Hamburg

 Eine luftige Perle im Norden – so empfand ich diese Stadt, als ich bei Sonnenschein mitten im Sommer hier eintraf. Nun, während des halben Jahres, welches ich hier verbringen sollte, werde ich auch merken, daß doch eher die Sage vom ständig verregneten Hamburg stimmt, aber ich persönlich will mich eigentlich nicht beschweren.

Ich bin nicht zum Urlaub hier, nein ich bin schwerer Arbeiter; und als solcher, angespornt von den unmenschlichen Arbeitsleistungen meiner ‚Kollegen‘, komme ich auch die Woche über nie zu einer zivilen Zeit in die Stadt: Früh schließt sich an das zerknüllte aufstehen gleich die Fahrt mit der S-Bahn an, auf der man den einzigen hellen Blick der Stadt erhascht. Dann vergehen endlose und doch im Nichts verschwindende Stunden bei Telefonaten und Windows zum Wahnsinn treibenden Excel-Sheets oder mit Besuchen von Vertretern, die sich mal sehr nett vorbereiten (meist Frauen) oder aber so tun, als hätte ich sie angerufen und ich könne es kaum erwarten, Ihnen mein Geld in den glänzenden Hals zu werfen (oft Männer).

Abgeschlossen wird die Tür nicht vor 9, es sei denn, man hat irgendein stichfestes Alibi dafür, einen Sinn des Lebens außerhalb des noblen Büros zu suchen.

 Glücklicherweise wurde das 3. Gebot geschaffen und sogar noch erweiternd novelliert. Und so habe ich im Laufe der Zeit viele interessante Ecken kennengelernt und vielleicht sogar so etwas wie die Idendität, den Geist dieser Stadt.

Hamburg hat zwei Zentren, eines bei Licht, das andere in der Nacht. Ersteres erstreckt sich zwischen Hauptbahnhof, Gänsemarkt, Alster und Hafen, und damit sind auch schon die 4 wesentlichen Charaktere der Stadt genannt:

Schon kurz, nachdem ich von meinem Zug auf dem Boden eines tiefen Tellers ausgeschüttet (der Gleishalle des Hauptbahnhofes, die auf beiden Seiten von ‚Nord‘- und ‚Südsteig‘ genannten Etagen eingeschlossen wird) bekam ich die Penner und Kiffer zu Gesicht, die sich auch von den die Treppen versperrenden Eisenzäunen und herumstreunenden Polizisten nicht In ihrer Existenz beirren lassen. Doch dies ist nur insofern außergewöhnlich, als der Stadtstolz sich in einer Flut von grünen Holstenpilsener-Büchsen widerspiegelt, fast schon Erkennungszeichen eines Menschenschlages, der überall zu finden ist: auf Bänken, in Bahnhöfen, in der S-Bahn, im wunderschönen Stadtpark und vor dem Karstadt. Menschen, die hinter ihrer Bierfahne fast so etwas wie eine nordische Ruhe entwickeln. Manchmal geht einer von Ihnen mit einer erschlagenden Normalität auf die Laptopträger zu: ‚Einen wunderschönen guten Tag, hast Du vielleicht etwas Kleingeld für mich? Du siehst so aus.‘ oder aber pünktlich zu ihrer Arbeitszeit auf der gewohnten S-Bahnstrecke ihre Methadongeschichte gegen Münzen einzutauschen suchen. Als ob es selbstverständlich wäre, seinen Lebensunterhalt auf diese abhängigmachende Weise zu bestreiten – doch sie sind nicht abhängiger als wir alle. Und es ist selbstverständlich. Und wie fast jeder stehe auch ich dann da und weiß mein Gewissen, mein Menschenbild und alle Gedanken argumentativ zwischen den Extrema kreisen, bis die Holstenfahne verschwunden ist…

 Der Gänsemarkt ist Endpunkt eines Ladenstraßenlabyrinthes, in welchem sich einige grosse Kaufhäuser und die Idole einer Jugend (H&M, NY…) finden. Dazu aber eine Unzahl von Herrenhäusern, Delikatessenläden und Juwelieren, zwei Mal unterbrochen von alten Kirchen. Und hier tummeln sich die Helly Hansen bejackten Jünglinge, auffällig der dunkle Einschlag. Zur Kinozeit bilden sie fast schon endlose Ketten zwischen Pizzaladen, UFA-Palast und Mac Donald’s. Hier tummeln sich die noch immer blaugelb angezogenen Geschäftsleute auf dem Weg zu Kunden oder Beratern, nötigenfalls mit einem Abstecher zu Anson’s, Christ oder Rolex. Und die Älteren, die nun die neue Weltlichkeit Ihrer Stadt mit Hündchen an der Leine mit gemischten Gefühlen wahrnehmen. Und schon sind wir am Jungfernstieg (eine Werbung behauptet doch, dieser Name sei nicht zu beweisen…) und der Alster. Dieses Wasser wird den ganzen Tag von tosenden Strömen umbraust und bietet mit seiner Schweigsamkeit einen Ort, den man fast überhören könnte. Wer kennt schon die ruhigen Bänke, hundert Schritte von den Vier Jahreszeiten weg? Allein die große Fontäne der Innenalster und die weissen Kaffeefahrtausflugsbote schaffen künstliche Bewegung. Am schönsten ist die abendliche Fahrt mit der S-Bahn, wenn diese die Lombardsbrücke überfährt und einen kurzen Blick auf die erleuchteten Prunkbauten von Hapag Lloyd, Dresdner Bank und Nobelhotel, zu Weihnachten noch von tausenden Lämpchen blitzend, überfährt. Das wunderschöne Rathaus steckt dann nur noch seine große Nase ein Stück höher hinaus. Und vergißt man fast den grünen Duft Hamburgs.

Auf der anderen Seite, ganz im Süden, der Hafen. An den Landungsbrücken seinen touristischen Ausdruck findend, ist er wahrlich beeindruckend, und schafft einen wesentlichen Teil der Idendität dieser Stadt. Der breite graue Strom trennt den Beobachter von riesigen Trockendocks, auf deren Wänden in meterhohen Lettern der in jedem Ohr klingende Name Blohm & Voss prangt. Und irgendwann schiebt sich ein Stahlkasten von atemberaubender Größe ins Bild, kaum noch als Schiff zu erkennen und mit südostasiatischem Namen auf die Standortprobleme des Standortes hinweisend. Wie viel schöner ist es dann, auf der Bugspitze der San Diego zu stehen, fast so wie Leo auf seiner Titanic? Das ist noch ein richtiges Schiff und seine Besichtigung hat mich stundenlang in Atem gehalten, um im heißen Traum von einer Kreuzfahrt zu enden.

Wenn ich des morgens zur S-Bahn laufe, dann passiere ich die Neue Flora, das architektonisch ausnahmsweise mal gelungene Gebäude, in welchem sich das Phantom der Oper seit Jahren den Menschenmassen übergibt, Menschenmassen, welche mir als große schwarze Wolke entgegenfließen, wenn ich am Abend meinem Bett entgegen aus der Bahn steige. Da streifen mich unzählige Präsentanzüge mit knallbunten Krawatten und Bommelschuhen, da spürt man das Unwohlsein der geschniegelten Kinder inmitten ihrer stolzen Familie, Jugendgruppen machen tatsächlich einen interessierten Eindruck und die lange Schlange der Kaffeefahrtenbusse am Straßenrand versperrt mir den Weg über die Straße. Fast wie in Paris.

Am Morgen also stehe ich dann einige Minuten mit all den anderen müden Gestalten am Bahnsteig – gleich wird die Bahn uns trennen in erste und zweite Klasse, eine Einrichtung, die besonders in der Berufsverkehrszeit erholsam sein kann. Doch gewöhnlich setze ich mich in die 2te, einfach, um unter Menschen zu sein. Und hier lohnt sich bisweilen der Russischunterricht, um zu bemerken, daß hier in Hamburg erstaunlich viele Sowjetbürger unterwegs sind. Nach der berüchtigten Sternschanze, an der uns die netten Studenten verlassen, kommt das Dammtor mit seinen ICEs und dem vor sich hin dümpelnden Hamburger Messezentrum, dann passieren wir die Alster mit dem wunderschönen Blick, gleich darauf den umstrittenen modernen Museumswürfel und fahren daraufhin in den Hauptbahnhof ein – mit den unvergänglichen Worten: ‚Übergang zu allen S- und U-Bahnen sowie zur Fernbahn…‘ Dort leert sich meine Bahn und es bleiben fast nur noch Vertreter, Buchhalter und dergleichen übrig, die dann Hammberbrook aussteigen, im modernen Büroviertel. Und ich bin dabei, mit Jeans und Rucksack.

Sehr eindrucksvoll ist die Fahrt mit dem Jasper Bus zum Flughafen. Dieser Name ist mir schon in meiner Kindheit begegnet, als ein Reisebus goldene Aufkleber nahe meiner Schule verteilt hat – goldene Jasper Aufkleber aus dem Westen, die selbstverständlich gleich einen Ehrenplatz an der Kinderzimmertür unseres Neubauappartements erhalten haben. Beim Einsteigen fällt der künstliche Hamburger auf, der am Nachbarbusstand steht – bei den Stadtrundfahrten. Wenn er kommt, packt er seine Schiffermütze aus gibt sich als traditionsbewußter Ureinwohner. Und ich bemitleide die wenigen echten, die man doch immer noch mal trifft und eingehend betrachten kann, an der roten Ampel, auf einer Parkbank oder eben in der S-Bahn. Echte Hamburger wie aus dem Bilderbuch, von der Nasenspitze bis zum blauen Mantel. Wenn der Bus die Außenalster überquert, erinnere ich mich an die Kanalrundfahrt, die ich gemeinsam mit meinem Heimatbesuch unternommen habe, und welche gerade so zu ertragen war, weil es wirklich herrliche Flecken gibt, und Häuser, die einen doch vom Millionärsein träumen lassen. Doch das Ausflugsboot, sein Kapitän sowie die Touristenbesatzung im Mittelalterdurchschnitt waren eher ein Graus.

Ganz im Gegensatz dazu die die Reeperbahn; ein Platz mit klingendem Namen, der doch tatsächlich einiges mehr zu bieten hat als veraltete Revuen in baufälligen tageslichtuntauglichen Gebäuden. Weniger die unzähligen Sexshops, in denen jeder zum Sittenwächter werden möchte, als vielmehr eine insgesamt weltfremde Stimmung. All die Leute hier befreien sich bewußt, unbewußt oder auch nicht von ihrer alltäglichen Idendität, und fast jeder fühlt sich irgendwie begehrt von legginbehosten Weibchen, die es, sich auf den Weg mauernd, fast unmöglich machen, umgangen zu werden. Sollte man sich sorgen machen um die Moral der Gesellschaft?

In den Diskotheken hat man das aber gleich wieder vergessen, da die Leute dort alle anständig sind :-) , im Vergleich zu Berlin oder Paris ist es freilich sehr familiär (in den kleinen) oder recht leer (in den grossen).

Und die gleichen Jugendlichen ziehen doch dann tatsächlich zum jährlichen Schlagermove – mit verschmitztem Seitenblick nach Berlin – durch die Stadt. Mit rosanen Sonnebrillen, Sonnenblumen, Schlaghosen und zu den Liedern von Gildo Horn, Biene Maya oder Heino. Ein Mordsgaudi, wenn man sich einmal erfolgreich eingeredet hat, sich nicht schämen zu müssen.