Essays zu Phänomenen der Existenz


Teil 3

Von der Tragödie des Lernens

Lernen ist die Grundvoraussetzung der Entwicklung. Ganz besonders natürlich der des Menschen, welcher es liebt, sich auch in dieser Hinsicht als die Krone der Schöpfung darzustellen.

Die Unterscheidung zwischen menschlichem und nichtmenschlichem Lernen liegt einmal mehr im Grad des Bewußtseins. Und so ist das Lernen des Säuglings und Kleinstkindes in diesem Sinne auch nicht anders zu betrachten als das eines Goldfisches oder jungen Tapirs. Es sind die natürliche Umgebung, Geschehnisse des realen Lebens, welche die geistige Arbeit der ersten Jahre bestimmen.

Sobald jedoch eine artifizielle Komponente erscheint, trennen sich die Wege. Der junge Mensch beginnt, über das eigentlich notwendige Maß hinaus zu lernen. Keinesfalls nur von anderen dazu gezwungen, sonden auch aufgrund einer eigenen Neugier. Er beginnt, auf Vorrat Wissen und Fähigkeiten sich anzueignen. Häufig aus Interesse, später wohl auch aufgrund einer in Zukunft eventuell sich ergebenden Anwendung und vorgeschriebener Lernpläne. Und hier nimmt die Tragödie des Lernens ihren Anfang.

An dem Punkt, da nicht mehr das Notwendige (dessen Definition sich aus dem Zusammenhang ergeben dürfte) gelernt wird, sondern auf Vorrat; nicht mehr auf der intuitiven, quasi ersten, natürlichen Ebene, sondern in künstlichen Gebäuden. Dort beginnt ein ewiger Wettlauf, der zwischen Lernen und Vergessen.

Die ersten Jahre der Schulzeit schaffen Grundlagen, auf denen immer weiter aufgebaut wird, sie werden ständig wieder benötigt und gehören deshalb zu den dauerhaften Dingen. Dann aber beginnt die massenhafte Aneignung von Wissen aus unterschiedlichsten Gebieten in höchster Intensität. Die einen meistern diese Beanspruchung, andere müssen schon in der Schulzeit beginnen zu selektieren, entweder nach eigenen Interessen oder nach Abschätzung des zukünftigen Gebrauchswertes. Meist aber ist es auch der herausforderndste Lehrer, der die schlaflosen Nächte bestimmt.

Das Erleben dieser Zeit des intensiven Lernens mag unterschiedliche Formen annehmen. Von Verzweiflung über das eigene Versagen bis hin zur faustschen Sucht, die Welt umfassen zu können. Je weiter aber der Mensch in die Tiefe dringt, desto flacher erscheint ihm sein Wissen; je größer die Kenntnis des Möglichen, desto verschwindender das eigene Können.

Nicht wenige müssen erkennen, daß ihnen etwas fehlt, wenn sie nicht mehr zur Schule gehen dürfen: Zeit. Nur Glückliche haben noch nach dem Abi so viel davon, um den Wissensdurst zu stillen. Meist jedoch verhindern gerade dann andere Umstände das Glücklichsein. Und schon bald wird das Schwinden des schwer erkämpften und doch liebgewonnenen Wissens schmerzhaft wahrgenommen. Zahlen, Zusammenhänge, Vokabeln - mit atemberaubender Geschwindigkeit scheinen sie sich zu verflüchtigen. Selbst die Virtuosität auf dem Instrument und die körperliche Ausdauer schwinden, wenn sie nicht zu den wenigen, mit aller Gewalt beibehaltenen Relikten der jüngsten Vergangenheit gemacht wurden. Für unbestimmte Zeit. Gezwungen von der Sorge um die eigene Existenz, gedrängt von dem Zwang zur Ausrichtung auf die EINE Berufung muß man trauernd zusehen, wie ganze Wissensgebiete hoffnungslos untergehen.

Es geht wohl allen so. Jeder muß die kindliche Illusion von der endlosen Zeit verlieren und sein Leben und Lernen öffnen für Planung und Selektion. Doch wenn man sich ab und zu ein wenig Zeit nimmt, dann kann man eine ganze Menge retten. Wenigstens so viel von anderen Dingen wissen, daß man weiß, was man nicht weiß.