Paris

Gewiß trifft das folgende auf viele Orte zu, aber hier in Paris ist es mir zum ersten Mal so richtig bewußt geworden: c'est pas possible de visiter cette ville, il faut la vivre!

Wie eine Lebensader durchzieht die Metro fast unscheinbar die Tiefe; wie Lava durchströmen die ausgespuckten Menschenmassen die labyrinthischen Gänge, um dann unversehens an einem zufälligen Ort herauszutreten und in das Licht der Stadt einzutauchen. Ich brauche einige Zeit, die Orientierung zu finden, welche mir sinnloserweise mit unzähligen unterirdisch-blauen Beschriftungen angeboten war. Aus der Erde herausgetreten erst, konnte ich die wie Geschwister nahestehenden Tore in einer Form verstehen.

Der Neuling wird sogleich enttarnt, wenn er wie alleingelassen den selbstbewußt die rote Ampel Überquerenden hinterherschaut. Nach einigen Tagen wird er derjenige sein, der voller Übermut die Zerbeulten ihrer Rechte beschneidet und sie an ihrer Angst vor dem Blute zum Protestieren bringt. Kaum jedoch hatte ich das andere Ufer betreten, überrollte mich ein Skater, dessen Augen mich über die heranbrausende Flut ignoriert hatten...

Ich hatte bald den Vorsatz aufgegeben, die Highlights dieser Stadt auf touristische Weise zu erschließen: Fakten eines angesehenen Reiseführers konzentrieren und einverleiben, auf dem schnellsten Wege von Baedeckerstern zum nächsten, dort die 35-minütige Führung bestehen und im Jagdregister abhaken. In der Gewißheit, genug Zeit zu haben, um auf Vollständigkeit verzichten zu können, trat ich einfach vor meine Tür und lebte diese Stadt.

Und plötzlich begriff ich, daß es nichts Typischeres für mich geben würde als LE METRO. Sobald man in ihre Fänge gerät, umweht einen der seit über 100 Jahren bewegte Staub, und ein Strom dieser rauchigstickigen Wärme kündigt dann auch das Nahen der Metro an, noch ehe die mickrigen Lichter als die Augen der rauschenden Schlange erkannt werden. Eine Wärme, die zur Verzweiflung treibt, wenn man ihr gnadenlos ausgesetzt ist, inmitten einer undurchdringlichen Menschenmenge. Und die gibt es immer. Nicht etwa, weil ständig Berufsverkehr wäre - nein, aber es scheint geradezu Pflicht zu sein, diese menschliche Nähe herzustellen, indem man sofort nach Betreten des Wagens stehenbleibt und sich gleich an der ersten Haltestange festschweisst. Selbstverständlich ungeachtet der nachkommenden Traube. So geschieht es doch ab und zu, daß ein Rucksack von der gnadenlos zusammenrumpelnden Tür für Sekunden von seinem Besitzer getrennt wird - obwohl der Wagen gerade halb gefüllt ist. Bewährt ist in diesem Falle, sich erst bei oder nach dem Abfahrtssignal rückwärts in die Masse zu werfen, die dann aus Schreck und unter Kopfschütteln noch ein Stück weiter zusammensintert. Probleme bereiten hierbei nur die hartgesottenen Taschenbuchleser, die - früh mit noch dicken und ständig zufallenden Augen - in jeder Lage in dies gelben Schwarten versinken, um einen Grund zu haben, nicht auf die Probleme der Umwelt reagieren zu müssen.
Doch Nachts wird es ruhiger, und dann finden hier Clochards ihren Platz. Und am Morgen schlafen sie noch da, wenn die hektischen Berufstätigen aus den Zügen quellen.

Geradezu uneuropäisch (oder undeutsch?) muten die unzähligen Sicherheitskontrollen an, denen man ausgesetzt ist. Selbstverständlich scheint es in den grossen Museen, aber warum muß ich vor zwei Uniformierten meinen Rucksack öffenen, wenn ich ins Kino will? Auch die flachen Pappkisten einigen Bahnstationen sind keinesfalls ökologische, sondern Anti-Terror-Abfallbehälter. Leider ist es schwer, sie aus 1,80 zu treffen; vielleicht, weil sie für die Grande Nation gemacht sind?? Im normalen Stadtbild gibt es stattdessen öfters lasch in einem Gestell hängende Plastetüten zu sehen, der Bombenleger muss dann schon auf die ideale Idee kommen, sein Werk in einer grossen MC-Donalds-Tüte zu verstecken...

Vor der Assemblée National stehen die Wachen in dicken aber fast unsichtbaren Glashäuschen, damit die Angreifer keine Chance haben - gleiches übrigens auch im Jardin de Luxembourg und an anderen Orten. Die Ehrfurcht vor dem Militär weicht angesichts dieser stillen Präsenz fast schon einem Bedauern und Mitleid.

Nicht ganz so ernst mit ihrem Dienst nehmen es leider die Beschäftigten bei den Verkehrsbetrieben. Nach der ohnehin schon verspäteten Landung in Paris musste ich feststellen, daß die Ticketschlucker des RER ihr einziehendes Werk zu verrichten nicht bereit waren, da die gesamte Linie stillgelegt war. Mal wieder wegen mouvement social. Prost Frankreich.

Genauso schlimm ist die Metropause zwischen eins und fünf, so daß man gezwungen ist, entweder zeitig schlafen zu gehen, aus Versehen wo anders zu übernachten, oder aber in einer der angesagten Diskotheken und Bars durchzumachen. Die Zeit wird andererseits ohnehin außer Kraft gesetzt, sobald man sich auf die Champs Elysees begibt, denn dort laufen nachts um drei mehr Leute rum als Samstag vormittag auf dem Ku'damm. Einfach ein geniales Feeling. Vielleicht etwas unverständlich angesichts der Preise, denn für eine Coca legt man dann schon mal 40 Franc hin, ohne daß man dabei im Lichte eines herausragenden Cafés sich sonnen könnte. Andererseits sitzt man dafür auch auf DER Prachtstraße der Welt, gemütlich in einem Korbstuhl und kann fast schon nachvollziehen, warum sich ein Pariser ein kleines bißchen wie im Zentrum der Welt fühlt...

In der Disko tritt dann eines klar zu Tage: die Franzosen mögen zwar aus unerfindlichen Gründen den Coup du Monde gewonnen haben - was sie jedem Deutschen immer fröhlich unter die Nase reiben - aber die größten sind sie deswegen noch lange nicht. Ein hervorragender Ausblick bietet sich nämlich selbst für mich eher Mittelgroßen über ein Meer von kleinen schwarzhaarigen Leuten, die dafür mit großer Ausdauer die neuesten internationalen Trommelschläge interpretieren.

Wer sich dagegen in eines der unzähligen Kinos begeben will, wird eine ganze Weile auf der Straße zubringen müssen, denn gewartet wird draußen, bis man gleich nach der Tür seine geliebten Francs in ein Ticket umtauschen darf. 

Ohne es befürchtet zu haben, wurde ich dann auch noch in das abendliche Verkehrschaos gestürzt. Bewaffnet mit einem kleinen verbeulten Polo schwamm ich durch die Stadt. Es war unheimlich befreiend zu spüren, daß Fahrbahnmarkierungen keine Bedeutung haben; wie von der unsichtbaren Hand gelenkt, rutschten die Autos ineinander und bildeten so die einducksvollen Lichterketten, die ein Touist dann von der Tour Eiffel bewundert. Fast wurde ich vom Übermut gepackt, jeder Spurwechsel klappte irgendwie, auch wenn ich nicht so recht wußte, warum. Mitten durch den Louvre hindurch spuckte es mich auf die andere Seineseite, wo ich bei einer kleinen Wer-bekommt-die-Spur-Wettfahrt begeistert bemerkte, daß der Tacho hier zwangsläufig aus dem Blickfeld verschwindet. Was für ein Vergnügen für den sonst so geregelten Deutschen. Und der Stolz, verbotenerweise auf den Champs Elysees den Strom schneidend die Richtung zu wechseln... Den größten Kick aber gab es aber zweifellos, als ich plötzlich einer Front von 6 Scheinwerfern gegenüberstand. Glücklicherweise sahen die gerade Rot, und es blieb genug Zeit, den nächsten Seitenausgang zu suchen. Da muß ein Schild gefehlt haben... 

In Erinnerung bleiben wird mir auch die Boulangerie, einer der Orte, an dem man um die Mittagszeit eine Schlange wohlgekleideter Menschen trifft, die bei einem urtypischen Franzosen ihr Sandwich bestellen - ein Baguette mit verschiedenster Füllung, von warmem Fleisch über Camenbert bis hin zu Krabbenpresstückchen .) So langsam wurde ich dort heimisch, bis ich nicht mal mehr gegenüber zur Konkurrenz gehen konnte, ohne daß ich vom Maître angerufen wurde, heute habe er extra für mich boeuf chaud bereitgehalten. Und so treu wie ich bin, habe ich mir dann doch dieses geholt. Mit etwas mehr Zeit kann man ein typisches 'Croque' geniessen, die kleine Mahlzeit in einer Bar, welche mit Karlsbader Schnitte zwar technisch annähernd beschrieben werden kann, jedoch nicht in ihrer Vielfalt und Tradition. An jeder Ecke gibt es unzählige Restaurants und immer schliesst der Kaffee die Mahlzeit ab - eine Tradition, die auch ich mir nun angewöhnt habe.
Am Wochenende ist das Dienstliche weit weg, und ich habe den Tag für mich. Erst spät habe ich entdeckt, wie schön es ist, an den Quais der Seine langzugehen, am breiten tiefen Strom, umgeben von malerischen Pariser Häusern aus weissem Stein und mit den typischen Fensterläden. Und Höhepunkt ist ein Gottesdienst in der Cathedrale Notre Dame, in dieser Mutterkirche mit ihrer beeindruckenden Größe und strahlenden Buntheit. Und wenn Kardinal Lustinger die Messe hält, dann versinkt der Blick im Weihrauch, die teuflischen Orgeldonner setzten sich für immer im Ohr fest. Ein unvergessliches Erlebnis, für das sich die meisten Touristen keine Zeit nehmen, sie geben sich damit zufrieden, das Geschehen in seiner Physik auf einen toten Film zu bannen.

Da diese Stadt nun für eine Weile meine vierte Heimat sein wird, kann ich es mir leisten, sie so zu entdecken, wie es eigentlich nur Pariser können, so eher nebenbei aber doch sehr intensiv...ma ville.

Aber natürlich muß man auch die 'sights' gesehen haben, hier einige Orte mit kurzem Kommentar und ein bis fünf Henry-Sternen:

Metro: siehe oben *****

Louvre: Ein Ort, um Menschen zu beobachten und unzählige Kunstwerke, traumhafte Blicke aus den Galeriefenstern, regelmäßige Ermüdung nach einer Stunde. Bei Nacht ein goldenes Wunder. *****

Arc de Triomphe: mitten im Verkehrschaos ein herrlicher Blick über die geordnete Stadt****

La Grande Arche: Pendant zum Arc de Triomphe, ein beeindruckendes Bauwerk inmitten der Hochhäuser der Défense. Das Viertel ist nicht gross genug, um schon schön zu sein***

Champs-Elysées: mein täglicher Arbeitsweg, die lebendigste Straße, die ich in Europa erlebt habe, Luxus, schöne Menschen, ein Ort zum Verweilen. Auch nachts ein Erlebnis.*****

Bibliothèque Nationale: eines der gigantischen Bauwerke, wie es sie nur in Paris=Frankreich gibt. Vier aufgeklappte Bücher bilden die Türme und schließen einen Kiefernwald ein***

Château de Vincennes: ein kleines Schloß am Ende der Metro 1, mittelalterlich wie im Bilderbuch mit beeindruckendem Burgfried**

Cimetière Père Lachaise: der größte Friedhof, überall entdeckt man berühmte Leute und wunderschöne Grabschöpfungen; unbedingt die dicke Führerin finden, die so herrliche Geschichten erzählt**

Conciergerie: auf der Ile de la Cité;, Teil des alten Königsschlosses aus dem 13. Jahrhundert. Viel Gotik und der Kerker von Marie-Antoinette***

La Grande Arche de la Défense, ein vor allem von außen**** beeindruckendes technisches Meisterwerk, vom Dach ein schöner Ausblick, leider in der Nacht geschlossen. ***

Eifelturm: man weiß, daß er groß ist, und trotzdem bleibt der Mund offen, wenn man davor steht. Zum Stadterforschen schon zu hoch.*****

Invalides: großes Armeemuseum mit Exponaten aus zweieinhalb Jahrtausenden und aller Welt, wirklich sehenswert und technische Wunderdinge zum Verlieben. Napoleons bombastisches Grab im Dom. Typisch französisch...***

Jardin et Palais du Luxembourg: wunderschöne grüne Insel in der Stadt. Viele Leute, Kinder, Segelboote und ein herrliches Schloß zum bestaunen.*****

Jardin et Palais Royal: etwas unbemerkt von Touristen, interessante Säuleninstallation im Hof**

Jardin des Tuileries: Verbindung zwischen Louvre und Place de la Concorde, Promenade für Touristen auf geschichtsträchtigem Boden***

Kanalisation von Paris: eine beeindruckender Einblick in die Pariser Unterwelt. Rauschendes Abwasser, Kunst aus Schleusendeckeln und unzählige Straßenschilder****

Katakomben: Hier liegen Millionen Pariser. Unendliche Reihen von zerfallenden Totenschädeln, Oberschenkelknochen und Unterarmen...rational beeindruckend, aber irgendwie wenig emotional***

Madeleine: riesige Kirche im Stil eines griechischen Tempels.* Paar Meter abseits der nobelsten Straße mit allen großen Modeschöpfern: Rue du Faubourg St. Honoré****, ich habe noch nie so viele Pelze rumlaufen sehen.

Rue Mouffetard: eine schmale bunte Straße mit vielen (jungen) Leuten und Freßbuden aller couleur. Zum Bummeln in sonst nicht so bekanntem Gebiet. ***

Tour Montparnasse: häßliches Gebäude, das man zum Glück nicht sieht, wenn man drauf steht. Dafür gibt ein unvergessliches Luftbild der Stadt aus 200 Metern Höhe neue Tips zum Entdecken*****

Notre Dame: undurchdringlicher Weihrauch, eine der größten Orgeln der Welt mit einem teuflischen Organisten - die Messe ist ein Erlebnis. Und das Gebäude ohnehin*****

Panthéon: Keine erste Adresse bei den Touris, aber unbedingt sehenswert. Ein weiterer Monsterbau zur Verherrlichung der Großen der Nation. Die Katakomben sind beeindruckend, begegnet einem hier doch fast die ganze französische Geschichte****

Parc des Buttes-Chaumont: weit abgelegen von Paris touristique, mit vielen Spielereien und unzähligen einheimischen Joggern, Karatekämpfern und Enten. Zum Pausemachen. ****

Trocadéro: gleich neben dem Eifelturm mit herrlichem Blick auf dessen Tageszählung bis 2000. Treffpunkt für sexy Skater, Rollschuhfahrer und Trial-biker. ***

Place des Voges: ein beschaulicher Platz, der vollkommen im erhalten geblieben ist - mit seinen 38 Adelsresidenzen von 1612****

Pont Neuf: die älteste Brücke mitten im Herzen der Stadt. Der Blick schweift umher und versinkt in der Tiefe der Geschichte*****

Sacre Coeur: abseits des Zentrums und doch Highlight. Treffpunkt der Jugendlichen am Abend und weithin strahlendes Zuckergußgebäude***

Versailles: gigantischste Schloßanlage überhaupt. Unzählige Könige haben sich bankrottiert, um es nachzuahmen. Es geht nicht. Drei Stunden habe ich für die Wasserspiele im Park gebraucht, und dabei noch nicht einmal den riesigen künstlichen See umrundet - auf dem Ruderer sich verausgaben.**** Das Innere ist allerdings vergleichbar mit anderen Schlössern***

Zoo im Park von Vincennes. Sehr viele interessante Tiere in recht beengten Verhältnissen, was die Freude etwas schmältert. Hauptattraktion ein riesiger künstlicher Berg (63m?) mit Bergziegen, Wasserfall und brüllenden Löwen zu seinen Füßen. ***

La Villette: Modernes Museum für Technik und Wissenschaft. Mit echtem U-Boot und dem legendären Kugelkino 'Géode'. Hier kann man einen ganzen Tag die Welt entdecken, weil der Staat das richtigerweise für wichtig hält****

Musée d'Orsay: nach dem Louvre das bedeutendste, viel besser zu erschließen und deshalb für den Anfang zu empfehlen. Lohn schon wegen seiner Architektur: ein umgebauter Bahnhof****

Musée Rodin: Klein aber voll herrlicher Arbeiten des Meisters und oder seiner Frau. Bei schönem Wetter auch im Park****

Musée Picasso: egal ob man ihm mag oder nicht, gesehen haben muß man es. ***

Musée National d'Histoire Naturelle. Noch ein Meisterstück zeitgemäßer Museumskunst. Auf vier Etagen alles, was man sich an Tier- und Pflanzenwelt vorstellen kann, vermittelt mit neuer Technik, in vielen Sprachen und in einem traumhaften alten Gebäude. *****

Musée Minéralogique, ebenfalls im Jardin des Plantes. Meterhohe Quartzkristalle, russische Platinklumpen und die Gold- und Brilliantschätze Ludwig des XIV. Eine gelungene Verknüpfung von Natur und Kunst. ***

Musée de la Musique im Parc de la Vilette. Eine unüberschaubare Anzahl verschiedenster Instrumente aus allen Epochen von Stradivari bis Bongo. Wiederum zeitgerechte Aufmachung über passende Musikbeispiele und nützliche Nebeninformationen... ***