IRLAND

- Unter den Wolken... -

Irland - dieser Name ist mystischen Inhaltes für alle, die Mallorca und Ibiza satt haben. Die grüne Insel, Kerrygold, ein kleines Stück am oberen Zipfel Europas, vom Golfstrom zu etwas Besonderem gemacht.

Schon mehrere Male habe ich mich zusammen mit meinem Gary in die Spur begeben, um auf Radtouren neue Gegenden kennenzulernen und fremde Sprachen zu verinnerlichen. Deutschland, Frankreich, Tschechei... und nun Irland, der Traum des naturverliebten Einzelgängers.

Am 8. August startete ich auf dem Dresdner Flughafen, der in seiner alltäglichen Verschlafenheit genau richtig war, um mich auf eine Reise vorzubereiten, die so gar nicht in das Bild eines „normalen“ Urlaubs paßt. Der Flug war angenehm, nur manchmal schoß mir durch den Kopf, daß ich ja wohl etwas verrückt sein müsse; nur mit Schlafsack, ohne Fahrradersatzteile alleine eine Insel umrunden zu wollen, die für den Regen geradezu symbolisch steht. Aber irgendwie ging bis jetzt immer alles: Matheprüfung, Konzerte, Fahrschule - alles Dinge, vor denen man einen Bammel hat, weil man nicht weiß, was daraus wird.

„Aufgelockert, recht schön“ hatte der Pilot gesagt und ich freute mich auf ein sonniges Dublin. Doch DIE WELT behielt recht: Regen und ein mausgrauer Himmel - was für ein Beginn. Schon am ersten Tag durchweichen und nie wieder trocken werden? Was soll´s; der Bummel durch die selbst gegen Mittag mit Autos vollgestopfte Stadt wurde um drei Wochen verschoben. Mit knalloranger Regenjacke eierte ich zwischen den Autoschlangen hindurch Richtung Süden, um Anlauf zu nehmen für eine wahnsinnig schöne Radtour.

Nachdem ich mich in einem Onkel-Patty-Laden (der Mann von Tante Emma) mit dem wirklich köstlichen irischen Weißbrot und 2 Kilo Limo eingedeckt hatte (die Stewardess der klapprigen DASH 8 hatte es nicht geschafft, meinen Energiebedarf für diesen Tag zu decken), nahm ich Kurs auf die Wicklow Mountains. Schon bald verlagerte ich meine Kette auf das mittlere Blatt und ich hatte tüchtig zu strampeln, nach einem halben Jahr Büroarbeit war die alte Form ganz schön formlos geworden. Doch es hat sich gelohnt; frühchristliche Relikte in Glendalaough und karge, nur mit Schafen bevölkerte Berge, die einem das Gefühl geben, in einer großen, tiefen Welt zu sein; in der, für die vor 1000 Jahren Menschen Abteien, Klöster und Kathedralen gebaut haben, um zu danken und zu loben.

Angefüllt mit solchen Gedanken, die in ähnlich tiefer Weise das letzte Mal in der guten alten Schulzeit, bei Aufsätzen zu Böll oder Spinoza, mich beschäftigt hatten, rollte ich hinab zur Menschheit, nach Baltinglass und Carlow; wie ein Entrückter brauchte ich eine ganze Weile, um die Leute ringsum wieder zu erkennen.

Kilkenny sollte die nächste Station sein. Und da ich in meinem Nicht-Abrißhaus -dererlei Übernachtungsmöglichkeiten gibt es in Irland eine ganze Menge- nicht so recht ausschlafen konnte, war ich schon ziemlich zeitig da. Als ich früh Einlaß in Kilkenny Castle begehrte, mußte ich feststellen, daß ich immer noch nach der deutschen Zeit lebte, die aber hier eine Stunde zu schnell war... deswegen also wird es abends ewig nicht dunkel... Der Regen, der mich den Beginn des Weges nach Cashel wässerte, hatte wohl vor, mir eindeutig klarzumachen, wer hier Herr im Lande ist. Egal, in welche Richtung ich mich auf den kleinen Landstraßen wandte, immer grinste er mir direkt ins Gesicht und übersäte mich mit kleinen aber quicklebendigen Bächen, die schon bald zum bekannten Quietschen und Schäumen in den Schuhen führten. Doch zu dieser Zeit war immer noch Licht, irgendwo. Zwar trennten sich die riesigen tiefschwarzen Wolken nicht von meinem Wege, aber am Horizont war deren Ende abzusehen.

Vor mir lag sie majestätisch in der Abendsonne, die Kathedrale von Cashel. Nie hatte ich an die reale Existenz der Highlander-Kulissen geglaubt, doch hier standen Sie; von schwarzen, schreienden Krähen umkreist ragten die der Last eines Daches entledigten Mauern in die vorüberziehenden Wolken. Die keltischen Kreuze, meterhoch Einheit von Himmel und Erde uns vor Augen führend, lassen Zweifel aufkommen an der Überlegenheit der heutigen Zeit. Nur wenige Kilometer weiter fand ich eine trockene Katakombe in der nicht minder eindrucksvollen Ruine der Athassel Abbey, die, von weidenden Kühen umgeben, in mir wohl den ersten und einzigen Gast dieses Tages hatte. Auf herabgefallenen Mauerresten stehend wusch ich mich mit dem nach den Regenfällen des Tages nun langsam wieder versiegenden Naß eines steinernen Wasserspeiers, und es hätte nicht verwundert, wenn ich aufgrund meiner eigenen Vorstellungskraft im tiefsten Mittelalter mich wiedergefunden hätte. Geistig und körperlich war ich eins mit dieser Welt, die vor tausend Jahren nicht hätte realer sein können.

Je weiter ich mich in diesen Tagen nach Westen bewegte, desto fremder wurde die Natur. An die Stelle der Bäume (Wälder gibt es in Irland sowieso nicht) trat bald das typisch irische pasture-land, auf dem die schönen Rinder ungestört am saftigen Gras sich weiden. Stundenlang kann man hier die wechselhaften, ruhigen Straßen entlangfahren, ohne daß lange Weile sich auch nur in Gedanken bringt; fliehende Wolkenschatten und die unerschöpfliche Palette des irischen Grün ziehen immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich.
Bald färbt sich der Boden, und die sanften Hügel werden zu Bergen. Unmerklich wandelt sich das Gras zu Heide, die der Landschaft ein unverwechselbares Rot verleiht. Städte wie Rathmore sind Vorposten einer Gegend, in der immer öfter der Duft des Torffeuers den der Kühe verdrängt. Der Abend war nähergerückt, und wieder begann ich, zu beiden Seiten der Straße nach einem Schlafplatz zu suchen. Dankbar nahm ich nach langer Zeit das ‘no problem’ des Farmers an, welches mich vor dem Gedanken rettete, in einem der hier besonders gespenstisch erscheinenden Schuppen nächtigen zu müssen. So lag ich auf einer ruhigen Wiese im Schutze einer großen Weide und ordnete die Eindrücke des Tages. Erst in der Nacht merkte ich, daß auch die Nacktschnecken dieses Plätzchen liebten, und so teilten wir es uns.

Auch am nächsten Morgen gönnte ich mir den Genuß des vollkommenen irischen Brotes, welches in seiner weißen oder hellbraunen Sanftheit mit Schokolade oder Coleslaw vereint geradezu suchtauslösend ist.

Nur wenige Kilometer und ich erreichte Killarney, eine Stadt, die jeder kennt und in der sich die Touristen gegenseitig auf die Füße treten. Ich mied diesen Trubel und machte mich - wieder mal im Regen - gleich auf den Weg zur Iveragh-Penninsula, dem offiziellen Mekka aller Irlandreisenden.
Und tauchte ein in ein Traumland.
Totenstille, tiefschwarze und wie bleiern daliegende Seen, in denen unberührbare Inselchen von Nebel gestreift den Verliebten fast zum Wahnsinn treiben in ihrer Unwirklichkeit und Unerreichbarkeit. Er möchte hinschwimmen, doch wagt er nicht, den Spiegel zu teilen. Jeder Blick erhascht ein neues Wunder; uralte Bäume, die die Grenze der Elemente überwinden, Moose und Farne, die den Duft der Ewigkeit verbreiten und Wurzeln, die mangrovenähnlich nach langer Suche ins Wasser sich senken.
Immer höher führt der Weg und taucht auf aus diesem grünen Meer, hinein in eine Bergwelt, deren karge weite Wiesen einen nicht unwillkommen Kontrast zur trunkenmachenden Schönheit des Gesehenen bilden.

Bald erreichte ich die Küste, bei Sneem, einem jener Touristenorte, deren Einwohner bitten, später wiederzukommen, einer schöne Erinnerung wegen.

Die folgende Strecke bot ein wundersames Bild: blühende Fuchsienhecken, Lilien, Palmen, eine Welt, die man hier oben, am Nordwestzipfel Europas, nie vermutet hätte. Doch der warme Golfstrom macht gerade diese hier möglich. Ich konnte mich kaum sattsehen; hinter jeder Kurve der Küstenstraße tauchte eine neue Bucht auf, deren Küste mit immer exotischer anmutenden Blüten bedeckt war. Der Regen war vergessen, der Tag neigte sich dem Ende zu und ein warmer Wind begleitete mich auf den letzten Kilometern. Als die Sonne unterging, hatte ich meinen Schlafsack schon in den Dünen ausgerollt, mit Blick auf den Atlantik, der sich gerade weit zurückgezogen hatte.

Um der ständigen Gegenwart Vierrädriger zu entgehen, entschloß ich mich, eine Paßstraße zu nehmen, welche zwischen den Höhenzügen Iveraghs entlangführte und erst unmerklich, dann jedoch immer eindringlicher aufwärts stieg. Es war wohl das einzige Mal, daß ich es nötig hatte, laut zu werden, in all der Einsamkeit, aber kurz vor der Grenze der beiden Spitzen, hoch oben im Wind, wuchs der Berg zu schnell. Das bezahnte Blatt hinterließ fünf blutige Spuren in meiner Wade, als das Gepäck den Schwerpunkt meines Gary nach hinten verlagerte. Doch niemals habe ich auch nur einen Meter geschoben...

Der Tag war sonnig und heiß, ein strahlend blauer Himmel ohne die irischen Wölkchen. Schnell fuhr ich, den Strand von Inch auf Dingle zu erreichen, Sand, wie er in Irland nur selten anzutreffen ist, und den lange sich selbst überlassenen Körper von einem reinigenden Bad träumen läßt. Und das Verlangen des Rheumagefährdeten nach Sonne und Wärme ließ ihn das Ozonloch vergessen.
Am Abend hatte ich mich gemeinsam mit anderen Reisenden, die meiner nur kurz wankenden Selbstbeschränkung diverse warme Gerichte entgegenstellten, auf einem hübschen Hügel über der Stadt Dingle niedergelassen, der noch spät abends verlassen wurde, um einen Pub zu erkunden. Ein nächtlicher Ausflug, der selbst ohne Guinness mein so perfekt eingespieltes Körper-Geist-System vollkommen aus dem Gleichgewicht brachte. Doch die atemberaubenden Steilküsten Dingles, die sagenumwobenen Blasket Islands und Ambrosia vermochten es, mich bald wieder jauchzen zu lassen, beim Anblick dieser wunderbaren Welt.
Jeder, der es verlassen will, muß nochmal durch das bunte Dingle; es war ein unbestimmtes Gefühl, inmitten so vieler „Globetrotter“ sich zu bewegen und überhaupt nicht hineinzugehören, jedem Kontakt aus dem Wege zu gehen, weil man die Touristen als Fremdkörper empfindet in der Einheit der Natur.

Nach den Tagen im überbevölkerten Südwesten der Republik verlangte es mich nach der geliebten Ruhe, und so entfernte ich mich von den in alle Welt versendenden Gift Shops und fettmachenden Pferdedroschken Richtung Norden.
Der berüchtigte Connor-Paß lag vor mir. Vierzig Minuten lang.
Eine an diesem Nachmittag noch immer eifrige Sonne machte es mir nicht gerade leicht, die ewige Straße hinaufzukurbeln, doch mit beharrlichem, gleichmäßigen Tritt hatte ich bald den Punkt erreicht, dessen Aussicht so viele Grüße ziert. Es war phantastisch. Und die Abfahrt ließ mich einmal mehr all jene bemitleiden, die sich mit dem Tourenbike hier herunterbremsen müssen.

Die Fahrt von Tralee nach Tarbert, zur Shannonfähre, war dafür umso leichter; mit angenehmen Rückenwind fühlte ich mich wie ein Segler und beging die Torheit zu glauben, daß der ewige Gegenwind sich nun für immer selbst begegnen würde... Auf dem großen Schiff, welches mir den Weg über Limerick ersparte, dominierten die Dieseldämpfe des Motors und der Geruch unzähliger Autos, der umso intensiver wird, je länger man auf ihn verzichten durfte. Doch die sanfte, von leichten Schauern im Abendlicht glänzende Straße nach Quilty gab mir bald wieder diese große innere Ruhe. Und als ich dann abends in meinem Schlafsack lag, auf einer einsamen Wiese, die sich nach den fußballspielenden Jungs sehnte, bot sich mir die ganze Schönheit eines Sommerabends. Der Himmel brannte rot über dem schimmernden Atlantik, warmer Wind trug den Duft und das ewige Rauschen des Meeres, und nur ein einsamer alter Kirchturm zeugte von den kleinen Menschen.

Der nächste Tag brachte mich zuerst nach Lahinch, einem Ort, der seine Bekanntheit einem riesigen Golfplatz verdankt; 18 Doppellöcher wurden in eine kilometerlange Düne gebohrt, aus deren Wogen nun ab und zu ein stolz das Wägelchen ziehender Golfer auftaucht, um kurz darauf wieder zu verschwinden. Und den Cliffs of Moher, die nur wenige Kilometer nördlich ganze Karawanen von Bussen und gelb beschilderten Autos anziehen. Doch bevor ich mich auf den Weg machte zu den atemberaubenden Steilküsten, bog ich selbstbewußt und den Rezeptionisten keines Blickes würdigend in einen Campingplatz ein, der mit 3 Sternen vielleicht ja auch eine warme Dusche meinte. Mein ganzer Körper atmete auf, als der spärliche Strahl nach 12 Tagen all den Regen, Sand, Sonne, Berge und die Nächte im Staube alter Mauern abwusch.

Nachdem ich die Cliffs und den fast monotonen Klang der irischen Harfen hinter mir gelassen hatte, tauchte ich ein in eine gänzlich andere Welt: die Burren.
Weite Ebenen, die geprägt sind von Stein. Weißem Stein, der in unendlichen Bändern das Land durchzieht und ihm eine karge Einsamkeit verleiht. Kaum ein Baum oder Strauch, keine Blüte, nur die bunten Kleckse auf den Rücken der Schafe erinnern an die Fruchtbarkeit des Südens. Am Rande dieser Landschaft die Ailwee-Cave. Ihre Gänge führen tief in das Plateau, und der weiße Stein zeigt sich in immer neuen bizarren Formen, die er erdachte, nachdem er vom Regen in die Tiefe gespült worden war, vor tausenden von Jahren.

Nach der folgenden Nacht hatte ich mir eigentlich vorgenommen, nie wieder in einer Scheune zu schlafen. Das Heu entpuppte sich als ganzer Flohhaufen und mir blieb nichts, als mich stündlich von oben bis unten zu kratzen. Als Entschädigung gab es dafür am Morgen vier noch warme duftende Scones, die nicht nur physische Wärme in mich brachten. Über Galway führte mich der Weg nach Connemara, in eine Landschaft, die mir von anderen Reisenden als traumhaft anders beschrieben worden war.

Es war totenstill dort, nur der Wind wehte unermüdlich über die weiten Flächen und kräuselte den Spiegel der unzähligen Seen des Corrib, welche die Straße säumten. Wie Geister schwammen einsame Inselchen auf den ständig neu aus dem Fluß sich erschaffenden Wassern, vom Wind gebeugte Kiefern richteten ihren Blick nach Osten - und sahen nur ihr eigen Bild im schwarzen Grund des Wassers. Große dunkle Wolken zogen tief umher und verfingen sich in den schweigenden Bergen des Westens. Gerade als ich ein Stück Irland an mich nehmen wollte, begannen die Wolken sich zu öffnen, unerbittlich, und ich hatte nur wenig Zeit, den Barren Torf in die schützende Trockenheit der Ortliebs zu retten. Weit und breit war nichts mehr zu sehen als Torf und Wasser, Nebel und Wind.Ich verliebte mich in diese rauhe Gegend, die mich so unwirtlich empfing und doch ihre Schönheit nicht verbergen konnte, nicht vor mir.
Ich wagte nicht, den Sattel zu verlassen und fuhr den ganzen Tag, ahnte nur die Berge, die im Tal des Inagh mich umgaben und gelangte schließlich nach Kylemore, zu der märchenhaften Abbey, die auf einem Bild ich gesehen und zum Ziel des Westens gemacht mir hatte. Es regnete unaufhörlich, und so blieb ich bei Ihr bis zum nächsten Tag, denn ich wollte sie genießen, bei Licht. Der Traum, Herberge in diesem Ort zu finden, erfüllte sich nicht, doch die Messe am Morgen versöhnte mich mit der stürmischen Nacht und hielt noch lange vor.

Entlang der berühmten Lachsgewässer Irlands führte mich der Weg über Ballina und die sanften Ox Mountains nach Sligo. Der Vorsatz, Scheunen, Barns, zu meiden, wurde schnell vergessen, denn der Himmel ließ mir von nun an keine Wahl. Ich danke ihm, denn so lernte ich die Menschen kennen, Menschen, die es verdient haben, in diesem Land zu leben. Wer hier ist, muß gut sein, denn er könnte es nicht vollbringen, willentlich dem zu widerhandeln, der überall sich zeigt, sichtbar oder nicht.

Donegal, das nördlichste County erwartete mich. Nur wenige Kilometer bleiben der Republik hier, ehe im Osten Nordirland beginnt, welches ich später als vollkommen anders kennenlernen sollte. Wieder einmal leuchtete ich weit sichtbar in grellem Orange, denn der Regen konnte nur durch meine Jacke davon abgehalten werden, nach Händen, Füßen und Gesicht auch den Rest meines Körpers vollständig aufzuweichen und mit Schrumpelmuster zu versehen.
Ich verließ die Stadt, welche in ihrer feuchten Tristheit meine Seele schmerzte und machte mich auf den Weg in den Westen, zum Ende Europas, den Klippen des Slieve League, die 600 Meter über das Meer sich erheben. Ich erreichte sie, nachdem ich die riesigen Fischhaufen Killybegs gerochen hatte und auf malerischen, einsamen Küstenstraßen viel Zeit damit zugebracht hatte, die geheimnisvollen Buchten und einsamen Strände zu genießen.

Die Kliffs sind einfach phantastisch; prächtige Heideflächen brechen plötzlich ab und vergehen im Meer, welches am Horizont eine unendliche Ehe mit dem Himmel einzugehen scheint. Die spärlichen Sonnenstrahlen wärmen weiße Lämmer, die wundersam behütet den grünen Teppich küssen, der gleich daneben im Nichts vergeht...

Lange brauchte ich, um den Glengesh Pass zu erreichen, der mich mit atemberaubenden 20% zurückbrachte in die menschliche Welt, nach Ardara, der Geburtsstadt meines kuschelweichen Wollschals. Eine zauberhafte Strecke durch das Tal des River Finn führte mich dann in herrlichem Sonnenschein bis kurz vor Ballybofey, wo ich wieder um Nachtquartier bat; jede Nacht hatte Regen gebracht und auch diese war keine Ausnahme. Früh um acht weckte mich das „are you awake?“ der alten Farmerin, und ich verließ das duftende Hey, um von einem echten irischen Frühstück empfangen zu werden. Zwei Stunden unterhielten wir uns bei porridge, bacon and eggs, bread, marmelade und natürlich dem überall obligatorischen tea mit milk und sugar.

Nachdem ich die Donegal ein zweites Mal passiert hatte, wandt ich mich nach Osten, nun endlich den langersehnen Rückenwind erwartend. Doch das Ziel dieses Tages schien ein Wohlwollen der irischen Geister zu verhindern: Nordirland und der Lower Lough Erne. Die sechzehn Meilen bis Pettigo, der Grenzstation, nahmen eine unglaubliche Zeit in Anspruch. Bei unerbittlichem Gegenwind und hinter jeder Hügelkuppe neu mir entgegenfliegender Feuchtigkeit durchquerte ich eine menschenleere Gegend.
Nur selten wurde ich von einem gelb Beschilderten in den Grenzbereich jener Trance geholt, in die mich das niederfrequente aber gleichmäßig unnachgiebige Drehen meiner Kurbeln versetzt hatte. Wie manchmal auf solchen Fahrten war ich unbewußt zu einem innerlich gleich einem alten Schiffssklaven in unendlich monotonem Rhythmus schwingenden, manchmal simple Tonfolgen denkenden Etwas geworden; ein unvermitteltes Stehenbleiben, das Niederlegen auf dem von Wasser infiltrierten Gras, vor neuerlicher Bewegung errettet durch ein Ende meines irdischen Lebens, hätte mein Geist nicht im Geringsten als problematisch empfunden.

Irgendwann tauchte dann doch der Ort auf, der mir die Grenze ins Britische deuten sollte. Entgegen meinen Erwartungen war weder eine Grenzstation noch Uniformierte zum Schutze aufmarschiert. Nur meine gespannte Beobachtung ließ mich die Polizeistation bemerken, in der mir ein famoser Beamter in dickstem Qualm erklärte, ein Stempel sei doch nicht nötig. Mit breitem Lächeln versah er meinem weitgereisten Paß dann aber trotzdem mit dem begehrten Nachweis auch dieser Grenzüberschreitung. Während er mir noch eine halbe Stunde die besten Routen der Gegend erklärte und bewundernd die Markierungen der bisherigen Fahrt auf der Karte studierte, war draußen wieder die Sintflut ausgebrochen, die mich schnellstens veranlaßte, den ungewohnten Schutz eines riesigen Wohnwagens anzunehmen, in dem zwei alte Fischer schweigend ihre Netze für den nächsten Morgen vorbereiteten. Noch Tage später empfand ich lebhaft den Duft, der mich in dieser Nacht unter dem Trommeln des Regens eingenommen hatte. Die erste Hälfte des nächsten Tages war wieder durch feuchtes Grau ihrer Farben beraubt worden, obgleich ich während eines kurzen nächtlichen Ausfluges Zeuge eines wunderbar klaren Sternenhimmels geworden war, wie ihn die Städter leider nur selten, dafür umso intensiver bestaunen.
Nachdem mich ein Hungerast in Enniskillen dazu gebracht hatte, sämtliche königliche Währung auf einen Schlag in Crèmetorte, Doughnuts, Beans und Joghurt einzutauschen, war der weitere Weg durch das sonnendurchflutete Gebiet des Upper Lough Erne dafür ein voller Ausgleich. Unzählige kleine Seen säumten die löchrige Straße, und große alte Bäume spendeten Schatten und Geborgenheit. Mitten in dieser ohnehin schon märchenhaft anmutenden Welt stand dann auch noch -weit abseits der großen Straßen- Crom Castle. Bewundernswert schöne, kräftige Rinder beobachteten mit ihren riesigen dunklen Augen den lautlosen Fremden, der sich heimlich dem Wohnsitz ihrer Herren näherte.

Der Weg zurück in die Republic war dann doch von Polizeikontrollen und einer gefährlich anmutenden, kameraüberwachten vollautomatischen Grenzstation gekennzeichnet, die bei Bedarf dem Unerwünschten wohl unerbittlich ihre eisernen Zähne aus dem schwarzen Asphalt engegengeschoben hätte. Und schon nach wenigen Meilen im altgeliebten Süden wurde mir klar, daß dieses Land nicht vom Glauben geteilt wird, sondern irdischen Werten. Straßen, Häuser, Autos, Kleidung, alles ist hier von einer Schlichtheit, die dem Deutschen zu Beginn wohl fremd und sorgar ärmlich erschienen sein mag und steht in unübersehbarem Kontrast zum teilweise nur einen Steinwurf entfernten royalistischen Norden.
Doch erstaunlicherweise versagten sich all jene dem gefährlichen Neid, die ich, ihre offenherzige Gastfreundschaft dankbar annehmend, auch zu diesem Punkt in ein Gespräch verwickelte. Ob der alte rheumatische Farmer, den die karge staatliche Rente gar nicht auf die Idee kommen läßt, von einem Fernseher zu träumen oder die Oma, deren Sohn unter den Sanktionen des Wahnsinns zu leiden hat; sie alle vertraten allenfalls die Meinung, bei Ihnen sei es wärmer als im Norden, nicht nur wegen des Golfstromes... Ich glaube, diesen Unterschied auch gespürt zu haben. Er ist wohl niemandem vorzuwerfen, sondern scheint ein wohl leider fast grundsätzlich anzutreffender Nebeneffekt zu sein, nicht nur auf dieser Insel.

Dem Regen der folgenden Nacht entging ich im abgebrannten und - natürlich - stehengelassenen alten Haus einer Farmerfamilie, deren jüngster Sproß mein Anliegen sofort erfaßte und mich in einer chaotisch anmutenden Küche mit den landestypischen Teebisquits vollstopfte. Beim abendlichen Familiengespräch mußte ich dann meine zivildienstgeprägte Stellungnahme zum medizinischen Berufswunsch des Abiturienten abgeben. Ihm war die Gegend wohl ein bißchen zu grün, der nächste Ort (mit Pub) erforderte eine Stunde Fußweg. Die Idee, das im Schuppen stehende Fahrrad zu nutzen, wurde mit einem Hinweis auf den kaputten Schlauch verworfen.

Die Erinnerung des nächsten Tages besteht fast ausnahmslos aus wiederum sintflutartigem Regen, der bei Kingscourt in mir die Angst schürte, mitsamt meinem treuen Gary weggespült zu werden. Mangels schlechterer Alternative klopfte ich an einem gepflegten, fast deplaziert anmutenden Herrenhaus, dessen Besitzer mich dann wider Erwarten im leerstehenden Farmhaus eines einverleibten Besitzes unterbrachte, nachdem ich seine eingehende verbale und visuelle Prüfung meiner Rechtschaffenheit wohl mit beruhigendem Ergebnis überstanden hatte. Mit seinen weitreichenden Ländereien und unzähligen Rindern, die er selbst am Sonntagmorgen persönlich weckt und dazu bringt, sich aus dem nassen Gras zu erheben, war er wohl einer der wenigen, die es geschafft hatten, auch den vermeintlichen mitteleuropäischen Kriterien für Erfolgreich- und Glücklichsein zu genügen.

Weit war ich während der letzten Tage nach Osten gekommen, und bald sollte sich mein Kreis schließen. Nur noch zwei Tagesreisen trennten mich von Dublin, für welches ich mir den letzten Tag vorbehalten hatte. Das an bekannten touristischen Attraktionen eher arme Landesinnere verwandelt sich bei Drogheda in das mit prähistorischen Monumenten gespickte Boyne-Tal, dessen beeindruckende Sehenswürdigkeiten ich mir mit einer zwar auffallenden aber erträglichen Zahl (anderer) Touristen teilen mußte. Die riesigen Steinkreuze von Monasterboice, Mellyfont Abbey und Newgrange sind nur die bekanntesten der unzähligen Stätten alter Kultur und Religion. Letzteres ein riesiges, mit strahlender Quarzfront geschmücktes 5000 Jahre altes Hügelgrab mit geheimnisvollen Innenleben, welches Astronomen und Mathematiker, Touristen, Antropologen und Mischmasch wie mich gleichermaßen in Verzücken versetzt. Auch mein Gastgeber der folgenden Nacht beließ es nicht beim einfachen Schlafplatz, sondern versorgte mich mit einem willkommenen Frühstück.

Ich war mir bewußt, daß die Metropole, Dublin, unbedingt mit dazugehörte, wenn ich mir ein wenigstens halbwegs vollständiges Bild von diesem Land machen wollte. Doch mir war auch klar, daß es schwer sein würde, aus drei Wochen grüner Einsamkeit mit Kühen und lieben Menschen unvermittelt einzutauchen in die quirlige Hauptstadt, die den Anschein erweckt, dem liebgewonnenen Land grundsätzlich zu widersprechen, zumindest auf den ersten Blick.

Am vorletzten Abend hatte ich mich schon weit in die Fänge der Stadt begeben. Auf Howth, der Halbinsel in der Dublin Bay, wollte ich die berühmten Rhododendren bestaunen, wurde aber vom Einbruch der Dunkelheit und - natürlich - Regen kurz vor dem Castle im Transportmuseum festgehalten, dessen ehrenamtliche Betreiber mich als einen der wenigen Gäste dieses Tages freundlich einluden, die Bisquits mit Ihnen zu teilen. Ich wußte, daß es nahezu unmöglich sein würde, in der Stadt einen Schlafplatz zu finden, und so nisete ich mich in einer alten Fabrikhalle auf dem Museumsgelände ein. Dazu mußte ich die Bedenken und Warnungen eines der Freunde ignorieren, der von Jugendbanden sprach, die in betrunkenem Zustand vor Einbruch und Schlimmerem nicht zurückschreckten... lange versuchte er, mich davon abzuhalten und schlug sogar vor, mich im Museum einzuschließen, was ich aus Gründen meiner Unabhängigkeit aber nicht annehmen wollte. Auch die von ihm zur Verteidigung angebotene Schere lehnte ich dankend ab. Ich vertraute meinen bisherigen Erfahrungen und dem Guten im Menschen.
Und trotzdem wurde diese Nacht zur einzigen, in der ich gezwungen wurde, ernsthaft an der Vertretbarkeit meiner Übernachtungsmethode zu zweifeln. Gegen halb 1 wurde ich von irischem Folkgesang geweckt, der aber den Kehlen betrunkener Männer entstammte. Ich fühlte ihre Schritte hinter mir und hörte das Knirschen des Sandes in der stockdunklen Halle... Vielleicht war es eine Erleichterung, daß ich ihre gelallten Worte nicht verstand, den Gegenstand ihres plötzlichen Flüsterns jedenfalls bildete ich mir ein zu kennen wie kein anderer.
Eine lange Stunde lang verharrte ich stumm in meinem Schlafsack, der bei jeder Bewegung ein zwar leises, aber doch wohl verräterisches Rascheln von sich gegeben hätte, bis das teilweise von Streit unterbrochene Gegröle verstummte, ohne daß mich die Kenntnis eines Grundes erlöst hätte.
Trotzdem fand ich bald wieder Schlaf. Am Morgen schien die schwache Sonne durch die noch nassen Wipfel der Bäume und ich war dankbar, daß ich noch eine Chance bekommen hatte, die ich mir vornahm, in der letzten Nacht gewiß nicht aufs Spiel zu setzen.

Nun aber stürzte ich mich ins Getümmel der Stadt, in der die Staus zwar auf der anderen Straßenseite, mit aber fast noch größerer Intensität als bei uns den Verkehr beherrschen. Nachdem schon das Abstellen des Fahrrades an einem Geschäft von besorgten Iren mehrfach mit dem Hinweis honoriert wurde, dies sei in Dublin fast eine Garantie für den Verlust desselben, habe ich mich entschlossen, von dem normalen Tourismusprogramm Abstand zu nehmen und einfach durch die Stadt zu streifen und ihr Wesen aufzunehmen. Neben den „normalen“ Sehenswürdigkeiten wie Christchurch Cathedral oder dem Trinity College, die ich nur von außen studierte (sonst wäre ich wohl auch unter der Last der Menschheit zerbrochen), war ich beeindruckt von einer fast orientalisch anmutenden Geschäftigkeit in der O`Connel Street, wie ich sie bisher nur auf nordafrikanischen Souks kennengelernt hatte. Natürlich wurde hier der Duft der Schicha von dem der geschmuggelten Camels, unzureichend, ersetzt.
Trotz aller Vorsicht ließ ich es mir nicht nehmen, den Guinness Hope-Store zu besuchen; selbst einer, der diesem Getränk nicht gerade verfallen ist, sollte diese Chance nicht ungenutzt lassen. Und mit einem Freiguinness im Kopf radelt es sich gleich nochmal so leicht auf dem alten Pflaster.

Der Tag neigte sich seinem Ende entgegen. Die Sonne hatte sich erbarmt, diesen letzten zu erwärmen und ich mochte diese Stadt. Ich verstand sie zwar nicht, aber ich fühlte mich wohl. Noch gar nicht wieder so richtig in der Zivilisation anwesend, zufrieden und voller Eindrücke machte ich mich auf den Weg, verließ Dublin gen Norden und machte noch manches Mal halt, um einen Blick zurückzuwerfen.

Die letzte Nacht lag ich endlich wieder unter klarem Himmel, den Blick bei den Sternen, auf einer grünen irischen Wiese. Diese drei Wochen haben eine tiefe Zuneigung zu diesem Land in mir erweckt, Irland, das auf so wunderbare Weise die Schöpfung vereint.


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