Dubai

Gold kann man nicht trinken

Dubai. Der Reichtum des schwarzen Goldes tritt wohl unweigerlich jedem vor Augen, der diesen Namen hört. Ein Land, weit weg am persischen Golf, weiter wohl als die uns so vertrauten Orte am westlichen Ende der Welt.

Eine große Messe führte mich dort hin. Der Herbst war in Deutschland endgültig zu seinem Recht gekommen, und so war diese Reise wohl auch so etwas wie eine letzte Flucht vor dem Matsch des deutschen Novembers.

Am 2. früh startete mein Flug von Tempelhof, aus mir unerklärlichen Gründen werden solche Flüge meist über ausländische Airlines angeboten, diesmal KLM.

Beim Zwischenboarding in Amsterdam - einer Stadt, die ich durch mehrfache Besucher als Rucksack-Traveller lieben gelernt hatte - sprach mich eine nette Stewardess an, ob ich nicht gern einen späteren Flug nehmen wolle, da der reguläre leider überbucht sei. Als kleine Entschädigung bot sie 1.100 Gulden an... ein eigentlich nicht auszuschlagendes Angebot, wenn da nicht der Termindruck einer Geschäftsreise gewesen wäre. Bald hatte ich den „Verlust" vergessen und flog in einem dieser riesigen Vögel nach Südosten.

Auf der Gangway schlug mir eine schwülwarme Abendluft entgegen, die ich mit freudigem Herzen begrüßte. Vom sonst so zeitaufwendigen Warten an der Passkontrolle wurde ich durch eine nette gelbgekleidete Hostess entbunden, die mich am Flughafen in Empfang nahm und mit meinem Visum (Kostenpunkt 75 USD) zum Beamten an der Schlange vorbeimarschierte.

Schon die erste Taxifahrt führte mir eine Besonderheit dieses Landes vor Augen. Kein Araber, sondern ein Inder, der sich lediglich in Englisch verständigen konnte, saß am Steuer. Erst jetzt wurde mir bewußt, daß ja auch das gesamte Flughafenpersonal, die Hostessen, Kofferträger und Angestellten der Bank ein zwar fremdes aber nicht arabisch erscheinendes Aussehen hatten.

Noch am Abend mußte der Stand im European Pavillon des Dubai World Trade Center aufgebaut werden, denn die Messe sollte früh beginnen.

Neben meiner eigentlichen Aufgabe blieb mir nur wenig Zeit, die touristische Ader auszuleben. Und so war es außerordentlich interessant, die Besucher meines Standes ein bißchen auszuhorchen. Von Tag zu Tag wurde ich immer perfekter, begann es mit üblichem small-talk zur Situation der persischen Telekommunikation, so wurde es bald privater und ich erfuhr so manches über das Leben da; vieles entspricht wohl unseren Vorstellungen, manches aber ist ernüchternd.

Omaner, Saudi-Araber, Syrer, Inder, Iraki, und natürlich V.A.E.er bevölkerten die Gänge. Am Nachbarstand wurde der Koran multimedial vermarktet und die „free CR-ROM" kostete (kleingedruckt) nur 20 Dirham. Ich bekam die Verse aber gratis auf meinen Stand geliefert, via Aktivbox. Überall wurde die bekannte weiße Tracht getragen, die für den ungeübten keinen Rückschluß auf die Person zuläßt, ja erst nach einigen Tagen bekam ich heraus, welche Farbe von Kopftuch oder -Ring welches Land verrät.

Und doch kam ich nicht in Versuchung, mich in einem unterentwickelten Märchenland zu wähnen; wie Streckenposten standen mobiltelefonierende Manager an den Gängen, und nicht nur einmal wurde meine Präsentation vom Klingeln der in den Taschen der Umhänge versteckten Handys unterbrochen.

Zu meinem Leidwesen war unser Produkt nun recht interessant anzuschauen und die Besucher außerdem viel zu höflich, meine Kontaktaufnahme gegebenenfalls dankend abzulehnen, wie dies auf einer deutschen Messe recht oft auf manchmal bemerkenswerte Weise geschieht. Und so blickten sich dann ab und zu in zwei braune Augen, die mir sagen wollten: „oh, das ist ja schön, aber ich versteh` das sowieso nicht." Und dann mußte ich eine geeignete Abfahrt finden, um uns zu erlösen.

Manchmal aber schwenkte ich dann einfach um und mein Gegenüber fand sich in der Rolle eines Reiseführers.

Ein Softwareentwickler erzählte, daß er ein Stellenangebot in Deutschland hat, aber für 3500 Dollar (netto) wolle er sein warmes Land nicht verlassen. In Dubai bekommt er 4000. Und ein Haus. Und ein Auto. Und es gibt keine Steuern dort, zumindest keine über 2%. Soviel also zu den Lebensverhältnissen der Einheimischen, wobei natürlich noch erwähnt werden muß, daß die Preise nicht ganz mit denen eines Penny-Marktes zu vergleichen sind.

Ein junger Angestellter der EMIRATES, der Airline des Sheiks, erzählte mir von seiner Deutschlandreise und es ergab sich, daß sein Bruder nur 5 Minuten entfernt von meiner Dresdner Wohnung an der Uni studiert, worauf sich natürlich eine lebhafte Unterhaltung entwickelte.

Ich machte noch eine ganze Reihe interessanter Bekanntschaften, wobei mir vor allem solche in Erinnerung bleiben werden, die mir Geschäftsmentalität der Araber vor Augen führten; alles gleich kaufen wollend, Preise verhandelnd und dann doch nicht so ganz zufrieden seiend raubten sie mir so manches Mal den Nerv.

Im Gegensatz zu meinen privaten Urlaubsreisen, während derer ich gewöhnlich auf die eher kostenneutralen Nahrungsmittel zurückgreife, konnte ich die einheimische Küche diesmal recht ausgiebig schätzen lernen. Damit meine ich nicht das eher spärliche Frühstücksbuffet im Avari Dubai Hotel, welches mit Dachpool, Fitness-Center und Steamroom sonst eigentlich einen guten Eindruck machte, sondern die Empfänge durch den holländischen Konsul und die Leitung des World Trade Centers.

Im gediegenden Ambiente des Hilton Hotels empfing der Konsul alle europäischen Aussteller im Namen der EU. Immer wieder auf die Köstlichkeiten der Küche und des Weinkellers (welcher laut Koran nur Nicht-Moslems offensteht!) zurückgreifend, kamen die wenigen Weitgereisten miteinander in Kontakt und natürlich war the Europeen Commission in Person des Messeverantwortlichen vertreten, der sich besonders gern und auf angenehme Weise mit unserem deutsch-österreichischem Grüppchen unterhielt.

Der Aussteller-Party, ausgerichtet vom Messeveranstalter, sah ich nach diesem Abend etwas distanziert gegenüber, hatte ich doch die eher rustikale Erfahrung der hannoverschen Standfeste gemacht. Doch ich hatte die Dubaier da wohl etwas unterschätzt...

Am Eingang zum privaten Palmenhain wurde meine Einladung genaustens registriert und ich freundlich (von nicht aus Dubai stammenden Damen) begrüßt. Der Weg führte durch englischen Rasen vorbei an einem ausgedehnten Pool zum eigentlichen Ort des Empfanges, wo untertänig Lächelnde jedem Ankömmling Aperitivs und kleine Köstlichkeiten anboten. Erst mit dem zweiten Blick bemerkte ich, daß die milchigweiß schimmernden meterhohen Statuen, die die Wege säumten, aus purem Eis bestanden. Fasziniert unterbrach ich den herabsinkenden Nebel, der die Vergänglichkeit dieser Schönheiten fühlbar machte.

Bald sah ich Palmen, deren Stämme von Lichterketten umschlungen waren und ein Meer von brennenden Kerzen. Unzählige Tische waren mit blitzendem Glas und edlem Besteck eingedeckt, Büffets mit Süßspeisen und Obst leuchteten farbenprächtig. Eine Schar von Köchen war bemüht, die ausgefallensten Speisen vor den Augen der Gäste zuzubereiten. Mir fehlen ganz einfach die Vokabeln, um alles zu benennen; es sei gesagt, daß es an die sieben Gänge waren. Und ganz besonders hat es mir Oum Alí angetan, eine Süßspeise aus Keksen, Milch, Pinienkernen, süßem Käse, Rosinen und andern Zutaten, deren arabische Namen mir Ihren Inhalt verbergen. An unserem Tisch saß auch der Europäer, der von seinen Dienstweltreisen erzählte und -wieder einer dieser Zufälle- just in jenem Hotel eine Konferenz ausrichtet, welches ich im Februar auf meiner Südafrikareise kennengelernt hatte. Und außerdem war da noch ein Dubaier, der mit fast animalischer Hast seinen überladenen Teller leerte, sich aus lauter Spaß ein Bier bestellte, um es -unter Vorgabe religiöser Gründe- vom verdutzten Ober wieder mitnehmen zu lassen und im drei Minuten Takt seine ganze Lebensgeschichte am Funktelefon zum Besten gab.

Als kleine Unterhaltung hatten die Gastgeber eine Bauchtänzerin engagiert, die zum Rhythmus der Trommeln ihren Hüften schwenkte und so manchem ergrauten Gast zu leuchtenden Augen verhalf. Unter Hunger litt sie jedoch augenscheinlich nicht.

Nun sollte man sich aber beim Besuch einer fremden Landes nicht nur auf die Bilder verlassen, die einem vorgesetzt werden, sondern jede Gelegenheit nutzen, auf eigene Faust die andere Welt zu erkunden.

Und so habe ich mich in der wenigen mir zu Verfügung stehenden Zeit aufgemacht. Bei der Erkundung meiner näheren Hotelumgebung mußte ich feststellen, daß Dubai einentlich nur aus Trockenheit besteht. Wollen die Menschen dem Sand etwas Grün entlocken, so bedarf es dazu einer endlosen Wasserschlauchschlange, die quasi jede auch noch so kleine Grünfläche als Lebensader durchzieht. Bauarbeiter, die an jeder Ecke ins Auge fallen und natürlich wiederum nicht aus der einheimischen arabischen Bevölkerung stammen, leiden unter der starken Hitze. Wohl deshalb wird immer einer zum Arbeiten bestimmt, während die anderen ihm schwatzend auf Schaufeln gestützt beim Umverteilen des Sandes zuschauen. Ist die Hitze am frühen Morgen noch zu ertragen gewesen, so wird es ab halb zehn schon kritisch für den dem Herbst entflohenen Europäer. Tagestemperaturen um die 35 Grad und eine sehr hohe Luftfeuchte verlangen schon einige Umstellung vom Körper. Zum Glück sind alle öffentlichen Gebäude und die Taxis mit Klimaanlagen ausgestattet, deren Summen man bald zu ignorieren lernt.

Dubai - die Stadt des Goldes, unter diesem Namen wird sie vermarktet. Ich verstand dies, als ich eines Abends durch den Gold-Souk streifte, der als der Welt größter Goldmarkt gilt. Unzählige Geschäfte, deren Auslagen sich in Prunk und Glanz zu übertreffen suchten, zogen viele Schaulustige an. Wenn man jedoch die Inhaber durch die Scheibe sah, dann mußte einem klar werden, daß man nur mit ausreichender Sturheit und vor allem dem festen Vorsatz, das Gewünschte eigentlich gar nicht haben zu wollen, den Laden mit einem fairen Kauf verlassen kann. Denn sobald der Gegenüber ein echtes Interesse an der Sache feststellt, ist man verloren, wie ich am eigenen Leibe erfahren konnte, als ich eines meiner beliebten Onyx-Mitbringsel erstehen wollte, welches mir einfach zu gut gefiel. Frust konnte jedoch nicht aufkommen, lenkte doch ein arabischer (amerikanischer?) Inhouse-Rummel die Aufmerksamkeit auf sich. Mc Donald's selbstverständlich gleich daneben.

Recht versöhnlich ist dann ein Spaziergang am abendlichen Creek, auf dem uralt anmutende Schiffe mit allen möglichen Waren beladen und nach Persien, Rußland und Arabien geschickt werden.

Wie kleine Nußschalen schipperten die Wassertaxen Leute von einem Ufer zum anderen. Nur die Nestlé - Werbung auf der Dachplane zeugt von der heutigen Zeit.

Ein großes Ereignis erhoffte ich mir vom Besuch der Freihandelszone. Der Taxifahrer brachte mich auch getreu an den gewünschten Ort, ohne viele Worte zu verlieren, was ich ein weiteres Mal mangelnden Sprachkenntnissen zuschrieb. Erst, als mir einer der Wachmänner erklärte, daß diese Zone lediglich Standort verschiedener Firmen ist, die aber weder direkt verkaufen, noch so spät am Abend arbeiten, wurde mir klar, daß es auch noch einen andern Grund für sein Schweigen gegeben hatte. Und so stand ich am Rande eines großen Hafengebietes, ohne Aussicht auf ein Taxi. Einsam sah ich am Horizont eine große Raffinerie stehen, deren tausend Lichter das schwarze Gold und den Reichtum dieses Gebietes anzeigten. Es blieb nichts, als zu trampen. Das zuckelnde alte Auto brachte mich nach einem Tankstop (ein Dollar pro Gallone) dann zurück in die Stadt, wo es sich von den Limousinen der Lexus- Klasse wie ein kleines Entlein abhob.

Einen Abend entschloß ich mich, mit einem Kollegen ein einheimisches Restaurant in der Nähe des wundersam grünen Stadtparkes aufzusuchen, und wir landeten in einer von Pakistani betriebenen Kneipe. Die einfache (um nicht zu sagen primitive) Aussehen und die Menschen, welche ganz offensichtlich zu den einfachsten Bevölkerungsschichten gehörten, hätten den Normaleuropäer wohl eher abgeschreckt, mich aber machte dies alles sehr neugierig, konnte ich doch Vergleiche zu Ägypten und Tunesien ziehen. Nach dem Verlassen waren wir um die Erfahrung eines unglaublich scharfen Essens, welches nur durch den Genuß eines echten Fladens erträglich war, in der Gemeinschaft die US-amerikanische Präsidentschaftswahl gespannt am verstaubten Bildschirm verfolgender Männer reicher.

Der vorletzt Tag ging zu Ende, die Messe war endllich vorbei, meine Stimme kaum mehr zu gebrauchen, und ich mußte mir eingestehen, eigentlich nur recht wenig von diesem fremden und vielversprechend klingenden Ort gesehen zu haben. So stand ich am letzten Tag schon um 6 auf und fuhr zu dem Ort, der mich auf der Karte schondes öfteren angelächelt hatte: Creek Side Park. Gerade weil mir Pflanzen und Tiere bisher so selten begegnet waren, versprach ich mir einen schönen letzten Vormittag. So war es dann auch. Nach einiger Wartezeit, während der ich mein versäumtes Frühstück mit Hilfe einheimischer Fladen nachholte, öffnete sich nach dem Kauf einer Eintrittskarte das Tor zu einem wunderschön grünen Gelände, auf dem es Kakteen, Palmenhaine, Blumenbeete (die freilich nicht an die Dahlienpracht des Großen Gartens heranreichten) und einen einsamen Strand zu genießen gab. Es machte richtig Freude, den Duft von Pflanzen einzuatmen, die orangeroten Blüten zu betrachten und mit der Hand über das feuchte Gras zu streichen. Daß auch hier wieder ein schwarzer Plasteschlauch für das notwendige Naß sorgte - der Creek ist reines Salzwasser - sah man nur auf den zweiten Blick.

Kurz bevor ich meinen Hotelschlüssel abgab, bekam ich einem Anruf, den ich erst nach einigen Sekunden als den einer schluchzenden Hotelangestellten begriff, die sich von mir versichern ließ, meine schönen Haare nächstets Jahr wiedersehen zu dürfen...

Gegen Mittag blickte ich zum letzten Mal aus meinem kleinen Plastefenster auf die von der Sonne überflutete durstige Stadt und landete 10 Stunden später im ganzen Gegenteil, einem verregneten, kalten Tempelhof.

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