Literarische Essenzen


Nr. 3

Die verkauften Pflastersteine
Dresdner Tagebuch

(Thomas Rosenlöcher *1947)



Dieses Buch ist in der Nachwendezeit sehr bekannt geworden. Es führt uns die Phasen der kurzen Zeit vor Augen, in welcher sich vorher für unmöglich gehaltene Veränderungen vollzogen haben. Mit seiner Hilfe können vielleicht auch Unbeteiligten die Gedanken vieler (ehemaliger) DDR-Bürger nachvollziehen, und so verstehen, warum der Weg noch lange nicht zu Ende ist.
Ein guter Grund, sich noch mal selbst zu befragen, wenn man das Glück hatte, in diesen Monaten hören, denken und sehen zu können.

Teil I, ab 8.9.89

"Begründe die Notwendigkeit eines immer stärkeren sozialistischen Staates" - Moritz macht Schularbeiten. Schreibt seine Lügen rasch hin, "nur ehm ma", aber so fängt es an und so geht es weiter, und dann bist du vierzig und hast es schon zur Hälfte verpaßt, einmal in deinem Leben geradegestanden zu haben.

Das Schlimmste in diesem Land: ... die längst in den Gesichtern festgeschriebene Verdrossenheit.

Die einzige Chance aber ist Friedfertigkeit. Mit bloßen Händen sind den MGs und Panzern keine Reformen beizubringen, zumal sich das System Änderungen früher oder später ohnehin beibringen muß: Ein Auto kann auch nicht auf Dauer ohne Benzin fahren, nicht wahr?

Ein Kollege von Birgit seit zwei Tagen verschwunden. Sogenannte Volkspolizei nimmt keine Vermißtenmeldung auf. "Vielleicht hat er eine Andere".

Die Angst der Kopfmenschen, unter Schlägen den Kopf zu verlieren, Das ist wohl auch der Sinn der Prügelei: Die Ausschaltung des Intellekts, die Umkehrung des Argumentierens in Gewimmer.

Abends Kreuzkirche: Sehr gemischte Gestalten, gewissermaßen tatsächlich das Volk. Der Einlasser: "auf den Emporen ist noch Platz!" - "Emborn? Was issn das?"

Teil II, ab 12.10.89

Eine noch nie gekannte Hochstimmung, ähnlich dem Glücksgefühl des Kindes, das nach Weihnachten früh aufwacht und nicht weiß, wieso es so froh ist und erst überlegen muß, bis ihm einfällt, daß es eine elektrische Eisenbahn geschenkt bekommen hat.

Ich brauche eine Weile, um zu begreifen, daß da der Bezirkschef Modrow spricht... Ja, meine Lieben, hier muß der König schon Rede und Antwort stehn. Das nennt man eine Revolution.

Einer hat sich mit einer Kerze an den Rand gestellt und sagt der vorbeiziehenden Menge, wie lang sie ist... immerhin dreiundzwanzig Minuten.

Nun kann man der Partei nicht mehr in den Rücken fallen, da sie mit dem Rücken an der Wand steht. Kolbe tut mir richtig ein bißchen leid. Er ist ausgerechnet jetzt versehentlich nach Amerika gefahren.

In Kleinzschachwitz gibt es Bananen.

Hauptgrund für Hierarchie: Die oben haben den Überblick. Hauptgrund für Mitsprache von unten: Die, die den Überblick haben, wissen nicht, was los ist.

Fataler, altbekannter, allseitiger Refrain: "Das habe ich nicht gewußt."

Im Oktober ist ein Großteil meiner Westpost weggekommen. Ein Umstand, der mich mehr ehrt, als ärgert.

Gestern zur Montagsdemonstration... Aber wer hört uns eigentlich? Die Stasi, ja, aber die weiß, was sie hört, schon vorher. Also wir selbst. Ich . Ich rufe gegen die Barrieren in mir an. Meine Ängstlichkeit, mein Duckmäusertum.

Die Zahl der Übersiedler wird nun schon pro Stunde angegeben... In der Kaufhalle gibt es für Hierbleiber Radeberger Bier.

um die Gaslaternen in Kleinzschachwitz die auch in den Westen verscheuert werden sollen, sind Zettelchen gebunden: "Ich möchte hier weiterleuchten" - Großer Himmel, ich auch.

Die Grenzen sind offen! Liebes Tagebuch, mir fehlen die Worte. Mit tränennassen Augen in der Küche auf und ab gehen und keine Zwiebel zur Hand haben, auf die der plötzliche Tränenfluß zu schieben wäre.

Teil III, ab 17.11.89

In Plauen - Sturm auf den ohnehin schon vollen Zug. Daß die Leute unbedingt ihre Winzlinge mitnehmen müssen. Ein im Abteil anwesender Vogtländer belehrt mich: "Für die Würmer gibt`s doch auch Begrüßungsgeld!"

Erich Mielke vor der Volkskammer. Der Sicherheitsminister im Zustand der Unsicherheit. Ein schäbiger alter Mann mit eigentümlich kahlem Gesicht... Gelächter...Unruhe...Protest. "Ich liebe, ich liebe doch alle". Und während dieser Mielke-Fisch nach Worten schnappt, schauen ihm Millionen zu. Der Täter wird zum Opfer und der Zuschauer zum Täter. Als wohnte ich einer Hinrichtung bei. So tut er mir am Ende nur noch leid.

Die Kinder im Abteil haben Westautos entdeckt. Nun sind sie für eine Weile zufrieden.

Meine Landsleute, lese ich, treten in Berlin in solchen Massen auf, daß sie zeitweise sogar die Westregale leerfegen. Allenthalben bilden sie Schlangen, Vater, Mutter, Kind: Selbst vor den Geschlechtsläden der Beate Uhse.

Die DDR-Mark wird angeblich schon 1:20 getauscht... die einzige Chance der DDR: sich von diesem Land schlucken zu lassen.

Es schadet dem Charakter, einer der reichsten Männer der Welt zu sein. Reichtum bringt auf die Idee, ihn sich verdient zu haben.

Unterbrechung in Stuttgart: den Klang dieses Namens (Hölderlin, Möricke) vermag freilich weder ein Gang um den Bahnhof noch ein Blick von Fernsehturm einzulösen. Reisen, sagt mein Freund Hegewald, bedeutet auch, ein Stück Utopie zu vernichten.

Teil IV, ab 2.12.89

Zwecklos, den Fremdbestimmten mit Fremdbestimmung, den Ausverkauften mit Ausverkauf zu drohen. Keine Experimente stand auf den Plakaten.

In Berlin hat es am Übergang Invalidenstraße Verpflegungsbeutel mit Bananen gegeben. Als die Bananen alle waren, stellten sich meine Landsleute nach den leeren Plastebeuteln an.

Der schrille Ton der Zeitungen. Auch oft nur der Versuch, von eigener Mitschuld abzulenken.

Jemanden habe ich sagen hören: "Ich darf jetzt nur so laut sein, wie ich vorher versucht habe, laut zu werden." Dieser Satz ist so leise gesagt worden, daß ich vergessen habe, wer ihn gesagt hat.

Schon spüre ich einen leichten Wohlstandsglanz im hinteren Zipfel meiner Seele.

Teil V, ab 21.2.90

Die meisten meiner Nachbarn und Bekannte habe ich seit Monaten, ja eigentlich seit dem November nicht mehr gesehen. Keiner hat wen gebraucht. Das ist nun wohl wirklich der Westen.

Selbst hier am Rand von Dresden beginnen sich die Westautos zu vermehren. Ein Mercedes treibt mit der Stoßstange einen Trabant vor sich her.

Schon bald werden wir Mühe haben, uns die DDR selber zu erklären. An die neuen Verhältnisse angepaßt, werden wir uns fragen, wieso wir uns damals derart anpassen konnten.

Gerade Mangelerfahrung kann Identität stiften. So könnten wir, ob vielleicht doch gelegentlich wieder hervorbrechender Renitenz, plötzlich gefragt werden, was uns denn nun eigentlich noch fehle? Die Antwort wäre: Zu wenig.

Unterdessen beklagt Ibrahim Böhme, der kleine SPD-Chef von hier, mit empfindsamer Stimme, daß die Allianz Bananen ans Wahlvolk verteile, als wüßte er nicht, daß gegen Bananen nur noch mehr Bananen helfen.

Der Wahlkampf äußert sich im fortwährenden Ankleben, Überkleben und wieder Abreißen von Plakaten. Plakatsieger bleibt die Allianz. Wer sie wählt, glaubt mit den Roten am ehesten nie etwas zu tun gehabt zu haben.

Uwe ist längst aus Amerika zurück... am Ende stellt sich heraus, daß er von Amerika aus alles am besten beurteilen konnte. Und er hat recht: Dabeigewesensein macht dumm.

...Opportunismus und Schläue, indem der Zeitgeist Woche für Woche mehr und doch nur immer gerade das Nächstliegende verlangt.

Wolfgang Schnur vom Demokratischen Aufbruch soll auch bei der Staatssicherheit gewesen sein. BLOSS GUT, ICH NICHT.

Eigentlich ist es Judas, der die Schuld der anderen auf sich nimmt.

Messe in Leipzig. Die langjährige Zufriedenheitsbockwurst für 0,85 M korrespondiert mit der Westpizza für 7.- M...

Immer noch ein Tag bis zur Wahl. Dann, gegen Abend, gehe ich los, um in der Nachbarschaft wenigstens noch eine Seele zu retten.
-"Es muß jetzt schnell gehen, Thomas."
-"Aber bitte. Gerade wer auf den Hund gekommen ist, darf sich nicht ausliefern."
-"Ja, Thomas. Es muß jetzt schnell gehen."