacht wird, von der Arteriosklerosegesellschaft über Drogenawareness bis hin zu safer sex und AIDS. Am Abend nahm ich eine der historischen Straßenbahnen. San Francisco betreibt eine Linie mit vielen verschiedenen Modellen, gesammelt in aller Welt. So finden sich Straßenbahnen aus Boston, Hamburg oder auch Milano, inklusive italienischsprachiger Werbung für Pasta. Endstation ist im berühmten Gayviertel Castro. Bis auf ein paar Händchenhaltende und winzige Toyshops, welche von der Reeperbahn problemlos in den Schatten gestellt werden, gab es nicht viel zu sehen, und so lenkte ich meine Schritte ins Castro Theater. Ein uraltes Kino mit exotischen (meist europäischen) Filmen und einer originalen Kinoorgel, welche vor jeder Aufführung gespielt wird. Diese Minuten waren schon das Eintrittsgeld wert, es ist einfach wunderbar nostalgisch. Eben rosa Plüsch. Auch der Film war ein wahres Meisterwerk: The Secret of Picasso. Picasso erlaubte eine Kamera hinter seiner Leinwand und mit chemischen Tricks war es möglich, das Entstehen seiner Bilder nachzuvollziehen. Unglaublich beeindruckend. Atemberaubend, wie aus so scheinbar simplen Strichen die unverwechselbaren Formen entstehen. Und sonst eher ein Freund der Dresdner Romantik, lernte ich, in das einzudringen, was man zuweilen als den „Sinn“ eines Kunstwerkes bezeichnet. Ich wartete eine Weile auf die Bahn nach Hause und hatte viel Zeit, die Männer im Fitneßstudio zu beobachten, welche hinter großen Glasscheiben aus dem ersten Stock auf mich zuzuradeln schienen und sich doch nicht von der Stelle rührten. Ich dachte daran, dass ich bald wieder auf meinem Gary sitzen würde, durch die Parks Preußens fahren und frische Luft atmen.

 

San Francisco hat eine der größten Chinatowns weltweit und neugierig machte ich einige Schritte von meinem Hostel und war mittendrin. Überall bunte Schilder mit chinesischen Schriftzeichen (denk ich zumindest :), Lebensmittelläden mit fraglichen hygienischen Bedingungen und Klimbimläden mit Plastebadelatschen und Glasnudeln. Und natürlich wimmelte es von Chinesen. Ein lustiger Anblick. Ein besonderer Höhepunkt ist das Eintreffen eines Busses an den ständig überfüllten Haltestellen. Man glaubt kaum, welche geballte Kraft eine Gruppe von Omchen entwickeln kann aus Angst, nicht mehr durch die klapprige, manuell zu öffnende Bustür zu kommen. Denn bei aller Freundlichkeit gilt auch in San Francisco die eiserne Busnutzerregel: wer drin ist, hat keinen Grund durchzurutschen für die noch Wartenden. Etwas anders wurde mir allerdings, als ich einen Fischladen entdeckte, in dessen Plasteeimern sich Fische im schlammigen Wasser zu Tode quälten und noch lebende riesige Kröten in mehreren Schichten stapelten. Einige Tage später zappelten nur noch wenige. Gleich nebenan ein Fleischer, der gerade Lieferung bekam. Nur mit Mühe kann ich diese Zeilen schreiben und nur das Interesse überwand meinen Ekel beim Anblick des Beschriebenen. Zwei Kräfte, wie sie wohl auch im Medizinstudenten kämpfen, der einen Toten auseinandernimmt. Doch all dies ist Teil des menschlichen Lebens, nur haben wir Europäer das Glück, dass alles meist hinter verschlossenen Türen geschieht. Hier in Chinatown waren sie offen.

 

Die letzte Station in meinem Touristenscheckheft war das Museum der Legion of Honor. Weitab vom Stadtzentrum liegt es an der Westküste der Halbinsel inmitten eines Golfplatzes. Vor dem Museum eine Holocaust Gedenkstätte, drinnen auserlesene bildende Kunst vom Mittelalter an, besonders aber eine umfangreiche Rodinausstellung, die zweitgrößte nach dem Musée Rodin à Paris. Die lange Busfahrt (Busse in den Staaten halten alle Nasen lang für die trägen Menschen, was aus jeder Meile eine Weltreise macht) lohnt sich schon allein wegen des phantastischen Ausblickes auf die Bridge. Leider meinte ich, nicht bis zum Sonnenuntergang warten zu können. Es muß ein traumhafter Anblick sein, wenn die Abendsonne auf das leuchtende Rot scheint.

 

Muir Woods [top] [map]

 

Ich hatte alle wichtigen Sights in San Francisco abgewandert, und so entschloß ich mich, ein oftgehörtes Ziel in der Umgebung in Angriff zu nehmen: die Muir Woods mit den sagenhaft riesigen Redwood-Bäumen. Normalerweise kommt man da nur mit teuren Tagestouren hin, doch gemeinsam mit meinem Hostel-Reiseagenten ersann ich einen Weg, als sparsamer Studi zum Naturwunder zu gelangen. Ich startete vom Hafen auf einer Fähre nach Sausalito, auf der anderen Seite der Golden Gate Bridge. Wieder passierte ich die gespenstig scheinende Gefängnisinsel Alcatraz (spanisch für Pelikan), sah die Bridge in wieder neuem Licht und landete schließlich in einem kleinen Städtchen mit viel Grün. Ich nahm einen Bus in ein noch kleineres Städtchen, Mill Valley. In einer gerade öffnenden Kneipe fragte ich nach der Richtung, und die Inhaberin erklärte mir ausführlich den Weg, nachdem ich ihr versichert hatte, dass ich die 5 Meilen und 700 Stufen nicht scheute. Ich startete eine kleine Wanderung durch eine wunderbare Gegend. Mit jeder bezwungenen Treppe boten sich neue Blicke auf das Tal und schließlich die gesamte Bay. Einmal musste ich eine der vielen Joggerinnen mit Walkman und elektronischem Pulsmesser nach dem Weg fragen, doch dann war ich auf dem Gipfel, nur um von dort durch Wälder und Felder hinab zu wandern. Ein Schild empfahl, viel Lärm zu machen und damit gefährliche Wildkatzen zu verscheuchen – also Pfiff ich Variationen auf Bach, ferne Erinnerungen an meine Flötenzeiten. Einige Dollar leichter und wieder vereint mit den reisebusfahrenden Touristen, stand ich dann vor ihnen, den riesigen Redwoods. Es gibt mehrere Touren durch den Wald, der kurze Weg ist hoffnungslos verstopft mit Touristen und am schlimmsten sind die Italiener, die mit ihren lärmenden Gesprächen rücksichtslos jedwede Sinnlichkeit zerstören. Nach einer Abzweigung aber war ich allein mit der Natur, den kleinen Schachtelhalmwäldern und den riesigen Bäumen. Meist wachsen mehrere Stämme in einem Kreis, alte Bäume sind von mehrfachen Feuern hohl und schwarz. Ein kleiner Fluß bietet murmelnde Wasserfällchen. Wie ich dem Nationalpark-Faltblatt entnehmen konnte, ist der nächtliche Nebel der zweite wichtige Feuchtigkeitsspender, der damit diese Wälder an der californischen Westküste so einzigartig macht. Nach einem wunderbaren Tag fuhr ich an der Spitze des Schiffes (Titanic!-) der abendlichen Skyline entgegen.

 

Oakland [top] [map]

 

Den letzten Tag setzte ich mich wieder in den BART und fuhr nach Oakland, dem anderen Ende der riesigen San Francisco-Oakland Baybridge, deren mittlerer Brückenpfosten auf einer großen künstlichen Insel mitten in der Bay ruht. Während der Erdbebenzeiten ist die Stadt immer beliebter Zufluchtsort, sonst aber nur ein Nebensatz zum pulsierenden San Francisco. Dennoch erstaunte mich die an die Stalinallee erinnernde, großartige Architektur. Am Ufer des Stadtsees Lake Merrit entdeckte ich ein wundersames tempelartiges Gebäude und wurde darin prompt von einem Kostüm tragenden Mann ertappt. Willig erklärte er mir, dass ich in einer Freimaurerloge gelandet war, und ich erfragte alles, was man als zukünftiger Freimaurer so wissen muß. Seine Klage, dass der große Zustrom der Nachkriegszeit nun so langsam seinem physischen Ende zuging und kaum frisches Blut nachfließt, machte mich allerdings vorsichtig und ich las das karge Informationsmaterial mit eher wissenschaftlichem Interesse auf einer Bank am plätschernden Seeufer. Als mich die Stadterkundung zum Hafen führte, geriet ich da mitten in das jährliche Hafenfest und nach dem Ablaufen der wenig interessanten Stände und dem Gewinnen eines handtaschengerechten Minradios made in China landete ich auf der Festwiese, wo die Menschen zu der Musik eines Gospelchores klatschten und sangen. Nicht als Kunstaufführung, sondern als Gottesdienst. Und gleich daneben der Stand der Navy, die immer auf der Suche nach vaterlandstreuen jungen Männern ist. Der gewaltsam aussehende, muskulöse aufblasbare Gummi-Jack im Hintergrund hielt mich dann aber doch von einer Bewerbung ab. Zur Krönung gab es noch eine Flugschau mit wahrhaft atemberaubenden Kunststücken der bunten Rauch ausstoßenden Propellermaschinen. Und eine kostenlose Hafenrundfahrt, vorbei an den riesigen Kranen und der mehrteiligen Baybridge.

 

Abschied [top] [map]

 

Zurück in San Francisco erinnerte ich mich an den Vorsatz, die amerikanischen Headquarters meines ehemaligen Arbeitgebers Intershop zu besuchen, und so machte auf den Weg ins SoMa, das Gebiet südlich der Market Street. Es war Sonnabend, doch ich war guter Hoffnung, jemanden im Office anzutreffen, hatte ich doch nicht nur einen Hamburger Samstag im weichen Echtleder-Bürostuhl verbracht. Ich hatte Mühe, den Portier von meiner guten Absicht zu überzeugen, und als er mich endlich im Fahrstuhl begleitete, war doch keiner da. Naja. Zum Abschluß des Tages machte ich mich auf den Weg in den Club Universe, um das Partyleben San Franciscos auszukosten. Diesmal hatte ich einen Gratiscoupon und entkam den 15$ Cover Fee. Wieder war es heiß und brechend voll, hauptsächlich mit quirligen kleinen Asiaten. Wieder wurde es heiß und doch nicht gefühlvoll, und so war ich frei für den zweiten Teil meiner Reise, die traumhafte Inselwelt des Pazifik: Hawaii.

 

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