Literarische Essenzen
Nr. 9
Ein fliehendes Pferd
(Martin Walser)
Man sah wenig. Von dem wenigen aber zuviel.
Und jede zweite Erscheinung hier führte ein Ausmaß an Abenteuer an einem vorbei, daß das Zuschauen zu einem rasch anwachsenden Unglück wurde. Alle, die hier vorbeiströmten, waren jünger.
Die benützten Kenntnisse über ihn, deren Richtigkeit er nicht bestätigt hatte. Sie benützten sie zu seiner Behandlung.
Sein Grinsen kam wahrscheinlich von den Skrupeln, die er hatte, weil er sich dergleichen nicht einfach verschwieg.
Er hatte die Urlaubsrolle, die Frau Zürn von ihm erwartete, nicht erfunden. Er hatte lediglich sein Benehmen so eingerichtet, wie es, nach seinem Gefühl, Frau Zürn am liebsten hatte.
Es dürften die Mädchen gewesen sein, die diese Kopf- und Körperhaltung bei ihm bewirkt hatten. Mit ihren rücksichtslosen Blusen und Hosen.
Er wußte, daß Sabine sich nicht wirklich beklagte. Es gefiel ihr eben, jetzt so zu tun, als beklage sie sich.
Schon mit vierzehn Zarathustra gelesen. Ihnen allen voraus. Pubertät mit Dornenkrone.
...dieses Lachen, das den Zähnen zuliebe stattzufinden schien...
Zur Wiederentdeckung es Gewesenen brauchte er einen Partner, der zumindest durch Nicken und Blicke bestätigte, daß es so und so gewesen sei. Ohne diesen Partner könnte er gar nicht sprechen von damals. Helmut sah, daß er es mit dem Kriegkameradenphänomen zu tun hatte. Er kannte diesen Wiedererweckungsfanatismus nicht.
Er hatte praktisch nicht gelebt. Es war nichts übrig geblieben. Hinter ihm war so ziemlich nichts. Wenn er sich erinnern wollte, sah er reglose Bilder von Straßen, Plätzen, Zimmern. Keine Handlungen.
Das klang, als sei Rauchen ein Verbrechen, sagte Helmut, und irgendwie hat das Bewußtsein, rauchend ein Verbrechen zu begehen, mir die Zigarre noch voller durch die Adern strömen lassen.
Aber er fürchtete, Sabine werde diesen Vorschlag für eine Wirkung dieses Klaus Buch halten.
Sie glaubte offenbar, jetzt seien sie sich einig. Das war ihm recht.
Ja, ich fliehe. Weiß ich.
...die einander ermöglichenden Hügel...
Helmut dachte, daß es vielleicht eine Art Laster sei, aber das süßeste aller Gefühle sei es doch zu erleben, daß auch die eigene Frau keine Ahnung hat von einem.
Wenn ich zu etwas Lust hätte, dann wäre es ein Schwindel, der Hand und Fuß hat, der es gewissermaßen zu wirklichem Leben bringt.
Der Mensch sei zweifellos ein Fehler der Natur. Aber der Kleinbürger sei die Erhebung des Fehlers zum Programm.
Sie mieden alles, was ihre Unabhängigkeit einschränken könnte, sagte Klaus Buch. Sie müßten, wenn ihnen vormittags einfalle, nach Teneriffa zu fliegen, mittags ihr Häuschen in Starnberg verlassen und abends in Los Rodeos landen können, sonst habe er einfach das Gefühl, eine Küchenschabe zu sein.
Aber er stimme seiner Frau zu, die Wirkungen einer solchen Segelpartie seien für einen Nichtsegler ganz unvorstellbare.
...und er wünsche beiden noch recht angenehme Urlaubstage...Abschied? Was? Wie bitte?... Er ist ein Sadist, das wissen wir ja, sagte Hel.
Hilfsbereit zu erscheinen, würde ihm Spaß machen.
Und die Hände, breiter. Die Finger, stärker. Es war gar keine Frage, daß er auch ein größeres, fähigeres Geschlechtsteil hatte.
Helmut, bitte, jetzt sag mir bloß, wie hat der Physikpauker immer gerufen im Parterre?... Ich brauche den Satz. Wenn du nicht ganz ganz genau den Satz hast, hast du gar nichts. Ein Wort an der falschen Stelle, und der Satz ist taub, tot.
...was immer das ist, dachte Helmut, mich geht es nichts an. Aber Sabine, Sabine war die Stelle, an der er verletzbar war.
Sabine legte das Buch weg und streckte eine Hand herüber. Er drückte die Hand flüchtig und wollte sie Sabine zurückgeben. Aber sie streckte die Hand gleich wieder herüber. Laß mich doch, sagte sie in einem Ton, der ihr, nach seinem Empfinden, nicht mehr zustand. Also ließ er ihre Hand auf seiner Schulter liegen.
Einem fliehenden Pferd kannst du dich nicht in den Weg stellen. Es muß das Gefühl haben, sein Weg bleibt frei. Und: ein fliehendes Pferd läßt nicht mit sich reden.
Er lese eben immerzu. Es sehe aus wie Studieren. Sie halte es aber eher für Leben. Das heißt, es komme nichts heraus dabei.
Arbeit sei ein Ersatz für Erotik. Sie sei auch die Vernichtung des Erotischen. Das Erotische, ernst genommen, sei seinerseits die Vernichtung des Arbeitswillens.
Auch wenn das, was die tun, das Richtige ist. Laß uns beim Falschen bleiben.
Das Leben bedarf des Reizes, sagte Klaus Buch, sonst erlischt es. Bei Lebzeiten. Verstehst du, das ist anders als beim Ethischen oder Moralischen, das existiert einfach so, das Geistige, das kann vielleicht seine Spannung aus sich selbst erzeugen...
...weil jeder noch lebendige Mann sich von seiner Frau trennen will, nur Tote sind treu...
...du hast eben gelebt in diesem Augenblick, du bist aus dir herausgegangen, Ha-Ha, eine Sekunde lang hast du den Schein nicht geschafft, an dieser Sekunde klebst du jetzt, wirst du kleben, wenn sich der Riß dieser Sekunde nicht mehr schließen läßt.
Ihm ist alles, was er getan hat, furchtbar schwer gefallen. Deshalb hat er ja rundum den Eindruck verbreitet, er arbeite überhaupt nicht; was er mache, mache er nur aus Freude an der Sache, mühelos.
Dann hat er geglaubt, er muß das alles ernst nehmen, weil wir jetzt davon leben.
Er hatte, weil er merkte, daß er nicht gebraucht wurde, einen Grad von Egoismus erreicht, den man eine Geisteskrankheit nennen sollte.
Noch ein Jahr, dann wäre es wahrscheinlich vorbei gewesen mit mir. Dann hätte ich es auch für immer ausgehalten. Prost. Ist das nicht ergreifend, was man alles aushält!
Das ist überhaupt das Wichtigste, daß die Zerstörung weit genug geht. Wenn man uns alle bloß halb kaputt machen würde, das gäb eine Mitleidswoge, in der würden wir dann todsicher ersaufen und aus wär's mit der Welt. Als Zerschmetterte aber leben wir fühllos weiter.
Das ist eine längere Geschichte, sagte er und schaute hinaus auf den Rhein. Der Rhein, sagte sie. Sie streckte sich ein wenig. Sie saß in der Abendsonne.