Ostmexiko - Guatemala - Belize
Ein Traum in Mittelamerika.
Mexiko City-Teotihuacán-Cancún-Chichén Itzá-Mérida-Uxmal-Celestún-Campeche-Palenque-San Christóbal-Lagos de Montebello-Quetzaltenango-Panajachel-Antigua-Guatemala City-Puerto Barrios-Livingston-Rio Dulce-Flores-Tikal-Belize City-Caye Caulker-Chetumal-Tulúm-Canún
Das Land der Maya. Karibikstrand, stürmische Riffe, flaches Buschland, atemberaubende Bergszenerien, glasklare unberührte Seen, rauchende Vulkane, malerische Flüsse und tropischer Dschungel. Mittendrin unsichtbare und unübersehbare Zeugnisse einer bunten Kultur, uralt und so lebendig wie nie.
Mexiko-City (1-3)
Nach langem Flug mit Leuten, die mir nach der 10. Stunde wie alte Bekannte vorkamen und für die ich (aus langer Weile?) sogar echtes Interesse entwickelt habe, rollte ich am 20. Februar in die für uns Europäer das Maximum menschlicher Dichte verkörpernden Stadt ein. Es sollte nur ein kleiner Zwischenstopp werden, wenn man schon mal in der Nähe ist...
In der Metro, die mich vom Flughafen direkt in die Mitte, auf den Zócalo brachte, wurde ich mit einer Unmenge interessanter fremder Gesichter konfrontiert, die mich allerdings mindestens ebenso intensiv betrachteten. Mexiko ist in touristischen Angelegenheiten vielleicht noch nicht ganz so routiniert wie Abendländer. Mein erstes Hotel, nur 2 Querstraßen von der Hauptplaza entfernt, stimmte mich in seiner unkomplizierten Art und Weise schon ganz gut auf die kommenden Nächte ein. Wie in Zukunft sehr oft der Fall, war der Spiegel eher in Brusthöhe angebracht, so daß die Selbstbetrachtung einen leichten Anflug von Oberschenkelkrampf hervorrief. Die Toiletten sind brillenlos und somit manchmal doch etwas kühl. Nach einem 31 Stunden-Tag war der Abend zu nichts anderem mehr als dem Hineinschlafen in große Erlebnisse zu gebrauchen.
Die wichtigste Sehenswürdigkeit in Mexiko-City war für mich Teotihuacán, die alte Stadt der Azteken, welche ich schon vor vielen Monaten in einem Buch umlesen hatte. Damals war die Idee einer Mexikoreise entscheidend gereift. Die zweistündige Busfahrt führte mich schnell aus dem verhältnismäßig europäischen Zentrum der Ciudad hinaus und konfrontierte mit dem Aufenthaltsort derer, die Mexiko derartig bevölkerungsgroß machen, ohne freilich wirklich Anteil nehmen zu dürfen an dem Stadtleben der Stadt. Slums bedecken wie ein dichter flacher Teppich die Hänge der großartigen Berge und geben mit ihren unzähligen Rauch- und Staubwolken die wohl charakteristische Färbung dieser Gegend. Und ich brachte es nicht übers Herz, mich den neben mir sitzenden Mexikanern als Paparazzo zu zeigen, obgleich ich damit einen wichtigen Zug dieser Stadt lediglich im Kopfe weitertragen kann.
Das riesige Gelände, auf welchem die Azteken vor über 1000 Jahren ihre Zeremonien abgehalten haben, sprang mir in gleisendem Sonnenlicht entgegen. Ein Stil, dessen Charakteristika sich sofort einprägen und grundlegende Unterschiede zu den Stätten des Ostens aufweist. Überlebensnotwendig ist die aus Sonnenschutz und Agua purificada bestehende Ausrüstung, sonst dauert es nicht lange, bis man das Schicksal der braunverschrumpelten Kakteen teilen muß, die gemeinsam mit einigen noch grünen Artgenossen und riesigen Gummibäumen die spärliche Flora Teotihuacáns bilden. Es ist unumgänglich, die beiden großen Pyramiden zu besteigen. Eigentlich keine Meisterleistung, jedoch scheint es so, wenn man auf der obersten Stufe sitzend die schwitzend sich aufwärtsquälende Masse beobachtet. Der höchste Punkt der Sonnenpyramide war permanent von Schulkindern umringt, und erst nach langer Zeit gelang es mir, mich durchzudrängeln, um auch den blankgeputzten Messingknopf zu berühren. Auf der Mondpyramide kostete es drei Mädchen große Überwindung, mich anzusprechen, aber sie taten es doch. Und haben nun ein Foto mit dem blonden Alemán.
Der Nachmittag wurde der City selbst gewidmet, einem Meer von grün-weißen Käfern, die bei jeder Ampelschaltung in einer neuen Welle heranbrausen. Die Metro mexicana hat das dreifach-Plus: 1. ist sie superbillig (wohl nur für uns...), 2. kommt sie sofort und 3. werden die Bahnsteige ständig poliert, so daß einen nichts am Hinsetzen hindert - abgesehen von den periodisch vorbeirutschenden Besen. Ab und zu kann man einen Blick in die kleinen bunten Schundheftchen werfen, die fast jeder Mexikaner auf der Fahrt liest. Die heißen Geschichten mit vollbusigen Blonden sind vielleicht sowas wie ein ehrlicher Spiegel vieler Männerträume - und Auslöser so mancher Macho-Allüren.
Natürlich gibt es auch Häuser, teils in altem Kolonialstil erbaut, teils moderne Wunder der Architektur, zumeist in mäßigem Erhaltungszustand. Im zentralen Palacio de las Bellas Artes ließ ich mich von den riesigen Gemälden der mexikanischen Gigantisten (Riviera & Co.) erschlagen. Sie vermitteln unmißverständlich den Eindruck eines geschändeten, jetzt aber selbstbewußten, nicht nur zärtlichen Wesens und zwingen, sich mit der Geschichte dieses Volkes wenigstens grob zu befassen - zum Glück war mein Stamm nicht direkt an den blutigen Szenen beteiligt. Am Abend dagegen bot sich vom Zentralamerika-Turm ein friedlicher Blick in die Ferne. Die windschiefen Hütten des Tages bildeten nun einen flimmernden Teppich, der die Berge hinaufwuchs und gewiß aus lauter trauten Stuben mit Schaukelstuhl und Märchenbuch bestand. Der Besuch einer Titanic-Vorführung OmU erwärmte meine Seele vollends. Hier in Mexiko wurde dieser Erfolgsfilm gedreht und ist seit langem der absolute Renner.
Der nächste Tag begrüßte mich mit einer lachenden Sonne, und so konnte ich gar nicht griesgrämig über den meinen Schlaf vernichtet habenden, unermüdlichen Fahrstuhl gleich nebenan bleiben. Das Frühstück in einem Zócalo-Café war geschmacklos aber scharf, weit weniger interessant als die Militärzeremonie auf dem Platze selbst. Die Ausdauer und Leidenschaft, mit der ein ganzes Regiment sich selbst kommandierte, musizierte und besprach, entlockte dem Zuschauer tiefste Bewunderung. In Deutschland würde dies wohl die Antimilitaristen auf dem Plan rufen, zumindest aber den Rechnungshof. Selbst als mich meine Kreise nach 4 Stunden wieder zum Platz führten, war die bunte Mannschaft noch eifrig um die riesige Bandiera versammelt und gerade damit beschäftigt, mystische Stäbe von einer Person zur anderen zu reichen. Unweigerlich rief ich mir die Geschichten der alten Azteken ins Gedächtnis, deren wesentlicher Lebensinhalt ja auch in spirituellen Versammlungen bestanden hatte.
Das Glück war mir hold, und ich traf bei meinen Erkundungen auf eine köstliche Panaderia, in der mir schon vom Kosten des Gebackenen der Magen streikte (der Menge wegen). Dies war der erste Kontakt mit einer immer wieder auftauchenden Spezies. Leider blieb mir keine weitere Zeit, die Großstadt näher zu erforschen, die Mayas warteten. Auf dem Flug nach Cancún bekam ich die Vulkane der Hauptstadt richtig zu Gesicht, und ihr leuchtendes Weiß schien von der Wahrheit nichts zu ahnen.
Von klassischer Musik begleitet, landete ich nach kurzem, angenehmem Flug in Cancún. Feuchte schlug mir entgegen und beraubte mich meiner Sehkraft, wie ein nasser Lappen legte sich die schwere Luft auf den Gekühlten; ich mußte den Tropen ganz nahe sein... Schon die Fahrt vom Flughafen in das Zentrum offenbarte mir dann gnadenlos die Lebensader dieser Stadt: 23 Kilometer Luxushotel, besetzt von Tausenden schwitzender Bleichgesichter. Am kommenden Tag sah ich richtig, warum innerhalb nur weniger Jahre eine Enklave des Reichtums mitten in das arme Land gepflanzt wurde. Postkartenblaue Karibik, weißer lockerer Sand, eine kühlende Brise, Palmen(reste), untertänige aber nicht aufdringliche Hotelangestellte mit geistigen Drinks, Musik nach Wunsch und das alles inmitten gleichgestellter Menschen gleicher Herkunft. Nach stürmischer Fahrt gelangten wir auf die Isla Mujeres, wo sich all diese Vorzüge wiederfinden, jedoch ohne die Betonburgen, statt dessen kunterbunte Häuser. Nach einiger Zeit hatte ich die Tücken einer Hängematte überwunden und schaukelte im Schatten zweier Palmen in Betrachtung eines malerischen Strandes. Die Strandbar machte mit ihrer Happy-Hour und kostenlosen Shrimps viele Menschen glücklich und verschaffte den richtigen Drive für ein internationales Beachball-Match. Ich ahnte, daß ich Mexiko nirgends so fern sein könnte wie hier, störte mich jedoch nicht daran, auf bald eintretende Langeweile und Entdeckungslust vertrauend.
Wieder zurück auf dem Festland erlebte ich in der Stadt einen Karnevalsumzug, der mir allerdings sehr nach tourism office aussah, es fehlte an Spontaneität und Leben. Auf dem grünen Zócalo gab es dafür viele Garküchen mit allerlei noch exotischen Speisen und so stürzte ich mich voll hinein. Das eigentliche Stadtzentrum Cancúns, einige Kilometer von der Zona Hotelliera entfernt, ist ganz erträglich. Man kann sogar ab und zu typisches Mexiko erleben.
Alle Strände im Land gehören dem Staat, und so kommen selbst die Luxushotels nicht umhin, Fremdlinge auf ihrem Terrain zu tolerieren. Ich erkor eines davon aus, um mir noch einen zweiten Sonnentag zu gönnen. Und richtig wurde mir bewußt, wie wenig das Rumliegen eigentlich bringt, begann ich, mir über die Berechtigung der Motorsurfer Gedanken zu machen, welche so wenige Kilometer von großer Armut entfernt dem Luxus frönen. Und ich freute mich auf meinen morgigen Start in die weite Welt der Maya. Vorher aber bestaunte ich in einem der großen Supermärkte die vielen Kinder, die als kleine Angestellte herumschwirrten, um einzupacken, ins Auto zu tragen und Späße zu machen, abends um 9. An den Läden kann man die Tageszeit hier also nicht ablesen. Aus einem der Internetcafés (Mexiko leidet keinen Mangel) verschickte ich meine erste Meldung in die weite Welt.
Die Nacht brachte ein absolut ungeplantes Erlebnis. Es hatte meine Gastgeberin erwischt, und uns blieb nichts anderes, als gegen 1 in ein Taxi zu steigen und ins Krankenhaus zu fahren. Als ich dessen Ausstattung mit der meines ehemaligen Zivi-Standortes verglich, wünschte ich, sie möge nichts Schlimmes haben. Zudem tat die Klimaanlage so, als hätte sie noch nie was von Influenza gehört. An der Betreuung aber gab es nichts auszusetzen, ohne Lehrbuchschnörkel trafen Kanüle und Diagnose. Zum Glück war es keine schwere Krankheit und ich konnte am nächsten Morgen wie geplant starten.
Yucatán (6-10)
Eine halbe Stunde vor Abfahrt des Busses ergatterte ich den vorletzten Platz nach Chichén Itzá. Obwohl der Computer den Bus also für voll erklärt hatte, war der nur halb besetzt, vielleicht eine Chance für Nachzügler. Die 1.Klasse-Busse lassen keine Wünsche offen, außer vielleicht, die obligatorischen Kriegsfilme abzumurksen. Es gibt aber auf der anderen Seite der Scheiben genug Anlaß, die Augen in die Weite schweifen zu lassen. Der üblichen reichlichen Verwendung jeglicher menschlicher Arbeitskraft folgend, sind mindestens zwei Leute in den Bussen beschäftigt. Es gibt ja auch viel zu tun: mehrmals die Tickets kontrollieren, Bordlisten schreiben, einsteigende Beamte und Buskontrolleure geleiten und vor allem mit dem Fahrer kommunizieren, damit der nicht einschläft. Ab und zu leuchtet auch das rote Lämpchen über der Frontscheibe, und ein dezentes Piepen deutet an, daß der Bleifuß bei über 95 ist. Sobald der Bus in eines der kleinen Dörfer einfährt, gibt es viel zu sehen. Die Betonmauernzäune sind mit bunter Reklame für Karneval, Bier und Discos bemalt, überall stehen Kinder mit Proviant, um sich auf den anhaltenden Bus zu stürzen und die Insassen mit Refrescos, Obst, Gebäck, Sandwiches, Nüssen und Chips zu überschütten. Bis zur nächsten Pause wird dann also mit Sauce gespritzt, Obstschalen und Flaschen fliegen aus dem Fenster oder auf den Gang, Büchsen kippen um und Finger werden am Polster abgewischt. Aber so haben die Reinigungskräfte wenigstens auch wieder was zu tun. Ich fühlte mich an diesem Tag nicht ganz auf der Höhe und verzichtete lieber auf derartige kulinarische Abenteuer.
Gegen 11 kam ich in Chichén Itzá, der großen Stätte des Nordens, an, pünktlich zur rush-hour. Glücklicherweise bot das moderne Besucherzentrum eine Gepäckaufbewahrung, das Herumtragen des Gepäcks war meine größte Horrorvision. Ich fand die berühmte Maya-Stadt mitten in grünem Busch gelegen, was mir außerordentlich gefiel. Um die alten Gebäude und Ruinen wogten allerdings Touristen aller Couleur, vom altbekannten oberkörperfreien und geröteten Ami bis zur zerbrechlichen, in Weiß gehüllten behandschuhten Dame aus dem Asiatischen. Einheimische Schulklassen mit ihren farbigen Uniformen bildeten weithin sichtbare Flecken und waren immer eine Beobachtung wert. Die aus relativ kleinen Steinen gebauten Pyramiden zeigten nur ab und zu eine Verzierung, meist in Form der gefiederten Schlange Quetzalcóatl und des Regengottes Chac mit seiner Elephantennase. Im Inneren des Castillo, in das man nach langer Wartezeit durch einen glitschigen, steilen Gang gelangen kann, steht eine wunderschöne Chac-Mool-Statue, vor der man aber wegen der nachschiebenden Masse nicht lange verweilen darf. Zum Glück schleppe ich die ganze Reise auf AGFA mit nach Hause ;).
Sobald man das Hoheitsgebiet der Reisegruppen verläßt, wird es totenstill. Doch gerade etwas abseits gibt es malerische Ecken zu entdecken. Zugewachsene Dampfbäder, kleine Tempel und Cenote erscheinen uns wohl noch so wie den Entdeckern vor 200 Jahren. Und überall fremde Vegetation und buntes Getier.
Auf der Weiterfahrt nach Mérida saß ich neben einer richtig echten Mayafrau. Sie sprach kaum Spanisch (so wie ich), war ganz und gar verschrumpelt und hatte liebe dunkle Augen. Ihre traditionelle weiße Bluse war bunt bestickt, die Füße steckten in alten Sandalen und hatten wohl lange Zeit die Erde direkt berührt. Wieder brachten die bemalten Häuser rechts und links der Straße die Präferenzen ihrer Bewohner für Cristal-Limo, Superior-Bier oder Coca und Pepsi zum Ausdruck. Wenn mich einer nach den Symbolen Mexikos fragen würde, so würde ich wohl spontan auf diese das Land beherrschenden Labels verfallen.
In Mérida, der Hauptstadt des Bundesstaates Yucatán, gibt es eine Unmenge billiger Hotels. Ich hatte Glück beim Tippen und begab mich befreit von Gepäck auf den Weg ins Zentrum. Diese Stadt ist lebendig, nicht für West- (sorry, Nord-) touristen angelegt und hat mich sofort gefangen genommen.
Bunte Häuserreihen leuchteten kräftig in der Abendsonne und an jeder Ecke war ein interessantes Schild, ein kleiner Laden oder kolonial geformtes verrostetes Fenstergitter zu bewundern. Wie Urtiere anmutende silberne Busse mit riesigen Schrauben und Blechen winden sich um die Kurven und hinterlassen den altbekannten Ikarus-Duft. Der Zócalo und die Calle 60 quollen über von Karneval feiernden Menschen und fröhlicher Musik. Von Imbißständen mit Nahrung versorgt, ließ ich mich durch die Straßen treiben und erlebte diese tolle Stadt. Kinder mit grellgefärbten Haaren besprühten Passanten mit weißem Schaum und Halbwüchsige zeigten stolz nackte, bemalte Haut. Spielhöllen sind typischer Versammlungsort für die junge Generation, die dort durch amerikanische Einblendungen wie 'winners don't use drugs' mit Fluch und Segen der neuen Welt bekanntgemacht werden.
Überall dröhnt die Musik von Kassetten-Verkäufern; das musikalische Spektrum von Mex-Heino bis Dance-Floor hat man so auf engstem Raum vereint. Die große Kathedrale bietet da wie alle Kirchen willkommene Ruhe im Tumult des mexikanischen Lebens. Große Standventilatoren im Schiff und auf dem Altarplatz verwundern erst, gehören dann aber einfach dazu. Hier trifft man alte ärmliche Leute genauso wie hochgestylte Damen und die Jugend in Baseball-Outfit. Und sie sitzen einträchtig vor den großen Kerzen, vor einem der vielen Altäre oder einer Heiligenfigur. Ich hatte den Eindruck, die Kirche wüchse hier mit den Menschen mit, sie nehmen sie mit, anders als anderswo.
Mit einem Elote ausgerüstet setze ich mich auf eine Treppe und beobachtete die vorbeiwalzende Menge. Diese Maiskolben mit Mayonnaise, Chilli und Zitrone sind superbon und an jeder Straßenecke zu haben. Schnell sammelte sich eine Schar gerade mit dem Rauchen begonnen Habender auf der Treppe neben mir. Die Sprachbarrieren (Englisch wird auch von der Jugend kaum gesprochen) ließen mich auf Anfrage jedoch nicht mehr vermitteln, als daß man große, blonde vorbeiwandelnde Europäerinnen durchaus auch mit Holá ansprechen kann... Ein mexikanisches Mädchen versuchte es bei mir mit der Uhrzeit und schien sichtlich enttäuscht, als ich ihr nur die Uhr hinhielt, was den Jungs dezentes Gelächter entlockte.
Auf dem Heimweg kam ich durch die abendlichen Markthallen und wußte nicht recht, ob das komische Gefühl in der Bauchgegend von den überall vermuteten finsteren Gestalten, oder von den Typhus garantierenden grüngelben Fleischbatzen kam, die den Weg säumten. Nachdem ich am Busbahnhof beruhigt festgestellt hatte, daß Busverbindungen nach Uxmal kein Problem sind, schlief ich - noch immer Karnevalsmusik im Ohr - ein.
Am nächsten Morgen hatte ich am Busbahnhof das Nachsehen, man sollte das Ticket eben immer zeitig genug vorher kaufen. So mußte ich die Abfahrt nach Uxmal 2 Stunden verschieben. Dafür konnte ich so die méridasche Ausprägung des 8-Uhr Fahnenhissens miterleben. Wiederum mit vielen Trompetensignalen unter den stolzen Blicken der gesamten Truppe. Ein Soldat machte sogar die Runde und forderte jeden Bürger, der sich bei der Nationalhymne noch nicht von seinem Morgensonnenbad erhoben hatte, ausdrücklich dazu auf. Im Palacio wieder beeindruckende Wandgemälde, konzentrierter und fast beeindruckender als die Rivieras. Wie schon in Cancún machten auch in dieser Stadt Gasflaschenverkäufer lautstark auf sich aufmerksam, indem sie in voller LKW-Fahrt lachend mit einem schweren Schraubenschlüssel gegen die mannshohen stählernen Behälter schlugen.
Für die holprige Dorfbusfahrt nach Uxmal wurde ich schon mit dem Anblick der Wahrsagerpyramide voll entlohnt, die folgende 3stündige Erkundung des Geländes war einfach grandios. Nur relativ wenige Besucher störten die malerische Einheit von reich verzierten Tempeln, Palästen und grünem Buschwald; wie der erste Entdecker eroberte ich auch weiter entfernt liegende Ruinen, so manch Interessantes war da zu entdecken. Überall wuchsen mir wohlbekannte Pflanzen - allerdings verblassen die europäischen Blumentopfversionen vor den Daheimgebliebenen. Vor jedem Gebäude kann man lange verweilen, um die typischen Ornamente des Puuc-Stils zu entschlüsseln. Im Rücken unendlichen Busch und vor mir die größten Gebäude, saß ich lange auf dem südlichen Tempelberg und empfand diesen Tag als einen wahren Höhepunkt.
Wieder zurück in der Hauptstadt, konnte ich endlich einen kleinen Reisewecker erstehen, nachdem ich bisher nur mehrpfündige Disney-Clocks angeboten bekommen hatte. So ein Wecker ist unerläßlich, wenn man die kühleren Morgenstunden zum angenehmeren Reisen ausnutzen will. Unterwegs stieß ich auf den vollkommen in leuchtenden Farben bemalten Sportplatz der Universität von Mérida. Die jungen Künstler stehen ihren berühmten Vätern dabei weder in Monumentalität noch Expressivität nach. Auf dem Weg zum Zócalo mußte ich einige Kreuzungen überqueren, auf denen schwerbewaffnete Polizisten und die großen Augen der Ampeln meist kontradiktorische Zeichen von sich gaben. Auf der Suche nach Proviant für die nächste Fahrt betrat ich eines der Kaufhäuser der Stadt. Wie üblich, übergibt man dabei einem Kind seine Tasche im Austausch gegen eine tellergroße, handbemalte Gepäckmarke. Die Regale sind eine Wohltat für Auge und Geldbeutel, meterweise ziehen sich die gleichen Artikel von geringer Attraktivität durch die reinigungsmittelduftgeschwängerten Hallen. Ein kleines, auf dem Boden vor sich hindudelndes Kofferradio verleiht dann der Kosmetikabteilung eine exclusive Stimmung.
In der Stadt herrschte selbst am Aschermittwoch noch immer toller Faschingstrubel. Vor dem Palacio Municipal führten Kinder- und Jugendgruppen exotische bunte Tänze auf, wodurch sie eine große Traube Mexikaner anzogen, welche sich an den tüllgehüllten Dämchen nicht satt sehen konnten. Selbst in der hintersten Reihe mit gutem Überblick gesegnet, hätte ich am liebsten einige der kleinen Mexikaner auf die Schulter genommen - sie sahen wohl eher ein Meer ihresgleichen. Zu guter Letzt ging knapp neben mir eine Stoffpuppe unter großem Getöse in Flammen auf, womit ich einen Höhepunkt des Karnevalstreibens quasi hautnah miterlebt haben dürfte.
Die sagenhaften Mangroven und rosaroten Flamingoschwärme Celestúns waren Ziel des nächsten Tages. Für die 90 km brauchte mein Bummelbus 2,5 Stunden. Dafür konnte ich mich erneut an den Eßgewohnheiten meiner Mitreisenden satt sehen. Die Straße wurde zunehmend von sehr einfachen Hütten aus Lehm und Stroh gesäumt und sorgte mit einer Vielzahl von Topes für ständige Bewegung. Auch auf die strohüberdachten Erdkuhlen der Straßenkontrollen mußten wir nicht verzichten. Die armen, teilweise noch milchbärtigen Jungsoldaten müssen die Hitze des Tages in diesen Unterständen verbringen und wissen wohl selbst nicht, wen sie hier eigentlich erwischen sollen. Ihre Bewaffnung sieht eher aus wie das Konstrukt eines Schülers, der mit Stahlrohr und Gummimuffe experimentiert hat. An strategisch besonders wichtigen Stellen sind sie sogar mit einem Nagelbrett ausgerüstet, welches mit Hilfe eines dicken Seiles blitzschnell von der anderen Seite auf die Straße gezogen werden kann.
Auf dieser Strecke entdeckte ich endlich auch riesige Sisalfelder. Die Fasern dieser Agave waren lange Zeit Grundlage für den Reichtum Yucatáns und besonders Méridas.
In großer Hitze stand ich dann plötzlich mutterseelenallein auf dem staubigen Platz einer Fischersiedlung, der die Siesta ein leichenhaftes Wesen verlieh. Touren zu den Flamingos waren für diesen Tag keine mehr zu erwarten. Ich war zum Ruhen verurteilt, was mich in meinem großen Tatendrang fast wie ein Schock traf. Doch ich fügte mich und verbrachte den Nachmittag im Schatten der Unterkunft, mit Blick auf den Golf, vertieft in meinen Lonely Planet. Und je mehr ich las, desto weiter wurde meine Reise, umfaßte nun selbst Südguatemala. Auf einem Strandspaziergang war ich eifrig bemüht, Touristen zu erblicken, mit denen ich gemeinsam auf die sonst unbezahlbare morgendliche Flamingofahrt gehen könnte. Und ich fand doch tatsächlich zwei deutsch-finnische Gleichgesinnte. Den Abend verbrachte ich mit zwei holländischen Berufsurlauberinnen, die ganz begeistert waren von der Ruhe und dem fischigen Strand. Weniger allerdings von den Kontaktversuchen der Jungfischer.
Am Morgen sammelte ich bei aufgehender Sonne bunte Muscheln und meine Funde ernteten anerkennende Blicke eines konkurrierenden Polizisten, der mich mit einem stolz hervorgebrachten 'Guten Morgen' erfreute. Ich erwartete die beiden Mitreisenden und es stießen zu den 3 wohl einzigen am Ort erwachten Flamingotouristen noch zwei Franzosen, die gerade aus Mérida gekommen waren. Freilich mußte noch ein Café genommen werden, bevor wir in See stechen konnten - selbst wenn die Sonne eine weitere Stunde Vorsprung gewann. Das landesübliche Nescafé-Feuchtgranulat übertraf dabei selbst die kühnsten Befürchtungen. Für die Konversation mußte ich mein eingerostetes Französisch auspacken - und es sollte nicht so schnell wieder einschlafen. Endlich im Motorboot sitzend, betrachteten wir argwöhnisch die große gelbe Sandwolke, welche wir im flachen Wasser hinterließen. Und prompt steckten wir fest, mitten im Golf von Mexiko. Letztlich aber sausten wir doch vorbei an Kormoranen und Reihern auf dem Weg zur sagenhaften Flamingolagune. Rechts und links von grünen Mangroven gesäumt lag sie vor uns, und schon bald entdeckten wir auf dem Wasser schwebende rosa Wolken. Da standen die Flamencos unbeweglich mit ihrem gebogenen Hals und zeigten keinerlei Reaktion auf die knipsenden Bleichgesichter. Der Schiffer erzählte uns sein Flamingolatein und wir fühlten uns wohl. Auf dem Rückweg fuhr er mitten durch die Mangroven. Riesige Wurzeln ragten in das rotbraune Wasser, Sonnenstrahlen durchdrangen das dichte Grün und schwarze Vögel entzogen sich raschelnd unseren Blicken. An der klaren Quelle, die mitten im trüben Wasser aufsteigt, trafen wir wohl rein zufällig auf Bier und Chips feilbietende Jugendliche, doch danach war uns in der Wärme nicht zumute. Auf einer kleinen Insel wurde uns ein seit vielen Jahren abgestorbener Palmenwald vorgeführt, dessen termitengezeichneten Stämme aus heiße Pfützen in den gleißenden Himmel ragen.
Kurz nach diesem beeindruckenden Ausflug in noch unberührt scheinende Landschaft saß ich auf der Rückbank eines weißen Käfer, und wir hopsten mit utopischen 120 über die mittägliche Topes-Piste. Ein glücklicherweise einmaliges Erlebnis. Dafür saß ich eher als geplant in einem Bus nach Campeche, der alten Seeräuberstadt. Unterwegs schaffte ich es endlich, ein der typischen Indohütten zu fotografieren, die Grundbaustein eines jeden Dorfes sind. Am Busbahnhof traf ich auf zwei gestylte US-Missionare und ergriff mit der Frage nach einem billigen Hotel die Flucht nach vorn. Leider zeigten sie sich in diesen Dingen nicht bewandert. Gleich an der Hauptstraße wurde ich jedoch fündig und entledigte mich erleichtert meines Gepäcks, um eine ausgedehnte Wanderung durch das zauberhafte Stadtzentrum zu unternehmen. Prompt traf ich meine beiden Holländerinnen, die schon am Morgen die Fischstrände verlassen hatten. Bunte stattliche Häuser zeigen den Reichtum der alten Handelsstatt und bilden einen deutlichen Kontrast zu den Hütten des vergangenen Tages. Einzigartig sind Fußwege, die, bis zu einen Meter hoch, das Öffnen der Autotüren verhindern und mit vierstufigen Treppen ausgestattet sind. Auch in Campeche weist ein etwas deplazierter hoher Stahlgittermast dem Ortsfremden zuverlässig den Weg ins Zentrum. Bei der Ankunft im Hotel mußte ich feststellen, daß die gewaschenen Hemden nur wenig getrocknet waren; kein Wunder in diesem Klima. Nachdem ich die Hälfte einer riesigen Ananas als Abendbrot verdrückt hatte, wollte ich zufrieden einschlafen. Doch nur von Kairo übertroffener Straßenlärm, der von den eher symbolischen Lamellenfenstern anstandslos durchgelassen wurde, ließ mich noch einige Zeit vor mich hinfluchen.
Bevor ich am darauffolgenden Tag die Reise in Richtung Palenque fortsetzte, machte ich noch einen kleinen Stadtrundgang zu den touristischen Sehenswürdigkeiten. Überall finden sich Reste der Stadtmauer und Festungsanlagen. Der Eintritt ist frei, doch man muß in ein großes Buch alle Daten eintragen, die für einen Touristikstatistiker interessant sein könnten. In einer Baluarte mit niedlichen kleinen Kanönchen traf ich auf eine Buchbewacherin, die ganz leuchtende Augen bekam, als ich Alemania niederschrieb. Sie hieße BOSCH, sagte sie, und wir fachsimpelten über dieses Weltunternehmen, dessen Namensverwandtschaft sie stolz jedem Deutschen anzuvertrauen schien. Leider ist sie nicht mit Robert verwandt, doch beim lustigen Abschied versprach ich, den Eignern einen Anteil für sie abzuluchsen. In einer anderen Baluarte befindet sich der kleine botanische Garten der Stadt. Er ist mit 250 Arten wirklich winzig, jedoch ausgesprochen hübsch und eine willkommene Oase der Ruhe.
Während ich auf den Bus wartete, beobachtete ich unter etwas ökonomischen Gesichtspunkten einen Scheibenputzerjungen. Er füllte wohl eine viertel Stunde damit aus, die zwei Teile der schon vorher blitzblanken Glastür zu den Bussen ausgiebig zu reinigen. Dazu wurde außerdem ein Uniformierter benötigt, der die Fahrgäste entsprechend durch den gerade nicht in Arbeit befindlichen Teil schleuste. Und ich fand, daß dies wieder mal eine ausgesprochen humane Art der Arbeitsbeschaffung sei.
Chiapas (10-16)
Nach langer Busfahrt erreichte ich das 350km südlich gelegene Palenque im Tiefland von Chiapas. Das Städtchen wimmelt nur so von großen wackelnden Rucksäcken und so war es mein Ziel, die Jugendherberge als erster aufzuspüren. Leider konnte ich mit meinen Zimmernachbarn, die nichts als Japanisch und yes und no verstanden, nur wenig anfangen. Dafür hielt ich mit zwei Französinnen ein nettes Schwätzchen vor der Tür. Auf dem abendlichen Stadtbummel boten sich viele Gelegenheiten zur Verkostung interessanter Antojitos, wobei jedoch die Maiskolben unschlagbar waren. Greifbar nahe bildeten die Berge des Hochlandes einen geheimnisvollen Horizont.
Bei der Heimkehr hörte ich schon von weitem laute Musik aus meiner Straße. Ihr folgend landete ich prompt in einer Kirche. Doch wie wenig hatte sie mit der düsteren Stimmung so manches europäischen Gotteshauses gemein! Die Leute - wiederum aus allen Altersklassen und Bevölkerungsschichten - waren wie aus dem Häuschen, sie hoben die Hände, winkten, klatschten und sangen mit Herz und Seele zu Elektroorgel und Schlagzeug. Nach einer kurzen Lesung, die alle in ihren mitgebrachten Bibeln verfolgten, richteten sich alle Blicke auf mich. Erst jetzt bemerkte ich, daß der Pfarrer mich angesprochen hatte und wissen wollte, woher ich käme und ob ich Spanisch verstünde. Mit Mühe antwortete ich und mir wurde verständlich gemacht, daß nun das Gloria Dei folgte. Die flammende Predigt über den einen Gott 'del todo el mundo' wurde immer wieder von spontanen 'Halleluja' und 'Gloria Dei' - Ausrufen Einzelner unterbrochen, die wohl nur so ihrer Bewegtheit Ausdruck verleihen konnten. Bei zwei besonders tiefgreifenden Aussagen verfiel die Menge in euphorisches Klatschen. Nach der Predigt begann der Pfarrer einen beruhigenden Sprechgesang zu den Harmonien der Orgel und die Leute folgten mit murmelnden Gebeten. Einige gingen zum Altarplatz und wurden inmitten dieser Zeremonie gesegnet.
Nach einem begeisterten Lied war wieder ich an der Reihe: Er erfragte meinen Namen, worauf sich die Leute mir zuwandten und Henry Gottes Segen wünschten. Ich konnte es kaum glauben. Der Termin des nächsten Gottesdienstes wurde begeistert vom ganzen Saal wiederholt und sie schienen es nicht erwarten zu können: 'Mañana allas siete. In punto!' Selbst gebeugte alte Frauen winkten beseelt bei den mitreißenden Liedern, Kinder und Jugendliche..., todo el mundo.
Am Ende reichten sich alle gern und ernsthaft die Hand, der blonde Neue wurde dabei besonders herzlich bedacht. Ich war tief bewegt von diesem Erlebnis. Auf meiner weiteren Reise sah ich sehr viele dieser flachen Gebäude, manchmal waren sie das einzige Steingebäude eines Dorfes. Es sind Kirchen der Adventisten oder Asembleas del Dio und außerhalb der Großstädte mehr verbreitet als die Althergebrachten.
Die Ruinen von Palenque liegen nur 15 Colectivo-Minuten von der Stadt entfernt, und schon halb 8 war ich da, um die sagenhaften Morgennebel mitzuerleben. Bis zur Öffnung blieb aber noch eine halbe Stunde, und ich dschungelsüchtiger Deutscher marschierte schnurstracks in den Urwald hinein. Überall zogen geheimnisvolle Pflanzen meine Aufmerksamkeit auf mich und ich lenkte meinen Schritt zu einem fernen Plätschern, welches mir die Orientierung erleichterte. Rückzu war allerdings Stille in jeder Richtung und die vermeintlichen Wege entpuppten sich als ausgetrocknete Bachbetten. Argwöhnisch begutachtete ich meine Wasserflasche. Ich ignorierte die Pflanzen, die mir ihren Samen an die Kleidung hefteten und hatte bald auch kein Auge mehr für die umgestürzten dichtbewachsenen Bäume. Es blieb nur eines: festlegen, daß ich einen Weg aus dem Dschungel finden würde.
Und der Glaube half. Irgendwo meinte ich Licht zu entdecken und landete nach ungewissen Schritten auf einer kleinen Lichtung mit bemoosten Cola-Flaschen. Zeichen neuzeitlicher Zivilisation! Diesmal war ich froh, sie zu sehen. Natürlich wurden die Tempel schon von unzähligen Reisenden belagert, die alle die Eintrittsfreiheit des Sonntags nutzten. Diese Stätte ist lieblicher als die anderen, dafür weniger großartig. Große Blätter wachsen auf den Tempelbergen und der Urwald bildet die tiefgrüne Kulisse für den verwinkelten Palast und verzierte Gebäude. Die Sonne versteckte sich hinter dichten Wolken, die Luft war jedoch sehr warm und feucht. Das Gelände ist sehr groß und recht bergig. Dafür gibt es wunderschöne kleine Wasserfälle, die zum Baden einladen, schaukelnde Hängebrücken und unzählige einsame Tempelanlagen. Ich bin hier auch einigen braungebrannten dürren Leuten in Lendenschurz begegnet, deren verfilzte Haare von vielen Monden inmitten dieser Wildnis kündeten, und die fast verstört auf Touristen reagierten, die sie beim Bade in einem abgelegenen Becken ertappten. Meine große Reise relativierte sich, und ich spürte, daß ich mich eigentlich zu den richtigen Normalo-Touristen rechnen muß :(. Nachdem ich mich an der comida corrida - natürlich pollo - der einzigen Gaststätte gestärkt hatte, nahm ich erneuten Anlauf und wanderte stundenlang einen romantischen Bergpfad hinauf, der gleich hinter dem Tempel der Inschriften beginnt. Die Sonne schien nun durch das grüne Dach und gelegentlich begegnete mir sogar ein herzlich mit 'Holà amigo' grüßender Einheimischer. Kurz nach meiner Rückkehr zu den Ruinen begann es zu nieseln, und mit einem kleinen Jauchzer stellte ich fest, daß ich jetzt also wirklich im Regenwald sei.
Der Rückfahrt-Colectivo sammelte auch einige abendfeiernde Hotelangestellte an der Straße zu den Ruinen ein und spuckte uns dann alle im von Souvenirläden, Restaurants und Reisebüros gebildeten Zentrum aus. Aus der Kirche am Zócalo kam gerade ein Trauerzug, der anfangs aus nur einigen Leuten bestand. Ich konnte jedoch erstaunt feststellen, daß immer mehr Leute von den Bänken aufstanden oder ihre Stände verließen und sich einfach anschlossen, bis der Zug die ganze Hauptstraße einnahm. Gern hätte ich gewußt, was weiter passiert, aber als Fremder wahrte ich dann doch Abstand. Nach dem Essen erkundete ich das andere Palenque. Hinter dem Hauptplatz, außerhalb der Karten der Touristen, befinden sich die Wohnhäuser. Und auch hier sind es sehr einfache Hütten, oft von einem angeleinten Hausschwein bewacht. Neugierig riskierte ich Blicke durch die Fensterlöcher und konnte so am eigentlichen Leben der Leute teilhaben. Viele Wohnungen bestehen nur aus einem Raum. Immer gibt es Hängematten und einige Stühle, manchmal ein Regal und einen alten Fernseher. Wärme erhalten die Räume oft durch bunte Heiligenbilder und Kerzen vor einem mit Blumen geschmückten Kruzifix. Das Leben hier ist gewiß nicht komfortabel, doch die Menschen sehen nicht unglücklich aus. Westlich gekleidete Jugendliche kommen aus der Touristenstadt, gehen, das Schwein grüßend, in ein Wellblechhaus und sind wieder Teil einer großen Familie. Dinge, die ich für unvereinbar hielt, gehören hier zu ein und demselben Leben.
Heftige Regenschauer trieben mich zurück, und vor der Jugendherberge sitzend überdachte ich die vielen Eindrücke des Tages. Ein neuer Zimmergenosse erzählte mir Wunderbares von Ostguatemala. Ich beschloß also, auch Livingston und den Rio Dulce in meine Route einzubinden. Zwei nette Bayern berichteten von Montezumas Rache und einem Ventilatorunfall, bei dem sich der Größere eine heftige Kopfverletzung zugezogen hatte. Und ich konnte konstatieren, daß ich bisher von wirklichen Mißgeschicken verschont geblieben bin.
Auch am nächsten Tag war der Himmel von Wolken verhangen. Trotzdem machte ich mich auf den Weg nach Misol-Ha und Agua Azul. Ich wählte den komfortablen Weg eines Reisebüroausfluges, was sich nach Befahren der Bergstraßen als gute Wahl erwiesen hat. Im Nobel-Colectivo saß ich vor heftig über die letzten Hotelabende sich unterhaltenden Landsleuten, deren Dialekt mir überhaupt nicht in die Stimmung paßte. So vermied ich auch jede Anbahnung von Kontakten. Statt dessen unterhielt ich mich mit einem jungen Franzosen, der hier für eine Ölfirma Anlagen baut. Wieder einmal sieht man, wie gut es für Europa ist, wenn es auch den anderen gut geht. Der Wasserfall von Misol-Ha war vielleicht kein einzigartiges Naturwunder, aber doch sehr beeindruckend und malerisch eingebettet in grüne Dschungellandschaft. Die 35 Meter tief in ein Felsbecken herabstürzenden Wassermassen verursachten tüchtigen Wind. Es war herrlich, am Rande zu sitzen und den Blick im weißen Nebel versinken zu lassen. Auf wildromantischer Bergstrecke ging es weiter. Immer wieder sah ich Einheimische, die riesige an Kopf und Rücken hängende Bündel von Holz die Straße entlangschleppten. Ein Straßenpflegetrupp mit grellorangen Warnwesten drängte mit großen Macheten den Dschungel zurück.
Die wildromantischen Kaskaden von Agua Azul ziehen sich über mehrere Kilometer flußaufwärts und bilden immer wieder kleine Seen im weißen Kalkstein. Mehrere Kreuze, die zur Erinnerung an in den Fällen Ertrunkene aufgestellt worden waren, hinderten uns anfangs daran, ein so verlockendes Bad zu nehmen. Nach dem Überqueren wackliger Hängebrücken (immer mehr Touristen blieben zurück) erreichten wir jedoch am Ende des Weges eine ruhige Stelle, die ganz ungefährlich aussah. Und so wagten wir den Schritt ins tiefe klare Wasser und genossen ein Tauchbad inmitten steiler Felswände, tropischer Bäume und bunter Schmetterlinge.
Die Busfahrt des nächsten Tages ins Hochland von Chiapas hat mich sehr beeindruckt. Anfangs waren es die nebelverhangenen, von Kiefernwäldern bedeckte Berge, in denen leuchtender Hibiskus und vielfarbig blühende Bäume filigrane Figuren bilden. An einigen Felsvorsprüngen waren noch die Parolen der vergangenen Wahl zu sehen. Je näher wir jedoch San Christóbal kamen, desto häufiger wurde die idyllische Landschaft von ärmlichen, mit Brettern eingezäunten Feldern, Brandflecken und von roter Erde staubigen Dörfern unterbrochen. In der Ferne stiegen anklagende Rauchsäulen auf. Dieses erst so grandiose Land verfällt und zeigt tiefe Wunden. Abgemagerte alte Frauen hockten stoisch an den Topes und streckten dem vorbeifahrenden Bus fast anklagend vertrocknende kleine Orangen entgegen. Kinder und Schweine leben gemeinsam im Dreck, und selbst mein mexikanischer Nachbar schien von diesen Bildern berührt zu sein. Und mittendrin erstrahlt ein riesiges Pepsi-Schild über diesen Menschen. Angesichts dieser Armut kommen mir die Urwaldappelle der satten Europäer fast unverschämt vor. Kann man diesen Menschen übelnehmen, daß sie versuchen, auf Kosten des Dschungels zu überleben?
So vorbelastet, überfielen mich gleich am Busbahnhof Kinder und Frauen mit ihren Sorgenpüppchen, und ihre leis bettelndes 'compra, por favor, compra' verstörte mich. Die ganze Stadt war von Kindern und Frauen geprägt, die dies in ungewohnt klagender und unablässiger Weise taten. Nach so schönen Tagen im Tiefland war dies ein bedrückender Beginn der Reise durch die Berge. Erst der geschäftige Markt, auf dem es wirklich alles gab, brachte mich mit seinem bunten Treiben wieder auf bessere Gedanken. Lange schlenderte ich vorbei an Bergen von leuchtendem Obst, frischem Gemüse und duftenden Kräutern. Frauen in bunter Tracht trennten Erbsen von ihren Hülsen oder schälten Ananas. Andere sortierten Maiskörner oder banden prächtige Blumen. In der Fleischabteilung gab es von der halben Kuh über undefinierbare Innereien bis hin zu Schüsseln voller abgehackter gelber Hühnerfüße alles, wovor man sich so fürchtet. Weniger abschreckend waren da die Wagen voll getrockneten Fisches oder die Wannen mit lebenden Krebsen und Muscheln. Dort wo der Lärm herkommt, befindet sich die Tortilleria, ein heißer Raum mit einer großen rumpelnden Maschine, die unablässig die kleinen Maisfladen ausspuckt.
Kaum war ich außerhalb des Marktes, befand ich mich wieder inmitten stinkender Autos und balancierte auf den schmalen Fußwegen.
Der vielleicht achtzehnjährige, der mir in einer einfachen Lonchería schüchtern das Essen auf den Tisch stellte, brachte mich zum Nachdenken. Er verkörperte eine ganze Generation von jungen Menschen, die meine Geschwister sein könnten. Ich halte Möglichkeiten für ganz normal, von denen sie nicht zu träumen wagen. Sie verbringen ihre Jugend in der elterlichen Kneipe, beim Flechten bunter Bändchen oder Maishacken. Ein Leben mit wenig Licht am Horizont, auf einem Abstellgleis, weit abseits der so unendlich interessanten Entwicklung. Sie könnten wachsen und sich entfalten, die Welt entdecken und denken, studieren, die einzigartigen Möglichkeiten nutzen, die Menschsein bietet... Statt dessen müssen sie lautlos springen, wenn einer mit dem Finger schnippt und zwei Tortillas will, stundenlang flechten für ein paar Pesos. Wieviel Mensch geht hier verloren, wieviel Entwicklung! Ich hätte ihn am liebsten an die Hand genommen und herausgeführt in eine bessere Welt. Und war niedergeschlagen ob der Unmöglichkeit.
Ich hatte erwogen, schon am nächsten Morgen weiterzuziehen, doch trotz einer sehr kühlen, lauten und schlaflosen Nacht gab ich uns noch eine Chance, der Stadt und mir. Ich fragte mich zum Colectivo nach Zinacantán durch, einem der vielen kleinen Bergdörfer, die oft verheißungsvoll als Horte alter Mayakultur bezeichnet werden. In dem klapprigen VW-Bus saß ich neben Marktbesuchern in reich bestickter, traditioneller Kleidung und sah entgegen meinen Erwartungen nirgends einen anderen Fremdling. In Zinacantán jedoch konnte ich die Lobeshymnen der Reiseführer kaum nachvollziehen. Der erste Blick fiel auf ein Touristenbüro mit Kartenverkauf für die Kirchenbesichtigung, der zweite auf eine den Dorfplatz darstellende Betonwüste, der dritte auf verzweifelt nach Motiven suchende Touristen, der vierte auf Basketball spielende Kinder. Wenigstens trugen die nicht Adidas, sondern vollkommen rotbunt leuchtende bestickte Hemden und Hosen. Das Dorf war sonst bis auf einige Verkaufsstände wie ausgestorben, und so entschloß ich mich, in die Wälder Chiapas´ vorzudringen.
Ein kleiner Bergpfad führte aus dem Dorf hinaus, und die letzten Häuser waren deutlich traditioneller, sprich ärmlich. Während meiner Wanderung auf den Transportpfaden der Indios entdeckte ich dann aber doch noch ganz interessante Dinge. Mitten in den Bergen und sogar an sehr steilen Hängen befinden sich die Gemüse'plantagen', auf denen teilweise unter Folie Tomaten, Erbsen, Kartoffeln oder natürlich Mais angebaut werden. Als Gegenstück zum überquellenden Markt kann man hier den Aufwand nachvollziehen, der dahintersteckt. Eine Hacke ist das Höchstmaß an Automatisierung. Geheimnisvoller aber sind Kreuze, die mitten im Wald stehen und mit Kiefernreisig geschmückt sind. Meist sind es drei, und sie kennzeichnen den Eingang zur Unterwelt der Ahnengötter. Teilweise sind kleine Brandstätten davor zu erkennen, in denen vermutlich (Duft-)Opfer gebracht werden. Obwohl der Wald nicht besonders dicht ist, entlockte die Sonne den Kiefern einen intensiven Harzduft, der die ganze Gegend überzog. Später mußte ich errötet feststellen, daß die Sonne hier oben auch bei Menschen recht kräftig zur Sache geht. Wieder im Dorf angelangt, fand ich am Rand einige interessante Lehmziegelhäuser mit angehobenen Dächern, aus denen es ungesund blau qualmte. Auf dem sozialistisch-monströs anmutenden Dorfplatz standen nun mehrere Klimabusse und ganze Herden irrten desillusioniert im Nichts umher. Ich mußte nicht lange warten, bis sich in meinem Survival-Colectivo 8 Mitfahrer gefunden hatten, zwei davon waren gierig fettige Kartoffelchips mit Soße aus einer bunten Industrietüte essende Mädchen.
In San Christóbal erforschte ich dann den beeindruckenden Kunstgewerbemarkt neben der barocken Kirche Santo Domingo und erpfennigte einige leuchtende Armbänder. An das letzte Sommerferienlager denkend, konnte ich ermessen, wie viel Zeit und Fingerfertigkeit für jedes einzelne benötigt wurde und schämte mich fast für den Preis. Am Abend wurde in einem Universitätsgebäude 'One flew over the cuckoo´s nest' gezeigt, und ich befand mich in einer bunten Gesellschaft von Travellern, Studenten und anderen Einwohnern. Es kostete zwar nichts, dafür ging wieder ein großes Buch herum, in welches die halbe Lebensgeschichte einzutragen war. Mexiko, das Land der Statistiker. In meiner Herberge spielte der Boy leise Marimba, und ich befragte ihn über mein morgiges Ziel, die Seenlandschaft der Lagos de Montebello. Seine Antwort: hermoso!
Die Straße führte wieder durch eine wunderbare Landschaft. Morgensonne tauchte die jetzt dichten Kiefernwälder in ein junges Licht, drei Kreuze wiesen oft den Weg in eine andere Welt. Dabei übersah ich fast die kleinen Müllhäufchen am Straßenrand, und konnte selbst der mit schneeweißer Asche bedeckten verbrannten Erde etwas Eindrucksvolles abgewinnen. In Comitán stieg ich in einen fast nur durch Klebeband zusammengehaltenen Colectivo, bei dem man die Straße auch durch das Bodenblech beobachten konnte - einfacher als durch die Folienscheibe. Der Fahrer wollte jeden Fußgänger mitnehmen, der in Reichweite war, was die Fahrt doch recht in die Länge zog. Daß Auto knallte und krachte regelmäßig, die Bekreuzigungen der Mitfahrer führte ich jedoch aufgrund meiner optimistischen Lebenseinstellung eher auf die altbekannten Straßenkreuze zurück. Gemeinsam mit den chicken-busses und offenen Lastern, die fast immer mit Arbeitern besetzt sind, bilden die unentbehrlichen flexiblen Colectivos das Rückgrat des Transportes in Mexiko und auch Guatemala. Als letzter Reisender wurde ich in dem kleinen Dorf Tziscao abgeladen, mitten in einem wunderschönen Nationalpark.
Die Albergue Touristico etwas abseits vom Dorf hatte nur zwei Dauergäste und bestand aus einigen Holzhütten mit Schaumgummimatratze auf den blanken Brettern. Und die Natur war herrlich. Da lag ich mitten in unberührter Landschaft unter singenden Vögeln an einem absolut klaren See. Der Wind rauschte in den Kiefernnadeln über meinem Kopf, und bei Belieben konnte ich ins angenehme Wasser springen, ohne von jedem Tropfen einen Brechreiz zu bekommen. Nach dem Essen bei der etwas schweigsamen Señora richtete ich meine unbeschwerten Schritte in Richtung der Cinco Lagos. Die Straße wandt sich durch wunderbar farbige Wiesen und Wälder. Vor dem Hintergrund absoluter Stille unterhielten sich Vögel in vollkommen fremden Sprachen, die langen weichen Nadeln tuschelten unablässig über ihr zeitloses Sein. Nur ganz selten wurden sie von einem knatternden und hustenden Rennbus unterbrochen. Nachdem ich auf einen Erdweg eingebogen war, konnte ich die wie Türen quietschenden Vogelstimmen ungestört bestaunen, obwohl eine überfahrene Schlange den Weg unfreiwillig als Straße entlarvte. Mein Ziel, die Laguna de Cañada, wird wohl zu Recht als die schönste bezeichnet. Das spiegelglatte azurblaue Wasser wird in der Mitte von einer steilen Felswand fast vollständig geteilt. Ein atemberaubender Anblick.
Dieses Naturwunder der Lagos dauerte für mich zwar nur einen Tag, aber ich habe unendlich viel Ruhe gefunden und Kraft geschöpft für eine vollkommen anders begeisternde Region.
Hochland von Guatemala (16-21)
Die Fahrt zur Grenze war nicht sehr lang, jedoch ausgesprochen kontrastreich. Der obstbedachte Dorfbus nach Comitán war vollkommen überfüllt und eine mächtig schaukelnde Angelegenheit. Nach dem Umsteigen in einen ADO-Luxusbus hatte ich dafür mindestens 30 Plätze für mich, mit den genau 7 anderen Reisenden bildete ich später eine illustre Reisegruppe. Doch vorher hatte ich ein schwieriges Problem: wo finde ich am Grenzposten 'Ciudad de Cuauhtémoc' einen Briefkasten? Drei schwerbewaffnete Militärs halfen bei der Suche und fanden schließlich die Señora vom Imbißstand, der ich meine wichtige Heimatpost blindlings anvertraute. Der Grenzposten kassierte seinen Anteil am soeben schwarz getauschten neuen Geld, und der Weg war nun offen für wahre Abenteuer.
Mein erster Eindruck von Guatemala war der eines unglaubliches Gefährtes. Dieser alte Bus war voller lamentierender Menschen, die riesige Körbe mit Obst und Hühnern, verrußte Autoreifen, stahlbewehrte Betonteile und eine Unzahl unidentifizierbarer Bündel unter, auf und über den Sitzen sowie bergeweise auf dem Dach des Busses deponierten. Ein kräftiger Bursche, der seine Augen und Hände gleichzeitig überall hatte, um lebendes und zugehöriges Transportgut aufzuspüren, war für die Einweisung und platzsparende Verschachtelung zuständig. Er entdeckte auch uns, eine ständig 'Panajachel' rufende weiße Karawane. Unsere Rucksäcke wären bestimmt ein Leckerbissen für ihn gewesen, doch ein flehendes Zetern machte sich breit. Noch steckten wir die Gesichter lieber in einen Gepäckberg auf den Schoß, als halbnackt im Busch zu stehen. Kopfschüttelnd abwinkend ließ er uns unseren Willen, und wir quetschten uns im Anfahren durch die Hintertür. Während der Fahrt trägt der Busmann ein fettes Bündel abgegriffener Scheine durch die Reihen und treibt gewissenhaft das Fahrgeld ein. Am Ende der Reise ist seine Hose dann auch von mehreren Geldscheinbeulen geziert, die er turnusmäßig durchzählt, um den Mitreisenden die Ertragskraft des Unternehmens zu verdeutlichen.
Natürlich fuhr der Bus nicht direkt nach 'Gringotenango', wie Panajachel ob der vielen Touristen genannt wird. Statt dessen landeten wir am Abend in Quetzaltenango, von woaus nichts mehr ging. Für sagenhafte 5 Mark schliefen wir in einem damit noch überteuerten Hotel, am Rande eines von abfallglitschigen Straßen durchzogenen Marktes. Dafür erlebte ich gegen 4 auch noch ein kleines Erdbeben, und sofort putzmunter, konnte ich diese erhebenden Sekunden ausgiebig genießen. Die am frühen Morgen angetretende Weiterfahrt zerfiel wiederum in mehrere Etappen, wobei das nun doch über uns röstende Gepäck am Umstiegsort kurzerhand von Dach zu Dach flog. Selbstverständlich werden die schulbusgenormten Sitzbänke restlos ausgenutzt, der ehemalige Mittelgang wird durch nur auf dem halben Hinterteil Sitzende vollends geschlossen. Für unsere weiblichen Mitreisenden war dies wohl immer ein besonderes Erlebnis, denn komischerweise schliefen einheimische Männer sehr oft ein und lehnten prompt unschuldig an den Manövrierunfähigen.
Endlich waren wir in 'Pana' und wurden gleich von einem Schlepper in ein komfortables Hotel befördert. Durch Mexiko waren wir höher Preise gewohnt, und so freuten sich beide Seiten über dieses Schnäppchen. Obwohl ich den kleinen Papierkorb im Bad pflichtgemäß zum Abwerfen des gebrauchten Toilettenpapiers benutzte (besonders in öffentlichen Bedürfnisanstalten sind die meist gefüllten Eimer landesweit eine besonders delikate Angelegenheit), hatte mein Klo unter Verstopfungen zu leiden.
Nachdem wir die vom Hotel zum Ufer führende Ladenstraße überwunden hatten (mit 6 weiblichen Wesen!!), bot sich uns ein traumhaftes Bild. Da lag der riesige blaue See vor uns, umgeben von drei stolzen Vulkanen, deren Gipfel über den Wolken schwebten. Es gab nur wenige Touristen, und so war ein Bootsmann auch nach heftigem Feilschen gern bereit, uns über den See zu fahren. Unsere 'flowers' getaufte Gruppe bestand aus einem mittelalterlichen Paar aus Südfrankreich, er war ein superber und witziger Unterhalter, zwei jungen Quebecoises, die jeden centavo genau protokollierten, einer Londonerin und drei Deutschen. Unsere teilweise chaotischen Unterhaltungen waren ein ständiger Wechsel der drei Sprachen und somit ungemein interessant.
Für den folgenden Tag hatten wir die Besteigung des 3000 Meter hohen San Pedro geplant. Die für 7 angesetzte Abfahrt mit dem Boot verschob sich immer weiter, da natürlich ein ausgiebiges Frühstück mit echtem Kaffee genommen werden mußte. Letzterer war fortan das Gruppengetränk, vor allem aufgrund erheblichen französischen Einflusses. Nach einer flotten Bootsfahrt erwartete uns ein kleiner Schock: der versprochene (und angezahlte) Guide existierte nicht. Mutig marschierten die 'flowers' andere Angebote abschlagend los und fraßen sich in den Berg.
Von Anfang an hatten wir einen treuen Begleiter. Er hieß Whiskey, war ein wunderschöner rehbrauner Boxer und damit eine Ausnahme in der sonst recht struppigen und lausigen Hundewelt. Ein treuer Hund zum Verlieben. Doch auch er kannte den Weg nicht. Wir kletterten durch dunkelgrüne Kaffeeplantagen, bestaunten Avocadobäume und unglaublich steile Felder mit Mais, Melonen und Gladiolen. Doch dem Gipfel kamen wir irgendwie nicht näher. Statt dessen wurden die Wegderivate immer verwachsener und manchmal versank der Fuß im Nichts eines Erdloches. Nach drei Stunden endlich stießen wir auf einen richtigen Weg nach oben. Doch es war zu spät, unser guter Yves war zu schwach auf die Kettenraucherlunge und so beschloß die selbst geschwächte Gemeinschaft den Rückzug. Dies fiel mir nicht leicht, zumal der Gipfel nun greifbar vor uns sich erhob. Alors, dafür waren wir schon um zwei wieder im Ort San Pedro und hatten genug Zeit für die essentielle Markterforschung ;)). Außerdem wurde die Stadt nach dem braunen Zaubertrunk durchforstet, das lauwarme Zuckerwasser beflügelte uns jedoch keineswegs. Und das, wo der Kaffee hier doch fast in die Tasse wächst! Schließlich landeten wir in Nick´s Place, einer urigen Kneipe direkt am Wasser. Der ganze Atitlán-See wurde zuerst von Aussteigern der Hippie-Zeit richtig entdeckt, und die sind hier noch immer zu Hause. Ganze Cervesabatterien stehen auf den Tischen, rastagelockte Köpfe brüten über dem Schachbrett, in der Ecke steht ein großes Bücherregal zum Tauschen, es duftet nach verbranntem Gras und das alles wird untermalt von der lockeren Musik einer riesigen Hifi-Anlage. Die umherschwebende schwarze Bedienung im luftigen Blumenkleid kassiert die luxushippiehaften Preise nicht am Tisch, sondern bittet in säuselndem Englisch, den Verbrauch doch an der Bar zu vermelden. Wir bestellten eine 2-Liter-Flasche Gallus, des verbesserungsfähigen Nationalbieres, manchmal soll da schon ein Stück Limone helfen. Unter unserem Tisch entdeckten wir dann plötzlich Whiskey wieder, der uns erst nach dem Abstieg verlassen hatte. Also auch ein Hippie!
Je länger ich in Pana war, desto öfter hatte ich mir die Zähne am Geldautomaten ausgebissen und desto verzweifelter wurde ich. Vor meinen restlichen mexikanischen Pesos rümpfte jeder die Nase, die Zentralbank in der Hauptstadt könne die vielleicht tauschen, hier wollte man nur harte Dollars. Sollte mein Besuch in Guatemala ein jähes Ende finden? So zog ich an diesem Abend um in ein billiges Hotel meines Standes, in welches sich schon die buchhaltenden Quebecoises eingenistet hatten. Und plötzlich gab es Leute, die mir harte Dollars für meine fürchterlichen Pesos gaben. Ich traf eine Canadierin, die mich nach Japan einlud, einer anderen gab ich meine Adresse für eine Deutschlandvisite und im Nachbarhotel gab es ein Wiedersehen mit den beiden Französinnen aus Palenque. Und VISA konnte mir gestohlen bleiben.
Gemeinsam mit einem Teil unserer sich damit auflösenden Truppe ging es am nächsten Vormittag nach Antigua. Die Fahrt im Sonderbus dauerte nicht lange, verschlang aber ein Drittel meines nun rationierten Tagesbudgets. Bei herrlichem Wetter kamen wir in der ehemaligen Hauptstadt Zentralamerikas an. Zur Hotelsuche trennten sich unsere Wege, und die 'flowers' waren endgültig Vergangenheit. Ich war wieder auf mich selbst gestellt, aber damit nicht unglücklich. Mein erster Amtsgang war der zur nächsten Bank, da ich sonst in gefährliche Geldnot hätte geraten können, mitten im Urwald nicht mein sehnlichster Wunsch. Die Geldinstitute erkennt man auch hier zuerst an dem Aufgebot von Wachmännern, die uniformiert und mit ihren robusten Waffen sogar Touristen argwöhnisch beobachten. Mir plumpste ein großer Stein vom Herzen, als sich der elektronische Zahlungsbeleg anstandslos dem gelangweilten Angestellten entgegenschob. Ich warf sofort mit Quetzales um mich und kaufte mir ein Magnum. Nun also schwebte ich erleichtert durch diese wunderschöne Stadt. Herrschaftliche Gebäude und Paläste sind besondere Anziehungspunkte, aber hier ist jedes Haus betrachtenswert. Wieder bunt angemalt, scheinen sie in der Abendsonne zu brennen und damit den Vulkanen im Hintergrund den Rang ablaufen zu wollen. Am westlichen Stadtrand liegt der beeindruckende Friedhof, auf dem der Wohlstand seiner Bewohner unübersehbar ist. Sie wohnen wirklich noch hier, denn die Gräber sind meterhoch und mit Fenstern, Türen, Vorräumen und Säulen ausgestattet. Richtige kleine Häuser, in welche die Särge hineingeschoben werden. Überall stehen blühende und duftende Bäume. Der bei uns oft dahinsiechende ficus benjamini wird zu Enten, Kugeln, Mondsicheln und Zwischendingen geformt und zeigt so, daß der Tote auch Freude haben darf. Freude anderer Art hatte ein Pärchen, das ich versehentlich beim Schäferstündchen in einem Grabvorraum entdeckte. Der Rückweg führte vorbei am Busbahnhof, auf dem unzählige ehemalige gelbe Schulbusse mit ausklappbarem Stopschild auf ihren nächsten Einsatz warten.
Die abendliche Stadt war voller Leben. Um den großen Brunnen auf dem Zócalo flanierte die Stadtjugend, unzählige Bänke luden zur Beobachtungspause ein. Einige Gruppen von Elite-Schuluniformierten machten einen besonders aufgeklärten und fortschrittlichen Eindruck. In regelmäßigen Abständen drehten die Schuhputzer ihre Runde, meist Jungs mit schwarzen Händen, einem hölzernen Schuhputzkoffer und -als Komfortausstattung- einem modellierten Schuhbänkchen. Einer wollte mir sogar einreden, meine verstaubten Sandalen wären sein Spezialgebiet.
Per Handzettel hatte ich von der Happy-Hour in einer interessanten Kneipe erfahren. Hier traf ich bei Jazzmusik und Whiskey Orange zwei Dänen, mit denen ich sofort in ein interessantes Gespräch verfiel. Dabei beginnt man immer mit einem Reisebericht über das Erlebte und gibt damit dem anderen, der die Tour idealerweise andersherum macht, Tips und heiße Empfehlungen.
Die Nacht war etwas kühl, was in 1500m Höhe jedoch nicht verwunderlich ist. Für Mittag war der Start meiner Pacaya-Tour angesetzt. Dieser Vulkan wurde von vielen Reisenden seit Celestún mit leuchtenden Augen erwähnt, da er mit seinen Eruptionen eben so richtig echt und stinkend sei. Bevor ich mich aber selbst davon überzeugte, machte ich einen weiteren Stadtbummel, der ein superschnelles Internetcafé und die eindrucksvolle Kirche La Merced einschloß. Beim Wasserkauf im Krämerladen konnte ich miterleben, wie mehrere Fläschchen Schnaps in einem durchsichtigen Plastebeutelchen verschwinden, um kurz darauf vom Beutelhalter via Strohhalm in die Kehle überführt zu werden. Das praktische Trinkgefäß 'Strohhalmplastetüte' wird oft auch für Milch, Saft und Wasser benutzt. In den Ruinen des alten Konvent war ich überwältigt von der Großartigkeit und dem Selbstbewußtsein der Kolonialzeit. Mir wurde jedoch gerade hier das Gefühl einer Diskrepanz zu dem eigentlichen Wesen der Einheimischen besonders bewußt. Um die Mittagszeit quoll der Hauptplatz über von Schülern und Studenten, die Antigua besetzt zu halten scheinen. Ist aber auch eine geniale Stadt.
Den absoluten Kontrast erlebte ich dann auch gleich auf der Busfahrt zum Pacaya. Es ging vorbei an Guatemala-City, und ich sah, roch und spürte, warum die Metropole von Reisenden oft gemieden wird. Die Luft war ein Gemisch aus Rauch, Abgasen und Staub. Ein Brand hüllte uns in vollkommenes Dunkel, und nach Momenten der Blindfahrt regnete es schwarze Grasfetzen. Riesige Maschinen verwandelten einen Steinbruch in Schotter und Wolken von kratzendem Staub, gleich daneben steht eine Chemiefabrik. Nach dem Verlassen der Hauptstraße setzte sich in unserem Kleinbus eine Staubwolke fest und wir wurden vollkommen durchgeschüttelt, was mich an die heimischen Schlaglochwitze erinnerte. Ich bemitleidete und bewunderte die Pflanzen, die rechts und links dieser unglaublich dreckigen Erdstraße still ihre Totenmasken ertrugen und war gespannt, was da wohl noch kommen möge.
Am Fuße des Berges wurden wir einem zähen, dürren Führer übergeben. Er trug eine große Machete, die er als Wanderstock einsetzte und von der wir hofften, er möge sie auch gegen Räuber und Vergewaltiger beherrschen, derentwegen zuweilen vor dieser Tour gewarnt wird. Ein Bierdeutscher beschwerte sich lauthals über die Pausen dieses 'Rentnertreffens' und ich beschloß, daß er gewiß nicht als erster den Gipfel erreichen würde. Nach einem steilen Weg durch Wald und Wiese stand plötzlich der eigentliche Vulkan vor uns. Ein unglaublicher Berg aus grauem Geröll, unablässig eine weiße Dampfwolke ausspuckend. Jetzt begann das Abenteuer. Die Schritte wurden immer wirkungsloser im leichten, tückischen Grund, und knirschender Wind begann drohend sein Werk. Die Gespräche verstummten. Nach einem kurzen Zweikampf registrierte ich nur noch das Zurückbleiben seiner schweißperlenverzierten Stirn. Wieder wurden wir begleitet von treuen Hunden, die nun tapfer gegen unfreiwillige Flugstunden ankämpften. Ich folgte unserem Führer so dicht, daß mich manchmal seine Klinge bedrohte, wenn sein Bein zurückrutschend im Schotter versank. Er nickte mir anerkennend zu, und wir bezwangen einsam den Berg. Der Sturm war unvorstellbar. Staub prasselte ins Gesicht und ich war froh, auf vielfachen Rat hin Pullover und Anorak angezogen zu haben. Der Rauch quoll aus einer breiten Spalte auf dem Gipfel und wurde sofort weggedrückt. Der Sturm verschlug mir die Sprache, ich hörte und spürte nichts als diesen Wind. Im Schatten des Gipfels jedoch lauerten beißende Schwefeldämpfe und raubten sofort den Atem. Es waren phantastische Minuten.
Als ich schon wieder die Hunde fütternd in einem Steinkreis hockte, aus dessen Boden warmer Dampf drang, hustete Pacaya, und aus schwarzem Rauch regnete es heiße Steine. Für die gerade erst oben Angekommenen war dies wohl ein bleibendes Erlebnis. Was uns bergauf eine halbe Stunde gekostet hatte, war bergab eine eindrucksvolle Skifahrt. Mit riesigen Sätzen rutschte ich im federleichten Geröll den steilen Hang hinunter und hinterließ dunkle Staubwolken und eine tiefe Furche. Die Schuhe waren danach allerdings hinüber. Während des weiteren Abstiegs zeigten sich die Berge in wundervollem Abendrot und bald entschliefen wir im schaukelnden Bus.
Nachdem ich dank doppelter Deckenschicht die Nacht durchgeschlafen hatte, verließ ich Antigua in Richtung Osten. Den richtigen Bus zu finden ist gar kein Problem, denn die Besatzung ruft ständig den Zielort der Fahrt aus. So landete ich also im 'Guatemala-Guate-Guate-Guatemala' - Bus. Nachdem wir den schmutzigen Stadtrand Guatemalas durchdrungen hatten, bekam die Stadt doch ein schönes Gesicht. Meine drei Stunden Aufenthalt verbrachte ich also nicht im schützenden Busbahnhof, sondern stürzte mich in die lebendige Großstadt. Viele Reklamebilder, kunterbunte, klapprige Busse und geschäftige Leute ließen die Warnung vor Dieben und Räubern verblassen. Ich bewunderte den ausgesprochen schönen Regierungspalast, von dessen Dach ich die ganze Stadt überblicken konnte. Auch hier umgeben die Vulkane wie stille riesige Beschützer das Menschengetümmel. Im Parque Concordia entdeckte ich viele kleine Garküchen und bekam ein ausgezeichnetes Mittagessen. Eine Demonstration für Bildung und die Jugend des Landes erinnerte mich an ähnliche Veranstaltungen zu Hause. Kurz vor der Busabfahrt wurden zwei große Alusärge zu meinem Gepäck in unseren Bus geladen, wahrscheinlich müssen die hier nicht aus Holz sein, da die Würmer ohnehin nicht in die Häuser kommen.
Ostguatemala und El Petén (21-25)
Die 5 Stunden dauernde Fahrt hinab nach Puerto Barrios verging schnell. Die Landschaft wechselte ständig. Meistens sehr trocken und mit Kakteen bestückt, wird sie schlagartig grün, wenn ein Fluß das nötige Naß spendet. Vor mir saßen wieder zwei der geschniegelten Missionare aus dem Norden. Auf einer Pause stürzte der ganze Bus in das bereitstehende Imbißgebäude und stopfte sich mit Mayonnaise-Hotdogs oder scharfen Chips voll. Eigentlich gar nicht und doch absolut mittelamerikanisch.
Puerto Barrios war lange Zeit der Haupthafen der United Fruit Company, des amerikanischen Bananenmonopolisten. Noch heute ist die Stadt von großen Lagerhallen, alten Gleisen und riesigen Chiquita-Lastern geprägt. Trotzdem herrscht ein karibisches Flair. Bei leichtem Nieselregen schlenderte ich durch die ruhigen Erdstraßen, große verblichene Holzhäuser mit unzähligen Bananenpflanzen und das gemütliche Familienleben hinter den Fenstern verbreiteten eine erwartungsvolle Abendstimmung. Erwartungsvoll nicht nur, weil ich den nächsten Tag ein Jahr älter erleben würde, sondern auch, weil die Überfahrt zum sagenhaften Livingston anstand.
Ich wurde durch ein mächtiges Rauschen geweckt. Es war ein richtiger Tropenregen, und ich hoffte, die Regenzeit möge nicht vorzeitig beginnen. Ich beobachtete die mit enormen Regenschirmen durch die Pfützen patschenden Leute und alles kam mir recht fremd vor, war dies doch bisher das Land der Hitze und Sonne für mich gewesen. Irgendwie war es aber auch lustig. Und als ich dann auf die Straße mußte, hatte es tatsächlich fast aufgehört. Schon eine Stunde vor Abfahrt des Bootes war ich am Pier und konnte ausgiebig meine Mitreisenden beobachten. Hier begann eine kleine schwarze Welt, mit fast südafrikanischem Flair. Die sogenannten Garifúna-Leute, Nachfahren entflohener Sklaven und Schiffbrüchiger, machen Livingston zu einer Besonderheit inmitten des indianischen Landes. Und sofort fiel mir eine deutliche Diskrepanz auf. Die Schwarzen große und kräftige Menschen, mit einem selbstbewußten Blick. Die Indios daneben viel kleiner, und die sonnenbebrillten Möchtegernmachos unter ihnen schienen verzweifelt in die Luft sich zu recken.
Gespannt erwartete ich Livingston. Das Boot ist die einzige Transportmöglichkeit für Menschen und Güter, so daß ich neben Tomatenstiegen, Melonen, Holzkohle und einer riesigen Dorfpackung Chips saß. Bei der Abfahrt bewunderten wir wenigen Europäer die weißen Containerschiffe im Hafen, die mit ihren großen Kranarmen unersättlich gelbe Kalziumbomben auf sich luden, um sie in die weite Welt zu tragen. Nach anderthalb Stunden erschien der Ort als bunter Fleck inmitten einer tiefgrünen Küste an der Mündung des Rio Dulce. Noch bevor ich meinen Fuß an Land gesetzt hatte, wurde ich von einem großen rastagelockten Hoteldrücker in lässigem Englisch belagert. Ich wollte jedoch meine Nacht nicht in seine dunklen Hände legen und flüchtete in die Stadt. Irgendwie fühlte ich mich unbehaglich, denn die ungewohnten Gesichter ließen mich über Gut und Böse im Dunkeln tappen. Entlang der einzigen Hauptstraße zogen sich bunte Holzhäuser den Berg hinauf. Bei der Hotelsuche überraschte mich wieder der Rastamann und es blieb mir nichts, als die nächstliegende Unterkunft als meine auszugeben.
Endlich war ich meine Sachen los und konnte mich richtig umsehen. Am Strand riet mir ein Einwohner davon ab, wie geplant die einsamen Wasserfälle nördlich des Ortes zu erwandern, zumindest nicht mit Wertsachen. Nun, ich blieb dann doch lieber im recht weitläufigen Ort und entdeckte hier sehr interessante Gegenden und Menschen. Mein Mittagessen bestand wieder mal aus Reis, Huhn und Frijoles. Und Tortillas natürlich. Nichts kann so unterschiedlich zubereitet werden wie die braunen Bohnen. Mal sind sie eine dicke klebrige Paste, mal appetitliche Einzelbohnen; hier nun waren es einsam in braunem Wasser umherschwimmende Bohnenschalen. Die Servietten waren aus handgeschnittenem Packpapier. Am Abend wurde ich wie geahnt wieder von Rasta und seinen Kumpanen aufgespürt. Nur mühsam konnte ich ihre speziellen Rauchwaren abwehren und fand mich damit ab, den Ort auch mit einem komischen Gefühl zu verbinden. Dann saß ich jedoch bei phantastischen licuados in einem Straßencafé. Bei Reggaemusic beobachtete ich die Straße und war begeistert von diesen Menschen. Ein kleiner indianischer Polizist lag fast horizontal auf seinem Eisenbike und eierte so gelassen die gemütliche Straße entlang. Das Bild buntgekleideter, fülliger schwarzer Frauen, die mit einem großen Regenschirm gelassen vorbeigehen, ist einmalig. Und auch Rasta, der mit seiner großen orange-braunen Mütze und etwas mürrischem Gesicht durch die Gegend steigt. Es ist eine die schwarze Welt verkörpernde Mischung aus Tom Sawyer, Onkel Toms Hütte und Uncle Ben`s. Einfach phantastisch.
Die Fahrt ins Landesinnere konnte man laut lonely planet nur auf dem Postschiff antreten. Das hatte der Rio Dulce aber schon seit 3 Jahren nicht mehr gesehen, wie mir versichert wurde. Statt dessen gibt es jetzt für die Reisenden kleine Motorboote, die auch im Nationalpark haltmachen und dann pünktlich zur Abfahrt der Busse nach Flores und Guate im Ort Rio Dulce sind. Also auch hier ist dem Touristen der Weg für eine bequeme Reise geebnet. Fast schon schade. So bog ich am Morgen in einem vollbesetzten Boot in den Rio Dulce ein. Es war eine traumhafte Fahrt, vielleicht die schönste der ganzen Reise. Links tiefer Urwald und Mangroven, rechts steile Felsen und wieder dampfender Dschungel. Überall große Vögel, die als weiße Punkte über das dunkle Grün schweben. Eine kleine heiße Quelle am Fuße des Felsens verbreitet schweflige Dampfschwaden, die wie Wattebällchen auf der Oberfläche tanzen. Von dieser Schönheit verlockt, gleitet die Hand durch das weiche Wasser. Nur ab und zu steht direkt am Fluß eine romantische Indianerhütte, aus der nackte Kinder den schnellen Fremden zuwinken. In einem winzigen Ort als einziges festes Gebäude eine kleine blaue Iglésia del Nazareno. Mit Einbäumen, die nur einige Finger aus dem Wasser ragen, fischen die Einwohner im Fluß, und bei jeder Begegnung befürchtete ich ihren Untergang in unseren Wellen. Links des Flusses liegen die Mangroven, breitgezogene rote Stämme spiegeln sich im Wasser und die Wellen finden ihren Widerhall im schwingenden Mulm auf dem Grund. Bananengelbe Blätter schwimmen zeitlos auf dem dunklen Wasser, während das Boot flüchtende Reiher überholt.
An der Mündung zum Lago de Izabal erwartete uns eine hübsch restaurierte kleine Festung, die durch einen Schulausflug schon heftig belagert war. Ich konnte es nicht glauben, aber ich habe mich wirklich darin verlaufen. Leider blieb nicht viel Zeit, gegen zwölf mußten wir bei den Bussen sein, um unsere Fahrten nach Nord oder Süd fortzusetzen. Ich wurde sofort von einem Busmann eingefangen. Obwohl ich hätte wissen müssen, daß man diese Leute gar nicht fragen braucht, ob sie wirklich zum gewünschten Ziel fahren, tat ich die mangels Alternativen. Und saß in San Luis bei Nieselregen wieder auf der Straße. Auf meine Beschwerde hin wurde mir ein Teil des Geldes zurückgegeben und ich wurde in einen Colectivo gestopft, der mit 13 Leuten auf 8 Plätzen eindeutig überbesetzt war. Ich erwartet fast Beschimpfungen meiner Mitfahrer, so groß war ich und hatte auch noch den riesigen Rucksack. Doch auch hier waren die Menschen freundlich und ich konnte keinen negativen Zug entdecken. Im Schneckentempo tuckerten wir die matschige Straße entlang, auf der uns kleine Schlammflüsse entgegenkamen. Jede kleine Steigung wurde zum Lottospiel, doch der Fahrer wußte, wieviel er dem Vehikel zumuten konnte. Es war unglaublich. Im Poptún entfitzten wir uns, und ich hatte eine Stunde Zeit bis zur Weiterfahrt nach Flores. Auch diese Busstation war ein kleiner Raum mit Tresen und einigen Stühlen. In der Ecke lief der Fernseher mit schmalzigen Filmen und überall standen große Kisten und Pakete. Es herrscht familiäre Atmosphäre, die wenigen Anwesenden essen, unterhalten sich und begutachten gegenseitig die Einkäufe. Es ist eher eine Fahrgemeinschaft als ein Bus.
Nur die Lichter deuteten am Abend die Ankunft in Santa Elena/Flores an. Ich war fix und fertig und wollte nur noch schlafen. Beim ersten Stop kam ein aufdringlicher Hotelmann in den Bus und hielt Ausschau nach bedürftigen Touristen. Widerwillig war ich ein gutes Opfer und ging nach kurzem Zweifeln und Feilschen mit.
Nach 11 Stunden Schlaf stieg ich am Morgen in einen T(ouristen)-Bus nach Tikal. Ich hatte für die Fahrt märchenhaften Urwald erwartet, doch davon waren nur noch spärliche Reste übrig. Erst nach dem Parkeingang, an dem der Eintrittspreis ein Paradies verhieß, wurde es richtig grün. Das riesige Gelände wurde seinem hohen Anspruch dann auch vollauf gerecht. Tiefgründer Dschungel, riesige Tempelpyramiden, das Trillern schillernder Vögel und das Quaken der Baumfrösche bildeen eine wunderbare Welt. Großblättrige Pflanzen bedecken den Boden, Luftwurzeln versperren den Weg und bunte Tillandsien verwandeln die Baumkronen in filigrane Biotope. Der schönste Anblick bietet sich von der großen Pyramide im Komplex 'El Mundo Perdido', nachdem man die Augen während des Aufstiegs nicht von den verwitterten Stufen gelassen hat. Die dunklen steilen Tempel überragen kriegerisch das unendliche Meer, riesige Speerspitzen ihrer längst besiegten Erbauer. Stein und Natur als große Einheit unzähliger Kontraste. Der Tempel IV, das höchste indianische Bauwerk der Welt, ist noch nicht ganz ausgegraben, die abenteuerlichen Holzstege und Treppen nicht ohne. Eine Americana kam zwar leidlich hoch, der Abstieg aber war ein einzigartiges Schauspiel... Beim Blick nach oben entdeckte ich plötzlich einen Affen, der sich flink von Baum zu Baum schwang. Und je länger ich mich ins Grün versenkte, desto mehr von Ihnen entdeckte ich, bis es überall zuckte und raschelte.
Ich stieg auf der kleinen Insel Flores aus unserem Bleichgesichterbus und erkundete das kleine Städtchen. Es besteht fast nur aus Hotels, Restaurants und T-Läden und hat nicht viel zu bieten. Auf dem Volleyballplatz traf ich Rasmus, einen der beiden Dänen aus Antigua. Weiterer Beweis der unsichtbaren Routen, welche die Perlen des Kontinents miteinander verbinden. Nachdem die Kunstvögel des kleinen Flugplatzes in der Abenddämmerung verstummt waren, wurde ich vom Hoteldach aus wiederum Zeuge eines lautstarken Gottesdienstes. Heftige Dissonanzen wurden selbstbewußt vom Schlagzeug unterlegt und heftig verstärkt. Ab und zu brachte der Vorsänger die Gemeinde vollkommen aus dem Konzept, doch das große Ziel einte sie immer wieder. Eigentlich müßte ich von dieser Reise auch Tonbilder mitbringen; die Mischung wäre einzigartig.
Tikal war die letzte Station in Guatemala - und ein wahrer Höhepunkt. Zeitig saß ich am nächsten Tag im Bus nach Belize. Bevor dieser sich jedoch überfüllt in Bewegung setzten konnte, postierte sich eine Frau mit riesiger Bibel vor die Reisenden. Schon oft hatte ich beobachtet, daß Menschen aufgrund schlechter Augen kaum noch Lesen können, und die Buchstaben mangels Brille zur Qual werden. Auch diese Frau hielt die Bibel ganz nah vor sich und hob mit lauter Stimme an, eine enthusiastische Predigt zu halten. Nach zehn Minuten beendete sie diese mit heiserer Stimme, indem sie uns allen Gottes Segen und eine gute Reise wünschte. Der Gang durch die Reihen brachte ihr viele grüne Quetzales, ihre 'Berufung' schien anerkannt und willkommen zu sein. Obwohl die Abfahrtszeit überschritten wurde, hatte auch der Busfahrer lauschend und geduldig gewartet. Nun aber begann eine tolle Fahrt zur Grenzstation Melchor. Bald bildete sich eine dem Fahrtsturm trotzender Auswuchs an der Tür, dessen Spitze der muskulöse Gepäckmann bildete. Blitzschnell dirigierte er das Unternehmen chicken-bus mit dem typischen 'Allez-Allez', denn der Fahrer hatte nach hinten keinerlei Durchblick. Nie wurde ein Reisewilliger abgewiesen, mit bittender und energisch-vorwurfsvoller Stimme schob der Meister die Masse im Bus zusammen, bis er selbst sich wieder mit einer Hand am Fenster festhalten konnte, als windgebeutelter Kopf der Türtraube. Meine Achtung vor diesem Job wuchs ins Unermeßliche. Genauso interessant waren nun aber auch die Leute im Bus, ein vollständiges Abbild der Gesellschaft. Meine Zählung ergab außerdem mindestens zwanzig verschiedene abenteuerliche Jeansmarken. Ein Männerhemd war vom erfolglosen Rotzen gegen den Wind gekennzeichnet, und es war damit nichts Besonderes. Über der Frontscheibe war eine besonders vielfältige Sammlung von religiösen Aufklebern zu bewundern. Ich hatte also genügend Gelegenheit, Guatemala noch einmal hautnah zu erleben, bevor ich in die schlagartig andere Welt Belizes eintauchte.
Belize (25-27)
Direkt an der Grenze stand schon der Bus nach Belize City. Er war luftig und fast leer, aus den Lautsprechern verströmte er karibisches Reggae-feeling. Der Broilerverkäufer im Bus tänzelte beschwingt durch den Gang, zwei Schuhputzjungs fingen an mitzuzappeln und freuten sich über ihren Anteil an meinem Reiseproviant. Die teilweise auf Stelzen stehenden Häuser wurden bald bunter und größer, immer mehr Menschen waren Schwarze. Nach der intensiven Erkundung der alten und neuen indianischen Welt war dies nun wieder etwas Neues und Interessantes.
Kurz vor der Ankunft in Belize City führte die Straße mitten durch einen Friedhof, dessen Grabplatten alle ein aufgeschlagenes steinernes Buch trugen.
Die Hauptstadt des 200.000-Einwohner Ländchens lag wie ausgestorben in der Mittagshitze, nur ein paar dunkle Gestalten lungerten herum. Ausgerechnet ich (es war ja auch kein anderer da) war nun Opfer eines 'Fremdenführers', der mich nach 3 Straßen Zwangsführung nach ein paar Dollars fragte. Ich diagnostizierte leichte Rastaphobie und machte mich auf den Weg zur Anlegestelle der Wassertaxis nach Caye Caulker. Die Stadt mit ihren afrikanisch anmutenden bunten Holzhäusern und großen Amischlitten war zwar interessant, eine Übernachtung hielt ich jedoch nicht für sinnvoll.
Gemeinsam mit Rolex-Anglern und anderen Jugendlichen saß ich bald in einem superflachen Rennboot. Beim Gepäckvergleich stellte ich befriedigt fest, daß mein Rucksack der dreckigste war. Vom aussichtsreichen Platz am Bug war ich nach der Fahrt allerdings geheilt. Die Schläge des leichten Bootes waren härter als alle Busfahrten zusammen, und der salzige Wind hatte meine Haare in ein klebriges Knäuel verwandelt. Dafür bot sich ein wunderbarer Anblick nach dem anderen. Der Himmel war ein ständiger Wechsel von imposanten Wolken und warmer Nachmittagssonne, die eine silberne Spur in das Meer zeichnete. Mitten aus dem blauen Ozean tauchten flache, grüne Mangroveninseln auf, deren Blätter aus den unsichtbaren Ausläufern des sagenhaften Barriere-Riffes wuchsen. Und nach über 30 Kilometern lag Caye Caulker vor uns, ein palmengesäumtes Inselparadies in strahlender Abendsonne. Die Stadt ist nur einige Schritte breit, manchmal sieht von einem Strand den anderen. Sie hat eine große Sand-Hauptstraße, auf der ab und zu elektrogetriebene Golfkarren vorbeifahren, und die ansonsten als Flaniermeile dient. Es reihen sich unzählige kleine Hotels, Kneipen, Bars und Lädchen aneinander. Alles macht aber einen gelassenen Eindruck und ist nicht so professionell-touristisch. So sind auch die Gäste eher die Globetrotter-Kollegen, wenngleich die Preise sehnsüchtig an Guatemala zurückdenken lassen.
Beim Abendspaziergang in der stürmischen Nacht habe ich kaum jemanden getroffen und hatte so den orangenen Mond, die herrlichen Sterne, vorbeiziehenden Wolken und das rauschende Meer für mich allein. Auf einer Karibikinsel, 5000 Kilometer von zu Hause weg.
Der folgende Inseltag sollte richtige Erholung werden. Früh lag ich erstmal lange im Bett und verfolgte die aufgehende Sonne durch das Fenster. In der Bar unter mir dudelten die Cranberries und ich hatte frei. Urlaubs-Frei. Irgendwann wurde es dann zu warm für das Bett, ich vergaß meine Uhr und begab mich nach einem ausgezeichneten Frühstück auf Inselrundgang. Im Süden ist da nichts zu machen, ein Hurrikan hat die Insel direkt hinter der Stadt abgeschnitten und einen unüberwindlichen Kanal hinterlassen, im Norden aber gab es viel zu entdecken.
Nach der Schule am Ortsrand beginnt ein wunderschöner Weg entlang der Küste. Kokospalmen und dichte Mangroven wechseln und schützen vor der Hitze. Ab und zu stößt der Weg auf ein einsames Traumhaus, manchmal steht 'to sell' dran - eine gute Idee... Die Nordspitze schließlich ist leicht morastig und bietet einen traumhaften Blick auf weiße Eilande, grüne Mangroven und das unendliche Meer. Der Weg auf der anderen Inselseite verlor sich irgendwann inmitten der sumpfigen Landschaft und ich drehte nach einem kurzen Bade um. So kam ich wieder vorbei an den niedlichen keimenden Kokosnüssen und kehrte in einer einfachen Kneipe auf einen Fishburger ein. Im TV wurde vom 9000er Rekordhoch des Dow geschwärmt, und ich genoß meine Ruhe. Auf der ganzen Wanderung war mir ein einziges Touristenpaar begegnet, und auch hier war ich allein. Die paar Leute, die überhaupt auf CC sind, seien auf dem Riff, sagte der alte Burger-Mann. Da es keinen Strand gibt, mußte ich mich mit zu ein paar Übriggebliebenen auf den großen Betonsteg legen, der parallel zur Küste diesen Makel beheben soll. So ließ ich meine Beine baumeln, hatte ein Liedlein auf den Lippen und beobachtete die riesigen Pelikane, die ihre Flügel am Himmel ausbreiten.
Erst als die wärmende Sonne mich dem Wind überließ, verließ ich als letzter den Posten. Meine Belize Dollars waren alle und ich wollte US tauschen. Die Frau im Postkartenladen machte das nicht, kannte aber jemanden, der jemanden kannte; dieser jemand war ein muskulöser junger Schwarzer, der in einem Wohnwagen wohnte, eine goldene Kette und ein dickes Geldbündel trug und mir selbstverständlich wechselte. Die beiden Währungen sind hier ohnehin fast Substitute. Nach Chicken und Coffee landete ich auf dem Haussteg, der zwar etwas wacklig war, die Lichter der Straße jedoch weit hinter sich ließ und so einen atemberaubenden Sternenhimmel eröffnete. 'Champs Elysée' pfeifend ging ich ins Haus, putzte mir mit dem salzigen Leitungswasser die Zähne und beschloß diesen Tag beim Rauschen von Meer und Palmen. Fast im Traum erinnerte ich mich an den Schwarzen, der uns bei der Ankunft mit 'welcome to paradise' empfangen hatte. Man könnte es fast glauben.
Nachdem ich den Sonnenaufgang miterlebt hatte, saß ich am nächsten Morgen wieder in einem Flitzer der Watertaxi Association. Diesmal waren wir nur 8, die dreihundert PS beflügelten uns um so mehr. Jetzt saß ich am Heck - und war pitschnaß. Auf dem Weg zum Busbahnhof erhaschte ich noch einige Blicke der nun geschäftigen Hauptstadt und fuhr um 9 mit Batty`s Expressbus nach Norden zur mexikanischen Grenze. Wir wurden mit Sandwich und Drink versorgt, während die Leute auf der anderen Seite der Scheibe in Zuckerrohrfeldern schufteten. Leider war der Kriegsfilm aus Kambodscha so attraktiv, daß nicht nur die Einheimischen ihn gespannt verfolgten.
Quintana-Roo (27-30)
Der Grenzübertritt war auch hier eigentlich kein Problem. Nur beim Zoll hatte ich etwas Pech, die Zufallsmaschine leuchtete bei meinem Knopfdruck rot und ich war mit einem Intensivcheck dran. Mit Blick auf den wartenden Bus nahm der Zoller das allerdings nicht sehr ernst, die oberste Tüte mit alten Klamotten überzeugte ihn restlos von meiner Unschuld.
Im mexikanischen Chetumal angekommen, nistete ich mich in der Jugendherberge ein und hatte das ganze Zimmer für mich. Irgendwie schien nicht gerade Touristensaison zu sein. Die moderne Stadt ist zwar angenehm, bietet aber kaum Sehenswürdigkeiten. Allein das Museo Cultura Maya ist ein großer Anziehungspunkt und weithin berühmt. Die leider unterkühlte riesige Halle ist beispielhaft für modernes Museum. Eine Kombination aus dezenter Urwaldmusik, originalen Mayarelikten, Lichteffekten, Multimediaterminals, Tempelmodellen und eleganten Schautafeln vermittelt eine umfassendes Bild von der Welt der sagenhaften Ureinwohner. Eine Schulklasse rief ganz begeistert 'Chiapas', 'Yucatán', 'Quintana Roo' oder 'Guatemala', als der Führer in Rätselform mit den Stätten der Vorfahren vertraut machte. Erst im bunten Nachbau eines Tempelraumes wurde ich mir der Farbe des damaligen Lebens richtig bewußt. Nachträglich verwandelten sich die historischen Höhepunkte meiner Reise in lebendige Städte und hinterließen so einen noch stärkeren Eindruck. Dieses Museum war für mich ein Schlüsselerlebnis und sollte in jede Mayareise mit eingeplant werden.
Am Abend traf ich dann doch noch jemanden in der JuHe, wiedermal ein Radreisender, der von Alaska nach Feuerland unterwegs ist. Wir quatschten bis in die Nacht hinein, und ich erfragte alles, was man für so eine Reise wissen muß...
Ich wurde zeitig von dem Gezeter einer einheimischen Familie geweckt, die gegenüber wohnte und allerlei Erziehungsprobleme zu haben schien. Schnell machte ich mich auf zum Busbahnhof, um die letzte Etappe nach Tulum zurückzulegen. Ich kaufte das Ticket und bestellte in der Imbißbude Tortas und Kaffee. Ein lieber Hund überredete mich mit seinen treuen Augen zum Teilen, während ich die Geschehnisse des vorigen Tages notierte. Als ich nun zur Abfahrt die Halle erneut betrat, entdeckte ich Entsetzliches: zwei verschiedene Uhren. Und mit einem Schlag wurde mir bewußt, daß ich der verdammten Zeitumstellung auf den Leim gegangen war, die Busabfahrt also gemütlich verfrühstückt hatte. Wie in jedem Bahnhof sind die Angestellten der Busgesellschaft auch hier mit mannigfaltigen Identifikationskärtchen ausgerüstet, welche die Wichtigkeit der Träger eindrucksvoll unterstrichen. Die mitleidige Miene der Aufsicht also bedeutete mir, daß ich keine Ausnahme sei, und ich durfte zum Kindertarif den nächsten Bus nehmen.
Nach drei Stunden erreichte ich die malerischen Ruinen von Tulum. Sofort erkannte ich die Nähe zu Cancún und den anderen Ami-Karibikbädern. Überall stiegen halbnackte Kamerabehängte durch die alten Ruinen oder sielten sich am Tempelstrand. Unbeeindruckt davon bildeten die alten Gebäude auf der Steilküste ein traumhaftes Ensemble mit der tiefblauen Karibik. Die Anlage ist viel kleiner als Uxmal oder Palenque, aber die Nähe zum Meer verleiht ihr einen einzigartigen Reiz. Ich saß auf der Tempeltreppe, betrachtete das unendliche Blau und begann, mich auf den schweren Abschied vom liebgewonnene Mayaland einzustellen.
Die letzte Fahrt machte ich mit einem guten alten Dorfbus, der die Küste abklapperte und mich spät aber sicher in Cancún ablieferte. Der Kreis war geschlossen.