Kopenhagen (19.7.-26.7.2003)
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Auf dem Rückflug vom
sommerlichen Heimaturlaub machte ich stop in Kopenhagen. Diese Stadt war
zufällig gewählt, einfach deshalb, weil Scandinavian Airlines den billigsten
Flug angeboten hatte und über Kopenhagen nach Amerika fliegt. In Berlin setzte
mich meine Family also in eine Propellermaschine und ich ratterte in nur 50
Minuten in den Norden. Diese Gegend war für mich bisher immer noch ein weißer
Fleck geblieben, hatte ich doch bei längerer Freizeit meist überseeische Ziele
gewählt. Schon im Flieger wurde ich auf meinen Aufenthalt vorbereitet, die
Stewardessen waren europäisch jung (in den USA meist ältere) und nordisch
blond. Die Ansagen in Dänisch waren für mich unidentifizierbar, nicht nur
kannte ich kein einziges dänisches Wort, es war mir sogar fast unmöglich, ein
Wort vom anderen zu unterscheiden. Beim Landeanflug sah ich unter mir das Meer
mit weißen Segelbooten in der Sonne scheinen und als unser Vogel aufsetzte,
klatschte doch tatsächlich eine einsame Urlauberseele...
Ich kenne in Kopenhagen
ein paar Leutchen und so konnte ich den Bus vom luxuriösen parkettgepflasterten
Flughafen in die Stadt vermeiden –
ich wurde abgeholt. Nachdem ich mich in meinem Zimmerchen eingenistet hatte,
machte ich mich mit meinem Bekannten Danni auf eine erste Stadterkundung. Wir
fuhren mit der neuen fahrerlosen Metro
(in der natürlich jeder vorn sitzen will) auf in die Innenstadt und stiegen auf
dem Kongens Nytorf ans Tageslicht.
Dieser Platz ist der größte in Kopenhagen und beherbergt nicht nur die alte Oper, sondern auch ein großes
Reiterstandbild von König Christians V. sowie viele schöne alte Gebäude. Auf den Bänken ruhen sich die
Touristen und shoppingmüden Einheimischen aus. Höchstwahrscheinlich haben sich
beide gerade den Strøget entlanggekämpft, die vollgestopfte Einkaufsmeile Kopenhagens. Hier
versorgte ich mich erst mal mit dänischen Kronen, eine Mehrheit der Dänen hatte
bei einer Volksabstimmung gegen den Euro gestimmt. Und so kann sich dieses
Völkchen nun also seine Identität bewahren und die Touristen können sich die
Münzen mit Loch um den Hals hängen. Besser natürlich anläßlich des „UDSAL“
(etwa: Angebot/Schlußverkauf) in einem
der Läden lassen... Wir wollten uns erst einmal einen Überblick verschaffen und
erklommen dafür den „Runden Turm“, ein ehemaliges Observatorium. Von oben bietet sich ein
schöner Blick über die Stadt mit
ihren Schloßtürmen und dem Wasser am Horizont oder auch ein Stück dänische Gemütlichkeit. Überall in der Stadt
wimmelt es von Touristen, die Deutschen konnte ich selbst an der Sprache
erkennen, auf die Schweden wies mich Danni hin. Sie sehen noch nordischer aus
als die Dänen (d.h. noch blonder und urlaubsbraungebrannt) und fallen in
Dänemark regelmäßig per Schiff oder neuer Öresund-Brücke zum Alkoholhamstern
ein. Während sie also hier her kommen, um den hohen Alkoholsteuern in Schweden
zu entgehen, machen sich die Dänen wiederum auf den Weg nach Deutschland...
Auffällig auch eine neue Art der Mode für Männer, 4/5-lange weiße
Schlabberhosen und pastellfarbene Badeschuhe sind hier bei einigen „in“. Die
breite Masse aber trägt die europäisch engen Jeans, eine Mode, die ich fast
schon zu schätzen verlernt hatte in meiner Zeit im Khaki-Hosen Amerika.
In der anderen Richtung
schließt sich der Nyhaven an den Kongens Nytorv an. Der neue Hafen ist ein
wunderschöner Kanal, an dessen Ufer
sich eine Kneipe an die andere reiht. Und natürlich fließt hier das Bier in
Strömen, besonders bei schönem Wetter. In die bunten Farben der Häuser mischt
sich dann vor allem das Grün der Bierflaschen
mit Aufschriften wie Tuborg oder Carlsberg. Carlsberg hält über 70% des Marktes
– dafür scheint aber auch die halbe Stadt vom Carlsberg-Clan gesponsert worden
zu sein. Oder von Reeder Møller. Was nicht Kneipe ist, ist Hotel, und einige
der exklusivsten befinden sich in den alten Speichergebäuden des Hafens. Wer sich
vor einer alkoholbedingten Einbuße der
Sehfähigkeit bewahren konnte und weiter nach Nordosten schleppt, der
gelangt schließlich zum Schloß Amalienborg. In den vier Palais wohnt die
königliche Familie, die schon seit 1972 von Margarete II angeführt wird. Eine
Ecke weiter schließt sich die Marmorkirche an, ein ambitionierter Bau, der im
18. Jahrhundert fast zum Bankrott der Krone geführt hätte. Das Bild wird komplettiert von den
berühmten königlichen Wachen, die
sich ständig von aufdringlichen Touristen ablichten lassen müssen... Ganz zum
Spaß sind sie aber nicht da, wie ein erschrockener Tourist feststellen mußte,
als er sich doch mit seinem müden Hintern auf einem Vorsprung des königlichen
Palais niederlassen wollte. Quer über den Platz wurde er unter der Pelzmütze
hervor angebrüllt.
Am zweiten Tag machten
wir mit Elterns Auto einen Ausflug nach Roskilde, etwa 30 km westlich von
Kopenhagen. In der Kathedrale dieser Stadt sind die Könige Dänemarks beigesetzt
und Dank Dannis Geschichtsinteresse sah ich nicht nur die Entwicklung der Sarkophargmacherkunst über die letzten
800 Jahre, sondern erfuhr auch, wie viel Mord und Totschlag es innerhalb der
königlichen Familie gab, und wie sich die nordischen Staaten ständig
gegenseitig das Leben schwer gemacht haben. Wenn ich mich recht besinne, hat
der Norden im Geschichtsunterricht bei uns nie eine große Rolle gespielt.
Vielleicht hab ich das aber auch nur wie alles andere aus meiner Schulzeit
vergessen :-(. Das Städtchen ist auch sonst ganz gemütlich, und wie schon in
Kopenhagens Vorgärten stößt man überall auf Malven. Die zweite Station in Roskilde
war das Vikinger-Museum direkt am Roskilde Fjord. Auf der Freifläche kann man
der Restauration eines Langschiffes beiwohnen, drinnen sind die Überreste
gesunkener Schiffe zu bewundern, zusammen mit einer Ausstellung über das Leben
und Metzeln der Vikinger. Für die verspielten unter den Besuchern gab es auch
die Möglichkeit, seinen Namen in Runenschrift zu schreiben, oder sich im
Vikinger-Kostüm fotographieren zu lassen. Jetzt bereue ich, daß ich mich dafür
zu alt (oder zu jung?) gefühlt habe... Besonders eindrucksvoll war der Blick
aus dem Museum durch die riesige Glasfront auf den Fjord.
Zurück in Kopenhagen
erkundeten wir die Ecke um den Rathausplatz.
Über dem Rathauseingang glänzt der Stadtgründer Absalon (1128-1201) und
beobachtet, wie sich die Massen aus dem Strøget auf den Platz ergießen. Dort verweilt man entweder
auf einer der vielen Bänke und beobachtet andere Leute, lauscht abends den
Mexikanern mit ihren Panflöten, genießt an einem der vielen Hotdog-Stände ein Würstchen (die
original dänischen sind erschreckend Chemie-Rot), oder macht sich auf zum Tivoli, dem berühmten Vater aller
Vergnügungsparks. Wir verschoben das Karussellfahren auf den nächsten Tag und
wanderten weiter zum Hauptbahnhof, der mit seiner großen Holzkonstruktion einen
ganz eigenen Stil hat. Am Bahnhof
holte uns Dannis Freund ab und wir fuhren ins Kino. Als ich für 8 Euro meine
Karte gekauft hatte und wir im Saal Platz genommen hatten, fragten sie mich
grinsend, ob ich denn überhaupt Dänisch verstünde... Ich konnte ein erschrecktes
Gesicht nicht vermeiden, doch dann besann ich mich, daß hier die Filme im
Original gezeigt werden mit dänischen Untertiteln. Synchronisation lohnt sich
nicht für 5 Millionen Einwohner. Ein angenehmer Nebeneffekt ist, daß fast jeder
Mensch fließend Englisch spricht, meist neben mehreren anderen Sprachen. Ganz
zu Hause fühlte ich mich dennoch nicht, ist das English hier doch meist
britisches Englisch, dessen Aussprache mir manchmal recht awkward vorkommt :-).
Das Wetter hat mir keinen
Grund zu Klagen gegeben, bis auf einen Regentag war es sehr sonnig und warm. So
konnten wir zurück zu Hause auch in den Pool hüpfen, den sich die beiden mit
ihrem Häuschen zugelegt hatten. Bei Kaffee, Whiskey und Kartenspiel wurde dann
über das skandinavische Sozialmodell diskutiert und die Nacht nur eine halbe...
Ein weiterer Ausflug
stand auf dem Programm: Schloß Kronburg in Helsingør, 50 km nördlich von
Kopenhagen am Øresund (das Ø wird normalerweise wie Ö ausgesprochen). Ich hatte
mir eine Fahrt entlang der Küstenstraße erbeten wegen des schönen Wassers und konnte mir Fotos aus dem
Fenster nicht verkneifen. Von da an wurde ich nun ständig mit „oh see, water –
you gotta take a picture!“ geneckt. Aber das erträgt man gern. Zwischen
Helsingør und dem benachbarten Helsingborg in Schweden besteht reger
Fährverkehr. An den Anlegestellen stehen große Stapel von Bierkisten, und die
sich darum scharenden Blondschöpfe wurden von meinen Begleitern mit einem
abfälligen „Schweden“ kommentiert. Wir kümmerten uns weder um Bier noch
Schweden und machten uns auf den Weg zum Schloß, welches sich schon von der
Ferne mit seinem kupfergrünen Dach angekündigt hatte. Durch den Torbogen
erblickte ich ein Stück von seiner Schönheit,
die jedoch erst vom Ufer aus so richtig zur Geltung kommt. Da kann die dänische
Flagge (genannt Danebrok) mit
berechtigtem Stolz im Winde wehen. Im Schloß finden jährlich Aufführungen des
Hamlet statt, Shakespeare hatte sein Stück hier angesiedelt und so gibt es
keine authentischere Kulisse. Innen herrscht eher Bescheidenheit. Am reichsten
ist die Schloßkapelle ausgestattet, deren Holzbänke mit nackten Dänen und dem
Nationalvogel Schwan geschmückt sind
(man denke an H.C. Andersens „Häßliches Entlein“). Stolz schwillt die deutsche
Brust, wenn man entdeckt, daß die königliche Sprache hier lange Zeit Deutsch
war (so wie in Deutschland eher Französisch als vornehm angesehen wurde...).
Aus dem Turmfensterchen kann man die riesigen Alkoholfähren beobachten und in den
Katakomben sitzt der Beschützer Dänemarks, Holger Danske, um seinem Land im
Notfall gegen Feinde beizustehen.
Für den Abend hatten wir
uns den Tivoli vorgenommen und bald stand ich also mitten im Trubel. Anders als
die großen Disneylands und Heideparks unserer Tage überzeugt der Tivoli nicht
mit gigantischen Konstruktionen, sondern einem fast schon romantischen
altertümlichen Flair und einer Fülle von Blumen und Wasser. Es gibt fast keinen
Fastfood, sondern man setzt sich in eines der noblen Restaurants, am besten
natürlich den China Tower.
Alternativ kann man sich auf dem Piratenschiff
niederlassen oder – so man sie nicht vergessen hat – seine Bemmen auspacken und
verspeisen, während die Pfadfinder ein Konzert
geben. Wir haben uns zur Feier des Tages für ein chinesisches all you can eat –
buffet entschieden und ich konnte mir an der Schießbude trotz leichten
Völlegefühls (besser den Magen verrenkt als dem Koch was geschenkt) einen
kleinen Teddy erschießen. Trotz der wenigen wirklich aufregenden Attraktionen
wimmelt es im Tivoli von Jugendlichen,
wahrscheinlich auch, weil es auf dem Inselchen keine Alternativen gibt. Oder
ist es, weil er dem Carlsberg-Konzern gehört?
Gegen Abend entschlossen
wir uns dann zu einer Fahrt mit der Achterbahn und – als Höhepunkt – dem freien
Fall. Letzterer startet an der Spitze des „Goldenen Turmes“ von wo aus man auch
einen schönen Blick über die Stadt hat. Als sich dann zwar erwartet aber doch
im konkreten Zeitpunkt unvorhersehbar der Sitz unter mir scheinbar in Nichtsf
auflöste, konnte und wollte ich mir ein stilles „Oh my god...“ nicht verkneifen.
Ein wirklich irres Gefühl in der Magengengend, welches man sonst vielleicht nur
beim Fallschirmspringen ohne Schirm hat... Wir aber kamen (viel zu schnell)
wohlbehalten unten an und konnten so noch die Abschlußshow miterleben, bei der
kurz vor Toreschluß um 11 der ganze Tivoli mit bunten Lichtern und Lasershows erstrahlt.
Am nächsten Tag zog ich
um ins Copenhagen sleep-in Hostel, weil elterlicher Besuch das Gästezimmer in
Beschlag zu nehmen plante. So verabschiedete ich mich dankbar von meinen
Gastgebern und erkundete alte und neue Ecken Kopenhagens auf eigene Faust. Fast
jeder Stadtgang führt über den Strøget, wo sich nicht nur russische
Balalaika-Spieler, sondern auch Sprayflaschen-Maler, Karikaturisten,
Wasserglasmusiker, Akrobaten und sonstiges Volk verdingen. Ab und zu bekommen
sie sogar ein Klatschen von den Zuhörern oder Zuschauern. Fast schon nervig die
Verkäufer von kleinen Mundstücken, mit denen man Vogelstimmen nachmachen
kann... überall zwitschert und quietscht es. Ab und zu jagt ein Hund einem Ball
hinterher, und alles scheint hier angenehm locker zuzugehen, böse Worte gibt es
nicht. Bettler hab ich übrigens nur ganz wenige gesehen – auf der Straße lebt
man imdänischen quasi-Sozialismus nur, wenn man will... Die gemütlichsten
Plätze sind auf den Rändern der Brunnen,
und wem die Füße weh tun, der kann sich von einer der vielen Fahrrad-Rikschas durch die Gegend
fahren lassen. Die meisten Kopenhagener haben jedoch ihr eigenes Fahrrad, und
Autos sind hier klar in der Minderzahl. An den Ampeln bilden sich regelmäßig
große Trauben von Radlern, die dann
im Pulk auf den breiten Radwegen bis zur nächsten Kreuzung ziehen. Auch die Beschilderung nimmt Radfahrer ernster
als in Deutschland. Wer kein eigenes Rad hat, kann sich gegen 20 Kronen Pfand
(nach dem Einkaufswagen-Prinzip) ein City-Bike ausleihen. Davon gibt es 2000
Stück in knalligen Farben, und die Radständer
dafür sind überall in der Innenstadt verteilt. Die Räder sind ziemlich einfach;
ohne Licht und mit nur einer Rücktrittsbremse ausgestattet, wurde es mir doch
manchmal recht mulmig und ich fragte mich, ob die Stadtväter das mit der
Polizei (Politi) hier abgesprochen hatten. Die Räder haben keine Speichen
sondern ein Scheibenrad, so daß sich auf den Brücken der Stadt ein Windstoß
schon mal in einem kleinen Adrenalinstoß verwandeln kann. Die Räder versprechen
außerdem noch andere Überraschungen. Ich parkte mein erstes nur für einige
Sekunden, um eine der vielen kostenlosen Toiletten
der Stadt zu benutzen, doch als ich wiederkam, hatte ein Schlawiner es doch
brav am nächsten Fahrradständer angeschlossen und den Pfand kassiert. Als ich
mein zweites am nächsten Tag wieder anschließen wollte, stellte ich fest, daß
irgendwann jemand meine Pfandmünze aus dem Kästchen am Lenker rausgebrochen
hatte. Aber 20 Kronen „Miete“ pro Tag (3 Euro) sind immer noch wenig für ein
Radl. Anspruchsvoller sind da natürlich die Radkuriere, die hier richtig
organisiert scheinen und als grüne Blitze durchs Sichtfeld rasen, wenn man sie
nicht an einer Ampel einfängt.
Ampeln werden in Kopenhagen übrigens peinlichst beachtet, weder Fußgänger noch
Radfahrer mißachten ein rotes Stopplicht, auch nicht bei leerer Straße oder in
der Nacht. Außer natürlich, sie sind Deutsche oder betrunkene Schweden ;-).
Meine Verpflegung habe
ich an diesem Tag auf Selbstversorgung umgestellt, die dänischen Hotdogs hatte
ich allmählich satt, und McDonalds verlangt freche Preise. Also tat ich was für
den Reeder Møller, dem die Supermarktkette NETTO gehört, und der – wie schon
oben erwähnt – überall in der Stadt seine Spuren hinterläßt. Sei es dadurch,
daß er etwas Farbe in die
Stadtkanäle bringt oder der Stadt ein neues Opernhaus schenkt. Mein Vollkornbrot
kombinierte ich dann wahlweise mit tyske Mortadella (Deutsche Mortadella mit
Pistazien) oder dänischem Camembert, zum Dessert gabs Gummibären oder
Orangencreme-Bisquitrolle :-). Zu trinken gab es Wasser, welches hier so gut
schmeckt, daß ich es nicht nur aus Geiz den Alternativen vorziehe. So
ausgerüstet ließ ich mich in einem der vielen schönen Parks oder auf einer Rathausbank
nieder, um die Stadt oder die Kopenhagener und ihre Gäste zu beobachten. Einer
dieser Plätze war der botanische Garten, der zwar nicht besonders groß ist,
aber einige schöne Eckchen und ein rostig-romantisches Palmenhaus zu bieten hat. Im Palmenhaus findet sich
an gewohnter Stelle (wie in fast allen Palmenhäusern, die ich kenne) über der
Tür eine Vanilleliane und ein angenehmer Zitronenduft erfüllte die mediterrane
Abteilung. Ich sah einige Pflanzen wieder, die fast schon aus meinem Leben
verschwunden schienen, sei es die schreckhafte Mimose oder die mich an
Moritzburg erinnernde Binse.
Schmecken tuts auch auf
dem Assistens-Friedhof im Stadtteil Nørrebro gleich neben meinem Hostel, wo mir
neben Radfahrern und Joggern auch Hans-Christian Andersen und Søren Kirkegaard
Gesellschaft leisteten. Es wunderte mich kaum noch, daß die Wege des Friedhofs
zuweilen mit Kronkorken und Bieretiketten geschmückt waren... Eine schöne Aussicht boten auch die Bänke vor dem
Søpavillion an dem Kanal, der die Innenstadt nach Westen abtrennt von meinem
neuen Wohnviertel Nørrebro.
Richtig Märchenhaft ist
Schloß Rosenborg, in dessen Park
sich halb Kopenhagen zu sonnen scheint. Vor dem Eingang wieder zwei der
königlichen Garden und drinnen einige schöne Räume. Atemberaubend die
Kronjuwelen mit der unglaublich filigranen Krone Christians IV von 1596.
Insgesamt gab es bisher 10 Christians, und an vielen königlichen Gebäuden
finden sich deren Zeichen, ein C mit der entsprechenden Zahl in der Mitte. Wenn
Wolken aufziehen, kann das liebliche Schlößchen Rosenborg auch etwas Mystisches annehmen...
Das dritte Schloß der
Stadt (neben Amalienborg und Rosenborg) ist Christiansborg, wo sich heute das
Parlament und die königlichen Repräsentationsräume befinden. Von außen ist das
Schloß eher langweilig, und man
fragt sich, warum es nach dreimaligem Abbrennen immer noch nicht geglückt ist.
Innen aber eine recht prächtige Ausstattung, die man nur mit Führung und in
Schloßpantoffeln besichtigen kann. Bei der Erklärung der dänischen Flagge, die
angeblich die älteste Staatsflagge der Welt ist, wies die Führerin darauf hin,
daß man sie überall sehen kann und die Leute sehr stolz darauf seien. Man solle
dies allerdings nicht als Nationalismus verstehen, fügte sie wohl mit Blick auf
die eher flaggenallergischen deutschen Besucher hinzu. Wenn ich mir das so
überlege, dann ist die Einstellung in Dänemark wohl gerade richtig; während die
Amis die Flagge inflationär verwenden und bedeutungslos machen, wird man in
Deutschland wohl gleich als Neonazi gebrandmarkt, wenn man sie sich ins Fenster
hängt... Gleich neben Christiansborg befinden sich das exotische alte Börsengebäude und die königliche
Bibliothek, deren altes Gebäude durch einen modernen Anbau erweitert wurde. Der
schwarze Granit verhalf ihm zum Namen „Black Diamond“, und direkt am Ufer
gelegen ist er ein sehr markanter Bau.
Innen bietet sich ein grandioser Anblick
und nicht zuletzt kostenloses Internet. Nach einem Xten Gang über den Strøget quer durch die Innenstadt
gelangt man von Christiansborg zur kleinen Meerjungfrau im Norden der Stadt.
Ich war gewarnt worden, daß sie eher winzig ist, aber size doesn’t matter. Ich
erwischte sie gerade noch bei einem Bad in der Abendsonne und ich war mir nicht
recht sicher, ob ich sie bemitleiden sollte – vor sich japanische Kameralinsen, hinter sich Touristen-,
Kreuzfahrt-, Container- und Kriegsschiffe. Kein Wunder, daß sie sich nicht mehr
von ihrem Steinchen ins vollgeschiffte Wasser bewegt und vielleicht auf einen
erlösenden Märchenprinzen wartet. Vielleicht
vermutet sie den ja in den Kasernen des benachbarten Kastells, die heute jedoch nicht mehr
von romantischen Soldaten, sondern zahlkräftigen Mietern bewohnt werden.
Wenn man es schafft,
zeitig aufzustehen, kann man sich in Kopenhagen täglich ein beliebtes Spektakel
ansehen. Um 11.30 machen sich die königlichen Wachen von den Kasernen bei
Schloß Rosenborg auf nach Amalienborg, um dort einen Wachwechsel zu vollziehen.
Der Start wird von schaulustigen Zaungästen geduldig erwartet und ein Troß von
Kindern und Touristen folgt der Truppe durch die Straßen der Innenstadt. An den
Ampeln warten auch die Königlichen,
allerdings nur, nachdem der Führer dies mit einem Urschrei befohlen hat.
Angesichts der soldatischen Milchgesichter war ich fast erstaunt, daß dies
nicht im Sopran erfolgte. Schlag zwölf zogen wir auf dem Platz von Schloß
Amalienborg ein, wo eine Touristenmasse uns erwartungsvoll empfing. Die Spannung löste sich bald
und schlug um in Langeweile, nachdem die Wachwechselzeremonie sich ewig hinzog
und insgesamt recht bewegungslos ablief. Da blieb mir nichts, als meinen
Voyeurismus auszuleben, und den armen Kerls näher auf die Pelzmütze zu rücken – und mich zu fragen, ob man
hier schon nach der 8. zum Bund muß. Leid taten sie mir bei der Hitze mit ihren
dicken Pelzmützen, und so beschloß ich, mich zum Freibad aufzumachen. Dieses hatte ich
beim Radeln über die Lange Brücke gleich darunter entdeckt und stürzte mich nun
freudig ins Wasser, darauf vertrauend, daß die dunklen Fluten so dreckig doch
nicht sein können, wenn so viele Leute drin rumschwimmen. Fragwürdige Logik,
ich weiß. Doch das salzige Wasser (in einem Arm des Øresund) war erfrischend
und der Ausblick von meinem Liegeplätzchen aus erquickend. Das Bad liegt im
Stadtteil Christianshaven, der durch einen breiten Kanal von der Innenstadt
getrennt ist. Nachdem ich letztere ziemlich abgegrast glaubte, erkundete ich
nun an meinem letzten Tag Christianshaven. Mit meinem Citybike machte ich mich
auf zur Christiana, einem Viertel, welches seit den 70ern von Aussteigern und
Kiffern besetzt ist und sich als basisdemokratisches Experiment versteht. Wenn
man durch einen der Eingänge das von einer Grafittimauer sichtgeschützte ehemalige
Armeegelände betritt, stechen einem zuerst riesige auf Häuserwände gemalte
durchgestrichene Fotoapparate ins Auge. Der zweite Stich ist der in der Nase,
welche aus allen Ecken Gras und andere Düfte vernimmt. Das Auge wiederum
wandert dann erstaunt die Verkaufsstände ab, wo Hanfpflanzen in der Sonne
eifrig Träume produzieren, Haschisch im praktischen Ritter-Sport Knick-Pack
(also in Schokoladentafelform) feilgeboten wird, man fertige Joints aus dem
Marmeladenglas kaufen kann oder auch Haschtropfen für die orale Applikation.
Ich wollte schon meine Kamera zücken, da hörte ich das Bellen eines Anwohners,
der mit wilden Worten einen (anderen) Touristen beschimpfte und vertrieb – da
ließ ich die Bilder lieber im Kopfe Fuß fassen. Es war schlimm genug, daß ich
hier mit diesem Touristenfahrrad über das Kopfsteinpflaster rollte. Vorbei an
in die Gegend pinkelnden Jugendlichen verließ ich Christiana und erkundete das
Hinterland von Christianshaven, eine grüne Gegend mit kleinen Häfen, ruhigen
Wohngegenden und nicht zuletzt dem neuen Opernhaus. Auf dem Kanal zwischen Innenstadt
und Christianshaven fährt ein gelber
Wasserbus der Verkehrsbetriebe, mit dem ich danach eine Runde drehte, um
die Perspektive zu wechseln. Von der Bibliothek fährt das Schiff vorbei an
Christiansborg, Amalienborg und dem
von Reeder Møller gestifteten, etwas sterilen Amaliengarten mit seinem großen
Brunnen. Die Route endet am Hafen, wo die kleine Meerjungfrau noch immer von
den großen Schiffen belagert wird und wohl ewig auf ihren Märchenprinzen warten muß. Am letzten
Tag erklomm ich auch den Turm der Vor Frelsers Kirke, der schon ganz zu Beginn
meine Neugier geweckt hatte. Und man kann doch tatsächlich die Windungen entlang bis hoch zur Spitze
laufen, von wo aus sich ein idealer Blick über die gesamte Stadt bietet. Der
perfekte Abschluß einer mehrtägigen Stadterkundung, und die vielen Puzzleteile
fanden nun alle ihren endgültigen Platz; sei es in Richtung Amalienborg, Neue Oper, Hafen oder in
Richtung Bibliothek, Rathausplatz,
Christiansborg.
Den letzten Abend zog ich
nochmals durch die Stadt, um ihr abendliches Flair einzuatmen. Dieses war auch
an diesem Abend vorwiegend alkoholisch, Flaschen überall. Die Balalaika-Spieler
machten noch immer Musik, begleitet wurden sie nun allerdings von den wilden
Tänzen dreier Jugendlicher, die schließlich einen Wäschekorb voller
Bierflaschen anpackten und von dannen schwankten. Alkohol kann man hier in
Dänemark schon mit 15 kaufen, was für ein Unterschied zu den USA. Dafür stand
ich vor verschlossenem Kühlregal, als ich nach 20 Uhr in einem der allgegenwärtigen,
rund um die Uhr geöffneten „7 Eleven“ Geschäfte einkaufen wollten – deshalb
also sollte man sich abends einen Vorrat zulegen.
Einige Stunden der
letzten Nacht verbrachte ich mit Tanzen im angesagten PAN-Club, der allerdings
nicht so hinreißen war, daß ich nicht zum Schlafen gekommen wäre. So konnte ich
also am Samstag Mittag guter Dinge meinen Rückflug ins neue Amerika antreten.
Und nett wie die Skandinavier sind, haben sie mich auch noch in Business
umgebucht, so daß ich bei Champagner und Menu aus Royal-Copenhagen Porzellan
zufrieden vor mich hindösen konnte.