Literarische Essenzen


Nr. 6

Maurice
(Edward Morgan Forster, 1879-1970)



Erster Teil

Jungen wuchsen schon heran, bevor so etwas wie Erziehung überhaupt erfunden war.

Die Pubertät hatte zwar begonnen, nicht jedoch die Erkenntnis, und die Geschlechtsreife war ihm - wie es immer sein soll - in einer Art Benommenheit auf den Leib gerückt.

...Maurice hätte ebenfalls ins Bett gehört, um am besten sein ganzes Leben lang drinzubleiben. Und genau das wird geschehen. Ganz wie sein Vater. Wozu sind solche Leute eigentlich gut?

Irgendwas rührte sich in den unergründlichen Tiefen seines Herzens.

Der Traum hatte ihn mit Schönheit erfüllt und ihn dabei Zärtlichkeit gelehrt.

Seine schlimmste Ungehörigkeit war die Einsamkeit.

Als er in der Schule vorankam, fing er an, Jungen zu verehren. Wenn ein solcher Junge zugegen war, lachte er laut, redete Unsinn und war unfähig zu konzentrierter Arbeit. Er wagte es nicht, besonders nett zu sein und schon überhaupt nicht, seine Bewunderung in Worte zu fassen. So zog sich der Angebetete über kurz oder lang zurück.

Die Schule spendete Beifall, nicht weil Maurice herausragend gewesen wäre, sondern weil er durchschnittlich war. In ihm konnte sie sich selbst feiern.

Schon als Neuling hatte er die wichtige Entdeckung gemacht, daß erwachsene Männer höflich miteinander umgehen, wenn kein Grund für das Gegenteil vorliegt.

Was das Erinnerungsvermögen anbetrifft, so bist du nicht maßgebend. Du verwechselst die wichtigen Dinge mit den eindrucksvollen.

Welche Hoffnung blieb Maurice da noch, der einzig aus windigen Behauptungen bestand?

Er ging nicht so weit, sich irgendwelche Hoffnungen zu machen, da Hoffnungen nur ablenken, und er mußte auf so vieles achtgeben.

Er glaubte daran, gläubig zu sein, und verspürte aufrichtigen Kummer, wenn Dinge, die für ihn alltäglich waren, auf Kritik stießen - es war die Art Kummer, die sich in gutbürgerlichen Kreisen als Glaube maskiert. Aber es war sowieso gar kein Glaube, da er nichts bewegte. Er verlieh dem jungen Mann keinen Halt und verschaffte ihm auch keinen größeren Überblick. Er trat nicht in Erscheinung, bis er auf eine Gegenkraft stieß, erst dann schmerzte er wie ein nutzloser Nerv.

Sie aber wußte, daß etwas nicht stimmte. Sie empfand Widerwillen gegen seine Berührung. Es war die Berührung eines Leichnams.

Ein träge Natur, wie die von Maurice, scheint gefühllos zu sein, denn sie braucht sogar zum Fühlen Zeit. Der Instinkt rät einer solchen Natur, sich auf Gedeih und Verderb so zu stellen, als sei nichts passiert, und dem Eindringling gegenüber Widerstand zu leisten.

Warum sollte er leiden und seinen Freund leiden lassen, wenn Worte alles zurechtrücken konnten?

Zweiter Teil

Um das beste aus dem zu machen, was ich habe. Nicht um es auszulöschen, nicht um vergeblich zu wünschen, es möge etwas anderes sein, sondern um es zu hegen und zu pflegen, derart, daß es weder Gott noch Mensch kränken könne.

Er gab sich bei diesen Gelegenheiten keinen Illusionen hin. Er wußte, was für eine Art von Vergnügen er empfing, und er nahm es offen an, in dem sicheren Bewußtsein, daß sie alle beide keinen Schaden dabei nahmen.

Er war sich seines eigenen Wertes bewußt, und damals, als er erwartet hatte, daß er ohne Liebe durchs Leben gehen müsse, hatte er eher auf die Umstände geschimpft als auf sich selbst.

Ich wäre im Halbschlaf durch das Leben gegangen, wenn du den Anstand besessen hättest, mich in Ruhe zu lassen.

Clive war voller Opposition gegen seine Familie, er haßte ihre Weltlichkeit, die mit einer vollkommenen Unkenntnis der Welt einherging.

Den Konventionen hatten sie ihren Sieg abgerungen, aber die Natur bot ihnen nach wie vor die Stirn...

Sie waren beide Weiberfeinde. Während sie damit beschäftigt waren, ihr Naturell zu begreifen, waren sie nicht einmal auf den Gedanken gekommen, den Frauen zumindest Respekt entgegenzubringen, und in der Zeit ihrer Liebe war ihnen das andere Geschlecht so fern wie Pferde und Katzen; alles was diese Wesen taten, schien ihnen töricht zu sein.

Aber warum soll ich eine Rolle im öffentlichen Leben spielen? Wer braucht mich?

Die Geschichten von Harmodios und Aristogeiton, von Phaedros und von der Thebaischen Legion waren gut genug für jene, deren Herzen leer waren, aber sie waren kein Ersatz für das Leben.

Er ließ dauernd boshafte Bemerkungen fallen und nutzte seine intimen Kenntnisse aus, um ihn zu verletzen. Doch das gelang ihm nicht, das heißt, seine Kenntnisse waren unvollständig, sonst hätte er gewußt, daß es unmöglich ist, einer wirklich starken Liebe Verletzungen zuzufügen.

Hätten wir uns doch nie geliebt! Denn dann, Maurice, hätten du und ich ganz still dagelegen und hätten unsere Ruhe gehabt.

Es war alles so kompliziert. Wenn die Liebe von einem weicht, wird sie nicht als Liebe erinnert, sondern als etwas anderes.

Dritter Teil

Die Erinnerung an Clive mochte verblassen. Doch die Einsamkeit blieb.

Ein ungeheures Schweigen, wie das des Todes, umfing den jungen Mann, und als er eines Morgens in die Stadt fuhr, schien es ihm, als sei er wirklich tot. Worin lag der Sinn dieses Geldraffens, Essens und Spielens?

Er hatte keinen Gott, er hatte keinen Geliebtem - die beiden Dinge, die einen Menschen normalerweise zur Tugend anspornen. Aber er kämpfte weiter, weil es die Würde erforderte.

"Sie haben also nie einen Verdacht geschöpft?" fragte Maurice mit einer Spur von Geringschätzung.

Es war eigenartig; wenn er einen Vertrauten haben konnte, dann wollte er keinen.

Aber es geschah immer, ohne daß sie ein einziges Wort miteinander redeten. Sie vereinigten sich in einer Welt, die nichts mit dem Alltag gemein hatte, und diese Verschwiegenheit zog manch anderes in ihrem Leben nach sich.

Ich habe ebenfalls mit den Armen zu tun gehabt ... aber ich kann mir einfach keine Sorgen ihretwegen machen. Man muß sie um des Allgemeinwohls willen unterstützen, das ist alles. Sie fühlen anders als wir. Sie leiden nicht, wie wir es an ihrer Stelle täten.

Die Eintönigkeit des Regens! Wozu regnet es überhaupt? Die Gleichgültigkeit es Universums dem Menschen gegenüber!

Vierter Teil

Es spielte überhaupt keine Rolle, wie krank er aussah oder wie merkwürdig er sich benahm, offiziell war er ein Verliebter, und sie legten alles so aus, wie es ihnen paßte, und fanden ihn köstlich.

Zwischen diesen durchschnittlichen Frauen und ihm tat sich ein Abgrund auf, der sie heiligte.

Er fürchtete oder schämte sich nicht mehr. Nach allem, was geschehen war, waren die Wälder und die Nacht auf seiner Seite, nicht auf ihrer; sie, und nicht er befanden sich innerhalb einer Umzäunung.

Ist eine wirkliche Hölle am Ende nicht besser als ein erdichteter Himmel?

Die Kundschaft der Firma Hill und Hall setzte sich aus Leuten der Mittelschicht zusammen, deren höchster Wunsch es zu sein schien, Sicherheit zu finden - dauerhafte Sicherheit - , kein Schutzdach, das man in der Dunkelheit zu erreichen sucht, weil man sich fürchtet, sondern Sicherheit überall und immer, bis man vergaß, daß es Himmel und Erde gab, Sicherheit vor Armut und Krankheit und Gewalt und Grobheit; und demzufolge auch vor Glück.

Sie hatten nie gekämpft, und nur Kampf bindet Gefühl und Wollust zur Liebe zusammen.

Ich bin wirklich zu der Überzeugung gelangt, daß man mit "natürlich" nur sich selbst meint.

Du kannst, wenn du wirklich willst. Du kannst alles, wenn du dir erst einmal klar darüber bist.

Jetzt erkannte er, daß kein menschliches Geheimnis existiert, das von orthodoxem Denken nicht unter einem verkehrten Gesichtspunkt ausgespäht wird, daß Religion weitaus scharfsinniger ist als Wissenschaft, und daß es das Großartigste auf der Welt wäre, wenn sie der Einsicht auch ein entsprechendes Urteil folgen lassen würde.

Er hatte den Mann in Alec hervorgelockt, und jetzt war es an Alec, den Helden in ihm hervorzulocken.