Essays zu Phänomenen der Existenz


Teil 2

Von Gott

Gott wurde vom Menschen geschaffen. Das will nicht heißen, daß die Menschen nicht von einem höheren Etwas geschaffen wurden. Aber dieses Etwas und das, was ich als Gott bezeichne, ist nicht das Gleiche. Die Frage nach der Schöpfung mag zwar viele Gemüter bewegen, ist aber für mich nicht die brennendste.

1. Woher?

Wenn Gott also ein von Menschen Geschaffenes ist, quasi eine künstliche Institution, welche Gründe haben dann dafür gesorgt, daß er so entstand (und in solchem Maße Verbreitung fand), wie haben sich diese Gründe im Laufe der Zeit verändert und liegen sie überhaupt noch vor? Kann man von dem Vorliegen rational erklärbarer Gründe (nicht Erklärungen) ausgehen?

Es gibt eine Vielzahl von Anlässen, aus denen heraus der Wunsch nach einem Gott entstehen kann. Verbunden damit ist auch die Erscheinung dieses Gottes, weniger die physische als die inhaltliche. Folglich aber kann ein Gott nicht für alle gleich sein, wenn er von den Menschen jeweils nach den Wünschen und den ihm zugedachten Aufgaben erschaffen wird. Welche Gründe also mag es gegeben haben?

Die Unerklärbarkeit der Umwelt mag wohl als erstes zu nennen sein. All die Dinge, die der Mensch bewußt wahrnimmt, versucht er, mit Erfahrungen und Beobachtungen -auch Naturgesetze genannt- in Einklang zu bringen. Gelingt ihm das nicht, so muß er entweder neue Naturgesetze ableiten oder aber eine Existenz außerhalb naturgesetzlicher Räume annehmen.

Die Unerklärbarkeit des menschlichen Seins setzt das Bewußtsein desselbigen und seine Formulierung als Ziel von Überlegungen voraus, und dürfte entwicklungsgeschichtlich gesehen nachgelagert gewesen sein. Vergleiche sind hier vielleicht auch zu ziehen mit Kindern, denen sich die Frage nach der Umwelt eher stellt als die nach dem eigenen Sein.

Das Bedürfnis nach Sicherheit gehört zu den primären Bedürfnissen und ist untrennbar mit einem bewußten Leben verbunden. Als Garant für diese Sicherheit -auf welcher der Ebenen menschlicher Existenz sie auch gesucht wird- ist am ehesten ein Allmächtiger geeignet, der die Kontrolle und Führung in der Hand hat und mithin vor den Zufällen und damit der Unsicherheit zu schützen weiß. Er muß erhaben sein über die Natur, welche in Ihrer scheinbaren Zufälligkeit von Anbeginn auch der größte Unsicherheitsfaktor war. Allein schon das Wissen um diesen Allmächtigen genügt zur partiellen Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses, selbst, wenn objektiv kein Einfluß auf die Umwelt vom Betroffenen festgestellt wird. Das Nichtstattfinden des noch Negativeren wird dann als positive Steuerung angesehen. Als Modifikation des Bedürfnisses nach Sicherheit ist wohl auch das nach Führung zu sehen. Dabei wird die Abnahme von riskanten oder ressourcenverbrauchenden Entscheidungen gewünscht, welche aus Sicherheitsgründen auch nicht dem Zufall überlassen werden sollen. Der Wille zur eigenen Entscheidung ist deshalb aber kein Hindernis für den Glauben an Gott.

Das Bedürfnis nach einem Sinn der Welt wird wohl aufgetreten sein, als es nicht mehr nötig war, die gesamte Zeit mit der Absicherung der fundamentalen Lebensbedürfnisse zu verbringen. Die Frage nach dem Sein taucht auf und bringt die nach dem Sinn fast zwangsläufig mit sich. Weniger ein Sinn für die persönliche Existenz wird gesucht als vielmehr ein Sinn für die ganze Welt, als deren integraler Bestandteil sich ein eigener Sinn von selbst ergibt.

2. Wozu?

Aus den möglichen Gründen für die ‚Entstehung‘ eines Gottes lassen sich ganz unmittelbar auch seine ‚Funktionen‘ ableiten. Zusätzlich zu den bisher genannten kommen weitere, die ich für sekundär insofern halte, als sie wohl noch nicht bereits bei der Entstehung mitgewirkt haben, sondern erst später hinzugekommen sind. Sie haben jedoch einerseits aufgrund einer geringerwerdenden Bedeutung der Urgründe, andererseits durch bewußte Forcierung durch Kirchenführung und –geführte unterdessen eine teilweise größere Bedeutung. In diesem Zusammenhang scheint es angebracht, darauf hinzuweisen, daß Gott nicht identisch ist mit der Kirche, sondern diese lediglich eine Institution ist, welche sich die Verwertung Gottes in der menschlichen Gesellschaft unter Maßgabe ihrer Interpretation zur Aufgabe gemacht hat. Die Wendung im Glaubensbekenntnis, welche den Glauben an Gott und die heilige christliche Kirche gleichzusetzen scheint, bringt mithin keineswegs eine Bedingung zum Ausdruck. Ein Gott dem Wesen nach kann also durchaus auch ohne zwischengeschaltete Executive seine Funktionen erfüllen.

Gott als Vergebungsinstanz. Diese Funktion kann erst bewußt geworden sein, als ein Bedarf dafür bestand, die Menschen also die Sünde als solche erkannten und eine individuelle Beseitigung derselben für notwendig hielten. Erst mit der Opferung Christi für die Sünden der Welt erhielt diese Funktion die noch heute bestehende Bedeutung, welche sich in den vorreformatorischen Zeiten des Ablaßhandels ganz extrem in eine weltliche Richtung wandt. Die Möglichkeit (und Realisierung) einer Vergebung der persönlichen Schuld (auch Jesu generelle Tat wird letztlich auf jeden Einzelnen projiziert) ist Voraussetzung für ein stetiges christliches Leben. Sonst würde jeder Gläubige an seinen zwangsläufig auflaufenden Sünden ersticken und der Erlösung nach dem Tode nicht nahekommen können. Die Vergebung der Sünden nach der Beichte ist also die Basis für einen Neubeginn, der jederzeit wieder vorgenommen werden kann. Damit ist die Wirkungskraft der christlichen Arbeit wesentlich stärker, da die Hoffnung nie aufgegeben werden muß.

Vor allem aus der Koppelung von Vergebung an Reue und den Vorsatz, Fehltritte nach Möglichkeit zu vermeiden ergibt sich eine erhebliche Erziehungsfunktion. Problematisch erscheint freilich die Definition der Sünden. Der ursprünglich wohl aus den lediglich 10 Geboten der mosaischen Tafeln abgeleitete Katalog wird immer wieder vom Zeitgeist angepaßt, der nicht zuletzt in den Positionen der Führer der Institution Kirche seinen Ausdruck fand und findet. Betrachtet man Problemzonen wie Sexualität und Gesellschafts(unter)ordnung, so ist eine stete Transformation unübersehbar. Trotzdem ist die Erziehung des Menschen zum (jeweils) Guten die Hauptaufgabe Gottes, der Religion und der Kirche. Fast alles andere kann darunter subsumiert werden.

Große Bedeutung hat eine Gottesvorstellung seit jeher als Rechtfertigungsgrund für gesellschaftliche Ordnung. Mit Konstantins Toleranzedikt begann so im 4. Jahrhundert der rapide Wandel des Christentums zum politischen Instrument. Heute wird sich kaum ein Herrscher ausdrücklich auf Gottes Gnaden berufen. Selbstverständlich gebietet die Vernunft bei gegebener ‚Unvollkommenheit‘ des Menschen staatliche Gewalt und Regelungsmechanismen. Doch es ist nicht nur die Vernunft, welche die Existenz bestimmter (vielleicht sogar unvernünftiger) gesellschaftlicher Unterordnungsverhältnisse akzeptieren läßt, sondern ein Rest dieses Vertrauens an Führung, Leitung und die Sicherheit gegebener Verhältnisse.

Eine Besondere Anziehungskraft Gottes – und hier besonders in Form der organisierten Religion – besteht in seiner Funktion als Kondensationspunkt. Er gibt Grund und Anlaß, sich zu treffen und mit anderen Menschen in Beziehung zu treten. Früher das Treffen der ganzen Stadt zum Sonntagsgottesdienst, heute eher gezielte Gruppenarbeit und vielfältige Treffen (z.B. TAIZÉ). Gerade in der jetzigen Zeit, in der oftmals Beziehungslosigkeit beklagt wird, könnte diese Chance ernster genommen werden. Aus dem körperlichen Aufeinandertreffen folgt natürlich auch ein inhaltliches, religiöse Gemeinschaft als Meinungsbildungseinrichtung. Tritt die Gruppe dann als ein Meinungsträger nach außen, ergeben sich mitunter große politische Spielräume. Beispielhaft sei an die Wendezeit und alte wie neue (kirchliche) Akionsgruppen erinnert.

Vielleicht eher Nebeneffekt, doch aber grundlegend ist die Bedeutung Gottes für Kunst und Kultur. Weltweit dürften die größten Werke der religiösen Richtung entstammen. Kunst ist hauptsächlich tiefe innere Bewegung und Auseinandersetzung, der häufigste und weitestgehende Ansatz dazu entspringt dem Dreieck Selbst-Gott-Welt. Besonders hier ist Gott wiederum nicht als kirchlich definierte weißhaarige männliche Person zu verstehen, sondern im Extremfall als das, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ich halte es für unzweifelhaft, daß diese Funktion von anderen Inhalten nicht ausgefüllt werden kann, weil eben Gott allein den Menschen derartig betrifft. Der Begriff Kultur umfaßt viele der obengenannten Punkte und ist im Sinne von Kulturkreis (‚abendländische Kultur‘) wohl der umfassendste. Kultur ist das Wesen der Gesellschaft und mithin das Herz und die Existenz. Und eben dies alles ist letztlich nicht zu trennen vom (zumindest durch den Menschen geschaffenen) Gott.

3. Wohin?

Nicht für jeden der aufgeführten Punkte ist eine Prognose angebracht. Gerade die primären Gründe des ersten Teils sind teilweise stark in den Hintergrund getreten, Wissenschaft und Aufklärung (Selbstbefreiung) scheinen sie überflüssig zu machen. Dadurch aber wird Gott von dieser existenzwichtigen Funktion entlastet. Wird er flexibler für den Einsatz als lebenswichtiger Gott? Vielleicht besinnt sich der Mensch (und damit meine ich dann eher den aufgeklärten Kulturkreis) doch wieder auf die Erziehungsfunktion, die keineswegs obsolet geworden ist. Oder auf die Hoffnung. Und hieran müssen sich die Aufgaben der Kirche als institutionelle Anstalt ausrichten. Nicht über jungfräuliche Empfängnis und Ehelosigkeit der Priester den ‚Sinn‘ Gottes vergessen. Die so antiquiert scheinende Bibel bietet mit der Intention ihrer Texte genau die Richtige Grundlage für die Kirche und jeden Einzelnen. Für das Problem der Interpretation scheint als Lösung angebracht, nicht auf das Wort von der Kanzel, die potenzierte Interpretation zu warten. Vielleicht sollte die Bibel wieder zum obligatorischen Stoff eines Deutschkurses gehören, ein Aufsatz über die Bergpredigt schafft gewiß prägende Erkenntnis.

Jeder muß auch selbst Gott zu erkennen versuchen, nicht nur das Ergebnis des Großen konsumieren und wieder vergessen, sondern selbst Gott schöpfen.