Ein Buntwerk aus Kultur, Natur und Religion
Paris-Tel Aviv-Haifa-Akko-Nazareth-Tiberias-Golan-Jerusalem-Betlehem-Totes Meer-Mizpe Ramon-Eilat-Petra-Sinai-Kairo-Alexandria-Luxor-African Queen-Assuan-Abu Simbel-Luxor-Kairo
Als ich Israel als Hauptziel meiner diesjährigen Frühlingsreise wählte, schwebte in mir auch die Furcht vor einem trockenen verstacheldrahteten Land, was mir Grünophilem doch schon Sorgen bereitete. Andererseits sind Namen und Ereignisse wie Jerusalem, die Bergpredigt, der Golan oder das Tote Meer viel zu groß, als daß es eine Entschuldigung gäbe, sie nicht leibhaftig durch Auge, Ohr, Haut und Nase in sich einzusaugen. Gott sei Dank!
Der Start war nicht so recht glücklich. AF hatte sich in den Anschlußzeiten etwas verplant, so daß ich das erotische Hinterteil meines weißen Vogels nur von hinten sich in den Himmel erheben sah. Durch einen Voucher sowie die Erlaubnis, mir die Zeit bis zum nächsten Flug in der (sogar internetten) Pariser Businesslounge zu vertreiben verschönt, gab mir das allerdings die Möglichkeit, mich endlich etwas ausführlicher mit meinem Ziel zusammenzusetzen, wozu ich vorher kaum die Zeit gefunden hatte, war ich doch viel zu sehr mit Paris beschäftigt gewesen...
Tel Aviv [top]
Früh um 2 landete ich endlich in Tel Aviv, auf dem Flughafen Ben Gurion - womit mir auch schon zum ersten Mal dieser Name begegnete, der für die Gründung des Staates Israel und den Kampf dieses kleinen hochpotenten 'Fremdkörpers' inmitten der arabischen Welt um Anerkennung, Souveränität und Existenz steht. Diesem Trauma fand ich mich auch gleich gegenüber, als eine kleine uniformierte Paßkontrollierende den Stempel der Emirate in meinem Paß entdeckte. Noch deutsches Recht und Ordnung im Hirn, blieb ich doch wirklich locker und beantwortete brav die Flut der Fragen, die sich nun ergoß, bevor ich endlich den Fuß auf das Heilige Land setzen durfte. Den enormen Taxipreisen entging ich dieses Mal, indem ich mir ein geschäftsreisendes Pärchen auf die Rückbank lud, doch war das unerklärlich hohe Preisniveau des kleinen Streifens im Westlichsten Asiens auch später immer wieder Anlaß zu einigen Sorgenfalten. Auf Empfehlung des (wiederum unentbehrlichen) Lonely Planet bettete ich mich im Hostel No 1 - bevor ich jedoch den Charme dieses Treffpunktes der Weltjugend bei Tag erfahren konnte, war ich froh, meine durch sein nächtliches Erscheinen verwirrten Sinne wegen Übermüdung für die Nacht erst mal schließen zu können. Nach dem spärlichen Frühstück, welches typischerweise hauptsächlich aus Gemüse bestand (einem Stapel Gurkenscheiben und Tomaten sowie Weißbrot mit Chemiemarmelade) machte ich mich auf, Israels neue Hauptstadt zu entdecken.
Der Markt konnte seine arabische Umgebung nicht verleugnen, auch wenn er fast vollständig in geraubkopierte time to say good bye eingehüllt war. Mich beeindruckten die unzähligen schönen Menschen, die hier so ineffizient in der Gegend rumstanden und mir so einige positive externe Effekte spendierten .-). An jeder Ecke standen Soldaten, die mir jedoch auch mit ihren russisch anmutenden Waffen keinen Schrecken einjagten. Vielleicht, weil ich ihnen mein Gewaltpotential der Jugendjahre nach dem Abitur antrug. Und da siedelte ich die zumeist diese die erste Rasur noch vor sich habenden Jünglinge an.
Die an den Straßen parkenden Autos stießen oft plötzlich laute Alarmhupungen aus, ist das die Hitze? Doch niemand stört sich daran, sie hören auch von selbst wieder auf. Auffallend die Liebe der Telaviver zu den so herrlich bimmelnden Handies, meist Motorolas des größeren Kalibers, doch eindeutiges Zeichen für Reichtum und Fortschritt. Weniger wohlhabend wohl die Katzen, deren von gleichmäßigen Knochenringen strukturierte magere Körper unangenehme Gefühle weckten, welche von den drohbettelnden infektiösen Augen noch verstärkt wurden. Und so beschränkte ich meine Gaben schon allein aus der Angst vor weiterer Verfolgung.
Der Mittelmeerstrand von Tel Aviv hingegen ist ein Traum. Durch allmorgendliches Pflügen kuschelweich und birkenstocklaufgesund gemacht, bietet er je nach Wanderzeit einen lärmendes oder besinnliches Bild. Auf dem Weg begegnen einem romantische Lifeguardhäuschen vom Stile Baywatch, Sportive, die einen ständig mit ihren von Sperrholzschlägern kinetisch geladenen Gummibällchen bedrohen, HotelDJs mit den heißesten Technoscheiben und im Abendlicht auf der Mole sitzende Jugendliche die sich mit ihren Trommeln aus dieser Welt pulsen. Und an seinem Ende steht Jaffa, der älteste Hafen der Welt, die kleine arabische Mutterstadt, aus welchen der Muezzin den jüdischen Hotelburgen seine jahrhundertalten Rufe entgegenwirft. Doch Hebräer und Araber sind nicht allein, der Rußländer allgegenwärtige Sprache und unverkennbares Wesen läßt nicht vergessen, daß hier noch kaum einer eine Heimat in unserem Sinne hat.
Während der abendlichen Unterhaltung im Hostel - den international anerkannten Simpsons - bestürmten mich schon die Erfahrungen der in Israel Bewanderten. Interessanter aber die Erzählungen der halbwüchsigen weißen Südafrikaner, die offensichtlich aus ihrem Lande geflüchtet waren und nun in Israel Ruhe suchen.
Beim abendlichen Stadtrundgang fiel auf, daß der Minirock hier keineswegs geächtet ist, nein, die schlanken schwarzen Wesen werfen sich teilweise so in Schale, daß das Starren und Lechzen der auf den Straßenbanken sitzenden Jungs geradezu Mitleid erwecken muß.
Die Busse nach Haifa verlassen die Stadt vom zentralen Busbahnhof, einem riesigen Gebäude mit Abfahrtsterminals auf zwei Etagen. Egged ist ja auch nach Greyhound die größte private Busgesellschaft der Welt. Überall schwirren Gruppen von Soldaten durch die Gegend, sie scheinen den Transportapparat Israels überhaupt derartig aufzublähen. Und im Bus konnte ich dann in aller Ruhe die Leute beobachten. Die Soldaten in ihren olivgrünen Uniformen, eine gehäkelte Kippa mit Haarspange an den kurzen schwarzen Haaren befestigt, auf dem Nebensitz oder im Arm das wichtigste Gut: die Waffe. Glaubt man den Geschichten, so drohen bei Verlust 10 Jahre Gefängnis - ein guter Grund, das abgeschabte Stück Tag und Nacht bei sich zu tragen. Oder die euramerikanisierte Frau, die sehnlichst wartend auf das Display ihres Handys starrt, um bei dessen erster Zuckung in Kontakt mit der Welt zu treten. Und deren Hand dabei auf einer goldenen Schaumstofftasche mit dem großen Schriftzug PARIS und einem gestickten Eiffelturm ruht. Und natürlich überall Russen, deren unverständliche (wo sind die 6 Jahre hin??) Debatten sich so oft ziemlich konfrontativ anhören.
Haifa und die Nordküste [top]
Israels Hafenstadt Haifa erschien mir beim Tritt aus dem Busbahnhof als eine ziemlich laute Stadt, und so lenkte ich meine Schritte zum Baha'i-Tempel. Dieses goldkuppelige Hauptheiligtum der mir bis dahin unbekannten Religion liegt inmitten eines wunderschönen Gartens, eingehüllt in den schweren Duft und die satten Farben tropischer Pflanzen. Leider sind die Öffnungszeiten für frühaufstehende fromme Pilger gemacht, und so stand ich gegen mittag bereits vor verschlossenem Tor. Nachdem ich einige Zeit auf dem Hügel der Stadt umhergestreift war, stand ich wieder mal am unangekündigten Ende einer Straße. Vor mir eine große Fläche mit Bodenpflanzen und in der ferne eine kleine runde weiße Moscheekuppel. Ich wagte den Weg und fand mich bald gefangen inmitten dorniger Sträucher, großer Steine und Stacheldrahtes, und so mußte ich ab und zu innehalten, um sich formende Flüche durch den traumhaften Blick auf das Meer in Wohlgefallen aufzulösen. Endlich stand ich vor dem Stella Maris Karmeliterkloster und nahm von dort einen Weg hinab der mich durch den tausendfachen Frühlingsduft von Anemonen, Alpenveilchen und Ginster zur Höhle des Elias führte. In dieser alten Stätte befindet sich heute eine Synagoge, die ob ihrer Naturgeformtheit in die Zeit des Testaments zurückversetzt. An ihrem Fuße vergnügte sich eine arabische Familie beim Picknick. Es ist schon erstaunlich, wie alternierend Besonderes und Alltägliches der beiden Religionen sind, ohne daß sich nach meinem Eindruck ein wie auch immer geartetes Problem daraus ergäbe.
Nachdem ich meine Fahrkarte für zehn Schekel (fünf Mark) am Automaten mit der VISA bezahlt hatte, wurde ich auf dem Weg zum Bahnsteig von einem Soldaten um meinen Paß gebeten - sah ich schon so verwildert aus, daß er annahm, mein vierwöchiges Visum wäre ausgelaufen? Zur Strafe fragte ich ihn noch ausführlich nach meinem Zug - und am Ende freuten wir uns beide, daß ich nach seiner gebrochen englischen Erklärung eine ungefähre Ahnung von der Lage des Bahnsteiges hatte... Im Zug wieder bei Soldaten gesessen, die ich nach der Bedeutung der auffällig bunten und immer unterschiedlich gestalteten Schulterfähnchen an den Uniformen fragte, wegen mangelhafter Englischkenntnisse (gut: fehlender Hebräischkenntnisse), hab ich aber nur 'Base' und 'Navy' verstanden. Na immerhin. Bei herrlicher Abendsonne landete ich in Akko, der alten Seefahrerstadt. Ich durchschritt die tiefgelb leuchtende Stadtmauer und war im Mittelalter. Von der Mauerkrone blickte ich über die glitzernde Bahn zum großen Feuerball und vor mir brandete das Weiß über die grünen Atolle. Die nächtliche Stadt erschien wie vor 800 Jahren, beispiellos in ihrer sie unendlich machenden Kleingliedrigheit, die vereinzelten Glühbirnen unter den Übergängen erleuchteten die wenigen Menschen und drei Muezzin wiederfanden die Kunst der Fuge. Meine Herbergsmitbewohner erschienen mir am nächsten Tag jedoch recht eigen: geweckt worden war ich von den hochamplitüden epileptischen Zuckungen meines Unterschläfers, die augenscheinlich von einem Discman stimuliert wurden und doch weit über das Maß des Normalen hinausgingen. Und aus dem Bett trieben mich der Rauch und die aufdringlichen Fragen eines unangenehmen mittelalterlichen Zimmergenossen. So beschloß ich, die Stadt gegen Mittag zu verlassen. Die Besichtigung der Kreuzfahrerstadt in der Tiefe war eher die Besichtigung einer Tiefbaustelle, und so war Akko für mich doch eher aufgrund seines Ist sehenswert. Dies bestand auch aus einem russischen Mönch, der aus einem high-tech Jeep einige Nonnen zum Stadtgang auslud und sich das Fernschließen der Tür mit dem allsichtbaren Blinken der Leuchten quittieren ließ. Eigentlich ja nicht verwerflich, und doch derangiert es das Bild des in einer Märchenwelt sich Wähnenden. Auf dem Weg zum Bus entrann ich mehrmals nur knapp dem Ausgleiten auf den marktlichen Mischungen von Fisch-, Gemüse- und Fleischabwässern, was irgendwann dann doch den Reiz des Exotischen verlor... Statt eines Busses brachte uns dann eine 7türige schwarze Mercedes Limousine zum gleichen Preis (so sagte er) nach Nazareth, und der Zähler sprang dabei auf 668tausend.
Obergaliläa und der Golan [top]
In Nazareth besuchte ich die Verkündigungskirche, einen neumodischen Betonbau, der aber seiner historischen Bedeutung wundersamer Weise gerecht wird. Allein das Klientel wich doch stark von dem mir geliebten Jugendlichen der Moscheen und Synagogen ab und bestand - wie so oft in christlichen Stätten - aus greisen Weis(s)en. Wo um den Baha'i Tempel Kinder spielten, sind um das Kreuz meist Heilung suchende Dreibeinige versammelt... Entweiht - oder dem Leben geweiht - wird die Stätte nicht nur durch die Touristenmassen, sondern auch das ungeduldige Hupen der (meist deutschmarkigen) staugeplagten Autos direkt vor dem Tor zur Stelle der Verkündigung. Vor der Joseph-Kirche ein vatikanischer Priester mit Ray-Ban, Handy und fernwestlichem Auto. Auf dem Weg nach Tiberias, der Stadt am See Genezareth, dann tiefgrüne Olivenhaine in rotbrauener Erde und ein wundersames Grün als Gemisch von Kiefern und Kakteen. Der See empfing mich in herrlichem Licht. Die Stadt offensichtlich touristisch und ließ mir doch genug Gelegenheit, mich mit der Natur zu verbünden. Am Abend leuchteten um mich unzählige Sterne, als ich auf den Steinen des jüdischen Friedhofes ruhte. Die Kerzensterne der Menschen an den Gräbern und die fernen Sterne Gottes, deren Unendlichkeit uns nicht daran hindert, den Moment unserer Existenz als Ewigkeit zu genießen. Und dazu das einzigartige Rauschen der Kiefern, wie es sich an so vielen einzigartigen Orten der Welt wiederfinden läßt.
Zurück in der Stadt, verirrte ich mich des Nachts noch in eine Geburtstagsparty, in der ich die moderne Jugend Israels so richtig studieren konnte: die Weiblichkeiten auf‘s Maximum betont, selbst in der Hansestadt müsste man da nach Konkurrenz suchen. Gleichaltrige Ers doch noch kindhafter, jedoch mit nicht geringerer Sorgfalt herausgeputzt; landestypisch mit kurzen gegeelten und manchmal etwas naturgekräuselten Haaren in den Insignien der westlichen Kleidungskultur.
Die Fahrradtour des nächsten Tages führte mich um den ganzen See. Auf diesen 56 Kilometern reihen sich unzählige biblische Stätten inmitten der einzigartigen Landschaft Galiläas aneinander. Ich genoß die wunderbar süßen Düfte, die Strukturen der Plantagen von Bananen, Kakteen, Oliven, Feigen und Zitronen. Immer wieder die großen Busse mit Titeln wie 'Special Pilgrimages', deren Führer die knipsenden Menschen mit Worten wie 'please kindly come for communion' von den Stätten reißen, deren Heiligkeit so verwunderlich spät entdeckt erst wurde... Und dann singen sie amerikanische Kirchenlieder, hören die Geschichten von der Brotvermehrung, dem Gang über das Wasser, der Teufelsaustreibung in Kapernaum und trinken Christi Blut aus maschinengedrechselten olivenhölzernen Eierbechern, während der Wanderer sich fragt, ob der rote Totenkopf hier wohl recht am Platze sei, der das Bad im See so eindringlich verbietet. Von den Höhen der umliegenden Hügel bietet sich ein traumhafter Blick auf die grüne Landschaft.
Am Ostufer des Wasser stößt er dann auf das Kibbuz Ein Gev, den Prototyp des kollektivistischen Landwirtschaftens nach sowjetischem Vorbild. Dessen Reichtum fließt heute aber wohl eher aus den unzähligen Touristenbussen denn aus den Kühen, die fast wie Statisten aus den straßenzugewandten Ställen auf die Besucher äugen. Gegen abend hatte ich den See fast umrundet und genoß noch einmal den Blick auf den vielschichtigen Horizont und die vor mir liegende Stadt. Bis ich zum fünften Mal einen anderen Radfahrer überholte, dessen 'Hello Henly' ich nun endlich akustisch wahrnahm und in ihm meinen Frühstücksnachbarn Geoff erkannte. Sein alter Rücken hatte ihm zum Laufen verurteilt, und so genoß ich für den Rest der Strecke beim Spaziergang den wunderbaren Londoner Akzent dieses wundersamen Menschen. Bei einem Zwischenstopp in einem riesigen Diamantengeschäft (in Israel werden fast alle Diamanten der Welt geschliffen) ließen wir uns von der Konzentration der irdischen Werte umflimmern, ohne daß eines der farblosen Steinchen den Weg in die Tasche gefunden hätte. Aber einen Geburtstagsring fand ich doch...
Die Golanhöhen waren das Ziel des nächsten Tages. Trotz der theoretisch nicht vorhandenen Verkehrsanbindung und Minengefahr ließ ich mir das nicht nehmen, ruhte doch dort der Traum des israelischen Frühlings. Und ich fand ihn. Von russischen Kibbuzern bei der heiligen Höhle des Pan abgesetzt, die unterdessen das Herz eines erschlossenen Nationalparkes bildet, erwanderte ich dieses traumhafte Gegend. Mein touristenleerer Weg war gesäumt von einer wundersamen Mischung bunter Blumen und Pflanzen. Rote, blaue und weiße Anemonen, Pfirsichblüten, Äpfel, Wiesenschaumkraut, Kakteen und Schilf, feingegliederte Hyazinthen, Milchsterne, Ginster und überall die kleinen Alpenveilchen erreichten eine paradiesische Vielfalt. Ich hätte stundenlang meinen Blick in jede dieser kleinen Welten versinken lassen können. Der Weg endete am Wasserfall von Banias, dessen kühle Winde des Tal durchströmen und dessen Körper all diese Wunder tränkt. Vor mir lag nun Nimrod, die sagenhafte Kreuzritterburg, die größte im Heiligen Land. Inmitten kalter Winde erhebt sie sich als Krönung eines Berges, den zu erobern es nun galt. Der spitze schroffe Kalkstein massierte die Sohlen, die Äste der dürren Bäume liebkosten den Körper und der Wind machte die Augen feucht. Nachdem ich auch den neuzeitlichen Stacheldrahtwall überwunden hatte, stand ich am Eingang - und guckte verdutzt auf die Schulklasse, die soeben im weißen Bus die Asphaltstraße heraufgefahren war. Welch Anachronismus! Lange brauchte ich, um das riesige Gelände zu entdeckten und die Rittersäle, Zisternen und Wendeltreppen zu erforschen, die unter den Trümmern des Oben in der Tiefe ruhen. Das Verlassen der unterdessen fast menschenleeren Burg war indes einfacher als befürchtet. Ein schweizerisches Burgfräulein nahm den gerade seine edle Hand erhebenden Jüngling in ihre mit 50 Pferden reichlich gerüstete Kutsche, und im Gespräch über Guts und Schlechts in diesem Reich befuhren sie die Straße nach Damaskus. Bald war ich zurück im Heute. Diese Straßen sind gesäumt von Trampern, meist jungen Soldaten, die vor allem an den sonnenschutzrunden Bushaltestellen ihre Finger zur Erde strecken, um Mitnahme zu erfahren. Ein netter Anblick :). Aus meiner bisherigen Unterkunft hatten die nächtlichen Trommeleien der Schulklassen mich vertrieben, die erste Alternative konnte ob ihres schimmelmuffigen Flairs alter Krankenhausflure nicht einmal mit niedrigsten Preisen mich verlocken, und so landete ich endlich im Hostel Aviv, um dort meinen Schnupfen auszubrüten, den ich als Preis für die Bezwingung Nimrods gern zu zahlen bereit war.
Am Morgen erwachte ich sprachlos, mit Kopf- und Ohrensausen, was mich jedoch angesichts der großen Dinge, die mich erwarteten, nicht von meinem Plan weichen ließ. Und so schleppte ich mich zum Bus nach Jerusalem. Israelisches Sesamgebäck sowie das grüne Weltwunder von Bayer brachten mich dann so weit auf die Beine, daß ich Fahrt und Mitfahrerschaft wieder genießen konnte. Angesichts der ständig weggetretenen Soldaten stellte etwas unvorsichtig Schelmisches in mir die Verbindung zum Yom-Kippur-Krieg her, zu dessen Beginn 1973 die unvorbereiteten Israelis völlig überrascht von den Syrern erwischt worden waren. Doch hat das kleine Land nicht nur dort bewiesen, daß es (oder eigentlich die Amerikaner?) die Supermacht im Nahen Osten ist. Vor Jericho wandelte sich die Landschaft, und die graue Straßenschlange wand sich nun über die an bestimmte menschliche Formen erinnernde sanften Wüstenhügel der Westbank.
Jerusalem [top]
Nachdem uns der Bus irgendwo in Neu Jerusalem ausgespuckt hatte, las mir ein guter Mensch die Hilflosigkeit aus den Augen und wies mir den Weg zum Bus, der mich in das überschaubare Durcheinander der Altstadt bringen sollte. Er war ein Ausländer; anderes hätte mich auch verwundert, denn die Israelis sehen zwar nett aus, aber im täglichen Umgang miteinander können sie selbst von den Deutschen noch einiges Lernen. Einem versehentlichen Treten folgt ebensowenig eine Entschuldigung wie dem Gehen durch eine Tür das Aufhalten für den direkt Nachfolgenden.
Doch jetzt gab erstmal einen beeindruckenden Augenblick: den des ersten Durchschreitens des Damaskustores. Aus dem Dieseldampf der Hauptstraßen taucht der Europäer ein in die Heilige Stadt. Hier ein Meer von orientalischen Düften, Früchten, Klängen und Menschen. Keiner dieser blechenen Götzen von außerhalb der Mauer kann hier inmitten dieses Netzes an Gassen sein Werk verrichten. Die uralten Gebäude schützen sich selbst in ihrer Dichte vor dieser neuen Zeit. Ich fand Herberge direkt in dieser Marktstraße, welche das arabische Viertel vom christlichen trennt. Hier schlief ich für das Geld, das noch vor einem Tag gerade für einen Shawarma, die israelische low-calorie-Variante des Kebap, gereicht hatte. Jerusalem ist überhaupt die preiswerteste Stadt in ganz Israel. Und noch dazu die beeindruckendste. Die gesamte Altstadt ist von einer perfekten Stadtmauer umgeben, deren Tore abends geschlossen werden können, und von deren Mauerkrone sich ein unendlicher Blick über die bunte Vielfalt der Kirchen, Moscheen, Synagogen und profanen Bauten bietet. Der Schutz versagt aber, wenn ein frustriertes bettelndes Kind von innen erpresserisch mit Steinen wirft. Der Mauerschütze hatte nämlich den Vorteil, daß das Innere der Stadt sich im Laufe der Jahrhunderte immer weiter erhöht hat, und er so nur wenige Meter von den Flüchtenden entfernt war. Wo die Mauer gleichzeitig auch die Grenze des Haram, des heiligen muslimischen Platzes bildet, ist der Weg beendet, Stacheldraht und gläserne Wachhäuser beschützen das Heiligtum vor dem Blicken und Tritten der Juden. Und so mündet der Abstieg in die Via Dolorosa, den Weg, der Jesu von seiner Verurteilung bis zur Kreuzigung geführt hat. Und hier ging ich gleich einem Schild auf den Leim, welches wieder einmal einen heiligen Ort ankündigte: die Geburtsstädte der Maria. Kaum durch die Tür getreten, fand ich mich in den Fängen eines Führers, der sein Stimmband abspielte und vom frommen Besucher nun ein Opfer erwartete. Und der wollte seine ihm heilige innere Ruhe nicht verlieren und nahm kurzerhand eine entsprechende Sonderabschreibung vor. Irgendwann muß man den Fehler ja machen, aus dem man lernen will...
Ich hatte mir die drei großen Heiligtümer der Stadt auf die Tage verteilt, es wäre Frevel und Verschwendung zugleich, sie an einem betrachten zu wollen, verlangt doch jedes einzelne Versenkung von Geist und Körper in die Zeitlosigkeit, wenn man auch nur einen Funken dessen spüren will, was Gott in seiner jeweiligen Religion bedeutet.
Der Durchgang zur Western Wall - der Klagemauer - war von Soldaten versperrt. Sie nahmen mit Metalldetektoren jeden Menschen und per Hand jeden Rucksack unter die Lupe. Tut mir leid, daß da auch noch alte Taschentücher drin waren :-)=. Aus dem dunklen Gang heraus tritt man in das gleißende Mittagslicht und der Blick wir nach links auf das Heiligtum gezogen. Eine riesige steinerne Mauer, zu deren Füßen unzählige Menschen. Die meisten davon sind keine Juden sondern Touristen, die ihren Voyeurismus aber wenigstens hinter dunklen Brillen oder Sonnenblenden verstecken. Aber eigentlich gaffen alle dem Betenden von hinten ein Loch durch die Kippa. Und zwei fortschrittliche Deutsche brachten es sogar fertig, sich mit ihrem Teleobjektiv in das heilige Gebiet direkt vor der Mauer zu begeben, welches offiziell als Synagoge fungiert, um dort von der Seite die ach so wundersamen schwarzen Wesen möglichst nah auf IG-Farben-Zelluloid zu bannen. Vielleicht gerät die Nase ja sogar besonders gut... Doch dann war da die Familie des Jungen, der an diesem Tage seinen dreizehnten Geburtstag feierte, und nun vollwertiges Mitglieder der jüdischen Gemeinde ist. Und hier war eine fröhliche Stimmung, es wurde gesungen und getanzt und der Kleine mußte eine riesige Thora schleppen. Und hier schien die Bildtechnik auch für die Juden selbst kein Tabu mehr zu sein.
Außerhalb der Synagoge konnte ich mit ruhigem Gewissen die Juden beobachten, und da gab es schon eine Menge zu sehen. Eine Gruppe von Jugendlichen sammelte sich um eine Wasserstelle, um aus den Blechtassen zu trinken. Und ich fragte mich, ob es Nike und Adidas eines Tages schaffen würden, auch diese Bastion zu erobern. Und ob nicht schon der Versuch verboten werden sollte, oder aber auch gerade nicht. Abgesehen von der Klagemauer, die ein Rest des zweiten, 70 von den Römern zerstörten Tempels ist, besteht das jüdische Viertel fast nur aus unromantischen modernen Gebäuden, da die alte Stadt 1948 von den Jordaniern dem Boden gleichgemacht worden war.
Zum Lesen meiner emails und der neuesten Börsennachrichten allerdings mußte ich die Altstadt verlassen und mich in das großstädtische Neu-Jerusalem begeben. Und hier können einige Ecken durchaus mit der europäischen oder amerikanischen Konsumphilosophie mithalten, was einen unglaublichen Kontrast zur Stadt innerhalb der Mauern schafft.
Meinen 23. Geburtstag feierte ich natürlich in Betlehem. Durch die nur brusthohe Tür trat ich am Morgen in eine vollkommen stille Geburtskirche. Die Sonne schien durch die schmalen Fenster und ihre Strahlen teilten den Raum. Ich stieg hinab in die Grotte unter dem Altarplatz, wo drei russische Priester eine alle Sinne beeindruckende Messe abhielten. Abgesehen von einer Schar Touristen, die bald verschämt weiter ihrem roten Regenschirm folgte, war dieser Gottesdienst nur für mich. Das Bisher und das abstrakte Kommende durchzogen meine dankbaren Gedanken.
Auch in den Katakomben der angrenzenden Katharinenkirche gab es danach noch einiges zu entdecken, hier sind viele Gebetsräume eingerichtet, in denen sich Christengruppen aus aller Welt zum Gebet versammeln. Die Milchgrotte etwas südlich des Zentrums der Stadt war gerade geschlossen, aber nicht wegen Inventur, sondern weil sich eine europäische Pilgergruppe mal wieder zum Gottesdienst darin verschanzt hatte. Im Bus, der mich wieder nach Jerusalem brachte, konstatierte ich eine Mehrheit von Arabern, sie trugen rot-weiße Kopftücher, und als einer von ihnen beim Betreten des Busses salaam aleicham wünschte, erwiderte der halbe Bus diesen Gruß. Wie wäre das wohl in Deutschland? Übrigens muß man ja als Fremder tüchtig aufpassen, daß man jeden mit den rechten Worten anspricht, und nicht den Juden mit Salaam oder den Muslim mit Shalom begrüßt. Als ob die beiden Sprachen nicht ohnehin schon schwer genug wären.
Ganz im Gegensatz zum arabischen Bethlehem Mea She'arim, der streng orthodoxe jüdische Bezirk in Neu-Jerusalem. Er ist das einzige noch existierende 'shtetl' - Ghetto. Und als ich es betrat, kamen mir unweigerlich die Kriegsfilme in den Sinn, denn die Zeit schien stehengeblieben zu sein. Papierne Anschläge geboten die thoragerechte Kleidung für Bewohner wie Besucher, vermischt mit den Gerüchten gewaltsamer Übergriffe auf fotographierende Besichtiger bewirkten sie ein flaues Gefühl und höchste Konzentration. Doch was war diese Welt interessant! Wie nach einer Reise mit der Zeitmaschine lief ich die Straße entlang, zwischen den gedrückten kleinen Häusern überall Chassidim in vollschwarz, mit langen Schläfenlocken und den typischen runden Hüten. Kleine Jungs in schwarz lassen ihre blonden Haarsträhnen vom Holzroller wehen. Der Stoff der Mäntel ist sehr grob und einfach, meist gestreift. Am Hosenbund sind die Tzitzit befestigt, kleine weiße Troddeln des symbolischen Gebetsschales. Die meisten Juden hier sind eher weiße Typen, oft sogar rotblond, und heben sich damit auch physisch extrem von der restlichen Bevölkerung ab. Und sie haben dicke Hornbrillen auf, wobei ich mich bezüglich der Interpretation nicht zwischen biologischen Folgen der Isolierung und einem höheren Bildungs- und Einkommensstand entscheiden kann. Letzteres scheint allerdings unwahrscheinlich, wenn der Blick durch die materiell kärgliche Umwelt schweift. Doch nicht nur die Männer leben hier tief in alte Zeiten verwurzelt: Frauen und Mädchen tragen immer unauffällige Baumwollkleider, schwarze Strumpfhosen und nach der Heirat eine Kopfbedeckung, oft ein vorn zusammengeknotetes voluminöses Tuch, oder ein Haarnetz, wie ich es eben aus den alten Filmen kenne. Die dezente Bluse wird allenfalls von einem Spitzenkragen geschmückt. Doch plötzlich bimmelt ein Telefon, und aus dem schwarzen Mantel vor mir erblickt ein Handy das Licht der Welt. In einem winzigen Schaufenster entdecke ich Thora-Lernsoftware, dann Kinder, die einen Walkman unter ihrer Kippa tragen und es rast ein schwerer Stadtbus mit Digitalanzeige durch die schmale Straße. Wohin geht der Weg?
Jeden Freitag nachmittag gibt es eine besondere Touristenattraktion: den Kreuzweg mit echten Mönchen und unechtem Jesus. Eine unüberschaubare Masse bunter Menschen hechtet dabei den braunen Franziskanern hinterher, als wenn Seligkeit so einfach durch das Berühren eines braunen Kuttenzipfels zu erlangen wäre. Und spöttisch begannen plötzlich auch die Muezzin, von den die Via Dolorosa umgebenden Minaretten den ungeübten Gesang der Sonntagspilger zu übertönen. Durch das muslimische Viertel hindurch geht es über die 14 Stationen bis ins Grab Jesu in der Grabeskirche, unweit meiner Herberge im christlichen Viertel. Und so nahm ich dies zum Anlaß, nach der Klagemauer das zweite - und für mich interessanteste - Heiligtum der Stadt zu erleben. Diesen Komplex von unzähligen Kapellen teilen sich nicht weniger als 6 Konfessionen, und so ist es ein einzigartiges Erlebnis, auf dem rechten Ohr die Orgel der Katholiken, auf dem linken den Zug der jungen armenischen Mönche mit ihren vollen Stimmen singen zu hören und an der Rückseite des Grabes Jesu Kopten schweigend auf ihre Weise beten zu sehen. Wie ein Labyrinth erstreckt sich die Kirche so auf vier Ebenen, und überall küssen die Gläubigen heilige Steine und hinterlassen brennende Opferkerzen. Mehrmals noch kehrte ich zurück, um diesen mystischen Ort weiter zu entdecken und mir zueigen zu machen.
Dieser Freitag abend aber war wieder der Klagemauer vorbehalten, hier wird dann nämlich der Shabbat begrüßt, der als Feiertag geltende Sonnabend. Und bei Sonnenuntergang strömen die Menschen durch die engen Gassen hin zum Heiligtum. Während die restliche jüdische Stadt wie ausgestorben wirkt, ist hier eine rhythmisch sich verneigenden Masse zu finden. Auf rollbare, mit rotem Samt belegte Tische gestützt, beten die Menschen gemeinsam. Zur Feier des Tages tragen viele Chassidim runde Pelzhüte und die Jugend tanzt und singt jüdische Lieder. Und weil es immer noch mein Geburtstag war, bedeckte ich meinen Kopf, trat aus der Masse der Touristen hinter der Absperrmauer hervor und schloß mich an. Schließlich ist er auch mein Gott.
So schön der Ruhetag Shabbat sein mag, Touristen müssen sich was ausdenken, denn am Samstag steht im jüdischen Land fast jedes Rad still. Und so war ich froh über eine Ausflugstour mit anderen Travellern, die uns im Hostel angeboten wurde. Um vier verließen wir die schlafende Stadt gen Massada, die einsame Festung am Toten Meer, nach der Eroberung durch die Römer heute Inbegriff für den Kampf der Juden gegen die Feinde. Und den Willen, diesen bis zum Ende zu kämpfen: Soldaten werden hier mit dem Schwur vereidigt, daß 'Masada nie wieder fallen' werde. Nach einem wettkampfartigen Aufstieg erlebte ich, wie sich der rote Sonnenball plötzlich in das silberne Meer ergießt, bevor er selbst seine Farbe ändert und die gesamte Wüstengegend in ein gleißendes Licht taucht. Und mit mir saßen hunderte anderer Menschen auf den Ostmauern über dem steilen Abgrund, um dieses einzigartige Schauspiel mitzuerleben. In der Ferne lag der inzwischen zweigeteilte See umgeben von Salzrändern wie ein eingetrockneter Schweißfleck. Die Besichtigung der archäologischen Stätten war angesichts dieser Landschaft dann fast schon Nebensache.
Nächste Station war das Tote Meer selbst. Jeder träumt wohl davon, an der tiefsten Stelle der Erdoberfläche in das sagenhafte Wasser einzutauchen, welches hier jedoch als solches nicht mehr erkennbar ist. Vielmehr glaubt man sich in einem See von Öl, und das Brennen eines versehentlich in den Mundwinkel geratenen Tropfens läßt ahnen, wie wenig erfrischend ein Schluck sein würde. So einfach wie das passive Schwimmen ist, so unmöglich das aktive; jede Bewegung der Beine wird ein Schlag ins Leere, hebt die Schwerkraft des Wassers sie doch einfach in die Luft. Vorsichtig steigt man deshalb über die Salzigel, vereinzelte Steine, die schon im Wasser mit einer dicken Salzkruste überzogen sind. Und erst nach einer viertel Stunde trocknen die Tropfen auf der Haut und hinterlassen einen weißen Film kleiner Salzkristalle. Natürlich nur, wenn man so stark ist, sie nicht vorher mit einer Süßwasserdusche abzutreiben.
Im Nationalpark Ein Gedi hingegen, einem auf das Meer zugehenden Canyon, war die Welt wieder grüner. Inmitten der Wüste gibt es hier Wasserfälle, Schilf und eine romantisch vermooste Höhle. Die meisten Besucher belassen es allerdings beim Bad in einem der vom Fluß gespeisten Becken, was den Marsch auf den schmalen Wegen sehr erleichtert.
Mit den gleich nördlich des Meeres gelegenen Höhlen von Qumran hatten wir leider nur einen unwürdigen 'Foto-Stop', aber allzu viel gibt es da wohl auch nicht zu sehen, und die Beine wurden ohnehin zunehmend schwerer. Auch nur einen Blick auf das Wadi Quelt mit dem am Felsen hängenden Kloster St. Georg. Eine traumhafte Verbindung von unendlicher Einfachheit der Natur und gewiß mystisch inspirierter menschlicher Schöpfung. Wie alle größeren Fahrzeuge piepst unser Bus beim Rückwärtsfahren und gibt damit Signal für die Heimkehr nach Jerusalem. Kurz vor der Rückkunft bemerkten wir noch zu beiden Seiten der Straße die schwarzen Zelthütten der Beduinen. Sie erinnerten eher an Soweto als die Geschichten aus dem Märchenbuch.
Nach dieser Fahrt sehnte ich mich nach Ruhe und fand sie im Garden Tomb, einer von englischen Christen gepflegten Städte, in der (und nicht der Grabeskirche) sie Kreuzigung und Grab Jesu glauben. However, es ist ein Ort des vollkommenen Friedens. Inmitten der hektischen Stadt zwitschern hier die Vögel, erfreuen bunte Blumen mit ihren betörenden Düften und laden Bänke zum Ruhen in der freundlichen Sonne ein. Dazu sind die Menschen von geradezu sektenhafter Freundlichkeit. Und hier mochte ich sogar die Gruppen mit ihren Retortengottesdiensten und lauschte den fremdländischen Gesängen der erleuchteten Gesichter von Bob Green, Christie Young und Don Mason...
Den Abend verbrachte ich wieder in der Grabeskirche. Ich verwunderte mich über den grimmig gelangweilt schauenden Priester, der unter den Augen der diese gerade erst entzündet habenden Gläubigen die Kerzen wegen Überfüllung aus dem Sand riß und erstickte, um Platz für neue Opfergaben zu schaffen. Vor dem Grab Jesu reihte ich mich in die Schlange ein, um das Innere des mit allerlei Geklimper geschmückten Würfels zu betreten. Überall sehe ich die knallgelben Touristencaps einer italienischen Nonnengruppe leuchten. Ein russischer Priester steuert die Masse und fordert das Ablegen von Rucksäcken und Taschen - was zum Stören der ohnehin fragwürdigen Heiligkeit durch das Gezeter einer zweiverstandenen Frau führte. Im Heiligen Raum stieg einem dicken Mann der Angstschweiß auf die Stirn, als er seine Kamera inmitten all der Heiligkeit kreisen ließ. Wenigstens küßte er wie fast alle anderen die Altarplatte. Als ein kleiner Junge zum Ende der Audienz klatscht, werden gerade die Öllampen über dem Eingang aus dem 5-Liter 'Gold Oil' Nachfüllpack befüllt. Gleich gegenüber schaut eine Schar Touristen neidisch und doch respektvoll auf die alte schwarz gekleidete Frau, die unbeschadet die Absperrung zum orthodoxen Chor überwindet. Weil sie dort hin gehört. Wieder erschallt die Kirche von den die gegebene Dimension in verschiedene Richtungen verlassen machenden Stimmen der jungen Männer und sie verlieren einen Teil ihrer Unantastbarkeit, als ich feststelle, daß sie die Worte in dreifacher Geschwindigkeit zu Ende bringen, während der greise in Silber Gehüllte nichts anderes vorzuhaben scheint, als eben diese mit der nötigen Hingebung den für den Inhalt Tauben entgegenzusenden.
Einem jüngeren Teil der Geschichte wandt ich mich am nächsten Tag zu. Als der Busfahrer mir an der Haltestelle laut zurief, daß hier Yad Vashem sei, hatte ich das merkwürdige Gefühl, daß all die Leute hier im Bus mir auch noch ansähen, woher ich käme. Ich hab' aufgrund meiner Vorwärtsgewandtheit weiß Gott kein gestörtes Verhältnis zu meiner Nation - aber mir kam der Spruch vom Täter, der zum Ort der Tat zurückkehrt, in den Sinn. Die Gedänkstätte ist ein ziemlich moderner Komplex, voller Touristen aus aller Herren Länder, die jeder aus seiner Position die modernen Gebäude besichtigten und die inszenierte Geschichte im Kopf niederschreiben. Aber es mangelt der Stätte an Authentizität. Ich erinnere mich, in Buchenwald und Ravensbrück noch mehr emotional berührt gewesen zu sein. Dort spürte ich fast körperlich den Verlust der Menschen, die ich hätte lieben können und die statt dessen durch die teuflische Glut aufgelöst worden waren. Durch die große Ausstellung mit den obligatorischen grausigen Bildern werden Gruppen israelischer Schüler geführt, die teilweise jedoch dafür nicht mehr Interesse zeigten als für jede andere Pflichtveranstaltung. Anderen wiederum glaubte ich anzusehen, daß sie um das Glück wußten, in der heutigen Zeit in ihrem Staate Israel zu leben. Im zweiten Stock des Museums eine ausgesprochen interessante Ausstellung über den Aufbau Israels seit der Staatsgründung 1948 - leider selbstbewußterweise nur in Hebräisch. Überall finden sich kleine Gedenkstätten und Denkmale, meist gestiftet von Überlebenden im Andenken an ihre Geliebten. Am Ende des Geländes von Yad Vashem befindet sich ein riesiges Sandsteinlabyrinth, in dessen Wände die Namen aller vom Holocaust betroffenen jüdischen Gemeinden eingemeißelt sind. Kurz nachdem ich mich vor den Namen meiner Heimat niedergelassen hatte, kam eine deutsch-israelische Gruppe von Schülern. Eine als Kind geflüchtete Jüdin las aus ihrem Buch über die Nazizeit und den Verlust der Familie. Und der Ort bekam etwas wahrhaft Mahnendes.
Der Tempelberg - Haram - , der Jerusalem nach Mekka und Medina zum drittheiligsten Ort der Moslems macht, war Ziel des nächsten Tages. Nach einem Sprung aus meinem Doppelstockbett und free tee mit Sesamkringeln in der Gemeinschaftsküche tastete ich mich Schritt für Schritt an den verbotenen Toren des Haram entlang, bis ich endlich nach ausführlicher Kontrolle durch israelische (???) Soldaten das geheimnisvolle Gebiet betrat. Früh um 8 entging ich noch meinen bunten Kollegen und hatte das Gelände für mich. Fast. Natürlich kamen die Fremdenführer, um mich davon zu überzeugen, daß ich ohne ihren Rat verloren sei. Und das große Putzen war angesagt. Männer kehrten die vielen Wege und Plätzchen und pflegten die zahllosen großen und kleinen Pflanzen. Bevor ich in den goldgedeckten Felsendom als dritten Höhepunkt Jerusalems betrat, erforschte ich die abgelegeneren Ecken des Haram. Und da entdeckte ich eine kleine Schule, fußballspielende Kinder und eine Unzahl von wetterfesten Plasteteppichen, die unter den Bäumen für die Betenden bereitlagen. Im Islamischen Museum wunderschöne handgeschriebene Koranbände mit unendlich feinen Verzierungen, die es unmöglich erscheinen lassen, daß ein Einzelner diese Werke in seinem Leben vollbracht haben kann, geschweige denn in der vom Sultan Abdul ibn Raschid :-) geforderten Zeit.... Endlich aber betrat ich das zentrale Gebäude des ganzen Haram, den mit filigranen Mosaiken verzierten und von die Stadt überstrahlender goldener Kuppel gekrönten Felsendom, der als die schönste Moschee der Welt gelobt wird. Es ist wahrlich ein prächtiger Bau, über und über mit Suren des Koran und perfekten Mustern aus hunderttausenden von Mosaiksteinchen verziert. Trotz oder gerade wegen des Mangels an bildlichen Darstellungen kommen die Augen nicht zur Ruhe. In der Mitte der Felsen, von dem aus Mohammed seine Reise zum Himmel angetreten haben soll. Und den heute Schwärme von Touristen umkreisen.
Zurück in die schwarzweiße Gegenwart rissen mich nach verlassen des Tempelberges die Bilder einer Ausstellung mit dem Namen 'der letzte Tag', gleich neben einem Erlebnisrestaurant mit vollkommen römischen Ambiente. Aufnahmen von der Zerstörung des jüdischen Viertels im Mai 1948 durch die muslimischen Jordanier. Und das sich dem Fremden bietende Bild des problemlosen Zusammenlebens der Religionen wird hinterfragt.
Nach einem wunderschönen Rundblick vom Turm der christlichen Erlöserkirche fand ich mich zur Zeit der Messe im armenischen Kloster ein. Die Kirche ist nur zu dieser Zeit geöffnet, und so bestand die Gemeinde auch einzig aus Touristen. Und beäugte eine halbe Stunde lang die vielleicht zwanzig schwarzgekleideten Männer bei ihrem - vielleicht gar nicht ernstgemeinten?- Gebet. Höhepunkt der Veranstaltung eine Touristendame, die sich direkt vor den am Altar singenden Patriarchen niederkniete und ihre Hände flehend zum Himmel reckte. Doch nur so lange, bis der fette Begleiter die Szene geblitzt hatte... mir blieb der Atem weg.
Gleich außerhalb der Stadt liegt der Zionsberg mit weiteren christlichen Stätten und einem kleinen Museum, der Kammer des Holocaust. Und hier muß man erkennen, daß die Geschichte weitergeschrieben wird. Unzählige Zeitungsausschnitte, Fotos Briefe und Flugblätter dokumentieren die Fortsetzung des Antisemitismus in aller Welt. Und wer diese Räume nach mehreren Stunden endlich verläßt, kann das Buch nicht mehr einfach zuklappen...
Am Abend lief ich wieder durch die bunten Straßen des Souks, ab und zu den roten Pfützen ausweichend, die den Weg in den Abfluß noch nicht gefunden hatten. Bei einem Händler kaufte ich Postkarten und nach knallhartem Feilschen drückte er mir noch etwas in die Hand. Eine Praline. Meinem freudigen Blick begegnete er mit den Worten 'not everything is for money'. Diese Menschen sind doch mehr als Betrüger, wenn man nur mal dran denkt, seine Touristenbrille abzusetzen. Und wie zur Bestätigung endete die Unterhaltung mit drei Kindern nicht mit der Frage nach Geld sondern einer Einladung zur Geburtstagsfeier, dem 13ten, wichtigsten.
Wüste Negev [top]
Totenstille. Ein kosmisches Rauschen. Und vor mir der größte Krater der Erde. Doch ich fühle mich wie auf dem Mond. Der atemberaubende Maktesh Ramon. Aus dem Bus heraus hatte er mich unsichtbar angezogen, und so mußte ich mich nun erstmal losreißen, um eine Herberge für meinen Rucksack und mich zu finden. Im Örtchen Mitzpe Ramon hilft mir jedoch kein Englisch, Russisch ist gefragt! Denn hier in die einsame Wüste werden die Ostjuden verpflanzt, um blühende Landschaften zu schaffen. Zahlreiche leere Häuser geben Auskunft über die Sinnhaftigkeit dieses Unternehmens. Doch ich stürze mich in den Krater. Nach einem steilen Abstieg liegt er vor mir, mit 400 Quadratkilometern groß genug, um tagelang bar jeder Zivilisation darin wandern. Leblos flimmert es um mich herum. Nur ab und zu weist eine Markierung den Weg; vorbei an kleinen Steinkegeln vulkanischen Ursprungs, staubtrockenen kleinen Canyons und Kreisen durch eine Patina aus Eisenoxid schwarzgefärbter Steine. Wie aus einer anderen Welt trägt der Wind zu Beginn noch die elektronischen Kinderlieder in die Tiefe, welche im Ort von einer Schuluhr als Signale menschlichen Lebens unbeirrt ausgestoßen werden. Als ich nach zwei Stunden den Wendepunkt meines Weges erreicht hatte, wurde die Unendlichkeit durchbrochen von dem Krachen großer schwarzer Vögel. Fünfzehn Minuten lang jagten die Tiefflieger immer wieder durch den Canyon, in dem sich so ein selbst körperlich aufputschendes Vibrieren bildete. Doch so schnell, wie sie kamen, verschwanden sie wieder, die Vögel von der Ramon Air Force Base. Und ich war wieder allein mit meinem Stückchen Mond, in dem ich nun immer mehr Spuren des Lebens entdeckte.
Zum Abendbrot aß ich auf dem Kraterrand sitzend und den Sonnenuntergang genießend Wiener und Semmeln, die ich mir vorher zum Preis eines Mittagsmenüs im Supermarkt geleistet hatte. Hätte ich in Israel mit meinen normalen Augen auf die Preise geschaut, hätte ich glatt mit 50 Kilo die Heimreise angetreten :-)
Als ich am Abend in der Lounge der Nobeljugendherberge saß und eben all diese Eindrücke niederschrieb, kamen plötzlich aus allen Gängen für einen Partyausflug gestylte reife Kids. Ich verwarf die Frage, wo sie hier eine Party finden wollten und verließ mich diesbezüglich auf ihren sich in seinen heruntergekommenen und farblosen mittelalterlichen Junggesellenklamotten wie ein Urzeitwesen abhebenden bedreitagebarteten Lehrer. Vielmehr versenkte ich mich in die Beobachtung und mußte das Bild des koscheren und thoratreuen Israel angesichts dieser quirligen Wesen endgültig aus meiner Klischeebox streichen. Neben mir philosophierten zwei deutsche Frauen über die Sonderheiten der hebräischen Sprache, was mir überhaupt nicht in meine Stimmung paßte und wessentwegen ich inständig hoffte, sie mögen mich nicht als Landsmann erkennen.
Und wen sah ich, als ich endlich geschafft mein Zimmer betrat? Geoff, den Londoner aus Tiberias. Ich glaube an die unsichtbaren Wege...
Am Morgen machte ich mich auf, um den sagenhaften Canyon von Ein Avdat zu besuchen. Aus dem Bus entdeckte ich die Air Force Base, an der wieder ein Schwarm Soldaten zustieg, ich stieg an der Universität von Sde Boker aus. Auch mitten in der Wüste, doch bekannt, weil hier Ben Gurion mit seiner Frau im berühmten Kibbuz seine letzten Lebensjahre verbracht hatte. Die Gräber der beiden sind bedeutende Ziele nationaler Pilgerreisen olivgrüner und ziviler Verbände. Ob sich wohl in Deutschland jemand derartig um das Grab Scheidemanns oder Eberts kümmert? Wieder wurde mir bewußt, was für eine besondere Bedeutung der Begriff Erez Israel, die Heimat für das seit Jahrtausenden in der Diaspora sich befindende 'Volk' hat.
Gleich bei den Gräbern beginnt der kurze aber interessante Weg durch Ein Avdat. Anfangs schaffte ich es, mich zwischen zwei Schülergruppen zu schmuggeln, beide weit genug entfernt, um auch noch was von den Wundern der Natur zu sehen und hören. Irgendwann aber steckte ich mittendrin im Pfeifen, Lachen und Schreien. Nach dem Aufstieg an einer Seitenwand bot sich ein herrlicher Blick über die gesamte Schlucht und ich genoß abseits des Weges die Weite der Felswüste. Mangels ÖPNV mußte ich vom Ausgang des Nationalparks nach Hause trampen, was aber Passat und 19jährigem sei dank eine angenehme und unterhaltsame Angelegenheit war.
Zurück in Mizpe Ramon, verbrachte in den Nachmittag im Besucherzentrum und Bio-Ramon, einem kleinen Wüstenzoo, in dem man all die giftigen Spinnen, Schlangen, Sandmäuse, Schildkröten und Skorpione erleben konnte, die man auf dem Weg durch den Krater übersehen hat. Bei herrlichem Sonnenuntergang passierte ich eine atemberaubende Wüstenlandschaft auf dem Weg nach Süden. Die Berge leuchteten in allen Farben und hatten durch Erosion eine geheimnisvolle Formung erfahren. Manche tragen wie Tische eine Platte harten Gesteins auf hoher Säule, andere waren vielfach gerissen und schienen so eine penibel gesetzte Mauer. Riesige Buchten sehen aus wie monströse Theaterkulissen. Über Kilometer hinweg zieht sich ein dunkler Streifen in gleicher Höhe durch einzelne Berge und erinnert so an die jahrtausendalte Bruderschaft.
Nach mehreren Stunden tauchten Lichter auf und wir waren in Eilat, dem glitzernden Tauchzentrum am Golf von Aqaba. Ein großes gelbes M und viele bunte Einkaufszentren leuchteten mir entgegen, mitten in der Stadt lärmt ein kleiner Flughafen und überall laufen Pauschaltouristen. Ist doch ein gewaltiger Unterschied zwischen Travellern und Herrn Meier aus Düsseldorf :-).
Ich hatte gut und tief geschlafen, was vielleicht auch an dem kleinen Plasteröhrchen lag, das an meiner Zimmertür befestigt war: ein kleines Stück Thora. Das nächste Wunder hieß nun Coralworld. Unzählige Aquarien mit Haien, Rochen und bunten Tropenfischen sowie als Höhepunkt der Abstieg in ein Unterwasserobservatorium inmitten des Riffes. Was für eine herrliche Welt! Hier gibt es nicht nur Karpfenblau sondern fluoreszierende Korallen, Leuchterfische, expressionistisch anmutende Picassofische, kleine gelbe durch das Wasser schaukelnde Lampions und die giftigen Kugelfische. Und dann der Blick in das unendliche Blau.
Nach einem schönen Bad verfiel ich am Abend dem gelben M und ich wurde doch tatsächlich gefragt, ob ich den Big Mac mit Käse oder ohne (und damit koscher) wolle. Ich mischte mich unter die begeisterten Zusinger einer Band, die das gesamte Leben der Stadt an diesem Abend auf sich (und das Einkaufszentrum gleich nebenan) konzentrierte. Dicht über den Köpfen regelmäßig die gleißenden Augen der kleinen Passagiermaschinen, die 300 Meter später gleich neben der Hauptstraße landen werden. Die bewaffneten Ordner waren höchstens in der achten Klasse, doch hier sind ja auch alle Menschen nett. Auf den bereitstehenden Krankenwagen zeugte die Widmung von der Allgegenwart und Notwendigkeit amerikanischer Unterstützung. Und die hätte ich fast auch gebraucht, denn mangels deutscher Sicherheitsvorschriften wurde das abschließende Feuerwerk direkt neben der Masse gezündet; den einen traf ein Raketenstock, den anderen nur der Gummistöpsel von der Spitze und so mancher rieb sich Aschefetzen aus den Augen. Erst am Abend wurde mir bewußt, daß ich in letzter Zeit kaum noch eine jüdische Kopfbedeckung geschweige denn andere traditionelle Kleidung gesehen hatte.
Jordanien [top]
Schon in Tiberias hatte mir ein spanischer Mitbewohner den Floh 'Petra' ins Ohr gesetzt. Und die Leidenschaft hatte mich so lange an meiner Reiseplanung feilen lassen, bis zwei Tage frei wurden für Petra, eines der sieben Weltwunder, das nun nur einige Stunden entfernt war. Trotz unverschämter Visumsgebühren entschloß ich mich, die berühmte Felsenstadt zu besuchen. Ich machte mich früh auf dem Weg zur Grenze, beladen mit all meinem Gepäck. Plötzlich wendet ein Auto neben mir und eine Deutschsprachige fragte, ob ich zur Grenze wolle. Ich begegnete der Verbindlichkeit der beiden Frauen mit schwammiger Bestätigung, ohne jedoch zu wissen, um wen es sich eigentlich handelte - hab ein schlechtes Gedächtnis für solche Art Mensch. Es waren die beiden Sprachphilosophinnen aus der Jugendherberge in Mitzpe Ramon, einfach unglaublich... An der Grenze stießen wir auf zwei weitere Traveller und überlebten gemeinsam eine rasante Taxifahrt inmitten von Sandstürmen und Lkw-Kolonnen mit unglaublichem Dieselausstoß. Zufällig kannte doch unser Taxifahrer ein garantiert preiswertes und ausgezeichnetes Hotel, indem wir uns dank Mehrheitsbeschluß meiner Mitreisenden unterbrachten. Daß es fast eine Stunde Fußweg von Petra entfernt ist, wurde erst später klar... Aber was sind diese Probleme (und der Eintritt von 75 DM) gegen die Schönheit Petras! Diese Stadt ist ein riesiges Naturkunstwerk aus Sandstein. Sie erwartete uns nach einer tausende Meter langen Eingangsschlucht, die zu durchlaufen ewig dauerte, da man ständig mit offenem Mund stehenbleiben und betrachten muß. Am Ende der Schlucht empfängt einen das weltberühmte Schatzhaus, und die Erkundung der eigentlichen Stadt kann beginnen. Nach dem langen Aufstieg zum Kultplatz eröffnet sich ein atemberaubender Blick. Hier ist nichts gebaut in unserem Sinne, alle Höhlen und Fassaden sind aus dem Stein gehauen und bilden so ein einzigartiges Wunder. Und mittendrin immer wieder Nomaden in Schwarz, die sich jetzt mit Souvenirverkauf über Sand halten. Oder aber aufdringliche Männer, die einen als Reiter armer klappriger Esel zum Tierquäler machen wollen.
Nachdem ich mich abseits der reisegruppenverstauten Hauptstraße begeben hatte, entdeckte ich riesige Grabhöhlen, deren Decken vom Feuer der Nomaden schwarz verrußt sind. In anderen liegt die Streu für die Tiere, die hier während der Nacht vor der Wüstenkälte geschützt sind. Stufen führen hinab zu einer Zisterne, die inmitten der Trockenheit mit grünem Wasser gefüllt ist. Gleich daneben eine Kammer mit abgeschorenen Ziegenhaaren - ich war offensichtlich auf genutzte Höhlen getroffen. Und wirklich, Petra ist nicht ausgestorben: sie wurde und wir noch immer von den Einheimischen genutzt. Die Tourismusbehörde hat zwar die Hauptattraktionen 'gesäubert' und ihre Stromaggregate in den Höhlen verstaut, doch glücklicherweise stoßen die Touris normalerweise nicht in die anderen Stadtteile vor. Da ich jedoch zwei Tage hatte, konnte ich mich richtig in die Stadt versenken. In ihre Farben und Formen, wie nur die Natur sie derartig naiv-protzig zusammenstellen kann. Manchmal stockt der Atem angesichts menschengeschaffen scheinender Formen. Wer hat hier wen inspiriert, ist das Ausdruck der mystischen Einheit von Mensch und Natur?
Bei der Rückkehr nach Israel wurde ich wieder Zeuge und Gegenstand des israelischen Verfolgungswahns.
Obwohl ich offensichtlich Petrist war, stellte sich die kleine Grenzbeamte breitbeinig vor mich auf. Sie war einen Kopf kleiner als ich, und ihre Stimme erinnerte mich an Police Academy: 'I am from the security. I have some questions. What ist the purpose of your visit in Israel? Do you have anything with you that doesn't belong to you? Did anybody give you.... Ich verdrückte mir vernünftigerweise ein gutmütiges Lächeln. Nach einer halben Stunde lächelten wir nicht mehr, denn Peter, einer meiner beiden Mitreisenden, teilte wohl seinen Allerweltsnamen mit einem ungeliebten Gast. Und so dauerte es unglaublich lange, bis die nationale Sicherheit sichergestellt war.
Nach diesen beiden Tagen voller Eindrücke und (Fuß)abdrücke konnte ich gerade noch eine Instantnudelsuppe aufgießen und fiel tot ins Bett.
Sinai [top]
Früh am Morgen fand ich mich am Busbahnhof von Eilat ein, um mit einem normalen Stadtbus bis zur ägyptischen Grenze bei Taba zu fahren. Uns empfing ein großes Hochhaus, das Hotel Hilton Taba, in seiner Halle war auch die Grenzabfertigung eingerichtet. Dies ist verwunderlich, doch wird klarer, wenn man weiß, daß der kleine Ort lange Zeit Streitpunkt war und erst vor ca. 10 Jahren an Ägypten zurückgegeben wurde. Und nun ist eben gleich danach die Grenze. Bei der Abfertigung ging alles schnell und glatt, das nötige Visum hatte ich mir am Tag zuvor besorgt. Mein Ziel war nun Sharm el Sheik an der Südspitze der Sinai-Halbinsel. Mit einem Sammeltaxi fuhr ich nach ewiger Diskussion für einen unverschämt hohen Preis mangels Alternativen bis nach Nuweiba. Unterwegs hielten wir an einer Straßensperre und alle Insassen mußten an einen dubiosen Haufen Bewaffneter irgend eine Gebühr bezahlen. Mein Blut kam in Wallung. Alle anderen Traveller stiegen in einem Sonnencamp aus, um am Golf von Aqaba zu schnorcheln, tauchen oder einfach nur auf den Strandmatratzen abzuhängen. Ich stand an einer Tankstelle und hatte mühsam herausbekommen, daß mein Bus erst am Späten Nachmittag fährt, ich könne mich doch 8 Stunden in die Cafeteria setzen. Dieser Ort also strotzte von Ruhe, ich jedoch war tatendurstig. Und so quatschte ich einen Autofahrer an, ob er nicht nach Sharm führe - leider nicht, er wollte nach Kairo. Na gut, also stieg ich in den kuweitischen Chevi und fuhr nach Kairo. Eine ausgesprochen interessante Fahrt. Erst passierten wir hohe Berge, bald jedoch durchfuhren wir eine unendliche Wüstenweite. Mittendrin ein kleines Holzhäuschen an dem wir uns neben fünf anderen Männern zum Tee niederließen. Überall standen Kisten mit verstaubten Pepsiflaschen, und die unglaubliche Ruhe, das knarrende Haus sowie die aufgeregte Luft machten mich an das Lied vom Tod denkend. Vor unseren Augen drehte sich eine Windhose in die Unendlichkeit. Ein weiterer Stop war einem Kontrollposten zu verdanken und voller Entsetzen sah ich, wie Edward dem dicken Mann Geld zuschob, nachdem dieser gefragt hatte, warum ich denn im Auto säße und diverse Dokumente sehen wollte. Nachdem er im Rückspiegel verschwand, meinte Edward auf meine Frage: Tips - but what for? - for everything, welcome... Wir rasten auf ewigen Geraden mit den Stromleitungen gen Westen. Irgendwann machten wir Aufwachpause, schließlich hatte er seit seiner Abreise vor zwei Tagen nicht geschlafen, wie er mir jetzt wie nebenbei sagte. Ein Toter Bus lag am Rand der Schnellstraße. Wir kamen trotzdem zum Suezkanal. Ein Kontrollposten begann, all seine Bedenken aus der Kiste zu holen, doch der Griff zum Tipbündel machte ihn verstummend weiterwinken. Und da sah ich plötzlich zwei riesengroße Schiffe wie eine Theaterkulisse vor meinen Augen am Horizont sich entlangschieben. Ich war beeindruckt und Hamburg kam mir in den Sinn. Wir passierten den Tunnel und waren auf dem Festland.
Kairo [top]
Die Stadt empfing uns staubig und schmuddelig. Schon viele Kilometer vor ihrem (wie auch immer definierten) Beginn wirbelten uns unzählige Tüten UFOs entgegen, ein omnipräsenter Sturm verwandelte das Außerhalb in einen unangenehm dreckigen Raum. Riesige Werbeschilder säumten die Straße wie eine Allee. Immer wieder Kasernengelände, richtige kleine Städte, aus denen Wachtürme und Minarette ragen. In einer Art Weltuntergangsstimmung stauten wir also nach Kairo ein. Ich hatte mir vorgenommen, noch an diesem Abend nach Alexandria weiterzufahren, doch die Zeit war schon zu weit fortgeschritten und mein Begleiter hatte es geschafft, mich zum Bleiben zu überreden. Wir wurden von Mutter und Neffen empfangen. Mit letzterem konnte ich mich richtig gut unterhalten, er sprach ausgezeichnet Englisch, kam eigentlich aus Kuweit und studierte aber jetzt in Kairo Wirtschaft. Wir sprachen über kulturelle Unterschiede zwischen Ägypten, Europa und der sonstigen arabischen Welt. Und er erklärte mir, daß sein Onkel so wie viele andere eigentlich Ägypter ist, aber nach Kuweit ausgewandert ist. Dort arbeiten sie (während die ölverwöhnten Kuweitis gar nicht ökonomisch denken und handeln können), verdienen viel Geld und können so ihre Verwandten in Ägypten unterstützen. Und beim Ausladen des Autos entdeckte ich also, was für Schätze er mitgebracht hatte: Bettzeug, Flaschen, Teppiche, Parfum, Lebensmittel, Porzellan und dazu einen dicken Briefumschlag. Die beeindruckende alte Mutter, in deren christlich geschmückten Reich wir uns hier befanden, schien das alles recht normal zu nehmen. Zum Abendbrot gab es noch Nudel- und Kartoffelauflauf mit Hackfleisch und bald verabschiedete ich mich ins Bett.
Am nächsten Morgen brachte mich Edward zum Bahnhof, aber irgendwie schien er mich nicht so richtig weglassen zu wollen. Er machte Station an einer Tankstelle und mit Entsetzen mußte ich Zeitgedrückter feststellen, daß hier eine andere Autowaschkultur herrscht. Vier Arbeiter waren nacheinander damit beschäftigt, das Gefährt innen und außen, oben und unten zu säubern. Alles per Hand, wobei ich angesichts der in Druckluft herumfliegenden Dämmattenfetzen eher den Eindruck einer Zerstörung denn liebevollen Pflege gewann. Es wurde gleich neben den Tanksäulen eifrig geraucht 'in Egypt, there is no laws...' und ich beobachtete die Leute in Kaftan und Filzpantoffeln sowie die typischen Busse: nur noch das Blech ist übrig und dieses quillt über von Menschen, die zum Teil mit ihren Füßen während der Fahrt fast auf der Straße schleifen. Nach einer geschlagenen Stunde endlich ging die Fahrt weiter - drei Minuten bis zum Bahnhof.
Nildelta - Alexandria [top]
Ich saß in der ersten Klasse - wie Ramses persönlich. Wo man sich im ICE mit dem Nachbarn um Existenzraum streitet, hat man hier einen riesigen Sessel für sich allein. Und die Beine erreichen beim besten Willen nicht den Vordermann. Die Fahrt war wunderschön. Nach den Wüstenstürmen der letzten Tage durchfuhr ich das paradiesisch grüne Nildelta. Die Sonne tauchte alles in ein klares warmes Licht und Graureiher heben sich aus den Feldern von Getreide, Hülsenfrüchten, Kräutern, Salat und Kohl ab. Anderes Grün hatten die großen Zwiebel- und Knoblauchfelder, die Kürbisse und der Wein. Zwischendrin zufriedene Esel und sich im Überfluß lümmelnde Kühe. Bunt angezogene Leute arbeiten in den Feldern und helfen der Natur, diese Wunder zu schaffen. Exotisch aussehende Taubenhäuser, Orangenbäume, blaue Blumen, Kamille und handgemalte Werbeschilder bilden weitere Farbtupfer und mitten im Feld eine knallbunte kleine Moschee. Möglich wird all das durch ein ausgefeiltes Kanalsystem und so blitzen überall die kleinen Wasserstraßen, aus denen mit kleinen Motorpumpen das kostbare milchiggrüne Naß auf die Felder gepumpt wird. Manchmal noch ein altes verrostetes Wasserrad. Aus den modernen Betonhäusern spießen oben die Enden der Stahlbewehrung heraus. Der Baustil ist hier beeindruckend einfach: ein Betongerüst bildet über vier Etagen Quadrate von vielleicht 2x2 Metern, die dann mit Betonsteinen zugemauert werden. Und schon ist das Haus fertig. Auf einem Bahnhof halten wir neben einem Vorortzug, und ich sah, wie sich unzählige Menschen in diesen Blechwaggon gequetscht haben, der keine richtigen Fenster, sondern nur Lüftungsschlitze hat...
Alexandria ist eine ganz besondere Stadt. Es verirren sich kaum Touristen hier her, vielleicht weil der Glanz der alten Zeiten verblaßt ist. Doch man spürt ihn noch überall. Die kilometerlange Corniche mit der starken Brandung, die herrschaftlichen Häuser mit ihrem blassen Teint und das Fort Qait-Bay, errichtet auf den Fundamenten des weltberühmten und als Weltwunder verehrten antiken Leuchtturmes. Auf dem schmalen Strand stapelt sich das Strandgut und der einfach über die Mauer gekippte Müll. Manchmal sieht man aus den Haufen Rauch und Flammen aufsteigen. Einige Ratten belebten die Szene. Ein Mann hatte ein bilderbuchhaftes Strandcafé vor der Kulisse der Stadt eingerichtet und schien den Sommer zu erwarten. Vor allem aber mochte ich die Menschen, denen der Tourismus fremd war, und die deshalb noch nicht zu aufdringlichen Drückern mutiert waren. Überall begegnete mir ein warmes 'Welcome!' oder 'Hello, how are you?' und besonders die Mädchen wollten wissen 'what's your name? Es war Interesse am Fremden, Freude, das Englische anwenden zu können und vielleicht eine Idee von der Größe der Welt. Es war eine herrliche Stimmung in der Stadt. Bei einem Straßenhändler kaufte ich ful, die beliebten dicken Bohnen im Fladenbrot. Die versammelten Leute ringsum gaben Tips, was ich alles kombinieren sollte und brachten ihre wenigen Englischworte an. Der Verkäufer freute sich über den exotischen Gast und gab mir eine extra große Gemüsezwiebel als Zugabe. Am Abend durchstreifte ich das ausgedehnte Marktviertel, in dem geschäftiges Treiben herrschte, oft erleuchtet durch die bei den Arabern so beliebten bunten Leuchtstoffröhren. Auf dem Fleischmarkt standen die Tiere noch lebend angebunden und vor ihnen türmte sich saftiger grüner Klee. Besonders hier duftete es nach Weihrauch, vielleicht hätte man sonst das Duftgemisch aus altem Fleisch, Kot und Blut nicht ertragen... Gemischte Gefühle.
Auf dem Stadtplatz schnappte mich am Abend ein Exmatrose auf, der mir von der Hamburger Reeperbahn erzählte und sich so eine Einladung zum Tee verdiente. Seine Geschichten waren schon lustig, ob nun wahr oder wirklich. Und er erzählte mir, daß die frische Farbe und die unzähligen Gerüste an den Häusern vom neuen Bürgermeister stammen, der die Stadt zu alter Schönheit auferstehen lassen will. Die Farbe macht leider das Haus nicht standfester - und da hatte ich beim Anblick einiger Gebäude wirklich arge Bedenken. Das Navigieren auf den abendlichen Straßen bedarf hier großer Aufmerksamkeit, denn die Autos fahren ohne Licht. Und so sieht man sie nicht. Aber dafür sehen sie mich ja auch nicht...
Mitten in der Stadt die große Universität, und aus den Gesichtern der StudentInnen strömt der Geist des Aufbruchs und des Selbstbewußtseins. Überall kleine Kopierstuben - eigentlich ja nichts Besonderes, für mich aber Ausdruck einer neuen Zeit für dieses Land.
Einmal fiel mir ein Schuhputzer in die Augen, und das Unglaubliche geschah: ich ließ mir die Schuhe putzen. Unglaublich einmal, weil ich normalerweise auf jeden Pfennig schaue, zum anderen aber, weil ich mich nicht an den Paschastatus gewöhnen kann, in welchem ich mich wiederfände. Aber so heruntergekommen, wie meine alten Latschen nach der bisherigen Reise waren, konnte ich wirklich nicht in Luxor im Hotelschiff aufkreuzen. Und ich war sprachlos über die Liebe, die er ihnen angedeihen ließ. Er schäumte sie erst mit Shampoo ein, um dann das welterfahrene Leder in mehreren Schritten zu jugendlicher Frische zu führen und das Kunstwerk endlich in einem geradezu angeberischen rehbraunen Glanz zu übergeben. Ich war tief beeindruckt, zumal die ganze Prozedur noch einer zehnminütigen Fußmassage gleichkam. Ich zahlte, was es mir wert war, und er küßte den seltenen Schein.
Ampeln gibt es auch in Alexandria kaum, man winkt einfach gebieterisch aus dem Fenster und drängelt sich hupend in die gewünschte Position. Die allgegenwärtigen Polizisten beschränken sich meist darauf, einfach auf der Straße rumzustehen - und damit ein ideales Beobachtungsobjekt abzugeben. Fast alle Ägypter haben schlechte Zähne und einen langen rechten kleinen Fingernagel. Beides nicht sonderlich sexy :-)
Wegen der großen Ausdehnung der Stadt nutzte ich oft die Straßenbahn, ein unglaublich klappriges Gefährt, das für mich jedoch wie die Pariser Metro eine zentrale Bedeutung hatte. Der mittlere Wagen ist reserviert für Frauen, was ich glücklicherweise bemerkte, bevor ich andere in die Verlegenheit brachte, mich darauf hinweisen zu müssen. Das Bild der Menschen, das Fahrgeräusch, der Schaffner, der 5-Piasterscheine herausgibt und die interessierten Augen der anderen Mitfahrer sind unvergeßlich. Einmal setzte mich der Kassierer auf seinen Thron (ein herausragender Stuhl direkt neben der Tür) und bewies mir seine Sprachkenntnisse, indem er 'Auto' und 'wie geht es' in den großen europäischen Sprachen kannte. Eine englisch gestellte Gegenfrage stieß auf Unverständnis, was dazu führte, daß er herumstehende Jugendliche ansprach, die dann dolmetschen mußten - man findet keine Ruhe :-).
Unvergeßlich ist der Sonnenuntergang in Alexandria. In Menschen und die Welt Verliebte sitzen in den Fensternischen der im Lichte glühenden Festung und genießen das Rauschen des Meeres. Der romantischste Ort meiner bisherigen Reise.
Als ich in einen der unzähligen Saftläden ging, um dort einen Zuckerrohrsaft zu bestellen, verwickelte mich die Kassiererin in ein Gespräch. Ganz offensichtlich war sie mit ihrem Englisch und Aussehen für diesen Job überqualifiziert. Leider mußte sie auch die Übersetzung der Fragen übernehmen, die ich an den hart arbeitenden Jüngling hinter dem Tresen stellte. Und so trug ich für einige Minuten zur Unterhaltung im Laden bei. Zum Abschied schlug ich in seine nasse starke Hand ein und bei seinem breiten Lächeln wurde mir wieder bewußt, wie unterschiedlich unsere Leben einerseits sind, und wie viele fundamentale Gemeinsamkeiten das Menschsein doch hat.
Am nächsten Morgen bestieg ich den Zug nach Süden, für den Abend war ich in Luxor angekündigt, immerhin etwa 800 km. Doch in Kairo steckte ich fest. Kein Platz mehr; wegen des bevorstehenden Festtages sind alle Züge der nächsten 4 Tage ausgebucht. Als ob diese Information nicht allein schon schlimm genug wäre, wird sie noch von den Bahnbeamten bekanntgegeben, die sich einen Spaß daraus machen, einen von Schalter zu Schalter zu schicken und bei Unlust einfach das Sprachmodul abzuschalten und dumm zu gucken. Ein Außenstehender muß amüsiert gewesen sein, unzählige Touristen derartig ihre Runden drehen zu sehen. Und einer davon flüsterte mir dann den Namen eines Hotels ins Ohr, in dem man mir garantiert noch ein Ticket besorgen könnte. Ich ahnte Wucherpreise und unangenehme Typen, doch was blieb mir; der einzige in Frage kommende Zug würde in anderthalb Stunden den Bahnhof verlassen. Und ich mußte drinsitzen. Im Hotel bot mir ein Gleichaltriger beim Kaffee für 70 Dollar Hin- und Rückfahrt inclusive einer Übernachtung in Luxor an. Als wir auf das Ticket warteten, unterhielten wir uns, und kam er schnell wieder auf das eine Thema: wie schwer es doch sei, in dieser arabischen Welt ohne Sex zu leben, der ja erst nach der Heirat erlaubt ist. Auf die Frage, daß man in Deutschland ja bestimmt das Mädchen der Träume nach einer Stunde im Bett haben kann, nickte ich unwissend. Der Arme :-)
Oberägypten [top]
Da saß ich nun, diesmal in der zweiten Klasse, und es war einfach Klasse. Ich fuhr meinen Freunden entgegen und hatte 10 Stunden unendlich viel zu sehen. Um mich herum in der zweiten Klasse ganz normale Ägypter mit all ihren Macken und draußen eine phantastische Kulisse. Es gibt hier keine schönere Fortbewegung, als mit dem Zug das Niltal entlang zu fahren, und dabei fast das ganze Land zu sehen. Denn immerhin sind 97% des fruchtbaren Landes und damit der Ansiedlungen mit dem Nil verknüpft. Das Wasser der Kanäle schimmert grün in der Nachmittagssonne als endloser, lebensspendender Spiegel. Greifbar nahe auf der linken Seite die rote Trockenheit der Arabischen Wüste, die das sichtbare Leben auf einen schmalen Streifen zusammenschrumpfen läßt. Grüne Feldermeere, Eselskarren, Kühe, die weißen Nilvögel, stattliche Palmen, Menschen vor ihren Häusern und als helle Kaftanflecken in den Feldern. Hier ist Ägypten ein Land des Friedens und der arbeitsamen Ruhe. Fast schon romantisch.
Im Zug kamen ständig Händler vorbei, die Nähsets, Taschentücher, Portemonnaies, Zeitungen, Pflaster, Haarnadeln und sogar goldene Uhren verkauften. Und Tütchen mit fremdartigen gelben Kügelchen. Auf Anraten meiner Mitfahrer erstand ich zwei davon.
Erst als ich sie im Munde bewegte, identifizierte ich sie als anfaulende apfelartige Früchtchen. Ich bin gewiß nicht wählerisch, doch hatte ich auch wenig Lust, die bevorstehende Kreuzfahrt auf der Krankenstation zu erleben. Und so ließ ich die leckeren Teile unauffällig in meinem Rucksack verschwinden und nickte den genüßlich kauenden lächelnden Mitfahrern anerkennend zu.
Regelmäßig kommt der Mitropamann und bietet den Gästen schey, Tee, an. Um mich war er besonders besorgt, und wir kamen nicht umhin, uns immer wieder mit lächelnden Augen zu treffen. Ich saß ja auch direkt an der Tür zum Rauch- und Trinkabteil. Unzählige Hände öffneten die Tür, und ich las in all diesen Händen das Leben der Menschen hier. Als es Abend wird, geht die Sonne hinter den Palmen unter und bald schleichen die grünen und weißen Neonlichter der Moscheen an uns vorbei. Endlich war ich in Luxor. Ich wäre gern noch einen Tag gefahren, doch freute ich mich auch unheimlich auf das Wiedersehen mit Janette und Martin, zu dritt würden wir die nächsten Tage auf dem Nil verbringen. Wir trafen uns auf einer Bank und mit Blick auf den Nil überschlugen sich die Erzählungen von den Abenteuer der letzten Wochen.
Kreuzfahrt [top]
Wir bekamen die Luxuskabine an der Spitze des 4-Sterne Hotelschiffes und so hatten wir den Kapitänsblick. Die ersten beiden Tage besichtigten wir noch die Wunder Luxors, Thebens und Karnaks. Luxor und der gewaltige Tempelkomplex von Karnak auf der Ostseite des Nils sind Orte der Verehrung und Lobpreisung, Theben am Westufer die Welt der Toten. Die Eingebundenheit in eine Touristengruppe war für mich ein Novum, und doch lernte ich bald die Erklärungen unseres Reiseführers Saadi schätzen. Er bereicherte das Sichtbare um das Wissen seines Sinnes und das Leben der Menschen zu seiner Zeit.
Um uns herum, am Nilufer in Luxor lagen unzählige andere Kreuzschiffe. Ich zählte mindestens 25. Schrecklich. Einige tuckerten Tag und Nacht vor sich hin und störten so den idyllischen Blick aus dem Fenster durch Lärm und Dieselgestank. Und wenn ich vom Sonnendeck den Blick zwischen meinen poolbadenden Miturlaubern und den kaftantragenden Einheimischen auf der Uferstraße schweifen ließ, konnte ich manchmal die Abstrusität unserer Zeit kaum noch fassen. Doch ich war nun Mittäter...
Das Leben auf dem Kreuzer war ausgesprochen angenehm, die Verpflegung war vom Feinsten, serviert von Bediensteten, deren verbindliche Art besonders uns Jungen gegenüber zwar manchmal zu weit ging, eigentlich aber doch nett war. Wir warfen uns zum Speisen immer mächtig in Schale (den ersten Teil der Reise hatte ich die entsprechenden Sachen in einer versiegelten Tüte mit mir herumgetragen, und nun wollte ich sie auch anziehen), und ich merkte, wie ich mich in Relation zu verschlissene T-Shirts und Bermudas tragenden Mitessern setzte. In unserer Jugend und verwunderlichen Dreisamkeit gaben wir des öfteren Anlaß zu Mutmaßungen und ich genoß es, das brennendes Interesse der einheimischen Reiseleiter (mit einem nicht gerade biederen Ruf) ausweichend und rätselhaft unbefriedigt zu lassen. Mit unseren Tischnachbarn, sehr netten Leute, die zum ersten Mal eine derartige Reise unternahmen, verstanden wir uns ausgezeichnet, und wir Berufsreisenden lockten sie mit Erzählungen von den Fünf Kontinenten. Gemeinsam kämpften wir auch gegen die Kellner, die chronische Rechenschwäche hatten, wenn es um die Aufzeichnung der konsumierten Getränke ging.
Oft lag unsere African Queen vor Anker und wir besichtigten die Tempelanlagen entlang des Nils. Esna, Kom Ombo, Edfu und Philae scheinen zwar auf den ersten Blick alle gleichartige ägyptische Tempel zu sein, doch entdeckte uns Saadi überall neue Geheimnisse. Und war weiß schon, daß die Römer Ägypten nur beherrschen konnten, weil sie sich als Pharaonen ausgaben und den ägyptischen Göttern fleißig weiter Tempel gebaut haben? Und wir lernten auch, wie die Obelisken entstanden und aufstanden, ein Besuch im königlichen Steinbruch zeigt noch die Totgeburt des größten Obelisken der Welt.
Die Fahrt auf dem Nil war wunderbar. Wir glitten behäbig auf dem klaren Wasser des riesigen Stromes. Es fiel mir einfach nichts ein, was hätte Streß verursachen können. Totale Entspannung auf dem Sonnendeck. Vor mir der Strom, auf beiden Seiten die zauberhafte Trinität: das Blau des Nil, das Grün des Tales und die gelbbraunen Felsen der Lybischen und Arabischen Wüste. So konstant wie diese Teilung war, so vielfältig war ihr Ursprung. Das Ufer wurde abwechselnd von riesigen im Wasser zu schwimmen scheinenden Pflanzenteppichen, saftigen Feldern und Palmenplantagen gebildet. Immer wieder entdeckte ich Menschen in kleinen Booten oder Bauern, die in ihren Plantagen arbeiteten. Die Wüste wechselte ihre Farben mit dem Lauf der Sonne, mal war sie schroff und felsig, dann wieder sanft und tiefgelb.
Wir besichtigten den Staudamm von Assuan, dieses gewaltige Bauwerk mit einer nicht unwesentlichen politischen Komponente. An diesem Abend lud uns der Servicechef - von uns Kongo genannt - zur Schicha in die Stadt ein, was uns freute, und mich ziemlich benebelt zum Schiff zurückwanken machte. Daß er uns dafür am nächsten Tage bitten würde, für ihn im Duty Free Shop Whiskey zu kaufen, hätten wir uns eigentlich denken können. Aber was soll er machen, wenn Alk sonst in diesem arabischen Land nicht zu haben ist? Dummerweise fegte in dem einen mafiösen Eindruck machende Laden der eisige Atem einer riesigen Klimaanlage und wir hätten beinahe die nächsten Tage als verschnupft verbuchen müssen.
Der Nil endet für die Schiffe in Assuan, und so mußten wir ins Flugzeug umsteigen, um nach Abu Simbel zu kommen, dem sagenhaften Tempel inmitten der Wüste. Seine riesigen Kolossalstatuen sind neben den Pyramiden weltweit Symbol für die ägyptische Hochkultur. Die Hitze war hier an der Grenze zum Sudan fast unerträglich, und es war schwer nachzuvollziehen, warum Ramses annahm, hier in der Einsamkeit mit seinem Bauwerk beeindrucken zu müssen. Er schaute nur in die Ewigkeit. Das von lokalen Künstlern ausgeführte Innere enttäuschte etwas angesichts der Perfektion der Tempel von Edfu oder Karnak. Um so interessanter die Konstruktion, die heute hinter der Fassade steckt: 1965 bis '68 wurde der vom Nassersee bedrohte Tempel zersägt und in einen von einer riesigen Stahlbetonkuppel gebildeten künstlichen Felsen eingebaut. Das Innere dieses Felsens schützt nicht nur vor der Hitze sondern ist ein kleines technisches Wunder.
Auf der Rückfahrt Richtung Norden bot uns der Kapitän unfreiwillig das Titanic-Feeling. Wir saßen gerade beim Lunch, da wackelte das Schiff. Es rumste wiederholt und in der Küche scherbelte das Porzellan. Wir hielten unsere Gläser fest, doch Bongo kam, um die Leute zu beruhigen, es sei alles unter Kontrolle. Viele aßen weiter, immer wieder von Rumsen unterbrochen, immer mehr aber liefen auf eine Seite des Schiffes, um aus dem Fenster heraus die Lage zu beurteilen. Mir wurde es echt mulmig. Wir trieben Steuerlos auf dem Nil und rammten einen Staudamm, was selbst für die tourigewohnten Einwohner mal was Neues zu sein schien.
Doch wir erreichten Luxor ohne Nasse Füße und kamen gerade noch zurecht, um Karnak bei Nacht zu erleben. Die Tempel werden in romantisches Licht gehüllt und Stimmen versetzten uns in die Zeit von Hatschepsut und Ramses. Die Größe der Anlage, die gigantischen Pylone, Papyrussäulen und Kolossalstatuen war atemberaubend. Und als sich die Anlage im Heiligen See spiegelte, fühlte ich die Größe und Ewigkeit Ägyptens in mir.
Oberägypten [top]
Am nächsten Tag trennten sich unsere Wege wieder, während ich noch einen Tag in Luxor blieb, um mich dann nach Kairo auf den Weg zu machen, zog es meine beiden Lieben zu rotem Meer und Sinai. Ich besuchte erst das kleine Luxor Museum, welches aber einige ausgezeichnete Stücke beherbergt, die mich glatt zum Dieb hätten werden lassen können. Dann setzte ich mit der Volksfähre über, um mir das Tal der Königinnen anzuschauen. Schon bei der Abfahrt drängte sich mir einer auf, um mich die ganze Zeit zu einer Taxifahrt zu überreden. Wo ich doch den Nil genießen wollte. Ich hätte ausrasten können. Selbstverständlich fand ich am anderen Ufer einen anderen Taxifahrer, den ich dermaßen herunterhandelte, daß ich schon ein schlechtes Gewissen bekam. Im Tal der Königinnen sind nur vier Gräber zugänglich, eins davon das der Nofretete, der Eintritt kostet 100 Pfund und ist auf 150 Besucher pro Tag beschränkt. Also wählte ich die anderen drei, von denen das des Prinzen Kha em Onaset überwältigend gut erhalten ist. Herrliche Farben hauchten den sonst nur steinfarbenen Personen und Zeremonien Leben ein. Der die Seelen symbolisierende Sternenhimmel strahlte in tiefem Gold und Blau und die Götter erstanden zu ewigem Leben.
Der Wärter versagte mir pflichtgemäß das Fotografieren, ohne daß ich Willens gewesen wäre, dem Wartenden mit Bakschisch nachzuhelfen. Dies dürfte wohl der einzige Teil der ägyptischen Kultur sein, dem ich mich vehement verweigere. Am Ausgang erbat er sich meinen soeben leergeschriebenen Commerzbankkuli, wofür auch immer. Mein Taxifahrer hatte gewartet und ich ließ mich darauf ein, mit ihm eine Alabasterfabrik zu besuchen. Wahrscheinlich bekommt er Kommission. Ich ahnte ein nettes Spektakel und so kam es dann auch. Wirklich kaufwillig aber zum Glück nicht dazu gezwungen, hatte ich mir einige schöne Dinge ausgesucht - um dann in die Verhandlungsphase einzutreten. Selbstverständlich mache er mir gleich den best price versprach er - und die Frechheit der Zahl machte mich lachend. Es ging los. Unterdessen waren 4 Leute im Raum anwesend, die uns wie zwei Wettkämpfer beobachteten und über den Ausgang mutmaßten. Mein Gebot war ähnlich unverschämt, wenngleich ich hätte Geld verlangen müssen, um auf sein Niveau zu kommen... Auch die Intervention meines Fahrers, der mich zur Seite nahm, um mir zu sagen, daß ein geringerer Preis als soundso viel wirklich nicht drin sei, nutzte nichts. Ich ging nicht über die 20% seiner ersten Forderung, die mir als aktuelle Orientierung in der inflationären Entwicklung des Touristenbetruges dienten und mir auch hier real erschienen. Und so trennten wir uns nach dem heißen Kampf ohne Ergebnis. Ich hätte die Dinge ja gern gehabt, aber Prinzip ist Prinzip. Und ich bin keine wandelnde Bank.
Am Abend unternahm ich noch eine Felukkenfahrt auf dem Nil, wobei die beiden Bootsjungen wie vorhergesehen annahmen, ich würde nicht zucken, wenn sie statt nach der vereinbarten Stunde schon nach 20 Minuten wieder anlegten. Ich zuckte gewaltig und fragte mich enttäuscht, wie die überhaupt dran denken konnten, mich übers Ohr hauen zu wollen...
Für die Rückfahrt nach Kairo hatte ich nun eines der begehrten, mit Hologramm gesicherten 1. Klasse Tickets. Die Fahrt war wieder erfüllt von Beobachtung und auch schon Rückblick auf die vielen schon hinter mir liegenden Erlebnisse. Ich fühlte mich schon fast zu Hause beim Mitropamann mit Schlips und Badelatschen, der komplett Zeitung lesenden modernen Edelfamilie, dem rot-weiß arafatbetuchten dicken Araber, dem einfachen Mann mit seinem Ei-Tomaten-Fladenbrot und ausgezogenen Schuhen, den ausländerfreundlichen Fahrkartenkontrolleuren, und den stolz in einer Paradeuniform steckenden und mit 50-Pfund Note bezahlenden Milchbartsoldaten. Ab und an das typische Geräusch der Schleimförderung, gleich daneben ein Ordnungsliebender, der die Schalen der geknabberten Sonnenblumenkerne nicht etwa auf den Boden warf, sondern damit einen unterdessen schon gefährlich hohen Turm baute. Draußen hoppelten die Eselchen in der Abendsonne und eine kleine Moschee leuchtete in kräftigem Blau und Gelb. Kinder schleppen riesige Bündel frischen Klees und beladen einen schon fast darunter verschwindenden Esel. Frauen mischen Teig in großen Blechschüsseln oder waschen ihre Wäsche im Fluß. Überall läuft die Knoblauchernte auf Hochtouren, und ich frage mich, wie viele Völker sie mit der diesjährigen Ernte vernichten wollen. Die Bahnschranken - so es welche gibt - bestehen aus einem stählernen Etwas mit unförmigen Gegengewichten oder einer Kette, die per Hand über die von großen schwarzweißen Steinen begrenzte Straße gespannt wird. Meist aber schiebt die nachfolgende Masse oder die Freude auf das Abendessen die Leute direkt bis an das Gleis und man fragt sich als sicherheitsbewußter Europäer, wie das funktionieren kann. Nach viel zu kurzer Zeit entdecke ich zu meiner linken die Stufenpyramide von Sakkara, die älteste Pyramide Ägyptens, die das Nahen der Hauptstadt ankündigt.
Kairo [top]
Noch zwei Tage blieben mir nun, um neue Ecken in Kairo zu erforschen. Von der Zitadelle bot sich ein eindrucksvoller Blick über die graue Stadt. Kairo ist unglaublich grau, aber es ist ein beeindruckender Teppich aus zusammenfallenden Häusern, monumentalen Moscheen und filigranen Minaretten. Und am Horizont, fast schon vom grauen Meer verschlungen, die drei Pyramiden. Im Armeemuseum wurde auf vergilbten Papptafeln vom Sieg über die Israelis geschwärmt und der Besucher militärisch zurück auf den roten Teppich verwiesen, der möglichst weit an den Exponaten vorbeiführt. Stolz wurde die einem israelischen Regiment geraubte Thora ausgestellt - und ich fand mich überlegend, ob ich Stellung beziehen müsse. Ich muß und kann nicht. Es sind zwei verschiedene Welten, die jede auf ihre Weise meine Liebe auf sich zieht und c'est tout. Die Suche nach der Ibn-Tulum Moschee gestaltete sich wirklich anstrengend, da hatte ich nun einen Reiseführer, in dem die Sehenswürdigkeiten auf arabisch geschrieben waren - doch dies nützte wenig in einer Gegend, in der die Leute davon genauso viel lesen konnten wie ich. Unterwegs machte ich in einer typischen Cafeteria halt und stillte meinen Hunger mit hervorragendem Falafel, Fladenbrot, Salat und Wasser. Um an anderer Stelle noch einen Zuckerrohrsaft zu trinken. Endlich stand ich auf dem wunderschön geschraubten Minarett und schaute in den riesigen Innenhof. Gleich daneben nahm mich das hochinteressante Gayer-Anderson-Museum, zwei original ausgestattete herrschaftliche arabische Häuser, gefangen. Die meist unbildhafte Kunstfertigkeit der Künstler spiegelt sich in filigranen und minimalistischen Intarsien, Mosaiken, Schmiedearbeiten und Schnitzereien wider. Hier fand ich auch einige wenige Bildern und Zeichnungen, deren Schönheit mich auf sonderbare Weise berührte. Einen aufdringlichen dicken Wärter, der mir in der Hoffnung auf Bakschisch immer nur die Beschriftungen in unverständlichem Englisch vorlas, konnte ich durch Hakenschlagen keuchend hinter mir zurücklassen.
Ich passierte den verstopften Khan el Khalili, den neumodischen Basar mit leuchtenden Kunstfaserprodukten und unzähligen Touristen und erreichte nach einigen Verirrungen vorbei an wirklich angenehm würzig duftenden Knoblauchbergen endlich das Bab el-Fituh, das nördliche Stadttor. Ich kletterte hinauf und sah die Sonne über der Stadt untergehen. Lichterkette um Lichterkette wurde nun die unter mir liegende Moschee erleuchtet, bis sie vollkommen glänzte und mit zum Gebet versammelten Gläubigen ein prächtiges Bild der Vitalität des Islam gab. Beim Gesang der Muezzin saß ich in einer Garküche und aß für 50 Piaster das typische Gericht aus Nudeln, Reis, Kichererbsen, verfeinert mit getrockneten Zwiebeln. Dazu klares Wasser aus einem verbeulten Blechbecher.
Auf dem Rückweg durch das arabische Viertel fragte ich einen 22jährigen Ägyptoamerikaner nach dem Weg zum Opernplatz, worauf er mich ins Gespräch vertieft persönlich dort hin führte. Es ist unheimlich interessant, Menschen verschiedener Herkunft und Gesellschaftsschichten (und die Unterschiede scheinen mir hier weitaus größer als in Deutschland) über sich und ihre Kultur auszufragen. Die Oper steht nicht mehr am Opernplatz und so durchforschte ich die belebten Straßen. Ich erstand ein Fahrenheitplagiat und ein halbes Kilo der leckeren orangenen Lampionblumenfrüchte, bevor ich zu meinem Hotel am Midan Ramses zurückkehrte.
Mit der Metro fuhr ich am nächsten Tag zum Ägyptischen Museum, wobei mich dieses Fortbewegungsmittel in allen Einzelheiten an das Pariser Vorbild erinnerte. Und eigentlich so gar nicht nach Kairo paßt. Auch bei meinem zweiter Besuch im Lager der modernen Grabräuber entdeckte ich viele interessante Dinge, die ich ja alle an ihre Originalplätze denken mußte, die ich größtenteils während der letzten Wochen gesehen hatte. Und nicht zu unrecht konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Touristen auf die Schätze des gottgleichen Jünglings Tut-anch-Amun. Wenngleich die oft praktizierte Ausschließlichkeit im Interesse der ägyptischen Kultur verboten werden müßte. Aus meiner Versenkung vor einem der angemalten Holzboote, auf denen reges Treiben herrschte, rissen mich zwei Jugendliche. Sie seien Studenten und wollten mir gern als Führer dienen, ohne Geld, einfach so, zum Unterhalten und Deutsch lernen. Eigentlich befand ich mich schon fast in Trauer, aber vielleicht konnte ich ja so Ägypten so noch ein bißchen besser kennenlernen. Ihr Wissen ging nicht über das Hinaus, was mir unser Saadi - Ramses hab ihn selig - erzählt hatte, aber es war doch eine gute Unterhaltung. Und sie schafften es sogar, mich von meinen Plänen abzubringen und zum Besuch des koptischen Viertels zu überreden. Hier war einer in der Hängenden Kirche engagiert und führte mich stolz. Wir trennten uns, und ich machte mich auf den Weg zum Kairo Tower, an dessen Fuße wir uns aber für einen abendlichen Cafébesuch verabredet hatten. Auf dem Weg zum Tower machte ich Halt in einer der wenigen grünen Inseln der Stadt, dem botanischen Garten. Ich genoß die seltene Farbe und seine feuchte Würze. Von da vorbei an einigen Botschaften hin zur Nilinsel.
Der Turm bot einen herrlichen Ausblick über die rauschende Stadt. Er war voller Händchen haltender Pärchen und die Wand war mit den weltweit gültigen Herzsymbolen geschmückt. Die Sonne schwindet langsam, ohne jedoch zum heiß ersehnten Rot zu zerfließen - sie wird vom Dunst der Metropole verschlungen. Ich nahm Abschied von der Stadt, die ihr Wesen invertierte, sich langsam mit Lichtern füllte und so ein zweites, abendliches Leben begann.
Pünktlich erwarteten mich meine Begleiter am Fuße des Turmes und wir stiegen in einen winzigen Renault. Ich durchlebte einen unkonventionellen Fahrstil und wir erreichten ein nettes Restaurant, das die beiden wohl öfter besuchten. Ich lud sie zu Schicha und Tee ein, was ihrem Verständnis von Gastfreundschaft jedoch strikt widersprach. Stundenlang unterhielten wir uns über das Leben und Ausreisepläne nach Deutschland. Sie wollten so gerne Deutsch lernen und fragten nun, wie sie das anfangen sollten. Hm, ungewöhnliche Frage für 21jährige. Ich nahm ein Blatt und schrieb 10 Vokabeln auf, die ich erklärte, ließ Sätze bilden und nahm das Versprechen ab, solches von nun an täglich selbsttätig zu tun. Ich schien ihnen eine neue Welt eröffnet zu haben und mußte versprechen, in Briefkontakt zu bleiben... Natürlich stand auch wieder mal das leidige Problem der intergeschlechtlichen Beziehungen auf der Abendordnung. Scheint hier wirklich ein großer Komplex zu sein, kann mich nicht erinnern, jemals einen Fremden in derartige Gespräche verwickelt zu haben. Nach einigen Pfeifen (der Apfeltabak ist unempfehlenswert schwach) und Lipton Tea machten wir uns auf den Heimweg. Nach einer halben Stunde Geisterbahn und Autoscooter landeten wir endlich am Midan Ramses. Ich genoß zum letzten Mal die Nudelreismischung, in einem mir ans Herz gewachsenen Restaurant. Ich machte den müden Küchenjungen mit meinen letzten Pfund glücklich und kehrte Heim. Dort bat ich einen Angestellten um eine Briefmarke, er nahm die Karte und wollte auch kein Geld für die Marke. Er hatte gesehen, daß sie nach Paris geht und nun entspann sich eine conversation. Er hat in France studiert und seine Freundin lebt dort. Er erzählte vom Leid der Ausländer in Paris und den Gewissenskonflikten einer doppelten Religiosität. Und es stellte sich schließlich raus, daß er der Chef vom ganzen Laden sowie einem großen Reisebüro ist, das sonst nur niemandem sagt. Na dem tut meine Marke nicht weh :-). Wir tranken gemeinsam unseren Tee und das Französisch tat mir gut. Ein letztes Mal schlief ich unter friedlichem Hupen - der Sprache Kairos ein.
Eine nagelneue 777 brachte mich sicher zurück nach Europa. Ein kleiner Asiate neben mir bediente all die Bildschirme, Videospiele und schwenkbaren Arme mit der Routine eines Profis und ich hätte mich fast schon als altes Eisen gefühlt. Aber ich habe es geschafft, mir mit nicht allzu vielen Fehltritten die Technik dienstbar zu machen. Und so lachten wir dann gemeinsam über Asterix und Obelix.
Und dann stand ich auf der Lindenallee, um mich herum der Frühling meiner Heimat. Die Frische vermischte sich mit den großen Bildern des vergangenen Monats. Und ich war dankbar, die Welt so intensiv erleben zu dürfen.