Von der Eliteuni zum Ende Europas
Oxford - London - Windsor - Bath - Wookey Hole - Cheddar Gorge - Glastonbury - Minehead - Dunster Castle - Dunkery - Tintagel - Bedruthan Steps - St. Ives - Lizard Point - Falmouth - Dartmoor - Drogo Castle - Exeter - Stonehenge - Salisbury - London
Das Land mit der ältesten neuzeitlichen Demokratie, der reichsten Frau der Welt, ungebrochene Monarchie, deren feudalistischer Niederschlag sich überall findet, nicht zuletzt in dem Menschen und ihrem Verständnis vom eigenen Reich. Was in Deutschland undenkbar ist und in Frankreich nur unter dem Deckmantel des Status der Grande Nation in gigantischen Bauten seinen Ausdruck findet, ist in England Idendität: Personenkult an Her Majesty the Queen. Ihr Konterfei ziert jedes Geldstück und die Briefmarken, ihre Krone findet sich an allem, was royal war oder ist - und dieses Spektrum reicht von der Post bis zur Air Force. Glorifizierende Postkarten und Kultbücher über die konkrete und ihre Mum sind angesichts dessen eher Touristennepp.
Sie lieben keine plötzlichen Veränderungen, die Briten. So gab es - abgesehen vom Intermezzo Cromwells - keine Revolution. Die Veränderungen fanden kontinuierlich und überlegt statt. Fast im kollektiven Konsens sozusagen. Und so finden sich einerseits demokratische Erstleistleistungen wie die Magna Charta und die Houses of Parliament gerade auf dieser Insel, andererseits sind sie keineswegs so radikal wie auf dem Kontinent. England hat keine eigenständige Verfassung, die Sitze im House of Lords sind größtenteils erblich und ein Königshaus mischt täglich in Politik und Klatsch mit... but it works.
Sie sind traditionsbewußt, die Briten. Seit undenklichen Zeiten sehen die Letter Boxes gleich aus. Auch wenn sie früher aus Gußeisen und heute aus modernen Materialien bestehen. Das Design, das typische Rot, der Stolz auf die königliche Krone und den Namen Royal Mail. Auch die Londoner Doppeldecker scheinen in der Zeit stillzustehen. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, daß unter der bekannten Hülle die Evolution fortschritt. Die robusten Klassiker zum Aufspringen erhalten das Relikt eines eigenen Fahrkartenverkäufers (den man sich sonst nur in Entwicklungs- und Schwellenländern leistet), die neuen fahren Umweltdiesel und sind so gut wie vollautomatisch. Die Zeremonien der Schlüsselübergabe im Tower oder diverse Wachwechsel sind das touristische Pendant.
Dieses Festhalten an der Tradition hat vielleicht auch etwas mit Stolz auf die Geschichte zu tun - und Problemen mit der Gegenwart? The British Empire war das größte Reich der Welt und lange Zeit wurden in London die Fäden der Weltgeschichte gezogen. Nach der Tea Party ging es mit Amerika abwärts und in diesem Jahrhundert läutete Gandhi das Ende für Asien und letztlich auch Afrika ein. Das Commonwealth sollte das Reich auf modernere Weise zusammenhalten - und der Mutter die ökonomischen wie politischen Pfründe sichern. Die Wirtschaft der Mitglieder macht sich jedoch zunehmend selbstständig und nun wackelt sogar der Thron der Queen in Australien und Canada. Und Europa? Not invented here... Auf dem Kontinent streiten sich Frankreich und Deutschland freundschaftlich um das letzte Wort und Britain scheint zu spät zu kommen... Wo also steht die Insel auf der Weltkarte? Man weiß es nicht so recht, und so ist die Besinnung auf die Geschichte Stecken und Stab. Vielleicht kommt es daher, daß man mit Deutschland noch immer am liebsten die Weltkriege verbindet, mention the war...
Der junge reisende Europäer aber ist in erster Linie beeindruckt. Von der traumhaften Natur, dem ewigen Feuer der Kronjuwelen, den idyllischen Herrenhäusern und Schlössern, der Vielfalt der Menschen, welche eben jenes alte Reich widerspiegelt. Der Unabhängigkeit der Gedanken, dem Klang der Weltsprache und der Konventionslosigkeit der Jugend in der Hauptstadt.
Mein Flieger landete in Heathrow. Einem alten, riesigen, ungemütlichen, den Eindruck einer Baustelle machenden kleinkarierten Flughafen. Ich war überrascht, als der Brite mir den Weg zum Bus auf Französisch zu erklären versuchte. Und ich war geschockt, als ich für eine Stunde fahrt 10 Pfund hinlegen mußte. Doch dafür ging es auch nach Oxford, hier würde ich die nächsten zwei Wochen verbringen, bevor ich den Südwesten bereiste. Oxford ist das Mekka, dessen Einzigartigkeit sich dem Gläubigen aus der Idee vom Club der Toten Dichter, jahrhundertealter Architektur, weltweitem Renommée, der Löschung des Wissensdurstes, Selbstüberwindung und -motivation verspricht.
Die nächtliche Stadt empfing mich im Regen und einige bunte Pubs entlang der Straße nahmen der Kleinstadtcharakter vorweg. Auf dem Weg vom Busbahnhof Gloucester Green zu den University Parks machte ich bereits zum ersten Mal Bekanntschaft mit der Gefahr von Rechts, welche den Kontinentalen in den ersten Tagen mehrmals die Zehenspitzen zu kosten droht. Und mein Herz jauchzte, als ich die Gebäude berührte, deren architektonische Perfektion die geistige Majestät wie ein Zwilling begleitet. Ich nahm Quartier im Annex von St. Edmunds Hall, einem der ältesten Colleges aus dem 13ten Jahrhundert. Am Morgen erblickte ich aus meinem Fenster die Tennisplätze inmitten des Grün und die Kapelle des Keble College. Beim Frühstück empfing mich englischer Toast in eigens dafür gefertigten Haltern und die Marmelade, deren ungewöhnlich bitterer Geschmack schon wieder ein Indiz für die Andersartigkeit des Kingdom ist. Der Kaffee war erwartungsgemäß nicht zu genießen, vielleicht, um sich von der anderen Seite des Channel abzusetzen. Und so bleibt nichts, als sich auf eine Beziehung zum Tea einzulassen, fortan dem britischen Nationalgetränk zu huldigen. Passend zur Situation fragte Anne, was das typische Frühstücksgeräusch in England sei - das Kratzen an der verkohlten Außenschicht.
Eine Radtour führte in das Oxfordshire, entlang des lieblichen Kanals zu einem Ausflugspub. Das Grün ringsum war fein zergliedert, wie fast ganz England von der Liebe zum Detail, enger Gemütlichkeit geprägt ist. Erst wenn der menschliche Einfluß schwindet, nimmt natürliche Weite und Größe seine Stelle ein. Über die von Hecken begrenzten Felder hinweg erheben sich die filigranen Spitzen der 36 Colleges in ihrem einzigartigen von der Abendsonne geborenen Gold.
Der Carfax, die Kreuzung der vier Hauptstraßen Oxford, bildet das eigentliche weltliche Zentrum. Und hier mischen sich die Touristenströme mit den Studenten und Einheimischen. Ein herrlicher Ort, um Beobachtungen zu betreiben. Selbst für einen noch trainierten Deutschen ist die Freude am Schlangestehen verwunderlich: an jeder Bushaltestelle zieht sich eine solche am Straßenrand entlang. Keine Chance für Drängler, die im Gewirr des Einsteigens biblische Worte wahr werden lassen wollen. Der typische, leicht blasse Engländer ist hier schon fast eine Rarität. Besonders deutlich wird hingegen die asiatische Präsenz, was auch anhand der in den Colleges aushängenden Namenslisten zu ersehen ist. Unweigerlich stellen sich an diesem sensiblen Ort Fragen hinsichtlich Tradition, Nationalstolz, Elitedenken, Multinationalität und Globalisierung.
Ganz England war in Aufruhr, als sie immer näher rückte: The Eclipse. Überall wurden die lebenswichtigen Beobachtungsbrillen verkauft - nur nicht mehr am Tag vorher. Die Autobahnen in den Süden wurden von allen Radiostationen als congested gemeldet und in den Bookshops stapelten sich die eigens für diesen Anlaß gedruckten Bücher. Von einer ortskundigen geführt, begaben wir uns an einen frühzeitlichen Ort: White Horse bei Swindon. Hier gab es wenigstens keine Touristen, wenn auch genug Engländer. In England finden sich mehrere dieser wundersamen Gebilde: riesige Formen wurden vor Jahrtausenden aus dem Boden ausgeschachtet und mit weißem Kreideschlamm aufgefüllt - und so leuchtet noch heute ein abstraktes Pferd inmitten der grünen Hügel. Auf dem angrenzenden Festungshügel versammelten sich die Sonnenanbeter - um zu sehen, wie diese zu ihrer angestammten Zeit vom Himmel verschwindet. Angesichts der Finsternis und Kühle, die sich schlagartig ausbreitete, kann man erahnen, welch gewaltigen Eindruck dieses Naturschauspiel auf Menschen machte, welche nicht um seine Entstehung wußten und zudem weitaus mehr auf die leuchtende Wärme angewiesen waren.
In bequemer Entfernung von Oxford lädt Blenheim Palace zu einem Besuch per Fahrrad ein. Der Duke of Marlborough läßt sich beim Eintritt nicht lumpen (noch wußte ich nichts von der Gier der Queen...), hat aber dafür ein einzigartiges Ausflugsziel zu bieten. Dies machte sich auch der englische Rolls Royce Club zu nutze, der hier seine Schätze anläßlich eines Treffens in angemessenem Rahmen zur Schau stellte.
Eigentlicher Anziehungspunkt in Oxford aber sind die Colleges. Sie waren und sind die Daseinsberechtigung der Stadt. Alles dreht sich um die Universität, die es eigentlich nur als Dachorganisation eben jener 36 sonst vollkommen selbstständigen Einrichtungen gibt. Jedes College hat eine eigene Geschichte, eine eigene Idendität, jedes hat Persönlichkeiten hervorgebracht, die nun verehrt werden, auch wenn sie zu ihrer Zeit oft unliebsame Querdenker waren. Darunter unzählige Premierminister, Schriftsteller wie Jonathan Swift, Huxley und Green, Philosophen wie Hobbes und nicht zuletzt Adam Smith, der Begründer der klassischen Ökonomie. Und ein jedes College ist eine Augenweide, birgt unzählige Geheimnisse in den vielen Gärten , verwinkelten Gängen, der Chapel, dem Kreuzgang oder der Hall, dem großen Speisesaal. Besonders bekannt ist Christ Church, eines der größten Colleges mit eigener Kathedrale. Hier wird regelmäßig der Evensong gesungen, der Abendgottesdienst der anglikanischen Kirche. Die Gemeinde sitzt längs zum Schiff auf mittelalterlich prunkvollen Bänken, vor sich ledergebundene, geprägte alte Bücher und lauscht den Gesängen des Chores. Ein eher meditatives Verständnis von Nähe zu Gott. Das College hat einen weiten Grundbesitz, die Christ Church Meadow, von wo sich wiederum ein ferner Blick auf die Formen der Stadt bietet. Daran grenzt der Thameskanal, Trainingsort für die weltbekannten Ruderer von Oxford, die im Wettkampf mit Cambridge meist die Nase vorn haben.
Wadham College hat einen der schönsten Gärten, Merton ist eines der nobelsten mit wunderbarer Bibliothek, Magdalen hält sich Rotwild in eigenem Gehege und Keble besticht durch seine einzigartige Backsteinarchitektur . Normalerweise wird an den bekannten Colleges während des Sommers ein Touristeneintritt verlangt. Mit etwas Entdeckungslust kann man aber meist einen Seiteneingang finden und den Porters, schwarz gekleideten 'Pförtnern' mit Bowler (Melone) entgehen. Auf ein Gespräch mit ihnen sollte man sich jedoch durchaus mal einlassen, bei einem habe ich das reinste Oxford Englisch gehört, ein Klang, der mich unheimlich motiviert hat und den Ruf des Englischen als praktische aber wenig schöne Sprache relativiert hat. Leider findet sich dieser Ruf aber außerhalb der Collegemauern im ganzen Land doch eher bestätigt.
Oxford ist auch die Stadt der Bücher. Nicht nur wegen der University Press, die weltweit für die Vermarktung einer Sprache steht. Ein Buchladen folgt dem anderen, der berühmte Norrington Room in Blackwell's Bookshop erstreckt sich unterirdisch 10.000 Quadratmeter über mehrere Grundstücke und läßt mich schamhaft an meine kleine Unibibliothek denken. Und die Bodleian Library beherbergt alle in Britain gedruckten Bücher in wiederum herrlichen Gebäuden. Uneingeschränkten Eintritt freilich erlangt man nur als oxforder Student oder unter Vorlage einer professoriellen Empfehlung. Mit anderen Dimensionen beeindrucken die Bibliotheken der Colleges. Eigentlich geschlossen, eröffnen die schönsten ihre jahrhundertealten Schätze dem Besucher, und inmitten der ehrwürdigen Hallen glaubt man im düsteren Licht die hier geformten und geformt habenden Größen der Geschichte auferstehen zu sehen, welche seit über 700 Jahren an eben diesen Büchern ihren Geist geschärft haben. Ihre Liebe zur Literatur wird an den Ketten deutlich, welche damals die Funktion der heute so unromantischen Elektronik übernahmen.
Die Abende kann man in einem der Pubs verbringen. Nur bis kurz vor 11, denn dann wird der Gong geschlagen zur letzten Bestellung, und kurz nach 11 wird man gnadenlos vor die Tür gesetzt. Sperrstunde. Ein Segen für die Bedienung, doch ernüchternd für den Besucher. Aber richtiges Bier gibt es ja in England ohnehin nicht, so daß Heineken fast den besten Ruf genießt. Da steigt man doch besser auf Cidre um, Apfelwein, den es durchaus auch in ernstzunehmender Stärke gibt. Das aufregendste Ambiente bietet Freud's Art Café in der ehemaligen klassizistischen Kirche St. Paul's.
Von Oxford gibt es rund um die Uhr zwei Busverbindungen nach London. Und so kann man dort all das erleben, wozu die alte Universitätsstadt zu klein ist. Oder was nicht zu ihr paßt. So rollen dann in den frühen Morgenstunden die schwankenden Studenten wieder auf dem Gloucester Green ein...
Auch London hat ein unerläßliches Kreislaufsystem: die Tube . Die Metro hat nur wenig eigenen Charme, den sie hinter hohen Preisen, Hitze, Enge und gefährlich altmodischen Wagen versteckt. Die Türen öffnen mit einer unglaublichen Ruhe, die so gar nicht zum geschäftigen London passen will. Drinnen der Londoner Multikulti-Mix. Neben mir schläft ein Inder, dessen Schmuck auf erfolgreiche Geschäfte hinweist. Gegenüber in abgetragenen Sportsachen ein Arbeitsloser, Jugendliche aus aller Welt, zeitunglesende Hausfrauen, Beatlesjünger, Rastaträger, die geschäftige Bustress mit dem schweigsamen Handy und ab und zu der typische Engländer... Und im Gang erwarten einen die in krakeligem Englisch geschriebenen Zettel der bettelnden Kinder. Am Nachmittag und Abend kann man sparen, indem man sich ein gebrauchtes Tagesticket von einem der Drücker aufdrängen läßt. Nur sollte das nicht einer der vielen Tube-Angestellten sehen, die zusätzlich zu den ticketschluckenden Drehkreuzen auf Schwarzfahrer achten. Und am Ausgang hat man das Ticket dann nochmals zu zeigen... In ganz England gewinnt man den Eindruck, daß an billigen Arbeitskräften kein Mangel herrscht, so verschwenderisch wie damit allerorten umgegangen wird. Erst nach einiger Zeit der Gewöhnung fragt man sich, warum gerade auf den Rolltreppen der Tube der noch ungewohnte Rechtsverkehr herrscht.
Wir fahren nach Camden, zu einem der berühmten Märkte. Ausnahmsweise nicht unter freiem Himmel sondern in einem etwas unromantischen Gebäude gibt es hier viel Normales, vor allem aber halbschattige Dinge wie ebenhölzerne Phalli, Grasduft, flüssigen Gummi für den Maßanzug zur Lederparty, ausgefallene Sexbücher, Handleser, mannigfaltige Naturseifen und vieles mehr. Ganz anders Shepherds Bush Market. Hier ziehen zuerst die fremden Kulturen das Interesse auf sich; Schwarze, Inder, voll verschleierte muslimische Frauen, mittendrin ein milchweißer Dicker Londoner, Pakistani... und Lebensmittelläden, deren Duft mich an die Graufleischmärkte Ägyptens und Mexicos erinnerte. Aber auch Unmengen an Obst, Gemüse, Batterien, Räucherstäbchen, Schaumgoldringen und Zopfgummis.
Weitaus professioneller die Oxford Street. Diese Haupteinkaufsmeile ist für viele die erste und wichtigste Adresse in London. Hier finden sich von allem das größte und noch dazu mehrfach. H&M, C&A, Marks&Spencer, HVM... und natürlich bietet Mc Donald's gleich fünf Mal eisgekühlt heimische Atmosphäre. Überall ist Sales, von allen unnützen Dingen gibt es two for one, und die Superknüllerpreise nach der dritten Reduction erreichen nun endlich unser normales Niveau. Mittendrin ein Zug von Krishna Jüngern in lachsfarbenen Umhängen, mit kleinen Instrumenten und Räucherstäbchen. Lediglich Harrod's vermag, einen ernstzunehmenden Gegenpol zur Geschäftlichkeit der Oxford Street zu bilden. Die kurzen Öffnungszeiten des traditionsreichen Nobelkaufhauses kommen dem Besucher nicht gerade entgegen, dafür erwartet ihn ein einzigartiges Gebäude . Innen in ägyptischem Stil erträglich kitschig ausgestattet, beherbergt es eine Gedenkstätte für Di und Fayed, nach dem Vergießen von Tränen muß man sich dann glatt zur Entschädigung in einer der diversen Luxusabteilungen belohnen.
Auf den Straßen nur wenige Fahrradfahrer, und von denen verhüllen viele Ihr Gesicht hinter gefährlich aussehenden Aktivkohle-Atemmasken...
Jeder kennt die englischen Telefonzellen . Doch wer kennt schon ihr Innenleben? Ich war überrascht, als mir drinnen eine Auswahl der bezauberndsten Londoner Wesen das Gespräch versüßten. Hat das schnelle Leerlaufen meiner Telefonkarte (Africa Telecom versprach mir superbillige Gespräche in die Heimat) vielleicht etwas damit zu tun? Teurer hätte es bei BT auch nicht sein können.
Die Oxford Street führt weiter Richtung Osten und man gelangt zu St. Paul's Cathedral. Vor diesem von außen wenig interessanten riesigen grauen Bau hatte sich eine 'Glenn Miller Band' aufgebaut und spielte nun einen Klassiker nach dem anderen für die ermüdeten Touristen, die wie Tauben auf der großen Freitreppe saßen. Und für zwei Rentnertänzer, die man in Deutschland für verrückt erklärt hätte; in London aber ist alles strange willkommen. Oft bilden die kleinen Gärten von Kirchen den einzigen grünen Fleck für die Mittagspause, uns so trifft sich dann dort das ganze Viertel zum Chat.
Irgendwann endet der Weg in der City, dem Londoner Bank- und Finanzzentrum. Hier versprach ich mir einen Blick in die Stock Exchange, der mir allerdings von einem abweisenden Aushang und schwarzen Türstehern verwehrt wurde... vielleicht wurde ich vor einer in den Zeiten des elektronischen Handels wahrscheinlichen Enttäuschung bewahrt? Das Gebäude selbst ist unscheinbar häßlich und wird der Größe der Institution keineswegs gerecht. Die City (nur einige tausend Menschen sollen hier wohnen, kein Wunder bei den Mietpreisen) flimmert schwarz und weiß von Anzügen, Hemden und Handies. Einige der 'Manager' (hier trägt auch der Portier Anzug) haben ein fast noch kindliches Äußeres und so beginnen die Spekulationen um das schnelle Geld. Dann sticht in eine unglaublich bonbonfarbene Krawatte ins Auge, welche man auf einem undefinierbar farblichen Hemd nur als Outing ansehen kann. Um die Mittagszeit bilden die Tüten der Fastfoodketten oder das welke Salatblatt eines Sandwiches ungewohnte Farbtupfer. Durch eine unscheinbare Tür verschlägt es den Wanderer in eine alte Kirche. Sie ist leer und lediglich die Getränkedosen und angebissenen Burger weisen auf das Mittagsmahl hin. Nicht weit ist es zum Ufer der Thames, wo sich der Tower verspricht. Bis dahin gibt es einmal mehr die Kontraste Londons zu entdecken, einer Stadt, die nur wenig Altes bewahren konnte und vielleicht gerade deshalb innovatives Zentrum und Trendsetter in Europa ist. Typisch dafür ist eine unscheinbare moderne Häuserfront, deren Abschluß ein filmreifer Pub ist, mit Blumen, Holzfassade und einem der einschlägigen Namen. Ganz anders als im architektonisch unschlagbaren Paris scheint hier wenig Wert auf Stadtplanung gelegt zu werden, und ein klassisches Londoner Panorama gäbe es kaum , wäre da nicht Big Ben - den kann man einfach nicht verwechseln. Der Tower leidet unter der Nachbarschaft der Hochhäuser der City, seine kleinen grauen, sorry whiten, Türme ragen etwas hilflos aus den seltenen Bäumen. Überall die fetten schwarzen Raben, einer Sage nach soll der Tower fallen, sobald die Raben das Weite suchen - und so werden sie königlich versorgt. Der Beefeater wirft ihnen große rote Fleischbatzen zu, ganz entgegen seiner eigentlichen Aufgabe .). Doch etwas ist wirklich magisch am Tower. Denn er beherbergt SIE. Die Kronjuwelen. Beeindruckende Filme führen dem Besucher die Größe des Empire vor Augen, beim Anblick der Krönungszeremonie möchte man fast auf die Knie fallen. Man schreitet durch eine dicke Panzertür und steht vor den Insignien der Macht. Sie leuchten in dem gleichen zeitlosen Gold wie die des Tut Anch Amun, bestimmte Dinge gelten in der ganzen Welt und jeder Zeit. Wie klein ist man doch. Auf einem rollenden Weg fährt man an den Kronen vorbei, verzückt überlistet man den Unaufhaltsamen und schreitet Rückwärts um stillzustehen. Und in das unzählbare Funkeln zu versinken, die Farben der Sonne von der Tiefe der Erde gebrochen zu sehen, vom größten Brillanten der Welt.
Die Tower Bridge bietet Ausblicke auch weiter nach Osten, in die alten Docklands, wo jetzt ein Stück Amerika wächst. Ein riesiges von Wasser durchflutetes Areal mit modernen Büros, Shopping Malls und dem Canada Tower, der konkurrenzlos neues Wahrzeichen Londons ist. Und zu bestimmten Zeiten legt die Ebbe grauen Stein frei.
Der Schritt über das Wasser führt zur Southbank. Hier bieten sich Blicke auf die Stadt und Shakespeares Globe lockt zum fünfstündigen Spektakel. Der große Dichter ist allgegenwärtiger Nationalheld. Seine Figuren waren ähnlich berühmt wie heute vielleicht James Bond und Monty Python.
Ein Besuch in der Tate Gallery beginnt mit dem Gefühl des von oben beobachtet Werdens. Und richtig, da hängt es in Gurten: das Tate Pferd. Tierschützer haben keine Chance, erstens ist es ohnehin zu spät und zweitens ist es Kunst. Die anderen Exponate sind weniger streitwürdig aber nicht minder interessant. Victorianische Maler setzen Shaky's Stars in Szene und Turner wird zum Oberimpressionisten geadelt. Beim Blick um eine Ecke fangen Warhols Gesichter der unsterblichen Marylin und machen die lichte Tate zu dem Zentrum der Kunst in London. Und noch dazu ist der Eintritt frei. Wie auch im British Museum, dem muffigen, ungeordneten Durcheinander von Raubgut wie dem Stein von Rosette und weniger attraktiven Zeitgenössischem.
Außerhalb der touristenfreundlichen Tube-Zonen 1 und 2 liegt Kew, der größte botanische Garten der Welt mit seinen berühmten Treibhäusern . Sie liegen inmitten eines riesigen Parks und sind eine Welt voller geheimnisvoller Pflanzen und Tiere. Man kann die alten Wendeltreppen hinaufsteigen, um von der Kuppel auf das Dach des tropischen Waldes hinabzuschauen. Aus Kreislaufgründen tun das aber nur Kinder und Enthusiasten. Doch nicht nur die Tropen können gefangen nehmen. Auch das überquellende Grün der Farnhäuser, die Trockenheit der Sukkulenten und die Fremdheit des Bambusgartens.
Zurück in der Metropole sucht man nicht vergeblich nach einem Ort der Ruhe. Wie so oft findet man ihn in einer Kirche, in der Westminster Abbey. Freilich erst, nachdem die Fototouristen unter großem Protest am Betreten gehindert werden und eine wundersam kleine Gemeinde übrigbleibt, nachdem eindringlich persönlich darauf hingewiesen wurde, daß man die gesamten 45 Minuten des Evensong teilhaben müsse. Es hätten auch zwei Stunden sein können. Wie zu den Zeiten, als die Queen noch wahre Macht hatte, sitzt man in den riesigen, mit rotem Stoff ausgeschlagenen Banknischen der Chapel Henry VIII, einer wahrhaft großartigen Halle im Stile englischer Spätgotik. Ein Chor aus Los Angeles übernahm diesmal stolz den Gesang. Vor mir das ledergebundene Common Prayer Buch, wahrscheinlich so, wie es seit Jahrhunderten auch vor den Teilnehmern an der Krönungszeremonien liegt, die immer in dieser Kirche stattfinden. Die Orgel tut ein übriges dazu, um diesen Evensong zu einem unvergeßlichen Erlebnis werden zu lassen.
In der herrlichen Abendsonne leuchtet dann das Parlament in seiner steinernen Feinheit . In Anlehnung an die Abbey wurde es im neugotischen Stil gebaut und besticht nun durch seine filigranen Spitzen, Türmchen und unzähligen Säulen. Ein Besuch ist leider nicht in der Ferienzeit möglich, und die dauert für die MPs ziemlich lange.
Der besondere Reiz Londons aber besteht in seinem Nachtleben. Vor den Pubs in Covent Garden und Soho stehen unzählige Männer vor der Tür und die ganze Straße ist erfüllt von den Gesprächen und Streitereien. Ein pint nach dem anderen schafft die typische Atmosphäre, und manchmal wagt man sich schon gar nicht mehr all zu nah an die lads heran. Richtig schön ist es um den Leicester Square; hier befinden sich unzählige Bars und Kinos, man sieht Jugendliche aus der ganzen Welt und überall liegt Musik in der Luft. Sei es das spanische Gitarrenduo, der Mann mit dem chinesischen Saiteninstrument, dessen schiefe Töne nicht vermeiden konnten, als Titanic-Theme erkannt zu werden, oder die Trommelgruppe aus Afrika. Und alle spielen direkt nebeneinander an der Nordfront des kleinen Parks. In einem der großen Häuser die Segaworld , über unzählige Etagen stehen noch weniger zählbare Spielautomaten vom elektronischen Skateboard bis zu virtually reellen Star Wars. Als Kick kann man sich in einer Kapsel bis unter das Dach fahren lassen, um dann im freien Fall das Bungeefeeling zu erleben. Weiter geht es zum Picadilly Circus mit seiner berühmten Leuchtreklame . Das Memorial in seiner Mitte wird von betrunkenen Jugendlichen mit Hunden belagert, die in Müllbergen versinken. Die Londoner Busse drehen auf diesem Platz ihre Kreise und verschwinden wieder in einer der Häuserschluchten. Und in all dem Lärm steht ein rothaariger Mann mit Rock. Sein Dudelsack kommt zwar gegen den Lärm der Straße an, doch stehen bleibt keiner. Weil er Schotte ist?
Kommt der große Hunger, so ist eines der all you can eat - Restaurants zu empfehlen, meist chinesischer Art. Mit 5 Pfund sind sie unschlagbar billig, und so sieht man gern über die unappetitlich sich auf das Buffet stürzenden Massen oder die Schlange vor dem einzigen herzhaft duftenden Klo hinweg - der Gedanke an lukullische Methoden gelangt hier zu vollkommen neuen Dimensionen. Für Kultur sorgen neben all den Konzertsälen und Bühnen die vielen Musicaltheater. So ist Les Misérables in einem wunderschönen alten Gebäude untergebracht und profitiert auch innen von der Romantik längst vergangener Zeiten. Ein ausgezeichnetes Bühnenbild, gewaltige Musik und sehr gute Sänger machen die Tage der Pariser Straßenkämpfe zu einem Erlebnis. Das Theater liegt an der Charing Cross Road, Schlagader des Nachtlebens, direkt an der Grenze zu Soho. Soho ist berühmt für seine Nachtclubs und Sexshops. Die Atmosphäre ist nicht ganz so entspannt wie auf der Reeperbahn, aber man fühlt sich sicher genug, sie auf eigene Faust zu erforschen. Rund um die Uhr geöffnete Lebensmittelläden machen unabhängig von den Wucherpreisen der Bars und Cafés, und so kann man einen ganzen Abend damit verbringen, sich diese Gegend anzuschauen. Clubs gibt es hier von jeder Sorte, die großen wieder auf der Charing Cross Road. Ob queer oder straight, in London ist das ohnehin kaum noch zu trennen. Überall wachen die gewichtigen schwarzen Türsteher mit ihren interessanten Gesichtern und sorgen dafür, daß keiner die 10 Pfund vermeidet, die man hier durchschnittlich zu zahlen hat. Eine Schachtel Zigaretten kostet 4-5 Pfund, wovon ein Teil direkt an den Health Service abgezweigt wird - Krebsprävention in doppeltem Sinne.
Nach einer dieser Nächte machten wir uns auf den Weg in die Ruhe Südenglands. Mit maximalen 70 Mph (110 km/h) auf der Autobahn fühlt man sich zwar eher wie auf einer Landstraße, aber irgendwann kommt doch die gewünschte Abfahrt.
Über Windsor und Eton, wo wir nach langer Parkplatzsuche den Besuch im Touristenstädtchen auf ein Minimum reduziert haben, fuhren wir nach Bath. An den Straßenrändern wieder die winzigen Straßenschilder mit der Höchstgeschwindigkeit und riesige Tafeln mit der Warnung vor Speed Cameras. Diese sind dann noch robuster und auffälliger als die in Deutschland. Aus dem flachen Grün der Weiden ragt zuweilen ein typisch viereckiger stumpfer Kirchturm. Wenn eine Kirche doch einen spitzen Turm hat, dann scheint das schon fast fremd.
Das alte Thermalbad Bath im Tal des Avon hat eine besonders interessante Architektur. Oft sind die Häuser in großen Kreisen oder Bögen angeordnet, den sogenannten Crescents. Am bekanntesten der Royal Crescent mit einem Blick über die gesamte Stadt. Das Zentrum ist klein und gemütlich. Wenn auch die blau/weiß gestreiften Liegestühle abends einsam in der Dämmerung leuchten, erahnt man doch die Betriebsamkeit alter Zeiten. Die vielversprechenden römischen Bäder verweigern leider das erhoffte Bad und man findet statt dessen ein Museum; die angrenzende Brunnenhalle, der Pump Room, ist ein hochnobles Restaurant. Auf der eigenwillig venezianischen Pultneney Bridge überquert man den Fluß, der hier über künstliche Stufen hinweg die gesamte Stadt in ein passendes Rauschen taucht.
Etwas südwestlich liegt die Wookey Hole, ein großer Höhlenkomplex. Die wenigen zugänglichen Hallen sind mit Farben und Formen nur zurückhaltend ausgestattet, nicht zuletzt, weil sich viele Originalteilen Privathöhle eines Engländers finden. Dafür wird man nicht aus dem Gelände gelassen, ohne eine kleine Ausstellung, die Papiermühle und ein Sammelsurium von alten Spielautomaten mit darin vernarrten Kindern zu überstehen. Erschreckt stelle ich fest, daß man hier für nur 20P eine echte Execution in Gang setzen kann, und ich muß an Segaworld denken.
Nahe der Käsestadt Cheddar passiert man die Cheddar Gorge, eine Felsschlucht mit weiteren Höhlen und einem plötzlich auftauchenden Touristenstädtchen, welches in mir rote Lämpchen von Platzangst und Touristenpanik aufleuchten ließ. Weitaus angenehmer war es in Glastonbury, um das sich wundersame Sagen ranken. Am Fuße des Glastonbury Tor soll der heilige Graal (auch) vergraben sein und im Turm wurde der letzte Abt des Klosters von Henry VIII gehängt. Glaubt man den Reiseführern, ist der Hügel heute heiliger Treffpunkt von New Age Anhängern und allerlei Mystikbegeisterten. Wir trafen nur Traveller und Kühe, die hier die Ruhe und wunderbare Aussicht genossen. Kühe spielen hier in Britain überhaupt eine besondere Rolle. Sie waren vom Wahnsinn bedroht, und stürzten das ganze Land damit in Verruf und Witze, noch heute prangen überall Aufkleber 'We trust in British Beef!'. Doch wenn man einer Kuh in die großen braunen Augen schaut, dann spürt man, daß dieses Wesen darüber erhaben ist, ein ruhiger Berg in der Brandung des schnellebigen Seins. Schon lange haben asiatische Völker diese Größe der bei uns zu Fleischlieferanten degradierten Tiere erkannt.
Über winzige Straßen , die meist hochstaplerisch gelb in den Karten verzeichnet sind, fuhren wir der Abendsonne entgegen. Links und rechts Hecken und Bäume, die teilweise in drei Etagen geschnitten sind und ein märchenhaftes Gewölbe bilden. Leider wird dadurch auch der Blick auf die Landschaft eingeschränkt, doch ab und zu erhascht man diesen durch eine Einfahrt zum Greenland. Oft jedoch ist nicht einmal dafür Zeit, denn die Enge der Straßen erfordert alle Aufmerksamkeit, um mit den zwar entgegenkommenden aber eben doch unaufhaltsam entgegenkommenden Autos einen Ausweichdeal zu treffen. Ein Blick auf die rechten Räder der Autos zeigt, daß hier jeder auf Geräusch fährt, und so machte ich mir auch nur wenig Sorgen wegen meiner verbeulten Radkappe. Trotz der geringen Entfernungen dauert eine Reise so doch ihre Zeit, Zeit, in der man jedoch wunderbare Eindrücke sammelt. Bei Blue Anchor erreichten wir die Küste des Bristol Channel und bald Minehead.
Wir übernachteten in einer Jugendherberge. Die englischen Youth Hostel sind alle sehr nett, mit eigener Küche und meist interessant exzentrischen Wardens, doch liegen sie meist mitten im Wald, auf einem entlegenen Berg oder an anderen travellerunfreundlichen Orten. Mit unserem kleinen benzinsaugenden Europcar - Silberpfeil war das aber kein Problem.
Berauschende Düfte und romantische Wege erwarteten uns im Garten des Dunster Castle. Ausnahmsweise erreichten wir ein Ziel vor 11 Uhr (es lag direkt vor unserer Haustür .-) und wurden dafür gleich mit freiem Eintritt belohnt, da der Park offiziell noch nicht geöffnet war. Das Schloß erhebt sich über die riedgedeckte mittelalterliche Stadt und erlaubt herrliche Ausblicke auf das Meer und die hügelige Landschaft. Der Garten war erfüllt von einheimischen und exotischen Pflanzen, Hortensien, Citrus und Palmen geben diesem Garten einen paradiesischen Charakter.
Westlich schließt sich der Exmoor National Park an. Von seiner höchsten Erhebung, dem von Heide überzogenen Dunkery, überblickt man das weite Land . Der kleine Steinberg auf der Spitze wird eifrig von Touristen bestiegen, was ich am liebsten mit einem unenglischen Anraunzer beantwortet hätte. Auf den einsamen Straßen des Hochmoores ist die Vegetation karg und flach, ständig trotzt sie dem Wind und dem unermüdlichen Suchen der Tiere. Eine der kleinen Parkbuchten ist der ideale Platz, die Ruhe zu genießen und den Trubel zu vergessen, der sonst selbst die kleinsten Orte erfüllt. Zuweilen liegen die Schafe auf der warmen Straße, wenden ihr schwarzes Köpfchen zum Fahrer und schauen ihn eindringlich an. Sie weichen, aber mit einer Ruhe, die keinen Sieg erkennen läßt. Man fährt vorbei an den typischen Weiden, auf denen unzählige kleine weiße Wollbällchen ein ständig wechselndes Muster bilden. Wir erreichen das Valley of the Rocks , eine Klippenlandschaft, deren besonderer Reiz in ihrer Flora und Fauna liegt. Größe Farnflächen, Heidetupfer, Wachholderbüsche, Bergziegen und Greifvögel beleben die eindrucksvolle Landschaft.
Über eine Toll-Road, einen unglaublich engen, im Dickicht versunkenen glitschigen Asphaltweg entlang der Steilküste, ging es weiter ins County Cornwall. Die Zollstelle bestand aus einer kleinen Blechkiste mitten auf der Straße und einer sie überspannenden Eisenkette. Jeder ignorierte sie. Bude, das erste von mehreren Surfzentren an der Westküste der Halbinsel, hatte einen mickrigen überlaufenen Strand, der unserer Stimmung vollständig zugegen lief. Noch dazu hatten wir keinen Parkschein, ohne den hier gar nichts läuft, besser steht. Deshalb fuhren wir weiter und fanden eine herrliche Bucht für das abendliche Dinner. Es bestand aus dem konkurrenzlosen Bread, welches ohne sonderliche Kraftanstrengung durch einfaches Drücken auf ein Viertel seines Volumens gebracht werden kann und einen entsprechenden Nährwert hat. Dazu eine Familienpackung des sliced bacon, wie er hier für Sandwiches verwandt wird, dazu die allgegenwärtige Floramagarine, eine Flasche internationaler Softdrink und Obst. Viel mehr kann man sich hier kaum leisten. Viel mehr jedoch genossen wir diese Bucht; vor uns ein einsamer Felsen im Meer , unter uns warmer Sand und am Horizont die untergehende Sonne. Mitten im Träumen, verwickelte uns ein Mann ins Gespräch. Er fragte nach dem woher und wohin, nach unseren Eindruck von seiner Heimat und nach unserer. Bis der berühmte Satz fiel: 'Don't mention the war.' But of course it was mentioned. Es ist unglaublich, doch auch dieser Brite konnte seinem kleinen Sohn Deutschland am besten als den Kriegsgegner verbildlichen, weil man gerade im Museum war, wie er entschuldigend bemerkte. Ich nahm es ihm nicht übel, denken wir doch beim Wort 'British' auch gleich an 'Rindfleisch'. Aber es zeigt sich, wie viel noch getan werden muß, um Europa auf einem zeitgemäßen Level zusammenwachsen zu lassen. In Boscastle fanden wir Unterkunft in einem gemütlichen Hotel, nachdem wir uns ein Continental Breakfast erfeilscht hatten. Dabei wurden dafür vom Waiterjungen zwar mit langen Wartezeiten gestraft, aber das liebliche Rauschen des kleinen Baches direkt neben dem Fenster erhielt uns die gute Stimmung.
Die Sage von King Arthur wird in Tintagel lebendig. Hier stehen die Ruinen seiner Burg auf den Klippen, und ein informativer Rundweg veranschaulicht die Geschichte mit einer Mischung aus Saga und Wahrheit. Die Sonne schien, und so war es hier gemütlich - die Vorstellung von kaltem Regen, fegenden Winden und klatschenden Wogen aber ruft ein wildromantisches Gruseln hervor. Im Ort selbst ein berühmtes Haus, das victorianische Post Office mit seinem von der Last der Zeiten eingedrückten Schieferdach und natürlich wieder ein Tourist neben dem anderen. Zum Lunch leisteten wir uns Fish and Chips in der Schaumstoffkiste, das typisches Takeaway. Wir genossen das englischerweise wenig geschmackvolle und nun auch noch lauwarme Gericht einige Meilen weiter in einem grünen Tal, beim Anblick einer kleinen Kirche mit uraltem Friedhof. Mittendrin eines der keltischen Rundkreuze, wie sie oft in Irland, hier aber selten anzutreffen sind.
Die Küste Cornwalls eignet sich nur selten zum Baden, meist ragt der Felsen tief in das Meer hinein und läßt dem Erfrischung Suchenden keine Chance. Nur in einer der wenigen Bays oder kleineren sogenannten Cove gibt es einen Sandstrand. Bei Ebbe. Die beeindruckendste Bucht sind die Bedruthan Steps. Ein herrliches blaues Meer umspült bizarre Felsen und leckt an einem herrlichen Sandstrand. Doch wenige Stunden später liegt der gleiche Platz Meter unter dem Meer. Langsam und doch seit Jahrtausenden unaufhaltsam steigt das Wasser zwei Mal am Tag empor und verschluckt den noch feuchten Sand. Die Menschen rutschen zusammen auf das noch trockene Land. Weißer Schaum verschlingt Sandburgen, die unter der Kraft des Meeres zusammenbrechen und eins werden mit der Ebene. Spurlos löst er sich auf, kein grauer Schmutzrand zeigt sich. Die Felslabyrinthe füllen sich blubbernd mit Wasser, und im immer wieder jungfräulichen Sand bilden sich kleine Ketten von Blasen, bis er sich dem Meer ergibt. Alles verwandelt sich, bis der sanfte Strand von tosender Gischt verhüllt ist. Die Menschen stehen auf der Steilküste und bewundern das Wirken der Natur.
Bei St. Agnes beschlossen wir, hoch über dem Meer unser Zelt aufzuschlagen. Doch der Boden ist bedeckt mit einem Teppich aus Heide, Gras und dornigem Ginster, und es gibt keinerlei Schutz gegen die Blicke der Wanderer und die Kälte des Nachtwindes. Nur wenige Meter abseits sahen wir eine alte Zinngrube, deren Schornstein aus alter Zeit noch immer gen Himmel zeigt. Die Bewohner des Hauses erlaubten uns sofort, eine Ecke der Weide zu beziehen und luden auch gleich zum BBQ ein. Wir zogen jedoch die gemütliche Zweisamkeit vor, nachdem wir uns in der kleinen Stadt mit frischem Proviant versorgt hatten. Über uns der tiefdunkle Sternenhimmel und ein ruhiger Mond. Vor uns das weite Meer, und mittendrin im Dunst ein einsamer Felsen, der sich fast menschlich nach seinen Geschwistern zu sehnen scheint. In der Ferne der Klang der englischen Glocken, der hier dem Auf und Ab einer ewigen Zeit gleicht. Oft sahen wir die alten romantischen Schornsteine in dieser einsamen Gegend, vor hundert Jahren jedoch waren die Minen Ort furchtbarer Explosionen und anderer Unglücke.
Nach dieser Ruhe und Einsamkeit war der Trubel St. Ives eine unwillkommene Abwechslung. Die Straßen der Stadt sind gewohnt eng, nur sind es nicht weiche Hecken, die man touchiert, sondern der unbarmherzige Stein der Häuser. Die Parkplätze sind alle überfüllt und Touristen quetschen sich frech an allen Seiten gleichzeitig vorbei. Endlich finden wir für 3 Pfund einen Parkplatz auf der Mole des kleinen Hafens und können nun selbst Fußgänger sein... Und dann gehen die Entdeckungen gleich viel leichter. Sei es Tate St. Ives, ein Ableger der Mutter in London, ein tropisch bunter Park, etliche kleine Kunstgewerbeläden, die großen Strände, halbnackte Surfer in der Einkaufsmeile oder aber die Kapelle auf dem Gipfel des Stadtberges.
Bald hatten wir das westliche Ende Englands erreicht. Land's End. Auf der Wiese einer idyllische Jugendherberge schlugen wir unser Zelt auf und machten uns auf den Weg zum Meer. Wir mieden das Touristenzentrum und erreichten die sonderbar runden Felsen weiter nördlich. Es begann zu regnen und am Horizont ergoß sich das Meer unmerklich in den Himmel. Einige Klippen geben ihm das letzte Geleit, bevor es sich auf den Weg nach Amerika macht. Die Sonne erschien wieder und wir erlebten ihren Untergang in tausend beeindruckenden Farben. Ein riesiges Containerschiff überquerte den Sonnenpfad in weiter Ferne. Noch immer das warme Rot im Rücken verliebten wir uns auf dem Weg über die feuchten Weiden weiter in die schweigsamen Kühe, auch wenn ihr stilles gemeinschaftliches Folgen aufmerken läßt. Doch ihr einfältiges Schnurpsen und Schnaufen, die großen sprechenden Augen und die bedachten Bewegungen nehmen gefangen. Dazu das Rauschen der Brandung und des Nichts...
Auf dem Weg zum Lizard Point liegt St. Michael's Mount, der Burgfelsen im Meer. Bei Ebbe taucht ein gepflasterter Weg auf und ein Strom von Menschen fließt in beide Richtungen. Umgeben von Tang, Muscheln und Seepocken erreichen wir das kleine Dorf, welches am Fuß des Berges klebt. Für einen Aufstieg ist es zu heiß und wir planen lieber ein Bad ein. Die Mullion Cove, eine Badebucht weiter südlich, ist nur durch einen Tunnel vom Hafen aus zu erreichen, und so wird das Ansteigen des Meeres mit noch mehr Aufmerksamkeit verfolgt, damit man noch vor dem Wasser den Tunnel durchquert. Bis Lizard Point, der Südspitze Englands reicht die felsige Küste . Der Leuchtturm von Lizard Point nahm mich gefangen mit seinem riesigen Reflektor, in dessen Kristallen sich das Sonnenlicht sammelt und mir bei jeder Umdrehung neu in seiner goldenen Wärme entgegenstrahlt. Bei Lion's Den, einer eingestürzten Höhle, hört man den einsamen Löwen brüllen, wenn gewaltige Wellen sich durch das Labyrinth der Felsplatten, Gänge und Caves branden. Der Wendepunkt unserer Reise war erreicht und über Land's End ging es wieder Richtung Osten. In Falmouth erforschen wir das hochinteressante Pendennis Castle, welches bis nach dem zweiten Weltkrieg (don't mention the war!-) wichtige Festung gegen Eindringlinge vom Meer war. Wir kamen von der Landseite und vielleicht hat uns deshalb kein Wärter bemerkt. Die Ausstellung in den alten Gebäuden ist mit moderner Technik lebendig gemacht, und so hörten wir die Gespräche im Aussichtspunkt, das Donnern der mittelalterlichen Kanonen und die deutschen Flieger. Auf den Tischen steht noch der Gulasch mit Knödeln und eine Duftpatrone läßt doch tatsächlich die Zähne tropfen . Eine gerade für England einmalige Museumskultur. Und vom Festungsturm bietet sich ein Rundblick über das Meer, den riesigen natürlichen Hafen und die weitgezogene Stadt.
Zurück im County Devon genießen wir die menschengeformte Weite des Bodminmoores und entdecken einige der eingeborenen Miniponys. Überall Farn, Ginster, kleine Felsen und natürlich Schafe. Am Abend erreichen wir das Dartmoor, die Heimat des Hundes von Baskerville. Im letzten Abendlicht lag die 'Klapperbrücke' von Postbridge. Die Jugendherberge war voll, und so begann die gruselige Odyssee durch das nächtliche Moor. Die Orte bestehen hier zumeist nur aus einem Haus und die Straßen winden sich unendlich durch das Dunkel. Natürlich noch enger als sonst und mit halsbrecherischen Kurven. Plötzlich leuchtende Punkte direkt voraus - Schafe, die sich auf der noch immer warmen Straße zur Ruhe gelegt haben. Wären wir nicht auf einer sehr kleinen Straße gewesen, hätte ich das Leuchten glatt für die mir so geliebten Mittelstreifen-Katzenaugen gehalten. Aber auf zwei Meter Straße gibt es natürlich keinen Mittelstreifen. Nach unbeabsichtigtem Umweg erreichten wir endlich eine andere Herberge, in der uns trotz der fortgeschrittenen Zeit noch erlaubt wurde, Member's Kitchen zum Reiskochen zu nutzen. Eigentlich sind die Schotten halb 11 dicht.
Das letzte (jüngste) Schloß Englands, Drogo Casle, liegt kurz vor Exeter und ist eine große Granitbastion. Ähnlich schnörkellos wie das Schloß ist der Garten gestaltet, mit gewaltigen Buchsbaumhecken, in deren Kuben man sogar umherlaufen kann. Eine kleine Kapelle gibt dem sonst eher bunkerhaften Bau etwas Warmes, und am schönsten ist der Ausblick auf das weite Land und das Tal. Exeter, ist eine der wenigen großen Städte, die wir besucht haben, nicht zuletzt, weil wir uns eine Inspektion der Uni vorgenommen hatten. Die Stadt hat eine berühmte Kathedrale mit beeindruckendem Fächergewölbe und riesigem geschnitzten Bischofsstuhl. Das Schiff ist wunderbar symmetrisch. Im Refektorium wehte uns unpassender Essensduft eines kirchlichen Restaurants entgegen, aber auch die Mönche werden früher gegessen haben. Viele alte Häuser zieren das Kathedralenviertel und neumodische Gemütlichkeit bietet das Quay. Insgesamt macht Exeter einen aufgeweckten Eindruck. Die Uni liegt etwas abseits auf einem schönen grünen Hügel. Die Servicequalität ist deutlich schlechter als in Oxford, hier ist man eher Bittsteller als Geldbringer. Innen sind die Gebäude ähnlich ältlich und wenig inspirierend wie in den meisten mir bekannten Unis und ich denke an mein schönes Potsdam.
Noch einmal wollten wir zum Meer. Und so entdeckten wir die traumhafte Küste von Burton Bradstock, deren zerklüfteter Stein in der Abendsonne wunderbar golden leuchtet. In der Jugendherberge von Litten Genehm wagten wir eine englische Kreation: Saussage with Baked Beans und Potatoes. Bezüglich der flüssigen Saussages versagten unsere Kochkünste, aber am Ende landete doch alles irgendwie appetitlich in einem gemeinsamen Topf. Der Warden war angesichts der lärmenden Kinder sehr um unser Wohl besorgt, dabei ist eine Jugendherberge doch gerade für die Jugend da und nicht für alte graue Wanderer oder Ökofamilien, die wir sonst meist angetroffen haben. Vielleicht eine Preisfrage. Bei Weymouth bestaunten wir im Vorbeifahren den riesigen natürlichen Gerölldamm, der bis zur Isle of Portland führt und einen langen silbern glitzernden Streifen vom Meer abtrennt. Ein letzter Blick von Hardy's Monument, einem Hügel mit protzigem achteckigem Turm, bevor wir endgültig den Weg ins Landesinnere antreten. Den vielgepriesenen Landsitz von Athelhampton können wir nur von außen betrachten, ein Gitter versperrt dem neugierigen Besucher wie so oft den Weg. Über das ganze Land verstreut findet man derartige herrliche Gebäude, ein Stück besondere englische Kultur der kleinen Freuden. Ein Stau auf der Straße nach Salisbury ließ uns kleinere Straßen befahren, und so stießen wir auf die Badbury Rings, frühzeitliche grasbewachsene Wälle, die nun eher angenehmen Rastplatz bieten als Ort der Geschichtsbetrachtung. Zumal die so weit zurückliegende Geschichte auf den Tafeln der Denkmalshüter oft wie Geschichten klingt. Über unzählige Roundabouts und Doppelroundabouts, die hier in England fast alle Ampeln ersetzen, ging es Richtung Salisbury. Manchmal sind die Kreisverkehrsinseln idyllisch mit Palmen und Blumen bepflanzt, meist aber sind sie so winzig, daß man kaum eine Runde herum drehen kann.
Und dann sahen wir ES. Stonehenge. Im lärmenden Zusammenfluß zweier Fernverkehrsstraßen liegt es eingequetscht und beschnitten. Ein Stacheldrahtzaun schützt es vor Stonehengespechten. Nur durch einen Besuchertunnel gelangt man in das Gelände. Und trotz allem ist es großartig. Umgeben von einem grünen Teppich steht hier das Herz eines alten Heiligtums, gigantische Steine, aufgestellt vor Tausenden von Jahren. Der sanfte ringförmige Erdwall schafft Geschlossenheit und heilt die Wunden, die unbedachte Bauherren geschlagen haben. Der elektronische Audioguide gibt stundenlange Erklärungen, und auch die WächterInnen helfen gern mit ihrem Wissen. Angesichts der mannigfaltigen Erklärungen, die von Druide bis grünem Männchen reichen, tut es jedoch gut, es einfach auf sich wirken zu lassen. Jeden Stein einzeln zu betrachten, die aufrechten und die gefallenen, die vereinten Trilithen und die kleinen Bluestones, die Prozessionsstraße und den riesigen Heelstone. Stonehenge in der Abendsonne. Und dann doch wieder die Frage: Woher? Wie? Warum? Wer?
Nachdem wir uns einen schön versteckten Zeltplatz gleich in der Nähe gesucht hatten, machten wir noch einen Ausflug nach Salisbury. Auf den Weiden kleine Hütten für die Schafbären, das Nationaltier hier. Die reiche Stadt selbst hat ihre alte Schönheit bewahrt, im abendlichen Licht leuchten die kleinen Fachwerkhäuschen mit ihren bunten Blumen und Schildern. Wie durch ein Wunder war die Kathedrale auch am späten Abend noch geöffnet und die große Orgel erfüllte den Raum mit träumend machender Musik. Es galt, Abschied zu nehmen von England. Wir leisteten uns ein richtiges Abendessen mit Wein und Kaffee, bevor wir die Stadt verließen, um im weiten Grün unterzutauchen und unter den Sternen einzuschlafen.
Der Blick aus dem Flieger zurück auf London ist einzigartig. Die Thames schlängelt sich durch die unendliche Stadt. Im Zentrum unübersichtlich ungeordnet. Perfekt geordnete Häuserviertel, die wie aus dem Baukasten in sicherem Abstand zum Zentrum an das Grün grenzen. Fast wie Computerchips fügen sich diese Gebiete zusammen zu Großlondon. Überall graue Adern, an deren Schnittpunkten kleine runde Knötchen liegen. Dann beginnt das Grün. Und in der Ferne noch das Blinken des Canada Towers, des Leuchtturmes im Meer London. An der Thamesmündung einzigartige Strukturen, unzählige kleine Deltas, die das Wasser hinterläßt, wenn es sich zurückzieht. Und schon bin ich auf dem Kontinent, die Insel weit hinter mir, doch immer noch in meinem Kopf.