Rede anläßlich der Abiabschlußfeier
(24.6.94)



Liebe Mitschüler, liebe Lehrer, liebe Eltern und Gäste!

Anfang und Ende - beides in einem ist der heutige Tag. Er ist der absolut letzte Schultag und gleichzeitig der Beginn einer Zeit, in der wir uns alle als erwachsene Menschen bewähren müssen, ein jeder auf seine Weise. Und so möchte ich jetzt nicht nur melancholische Rückblicke wagen, sondern auch ein paar Gedanken äußern zu dem, was kommt. Denn die Schule ist kein abgeschlossenes Kapitel, sondern der sanfte Einstieg in ein sehr tief von der Geselllschaft geprägtes Leben.

Mit dem heutigen Tag endet formell eine Zeit, in der wir uns eine eigene Persönlichkeit entworfen haben, auch wenn diese nicht immer dem entspricht, was gemeinhin als optimal für die Zukunft angesehen wird. In der kommenden Zeit ist es an uns, die Erwartungen der Umwelt und unsere Vorstellungen zu vereinen, ohne uns selbst zu verlieren.

Für 12 Jahre war die Schule ein fester Lebensinhalt; Aktivitäten, Erfolge und Probleme waren lange Zeit hier angesiedelt. Viele unserer Bekanntschaften begannen in diesem Zentrum des gesellschaftlichen Lebens. Und so ist das Ende der Schulzeit schon ein tiefer Einschnitt, ein jeder von uns muß eigene Wege finden, neue Bindungen suchen, nachdem die Führung durch Eltern und Erzieher nun fast beendet ist. Eine große Freiheit haben wir jetzt, und wir sollten genau überlegen, wogegen wir sie eintauschen.

Auf jeden Fall werden wir Mensch unter Menschen sein, uns mit anderen zusammen- und auseinandersetzen können. Uns dazu zu befähigen, das war - so glaube ich - neben der reinen Wissensvermittlung ein Hauptziel der Schule. Ob es erreicht wurde, wird sich noch zeigen; ich bin aber optimistisch, denn wir waren nicht bequem, haben uns nicht auf den Stoff allein beschränkt. Und da die Schule für uns oft zu einer Symbiose von Lernen und Miteinander-Leben wurde, werden wir uns - mit Recht - oft an diese Zeit erinnnern.

Unsere Aktivitäten forderten manchmal ein hohes Maß an Toleranz. Wenn ich zum Beispiel an die Ausgestaltung des Zimmers 138 denke, so muß ich im nachhinein die Geduld bewundern, mit der uns Standpunkte und Entscheidungen plausibel gemacht wurden. Ich möchte danken für die Offenheit, mit der unseren Ideen begegnet wude, danken auch für die Hilfe, die uns im Rahmen des Machbaren von Seiten der Direktion und Lehrer zuteil wurde; nur so konnten Vorhaben wie der letzte Schultag realisiert werden.

Je älter wir wurden, desto offener wurde aber auch der Gedankenaustausch von Mensch zu Mensch, das Rollenspiel Lehrer - Schüler trat in den Hintergrund; zugunsten einer Partnerschaft, die uns die Möglichkeit gab, eigene Gedanken zu vertreten und persönliche Erfahrungen der Lehrer kennenzulernen, die Lehrer hoffentlich manchmal herausforderte weiterzudenken, sie mit Neuem konfrontierte.

Unser Weg durch die Schule war sehr vielgestaltig, nicht so glatt wie früher und nicht so bestimmt wie jetzt wieder. Nachdem wir acht Jahre lang wohlbehütet die DDR - Schule durchlaufen hatten, standen wir auf einmal vor etwas Neuem. Es begann die experimentelle Phase: Leistungsklassen und Kurssystem verlangten viel Anpassungs-, Improvisations- und Lernvermögen, doch gemeinsam mit allen Betroffenen haben wir auch unter diesen, neuen Bedingungen einen guten Weg gefunden. Und dabei haben wir nicht vergessen, daß zum Schulleben auch Kultur und Sport gehören; trotz ihrer vollen Stundentafeln fanden die Lehrer Zeit für Musikalisch-Literarische Abende, Chor, Orchester, verschiedene Theatergruppen, Pfefferkuchenturniere und viele andere Veranstaltugen, die das Klima in unserer Schule entscheidend geprägt haben. Und ich hoffe, daß Schüler wie Lehrer auch in Zukunft dieser Seite des Schullebens so große Bedeutung beimessen werden.

Ich glaube, wir haben gute Voraussetzungen, nicht unterzugehen in der Gesellschaft, sondern als Individuum Müssen und Wollen vereinen zu können. Vor uns steht ein neuer, großer Lebensabschnitt, der aber nicht nur lang, sondern auch tief werden soll. Und dazu ist es nötig, aufrecht Mensch zu sein, sich Gedanken zu machen über das, was ringsherum geschieht, Positionen zu beziehen und diese auch zu vertreten, nicht mit dem Kleinen zufrieden zu sein, sondern den Blick auf das Große gerichtet zu haben.

Und dazu wünsche ich uns allen die nötige Kraft.

Danke.