Literarische Essenzen


Nr. 14 (13.10.2006)

Middlesex
(Jeffrey Eugenides, 2002)



Erstes Buch

...dass sich das Deutsche nicht fuer eine Unterhaltung eigne, da man immer bis zum Satzende auf das Verb warten muesse und darum niemandem ins Wort fallen koenne.

Mein Vater haette nur ein liebevolles Wort zu sagen brauchen und meine Mutter haette ihm verziehen.

...Father Mike es vollkommen zufrieden war, nur eins sechzig gross zu sein. Seiner Kleinheit haftete etwas Mildtaetiges an, so als haette er seine Groesse verschenkt.

Und so stand sie auf dem Berg, blickte hinab auf die befreite Stadt und fuehlte sich betrogen von ihrem Unvermoegen, wie alle anderen gluecklich zu sein.

Scherzend, ohne zu scherzen, nahmen sich Desdemona und Lefty in die Arme.

Und weil er wuetend auf sie war, war er wuetend auf sich selbst, denn er wusste, sie hatte Recht.

Wir Griechen heiraten im Kreis, um uns einzupraegen, woaruaf es in der Ehe im Wesentlichen ankam: dass man, um gluecklich zu sein, Vielfalt in der Wiederholung finden muss; dass man, um voranzukommen, gut daran tut, an den gemeinsamen Ausgangspunkt zurueckzukehren.

Zweites Buch

Sie spielten Backgammon und politisierten, und keiner sprach ueber Frauen, weil im Kaffeehaus ein jeder Junggeselle war, egal, wie viele Jahre er auf dem Buckel oder wie viele Kinder er einer Ehefrau, die deren Gesellschaft der seinen vorzog, geschenkt hatte.

An der Schwangerschaft stoerte sie, dass sie zu sehr als Tier empfand. Es war peinlich, so oeffentlich kolonisiert zu werden. Bei Hormonschueben war ihr, als stehe ihr Gesicht in Flammen. Sie schwitzte; ihr Make-up verlief. Der gesamte Prozess war ein Ueberbleibsel aus primitiveren Entwicklungsstadien.

Um genug Geld zu verdienen, musste er diee Kneipe sechzehn, manchmal achtzehn Stunden taeglich geoeffnet halten. Er arbeitete sieben Tage die Woche. Damit er seine Familie ernaehren konnte, musste er von ihr verbannt sein.

Immer lachten sie, diese mavros (Schwarzen). Lachen, lachen, als waere alles komisch. Sagt, was ist denn da so komisch? Und was ist - o Gott! - da macht ein Mann sein Geschaeft auf der Strasse!

Gibt es etwas so Unglaubliches wie die Liebesgeschichte der eigenen Eltern? Etwas so schwer zu Begreifendes wie die Tatsache, dass diese zwei Spieler, die ihre beste Zeit hinter sich haben, die staendig auf der Verletztenliste stehen, einmal in der Anfangsformation standen? Unmoeglich sich vorzustellen, dass mein Vater, der, wich ich ihn erlebt habe, hauptsaechlich von der Senkung des Zinssatzes erregt wurde, die heftigen Leidenschaften der Jugend verspuerte.

Als sie spaeter vor ihrer Haustuer standen, drueckte er ihr die Hand und sah ihr ehrlich in die Augen. "Das war wieder ein schoener Nachmittag. Danke. Bis morgen in der Kirche."

Als Lefty seinen Sohn ansah, bot sich ihm ein schmerzlicher Anblick: er selbst zwanzig Jahre zuvor, erfuellt von einem dummen, grossspurigen Optimismus.

Als der Kuss vorbei war, riss sie die Augen auf. "Neulich, als wir uns zum ersten Mal gesehen haben, hab ich gedacht, du bist schwul", sagte sie. "Das lag wohl am Anzug." "Mein Schwulenradar hat sofort angeschlagen... hab immer Angst, die letzte Station zu sein." "Die letzte was?" "Hast Du das nie gehoert? Asiatische Frauen sind die letzte Station. Wenn sich ein Schwuler noch nicht geoutet hat, nimmt er sich eine Asiatin, weil die einen Koerper wie ein Junge hat."

...floh meine Grossmutter ins Bett.

Als er sich eines Tages im Spiegel einer kritischen Betrachtung unterzog, sah Lefty, dass er einer jener aelteren Maenner geworden war, die sich die Haare aus Treue zu einer Aera, an die sich niemand mehr erinnern konnte, nach hinten kaemmten.

Drittes Buch

Frauenkrankenhaus... Ich spuerte das Glueck von Paaren mit einem ersten Kind und die innere Kraft von Katholiken, die ihre neuntes hinnahmen.

Denn das war es: das Schlimmste. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte meine Grossmutter nichts, worueber sie sich Sorgen machen musste.

Obwohl sie in Amerika als ewige Exilantin gelebt hatte, als Besucherin auf vierzig Jahre, waren doch gewisse Elemente ihrer Wahlheimat unter der verriegelten Tuer ihrer Missbilligung hindurchgekrochen.

Und so hob sie mich hoch, und ich tat das, was Enkelkinder tun sollten: Ich radierte die Jahre zwischen uns aus. Ich gab Desdemona ihre urspruengliche Haut zurueck.

Als ich ein Saeugling war, war Pleitegeier ein kleiner Junge, als ich ein kleines Maedchen war, war er ein Teenager, und als ich schliesslich auch ein Teenager war, war er erwachsen.

...die Swingstuecke in der Musikbox wurden immer altmodischer, die Prominenten und Sportler an den Waenden immer unbekannter.

Marius trug ein Barett, dazu eine Sonnenbrille und ein kleines, flaumiges Unterlippenbaertchen. Sobald er sein Juraexamen hatte, wollte er die Stadt Dearborn wegen Benachteiligungen auf dem Wohnungsmarkt verklagen.

Ab einem bestimmten Alter sollten die Leute angezogen bleiben.

Auch so etwas, was Milton bei den Schwarzen immerzu verbluefft: der Widerspruch zwischen der Vollkommenheit ihrer Autos und der Baufaelligkeit ihrer Haeuser.

Wir waren bereit, die Neger zu akzeptieren. Wir hatten keine Vorurteile gegen sie. Wir wollten sie in unsere Gesellschaft integrieren, wenn sie sich nur normal verhalten wuerden!

"Ach, das ist kein Diebstahl, wenn man's sich mal ueberlegt. Das ganze Land ist doch geklaut."

Das Einzige, was sie aufrichtete, war die taegliche Abfolge der Seifenopern. Getreulich wie eh und je sah sie sich die untreuen Ehemaenner und intriganten Ehefrauen an, aber sie ruegte sie nicht mehr, als haette sie aufgegeben, die Irrtuemer der Welt zu korrigieren.

[kurz nach dem ersten Date]: Dieses "wir". Wir waren verschwenderisch damit, wir waren leichtsinnig gegenueber den Folgen.

Es gibt keinen ueberzeugenderen Beweis gegen den genetischen Determinismus als die Kinder der Reichen.

Meine Klassenkameradinnen waren ueber ihre ausserordentlichen Eigenschaften genauso wenig erstaunt wie ein Kugelfisch ueber seine Stacheln.

... an den erforderlichen Stellen zeigten sich Haare.

"Du stinkst!" protestierte ich eines Tages... Pleitegeier zuckte kaum merklich mit den Schultern. "Ich bin ein Mensch," sagte er. "So riechen Menschen eben."

Liegt es denn wirklich an meinem unpolitischen Wesen, dass ich zur Intersexuellenbewegung Distanz halte? Koennte es nicht auch Angst sein? Angst, mich zu erheben? Zu einem von ihnen zu werden?

Mr. da Silva war ein grossartiger Lehrer. Er nahm uns in einer Weise ernst, als koennten wir Achtklaessler in der fuenften Stunde etwas erklaeren, worueber sich die Gelehrten jahrhundertelang gestritten hatten.

Wichtig war nur, dass ich dem obskuren Objekt nun nahe sein konnte...Nicht nahe wie im Unterricht... nicht nahe wie im Speisesaal... sondern nahe, wie man sich bei Proben fuer ein Schulstueck eben kam.

[die Schule], die ueber die Ferien geschlossen war und sich der Unwirklichkeit von Schulen waehrend des Sommers hatte beugen muessen.

Dass es wahr ist, wissen wir nur, weil wir es beide getraeumt haben. Das naemlich ist die Wirklichkeit. Ein Traum, den alle gemeinsam haben.

Father Mike hatte es in Griechenland besser gefallen.... Niemand bedauerte ihn, weil er Priester war, wohingegen ihn die Gemeindemitglieder, spaeter in Amerika, immer mit gelinder, aber unmissverstaendlicher Ueberheblichkeit behandelten, als waere er ein Verrueckter, dem man seinen Wahn eben lassen musste.

Weil Genialitaet zu neunzig Prozent aus Schweiss besteht. Sobald du denkst, du bist ein Genie, laesst du nach.

Im Verlauf von zehn Minuten glitt ich immer naeher an sie heran. Inzwischen spuerte ich ihre Koerperwaerme von oben bis unten. Noch beruehrten wir einander nicht, bestrahlten uns nur. Sie atmete tief. Ich auch. Wir atmeten zusammen.

Viertes Buch

Bitte macht euch um mich keine Sorgen, ich SCHAFF DAS SCHON!

Kannten die blaehenden Maenner in der Kabine keine Scham, so waren sie am Urinal nervoes. Sie sahen stur geradeaus wie Pferde mit Scheuklappen.

Doch die Einblicke, die diese Herrentoiletten gewaehrten waren alles in allem enttaeuschend. Der stolze Phallus war nirgendwo zu sehen, nur der Futtersack, die trockene Knolle, die Schnecke, die ihr Haus verloren hat.

Kaum zu glauben... je aelter ich werde, desto juenger sehen die College-studenten aus.

Ein paar Mal lief ich zum Strand und setzte mich ans Meer, aber nach einer Weile machte ich auch das nicht mehr. Die Natur brachte keine Erleichterung. Mit einem Draussen war es vorbei. Ich traf mich an, wohin ich auch ging.

Ich dachte, wie erstaunlich es doch war, dass die Welt so viele Leben enthielt. Die Leute auf den Strassen waren in tausend Dinge verstrickt, Geldprobleme, Liebesprobleme, Schulprobleme.

Ihr Gesichtsausdruck war der einer Mutter, die einem Arzt dabei zusieht, wie er ihrem stark verbrannten Kind den Verband abnimmt. Ein optimistisches, unehrliches Bettkantengesicht... Tessie wuerde versuchen, die Dinge zu akzeptieren. Sie war von dem, was mir widerfahren war, zerschmettert, aber um meinetwillen wuerde sie es ertragen.

Die Lektion von Desdemonas Leiden und Lebensmuedigkeit zeigte, dass das Alter die mannigfachen Vergnuegen der Jugend nicht etwa fortsetzte, sondern eine lange Pruefung war, die das Leben nach und nach selbst der kleinsten, schlichtesten Freuden beraubte. Jeder kaempft gegen die Verzweiflung an, aber am Ende siegt sie eben doch. Das muss so sein. Es ist das, was uns Abschied nehmen laesst.

Dann ging ich um sie herum und hob ihre angeschwollenen, blau geaederten Fuesse in das schaumige Wasser. Desdemona murmelte vor Vergnuegen. Sie schloss die Augen.