Literarische Essenzen


Nr. 5

Ostgezeter
(Thomas Rosenlöcher *1947)



Ich weiß auch nicht, warum gerade diese kritischen Texte so hinreißend sind. Vielleicht, weil sie die einzigen sind, die den Kopf in Bewegung zu setzen vermögen. Durchaus auch in ein Schütteln.
Ich bin froh, daß ich mich mit diesem Osten aus erster Hand beschäftigen muß. Es fehlte sonst ein Stück...

Teil I, Kannitverstaan

Allein die Sachsen schämen sich vor sich selber, wenn sie den Mund aufmachen. Allein sie verbieten sich ihren Dialekt von vornherein: "Das heißt nicht heeßt, das heeßt heißt."

Das macht die Schwierigkeit allen Nachdenkens über die Gegenwart aus. Daß die neuen Möglichkeiten, noch eben erst kaum erträumt, mit neuem Zwang einhergehen. Daß selbst das schöne Geld, das uns so unabhängig macht, vom Geld abhängig macht.

Denn Einverständnis ist unmoralisch in einer unmoralischen Welt.

...weil auch zur Dankbarkeit Erinnerung gehört

...noch der Ruf "Wir sind das Volk" meinte, daß jetzt die Volksherrschaft käme, die es angeblich schon gab.

Und doch war ich bei den Jungpionieren. Wie selten das Wort schon vorkommt. Fast schon wie Hitlerjunge. Und selbst meine Tochter sieht mich bloß an mit ihren Unschuldsaugen.

So daß es immerhin zum ersten Mal in der deutschen Geschichte zu einer Aufarbeitung der deutschen Geschichte kam, was dadurch erleichtert wurde, daß dieses Mal die deutsche Geschichte die meisten Deutschen gar nicht betraf.

Wünschenswert wäre ein Erinnern, das heute weder das Damals beschönigt, noch mit dem Damals das Heute zu beschönigen sucht.

Wollte ich mich erinnern, hieß es Nostalgie. Wollte ich kritisieren, hieß es Larmoyanz.

"Was ihr uns kostet", sagte meine Tante... Nicht einmal gefragt worden war sie, ob sie uns überhaupt haben wollte. So daß es im Westen mit der Demokratie so weit nun auch nicht her sein konnte.

"Zieh dir die guten Hosen an." - "Welche guten Hosen?" - "Die von Onkel Heinz. Daß er sie wiedersieht."

Denn selbst im Falle fortgesetzter Intelligenz gab es, als Folge des Mißbrauchs politischen Denkens, eine spürbare Privatisierung auch des Gedankenvorrates.

Doch jeder Änderungsgedanke wird schließlich gar nicht mehr gedacht, wenn er nie im Leben eine Mehrheit hat. Und keine Empörung hält sich über Jahrzehnte, wenn der Empörer täglich arbeiten gehen muß und außerdem im Wohlstand lebt.

"Freiheit", hatte ich gelernt, "ist immer auch die Freiheit der Andersdenkenden." Was aber ist mit der Freiheit, wenn kaum wer noch anders denkt?

Teil II, Dampfschiffnudeln

"Das Tal der Ahnungslosen", sagen die Auswärtigen, wenn sie Berliner sind. Die Formel ist noch immer im Umlauf, weil sie Gelegenheit gibt, sich selbst für ahnungsvoll zu halten. Als wären wir da unten wirklich so ahnungslos gewesen, als wir kein Westfernsehn hatten und sich jeder seinen Teil noch selber denken mußte.

...Leute, die dem hier noch neuartigen Beruf des Vorruheständlers nachgehen...

Da vieles, was jetzt entsteht, auch nur die Fortsetzung der alten Klotzbauweise ist, wenn auch mit perfekteren Mitteln.

"Mittn off der Elbe ä Gewächshaustreffen."

Im Café Fontane hingegen sitzt der Mensch auf weißen Stühlen zwischen Kürbissen und geschmackvoll angeordneten Trockenblumensträußen schon nicht mehr nur in Lübbenau, sondern überall in Deutschland.

Eine Begeisterung für die eigene Gegend, die mir im Osten überall aufgefallen ist... So kommt der Regionalismus paradoxerweise der Nivellierung entgegen, bis von der eigenen Gegend nur noch ein Etikett übrigbleibt.

Zu Honeckers Zeiten habe man die Gurken teurer angekauft als verkauft... so daß man sie erst an den Laden verkaufte und hernach im Laden wieder aufkaufte; ein Vorgang, der sich notfalls endlos wiederholen ließ. Wogegen heute gleich Geld bekäme, wer dafür keine Gurken anbaue - was eigentlich irrsinniger wäre.

Plattenbauzeile...Und in einem Schlafzimmerfenster noch einmal jenes violette Leuchtröhrengeleucht erschien, das allmählich unter Denkmalschutz stehen müßte; so es vor kurzem noch massenhaft im Lichterraster der Neubaugebiete von der heimlichen Sehnsucht des Ostens nach der Verderbtheit des Westens sprach.

...hochbeinig-gepflegte Damen mit wehendem Seidenschal, die sich mehr aus Selbstbeschäftigungsgründen für alles Gute und Schöne einsetzen...

"Sind sie eigentlich auch Berliner?" - "Ungefähr", sagt er. Doch meistens käme er gleich von der Autobahn.

Der Osten als Kopie womöglich westlicher als der Westen ausfällt, so daß man, dem Westen zu entgehen, wohl besser gleich in den Westen gehn sollte.

Pirnaische Platz... Und ich zeigte dem Kameramann den Sims obenauf, von dem herab eine rote Leuchtschrift die Worte sprach: "Der Sozialismus siegt." Welche Souveränität, ja welcher Humor wäre nötig gewesen, sie einfach da oben zu lassen?

Auch der Regisseur begeistert; er hat am Straßenrand ein DDR-Auto gefunden; einen sogenannten Trabanten, der die Autopsie schon hinter sich hat.

Teil III, Der Nickmechanismus

Denn wer da früher "Ich weiß was" rief, hatte schnell eine geplättete FDJ-Bluse an und gehörte zu denen da anstatt zu uns.

Muß in dieser Bezichtigungskultur, in dieser Anpißgesellschaft nicht einmal einer versuchen, sich selbst zu befragen?

Oder die Mittwochssirenen, in denen auch für das Kind der Angriff auf Dresden nachklang.

...die Formel, mit der sich der Feigheitsnicker in jedem System zu rechtfertigen sucht: "Was bleibt mir anderes übrig... ich kann ja doch nichts machen." - Und damit nicht unrecht hat. Wozu hätte der Mut sonst erst erfunden werden müssen.

War jedoch das Zwangssystem auch ein System von Systemausfällen und mangelhaft funktionierenden Funktionären, so ist das für die Vorsichtigeren unter uns eine eher schlechte Nachricht. Und vielleicht auch ein Grund dafür, daß mancher von den Vorsichtigeren eine selbst gar nicht so kraß erlebte Vergangenheit heute nicht ungern bestätigt, weil sie ihm das Alibi liefert, damals ja nichts machen gekonnt zu haben.

Mitglied war fast jeder, weil fast jeder Mitglied war;

Bekennermut hat oft etwas Lächerliches. Auch wer heute öffentlich vom "Hunger in der Welt" redet, hat leicht ironisch gekräuselte Stirnen gegen sich.

Wenn Ich nicht nur Ich sein muß, sondern Antennen ins Unendliche hat, ist vielleicht auch die Welt ein bißchen ins Bessere angelegt.

Ja zu sagen, ohne die Gegenwart zu bejahen. Kritisch zu sein, ohne "feindlich" zu sein. So, unterdessen vorübergehend Atheist geworden, blieb mir, meinen Transzendenzhunger zu stillen scheinbar nur der Sozialismusverbesserungsweg.

Doch selbst wenn es das Stöckchen wäre, das "sie" uns hinhielten, und unsereins darüberspränge, er spränge nicht um ihret-, sondern um seinetwillen, und sei es nur, um sich selber das Hüpfen zu bewahren.

Wogegen Anpassung heute eher der persönlichen Freiheit zugerechnet wird, ja, nachgerade ihr Ausdruck zu sein scheint.

...einer positivitätstriefenden Glanzzeitschrift, in der du schreiben kannst, was du willst; nicht nur, weil du schreiben kannst, was du willst, sondern weil alles, was du schreibst, in Maklerreklameartikeln verschwindet.

Jede Selbsterkenntnis von vornherein durch Absicht beschädigt. Jede Beichte möchte zumindest Absolution. Oder ein: "Schau-an-wie-ehrlich-ich-bin."

...Genossen..., insofern es vielleicht auch zu ihrer Wahrnehmungsmethode gehörte, die anderen unsympathisch zu finden und auf diese Weise nicht ganz dazuzugehören.

Nicht nur, ob ich ein Spitzel war, zählt vor Gott. Ob ich einer hätte gewesen sein können, ist ihm genau so wichtig. - Hätte er mir nicht seine Schutzengel geschickt.

Teil IV, Schimpfprobe

Ja, im Grunde genommen bin selbst ich ziemlich angewestdeutscht. Hätte ich mich vor zehn, zwanzig Jahren heute überhaupt wiedererkannt?

Denn kaum, daß wir den Westen hatten, hatte er uns. Fegte das Rotkraut aus den Regalen und besetzte sie mit Ebennochmangelwaren. Und lohnendere Posten gleich mit sich selbst.

"Keine Mauern in den Köpfen" - steckt dahinter wirklich nur der Wunsch, Vorurteile abzubauen? Oder ist damit unbewußt auch nahtlosere Einpassung gemeint? Wogegen Toleranz auf Unterschieden fußen müßte.

Nein, nie haben wir unserem Onkel wirklich ins Herz gesehen. Warfen lieber einen Blick unter die Kühlerhaube. Ins gletscherartige Gleißen seines Ottomotors.

Nackt sind wir nicht gewesen. Doch immer war, was wir trugen, um Jahre hinter der Mode zurück. Und eben weil wir uns sehr bemühten, zeitgemäß angezogen zu sein, bezeichnete unsere Kleidung exakt die zeitliche Mindestdifferenz, die zwischen unseren Kulturen bestand.

Das Wesen des Wilden [Ostdeutschen]: Geringere Dingverknüpftheit, technische Mangelausstattung. Fast gleichbedeutende mit Arglosigkeit.

Wer Gold sehn will, sieht Gold, und plötzlich ist die Entdeckung ein finanzielles Fiasko gewesen.

Die Thälmannstraße etwa, die zu Unrecht umbenannt worden ist, da sie noch ganz genauso aussieht wie die Thälmannstraße.

Weltverbessern, das vielleicht nur noch Weltretten sein kann.- So daß Utopie nun heißt, daß es in Zukunft überhaupt noch eine Gegenwart gibt.