Essays zu Phänomenen der Existenz


Teil 4

Vom Ältern

Was ist der Unterschied zwischen Erwachsenwerden und Älterwerden?
Ersteres klingt positiv, letzteres so wie absteigende Kurve.


1. Ältern und (s)ein Lebensziel

In jedem Alter kann man Neues und Wichtiges erleben, immer theoretisch mehr als praktisch möglich ist. Warum also ist man unzufrieden mit dem Altwerden? Weil die Zeit, die man noch hat, um etwas zu tun, etwas Gutes und Zufriedenstellendes zu tun, immer kürzer wird. Die Zeit, in der man noch was anderes machen kann als das Momentane. Wichtig ist das sogenannte Erleben; man will viel erleben. Wofür, für den Augenblick? Wenn nicht, dann auch für die Erinnerung, für die Ansammlung von Erreichtem sozusagen. Und dafür ist das Älterwerden nun gerade wieder Voraussetzung.

Wenn also ein Mensch unzufrieden darüber ist, daß er Älter wird (ausgeschlossen körperliche und geistige Schwäche, s.u.), so vielleicht deshalb, weil er erkennt, daß die verronnene Zeit nicht optimal genutzt wurde, wobei optimal noch keinen Rückschluß auf die Art der Nutzenfunktion zuläßt, die dahintersteht. Was auch immer der Mensch sich vorgenommen hat, er muß selbst einschätzen, wie nahe er dem Angestrebten gekommen ist. Ist diese Bilanz eher negativ, dann bedarf es einer Zeit, den Kurs zu ändern, und genau dann ist Zeit immer zu wenig, mithin das Älterwerden mit vorrangig negativen Aspekten behaftet. Aber nicht nur die schrumpfenden Chancen, Dinge anders zu machen als bisher, auch die (scheinbare) Überflüssigkeit des bisher Getanen, die Abwertung der eigenen Leistung.

Wenn aber der Weg als richtig eingeschätzt wird, dann wird Alter als Reife und Erfahrung bezeichnet, eben weil als wertvoll geschätzte Dinge sich angesammelt haben und einen Wert darstellen. Und dann wird das zahlenmäßige Alter auch nicht als Restriktion für den Erfolg angesehen, sondern eher parallellaufende Zahl. Auch hier ist Erfolg wieder eine Definitionsfrage.

Welchen Stellenwert nimmt eine Zieldefinition dabei ein? Im Idealfall erfolgt eine Handlungsbestimmung aufgrund der gesteckten Ziele, so diese zumindest in gewissem Grade als die eigenen angenommen wurden und nicht nur an den Betreffenden herangetragen und vielleicht von ihm als gegeben angenommen. Bequem scheint ein Ziel einerseits dann, wenn es möglichst konkret ist und damit der Weg sich fast schon zwangsweise ergibt. Je langfristiger das Ziel aber angelegt ist, desto vielfältiger sind die Möglichkeiten, es zu erreichen, desto länger kann anhand dieser Zielerreichung gemessen werden, verschont von ständiger Neudefinition und Zielverwerfung.

Einige Probleme aber kann gerade ein langfristiges Ziel hervorrufen dann, wenn es als falsch erkannt wird, das bisher auf diesem Wege Erreichte fast zwangsläufig entwertet. So nicht der Weg als Ziel und damit einen eigenen Sinn darstellend angesehen wurde, steht man nun wieder am Anfang mit dem Nachteil eben jener schon weiter fortgeschrittenen Zeit, das Älterwerden mithin wieder als einschränkendes Geschehen.

2. Das Ältern des Körpers

Die Merkmale aber, an denen Älterwerden wohl am häufigsten festgemacht wird, sind die körperlichen. Nicht erst die typischen Alterskrankheiten wie Rheuma und Sehschwäche sind damit gemeint. Wenn ein ehemaliger Diskogänger feststellen muß, daß schon früh um drei seine Zeit gekommen ist, eine durchgemachte Nacht unterdessen erhebliche Kopfschmerzen bereitet, dann ist das fortschreitende Alter ein nicht zu verwerfender Hauptgrund. Nun gibt es hier aber glücklicherweise eine gewisse Parallelentwicklung, so daß mit dem körperlichen Unvermögen auch eine Umorientierung der Bedürfnisse geschieht, die zu einer meist problemlosen Wandlung zum Erwachsenen führt, der den Abend dann eher in gemütlicher Runde mit Gleichgesinnten verbringt.

Nun gibt es aber auch körperliche Merkmale, die mangels derartiger Anpassung durchaus als schwerwiegender empfunden werden. Erste Anzeichen sind Bauchfalten und eine schlafferwerdende Haut. Sowas kratzt an der Selbstachtung, vor allem, da es - zumindest in der Vorstellung - dem makellosen Menschenbild unserer Gesellschaft nicht entspricht, und der Betroffene fühlt, aus dem Kreis der Jugendlichen, Frischen ohne die Möglichkeit irgendeiner Gegenwehr ausgeschlossen zu werden, sich selbst zuerst auszuschließen, durch eben jene Konstatierung. Jeder sieht um sich herum eigentlich nur "normale" Menschen, doch willentlich wahrgenommen wird doch eher der seltene Sonderfall, der nun eben doch diesem Idealbild entspricht. Die Folge ist eine Unzufriedenheit mit sich selbst, weil man nun einer der zigtausenden Unwürdigen zu sein scheint. Das Älterwerden, nun eben der Auslöser jener unerwünschten und mit allen Mitteln der unwirksamen heutigen Industrie bekämpft, wird also mithin gleichgestellt einer Abwertung der eigenen Person in dem geistigen Teil der Gesellschaft, welcher nicht nach Geist sondern Körper fragt. Und diesem Teil kann man sich nun gerade deshalb schwer entziehen, weil er in einem selbst tief drinsteckt, und man ja bei vertauschten Rollen durchaus nicht weniger anspruchsvoll ist. Vielleicht ein Grund für die Aussichtslosigkeit so manchen Zweisamkeitsversuches. Die Beurteilung nach dem in der Regel härtesten Kriterium, welches späterhin als durchaus zweitrangig angesehen würde, wenn anderes nur zum Tragen gekommen wäre.

3. Das Ältern des Alters

Letzterdings nun das Ältern als dynamischer Prozeß, der einfach verschiedene Entwicklungsstufen umfaßt. Zeiträume, die freilich keine periodengerechte Zuordnung zulassen, wohl aber schon grob als ebensolche Empfunden werden. Darin liegt an sich noch nichts Negatives. Wenn der Counter vorn eine Zwei zeigt, dann ist das Leben längst nicht zu Ende, fakt ist aber, daß das Erlebte nun eben von einem Twen erlebt wird. Anfangs - frei nach dem altbekannten Motto - vielleicht noch gefühlsmäßig vom Alten. Keiner kommt jedoch um die Erkenntnis, sich entwickeln zu müssen. Und je freudiger die jeweils neue "Stufe" bestiegen wird, desto intensiver kann man sie erleben. Das Unwirklichwerden der vorigen wird sich nicht von Gegenwehr aufhalten lassen. "Carpe diem" also, weil es diesen dies morgen nicht mehr gibt.

Nun kann der Rückwärtslaufende auch und gerade in diesem Fortgang der Zeit das Schwinden seines (Er)-lebnispotentials zitternd wahrnehmen. Und nur er hat recht damit.