Pittsburgh (23.6.-30.6.2004)

 

 

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Die erste Hälfte des Jahres sah ziemlich trübe aus hinsichtlich Reisens und so hatte ich mich schon eine geraume Zeit auf die Reisesaison (den Sommer) gefreut. Nachdem ich meine comprehensive exams geschrieben hatte (und, wie ich vor wenigen Tagen erfahren habe, bestanden habe), war die erste Station Pittsburgh in Pennsylvania. Viel habe ich mit diesem Namen nicht assoziiert, außer daß von dort mein Advisor vor drei Jahren weggelockt worden war. Anlaß der Reise war eine kleinere Konferenz – so langsam werde ich mich darauf einstellen, daß meine Reisen mehr dienstlich sein werden als in der Vergangenheit. Das hat Vorteile (man kann eine Reisekostenabrechnung machen), aber auch Nachteile. Zu letzteren gehört, daß man sich den Ort nicht immer aussuchen kann, daß man immer ein bißchen das Gefühl hat, „im Dienst“ zu sein, und daß man eine ganze Menge Kram mit sich rumschleppen muß (Computer, bessere Klamotten etc.). Als Resultat sind solche Trips eher Städtebesichtigungen, die nicht über die eigentlichen Stadtgrenzen hinausgehen. Aber immerhin.

 

Ich flog also einige Tage eher schon nach Pittsburgh, um freie Zeit zu Stadterkundungen zu haben. Ich startete recht zeitig auf dem kleinen aber ständig wachsenden Flughafen Raleigh-Durham und war ganz aufgeregt, als ich am Gate las, daß die Airline Freiwillige sucht, die einen anderen Flug nehmen können, da der gebuchte überbucht ist. Das gibt ein Freiticket! Groß die Enttäuschung, als meine Freiwilligkeit am Ende doch nicht gebraucht wurde... Und ich erlebte hautnah, daß ein irrelevantes Geschehnis die menschliche Stimmung für eine ganze Weile bestimmen kann – losses loom larger than gains. Der Flug war kurz aber recht interessant. Einige Sitze neben mir saß ein vielleicht zwölfjähriger Junge mit einem großen organgen Aufkleber auf der Brust „PIT“. Er war ein „UM“ – ein unbegleiteter Minderjähriger, dem die besondere Aufmerksamkeit der Flugbegleiter zuteil wurde. Als ich das so sah, wurde mir bewußt, wie spät ich mit dem Fliegen angefangen habe (der erste war 96 mit Jette nach Ägypten :) und wie ich nun doch mit der Zeit schon eine ganze Ecke rumgekommen bin (dies war mein 103ter Flugabschnitt :). Solche Gedanken erinnern einen auch daran, daß man immer wieder mit großer Aufmerksamkeit und Dankbarkeit dem Neuen begegnen sollte...

Die Landschaft unter mir mutete fast deutsch an; sie war ziemlich hügelig und es dominierten grüne Wälder und verschiedenfarbige Feldflecken. Noch mehr Schwung verliehen dunkle Flüsse, die sich scheinbar ungezwungen durch die Landschaft schlängelten. Die grünen Waldflächen immer wieder unterbrochen von raupenfraßartigen Strukturen, den an kleinen Strassen aufgefädelten Häusern mit ihren gelbgrauen Betoneinfahrten; auffällig hier die große Anzahl von kleinen blauen Pools überall. Eigentlich sind wir doch im Norden!? Von der industriellen Vergangenheit Pittsburghs war fast nichts zu sehen. Am Ende war der Flug gekrönt von einem wunderbaren Ausblick auf die Stadt, der mich dann auch das Freiticket vergessen ließ. Diesmal habe ich halbheimlich abgedrückt – ich weiß immer noch nicht, ob man das eigentlich während des Starts und der Landung darf.

 

Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, daß der kleine klapprige Bus wirklich der X28-Airport Flyer war, saß ich in selbigem und brauste der Stadt entgegen. Das dauerte immerhin fast eine Stunde, einer der vielen nutzlosen Gedanken wahrend dieser Zeit war, daß dieser Busfahrer hier jeden Tag seine Arbeit verrichtet, und ich einfach so hineinplatze für eine kurze Stippvisite, um dann auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden... da treffen sich zwei Menschen am selben Ort, für die dieser Ort doch eine so unterschiedliche Bedeutung hat. Einen Teil der Strecke legten wir auf Strassen zurück, die nur für Busse zugänglich sind, so was habe ich noch nie gesehen... der Zweck ist mir auch ein bißchen unklar geblieben. Der Busfahrer sammelte unterwegs noch einige Angestellte anliegender Malls ein, und bald sah ich die Hochhäuser der Innenstadt vor mir. Bis auf ein zwei Ausnahmen waren sie ausdruckslos und hätten auch in jeder anderen der amerikanischen Großstädte stehen können. Ich bat den Busfahrer, mir ein Zeichen zu geben, wenn wir an der CMU angekommen sind, der Carnegie-Mellon University. CMU liegt östlich der Innenstadt, und auf dem Weg passierten wir gleich eine ganze Reihe anderer Universitäten, darunter „PITT“, die größere University of Pittsburgh. Die Gebäude hier sahen schon interessanter aus... Als ich dann mit Sack und Pack vor meinem Studentenwohnheim stand rührte sich nichts, und erst nach einigen Telefonaten über die an den Türen angebrachten Telefonkästen wurde mir gesagt, wo ich mich zu melden hätte... Eine Stunde später schließlich konnte ich mein etwas muffiges Zimmer im Untergeschoß des 1918 gebauten Gebäudes beziehen. Aber wenigstens war es hier schön kühl, während draußen fast südstaatliche Temperaturen herrschten. Um den Tag voll auszunutzen, machte ich mich gleich auf den Weg in die Innenstadt – diesmal zu Fuß. So würde ich den besten Eindruck gewinnen, wo alles ist und wie es sich hier in Pittsburgh fühlt. Zuerst sah ich so den Unicampus; gleich neben meinem Haus ein paar niedliche China-Imbißwagen, auf deren Dienste ich erst mal verzichtete, da ich noch Reiseproviant übrig hatte. Der CMU Campus ist nicht sehr groß und hat den Mix von Alt und Neu zumeist gut hinbekommen. Besonders schön die große Wiese mit vielen Sitzgelegenheiten und Blick auf die Tennisplätze. Dort auch der berühmte „Zaun“ mitten auf offener Fläche. Dieser Betonzaun wird ständig von Studenten mit Nachrichten übermalt und wechselt so oft sein Aussehen. Ich hab ihn in blau, Gelb und Schwarz gesehen. Damit das Anmalen überhaupt Sinn macht, darf nur in der Nacht gemalt werden – den Tag über ist das Kunstwerk also geschützt und jeder kann die Nachrichten zur Kenntnis nehmen. Dann verließ ich den Campus und machte mich auf der Forbes Avenue auf den Weg zur Downtown. Einen ersten Stop legte ich an der Cathedral of Learning ein – einem Hochhaus im gotischen Stil, welches in den 30er Jahren als Hauptgebäude der University of Pittsburgh gebaut wurde. Die zu Füßen liegende Heinz-Chapel wurde von dem Kollos geradezu entwürdigt. Heinz ist übrigens der selbe Heinz wie der Ketchup, und würde mir in der Heimatstadt dieser roten Sauce noch öfters begegnen. Ähnlich wie die Herren Carnegie (ein Stahlindustrieller) und Mellon (ein Bankier) hat Heinz hier einer ganzen Reihe von Einrichtungen seinen Namen (und sein Geld) gegeben. Das Innere der Chapel kann mit Duke nicht mithalten, die Cathedral allerdings hat mich stark beeindruckt. Die untersten drei Stockwerke formen eine riesige gotische Halle, die als Lesesaal dient und rund um die Uhr offen ist. Touristen lassen sich auch schon mal in einem der Holzthron ablichten. Berühmt ist die Cathedral außerdem für ihre „nationality rooms“, Raume, die im Stile verschiedener Kulturen eingerichtet sind. Das Spektrum reicht von japanisch über skandinavisch bis hin zu indisch; was schön anzusehen ist, dürfte aber zum Studieren recht unbequem sein. Vom 36ten Stock aus bietet sich dann ein guter Überblick über die weitere Umgebung von Pittsburgh, gleich nahebei ist der Campus von CMU, weiter weg die Silhouette der Downtown. Dort lenkte ich nun meine Schritte hin. Die Unis liegen im Stadtteil Oakland, der zwar nicht besonders edel ist, aber wenigstens auch nicht furchterregend wirkt. Vor dem Souvenirladen der Uni sah ich einen Jugendlichen mit einer Liste in der Hand mir entgegenfiebern. Gern hätte ich ihm geholfen, aber auf seine Frage „Sind Sie zum Wählen registriert?“ mußte ich leider antworten, daß ich in den USA nicht wählen kann. So richtig klar ist mir immer noch nicht, was es mit dieser Registrierung auf sich hat – vermutlich dient sie dazu, Leute vom Wählen abzuschrecken...

Irgendwo auf dem Weg passierte ich das Health Department, vor dem ein schwarzer Jugendlicher auf den Stufen saß und vor sich einen Stapel Broschüren liegen hatte, oben drauf eine mit dem Titel „Syphilis“. Bald wurde die Gegend immer schäbiger und der Fußweg immer schmaler. Bis er ohne Vorwarnung an einem schnuddeligen Bürohaus aufhörte. Also drehte ich um, passierte wieder den auf der Strasse herumlungernden älteren Mann, ohne ihn mit einem Blick zur Kontaktaufnahme einzuladen, und versuchte dann auf einer Parallelstrasse mein Glück. Die Gegend sieht heftig heruntergekommen aus, viele Häuser scheinen unbewohnt und dem Verfall überlassen. An einem Balkon hängt ein halb zugewachsenes „NO WAR“ Schild... welchen meinten die Bewohner? Ein stattliches altes Gebäude trug die Inschrift „High School“, seine Fenster waren aber mit Brettern vernagelt und auf dem benachbarten Parkplatz faulte ein grünes Sofa vor sich hin. Der Leser dürfte erraten haben, daß die meisten Gesichter in dieser Gegend schwarz waren. Und als ob diese Menschen es hier nicht schon schwer genug hätten, kostet das Benzin an der Tankstelle gleich 20 Cents mehr als andernorts (2.08 Dollar statt 1.89 per gallon=3.8 Liter). Bald hellte sich die Gegend etwas auf, und ich erreichte nach rund anderthalb Stunden die Innenstadt. Verfallene Ziegelbauten wurden von glänzenden Fassaden abgelöst, wobei mir erstere interessanter erschienen. Wenn man genauer hinschaut, entdeckt man allerdings auch einige ältere Gebäude, die von guten alten Zeiten zeugen, als Pittsburgh der weltweit größte Stahlproduzent war. Damals erblickte man zwar die Sonne kaum, doch die Industrie schaffte einigen Reichtum in der Stadt. Leute wie Carnegie haben einen Teil davon der Allgemeinheit zukommen lassen, zum Beispiel in der Form von Unis und Bibliotheken. Heute muß man scheinbar etwas mehr sparen. Erschöpft und magenknurrend entdeckte ich einen McDonald’s, in dem ich mir neue Lebenskräfte holte. Selten habe ich wohl den Anblick des Fastfood-Kette so willkommen geheißen. Dann stieß ich bis zur Point State Park vor, der Spitze des „golden triangle“. Nicht besonders romantisch, wird dieser Park von Highways umrahmt aber bietet doch wenigstens etwas Grün im Großstadtwald. An der Spitze des Parks erhebt sich eine riesige Fontäne, welche die Stadt in ein milderes und bunteres Licht taucht, und gleichzeitig Platz für ein Sonnenbad bietet. Eingeschlossen von drei Flüssen (Ohio River, Allegheny River und Monongahela River) bietet der Park auch einen idealen Aussichtspunkt auf die umliegende Umgebung wie das Heinz Footballstadium oder den Stadtteil Mount Washington. Nach einer kleinen Pause machte ich mich daran, den Häuserwald etwas näher zu erkunden. Inmitten der unzähligen glitzernden Alufassaden des Gateway Center promeniert ein Betrunkener an den Blumenrabatten entlang und begrüßt eine Frau in Nadelstreifen mit einem freundlichen „How are you, Madam?“. Keiner der beiden schien wirklich eine Antwort zu erwarten. Wenn mein Weg einen Penner kreuzt, dann vermeide ich Blickkontakt, und wenn das nicht hilft, murmle ich ein „no, sorry“. Schuldig?

 

Die Innenstadt ist ein Durcheinander von Alt und Neu, viel des Alten ist heruntergekommen, einiges ist vorgerichtet und dem Konsum gewidmet. Die Menschen hier scheinen sich in diesem Wirrwar zurecht zu finden... Sofort aufgefallen ist mir, daß Ampeln für Fußgänger hier ignoriert werden, man marschiert wann immer man eine Lücke entdeckt. Manche Autofahrer lassen sich einschüchtern und bleiben selbst stehen wenn sie Grün haben, während andere eher auf Fußgängerjagd gehen. Nach einer kurzen Beobachtungszeit hatte auch ich mich langsam den Gepflogenheiten angepaßt und verspürte fast so etwas wie ein Gefühl der Freiheit... In der nördlichen Ecke der Innenstadt mischten sich am Nachmittag unter die „normalen“ Menschen auch wunderlich bekleidete: karierte Hosen und weiße Oberteile. Und einige Ecken weiter entdeckte ich ihr „Nest“, das Pennsylvania Culinary Institute. Durch ein Schaufenster sah ich einen großen Raum voller Schüsseln und Töpfe, und an einem Tisch saßen noch Schüler und formten Marzipanmännchen. Langsam wurde es Abend, und die Farben wurden intensiver. Es war Zeit, sich nach einem Platz umzuschauen, von dem aus ein eindrucksvoller Sonnenuntergang zu erleben war. Ich erkor den Mount Washington auf der Südseite der Stadt. Ich lief über eine der vielen gelben Brücken zum Station Square, einem in ein Einkaufszentrum verwandelten Bahnhof. An den unzähligen Restaurants und Läden rattern noch immer Güterzüge mit Kohlewaggons entlang. Wichtiger aber, der Station Square ist Ausgangspunkt der „Incline“, einer Standseilbahn auf den Mt. Washington. Von oben bot sich ein schöner Überblick über die Gegend. Vor mir die Innenstadt, umrahmt von den Flüssen und verbunden über die vielen Brücken. Weiter am Horizont die Cathedral of Learning, nahe der meine Wanderung begonnen hatte – so langsam spürte ich die Entfernung auch physisch in meinen lahmen Knochen. Auf dem Berg hatten die Stadtväter mehrere Aussichtsplattformen installiert, wo sich nun Touristen wie Einheimische die Abendstimmung genossen. Fast jeder hat einen Fotoapparat, manche die zum Wegwerfen, andere die auf drei Beinen. Leute fotografieren sich abwechselnd, und auch ich wurde von einer Familie eingespannt, diesen Anblick auf Plastik zu bannen. Der Deutsche hielt besonders lange aus und verfolgte, wie sich die Stimmung wandelte, als der Abend fortschritt. Gegen 9 erschallte aus dem Turm einer kleinen Kirche das Big-Ben Geläut, und die Türme der Stadt begannen zu leuchten. Die Hochhäuser, deren verspiegelte Fenster tagsüber das Innere geheimhalten, verwandeln sich in der Nacht in kleine Puppenstuben, die freizügige Einblicke gestatten. Jeden Abend wiederholt sich hier dieses Schauspiel, aber für mich ist es doch etwas besonderes und ich habe es in mich „hineingetrunken“ wie meine Oma sagen würde. Bevor ich mich wieder auf die Abfahrt machte, stattete ich noch dem Kirchlein auf dem Berge einen Besuch ab. Über der Tür kündigte eine laufende Leuchtschrift die nächsten Veranstaltungen an, und im Vorraum hing eine lange Liste voller handgeschriebener Namen mit der Überschrift „Pray for our heroes in military service“. Vor 9/11 hätte ich nie gedacht, daß Krieg in unseren Breiten noch mal zu einem aktuellen Thema werden würde… Der Bus brachte mich in der Nacht dann schnell wieder zurück zur Uni, ich stattete der Cathedral einen kurzen Besuch ab (um zu sehen, ob sie wirklich rund um die Uhr offen ist) und fiel dann erschöpft in mein Bett.

 

Am nächsten Morgen machte ich mich auf zum Carnegie Museum. Davon gibt es gleich vier in der Stadt, eines für Art, eines für Natural History, das Andy Warhol Museum, und das Carnegie Science Center. Art und Natural History sind gleich nebeneinander einige Schritte vom CMU Campus entfernt. Das Art Museum ist nicht gerade groß, aber hat von allem etwas – drei griechische Keramiken, eine ägyptische Statue, ein paar französische Impressionisten, etc. Eigentlich keine schlechte Idee, da wird der Besucher nicht überladen und kann dennoch die ganze breite der Kultur kennenlernen. Bildung wird hier groß geschrieben, an mehreren Stellen im Museum saßen Kinder und malten Dinge ab oder diskutierten Bilder. Wirklich interessant war eine Ausstellung zu mittelalterlicher Druckkunst, wo ich etwas mehr über die Gutenberg-Bibel und Albrecht Dürers Graphiken lernte. Auch beeindruckend eine Sonderausstellung zu deutschen Expressionisten, darunter Brücke Maler und Käthe Kollwitz mit ihren beeindruckend traurigen Zeichnungen über den Tod.  In der Architekturhalle war ich erst erstaunt von den riesigen Ausstellungsstücken... da war eine französische Kathedralenwand, dort ein Stuck römischen Tempels. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppte sich alles als Gipskopien. Wie auf den Ausstellungstafeln zu lesen war, waren Kopien weit verbreitet im frühen 20ten Jahrhundert, heute aber sind sie eher verpönt. Carnegie hat sich seine Stücke erhalten und nun eine der größten Sammlungen. Als Alternative zu nichts ist Gips wirklich die bessere Wahl scheint mir. Echter ging es im Museum of Natural History zu. Carnegie hat eine beeindruckende Mineraliensammlung, die auch einige Exponate der Stahlgeschichte der Stadt widmet. Kohle und Eisenerze trafen hier glücklich zusammen (und wahrscheinlich das Wasser der Flüsse), um die riesige Stahlindustrie aufzubauen. Außerdem hat das Museum angeblich den komplettesten Dinosaurier aufzuweisen – die Stadt scheint darauf besonders stolz, und Saurierplastiken bevölkern viele Strassen und Plätze.

 

Am Nachmittag war einer meiner Kommilitonen für die Konferenz eingetroffen und wir erkundeten die Business School an CMU, die sich gerade in „Tepper“ umbenannt hatte. Alles erschien mir etwas verschlossener und kleiner als an Fuqua, aber es ist glaub ich fast ein Naturgesetz, daß man sich zu Hause am wohlsten fühlt. Nun da ich mein comps hinter mich gebracht habe und schnurstracks auf die Dissertation zuarbeite, sollte ich mir dennoch so langsam Gedanken machen, wo ich hinwill... doch diese langfristigen Planungen widerstreben mir. Bisher bin ich eher immer von einem glücklichen Umstand in den nächsten geraten – ob ich mich weiterhin darauf verlassen will? Abends dann liefen wir zum Neighbourhood „Shadyside“, einer wirklich schönen Ecke unweit der Uni, welche die Armut der Downtown vergessen machte. Auf dem Weg schöne große Häuser in viel Grün, und im Herzen von Shadyside viele nette Lädchen und Restaurant. In einem ließen wir uns gemeinsam mit unserem Professor nieder und genossen ein Dinner, wenngleich unser Prof über den Grashüpfer in seinem Salat etwas erstaunt war – und dafür das Tuna Filet umsonst bekam. Wir kamen gerade rechtzeitig zurück zum Campus, um ihn in einer schönen Abendstimmung zu erwischen.

 

Am nächsten Tag rief mich zuerst die Natur – ich machte mich auf den Weg zum „Phipps Conservatory“, dem lokalen botanischen Garten. Ich verlief mich erst mal gehörig, doch lernte auf diesem Wege die Nachbarschaft besser kennen. An einem Postamt fragte ich einen Rauchpause machenden Postarbeiter nach dem Weg und er half mir gern weiter – ich müsse wieder zurück und dann rechts... Mein Vorschlag, durch den Wald zu gehen quittierte er mit „no, you don’t wanna do that“. Endlich landete ich im Phipps. Hauptattraktion ist ein Gewächshauskomplex, draußen hab ich kaum was Interessantes entdeckt. Drinnen aber ein Raum mit Schmetterlingen inklusive Schlupfanlage, eine Sammlung von tropischen Nutzpflanzen, und eine schöne Orchideensammlung. Etwas überrascht war ich über die teilweise stillosen Arrangements in einigen Hallen: eine war ein Mix aus Hibiskuspflanzen in grüner Petersilie, eine andere ein etwas kitschiger viktorianischer Garten. Wozu brauchen wir dafür ein teures Conservatorium? Höhepunkt war wohl ein programmierbarer „interaktiver“ Brunnen. Ein Engineering Professor einer Uni hier hatte ihn gemeinsam mit Studenten auf die Beine gestellt und erinnert die Besucher damit daran, daß Pittsburghs Unis besonders stark in Science und Technology sind. Es dauerte eine Weile, bis ich endlich an die Knöpfe kam, da fast jeder eintretende Besucher sich sofort daran versuchte, ohne zu Bedenken, daß ich bescheiden darauf wartete, auch mal dranzukommen :(. Phipps liegt im größeren Schenley Park, dem ich mich nur noch kurz widmete, da der Park überall von lauten Strassen durchsägt scheint, was mir etwas mißfiel. Das über einen Tunnel zu erreichende offizielle Schwimmbad machte denn auch eher den Eindruck einer Pfütze inmitten eines Autobahnkreuzes. Traurig eigentlich, haben doch bestimmt viele Villen der Umgebung schönere Planschbecken. Vorbei an einem Denkmal für Herrn Westinghouse, den Gründer des riesigen Technologiegiganten kam ich zurück auf den Campus, schnappte mir was zu Essen in einem der kleinen chinesischen Eßwagen und machte es mir auf einer Campusbank gemütlich.

 

Nach einem Schläfchen ging es wieder ab zur Downtown, irgendwie hatte ich das Gefühl, wichtige Dinge hier noch nicht gesehen zu haben. Das mag auch daran gelegen haben, daß ich keinen Reiseführer von Pittsburgh hatte und Webseiten wenig Auskunft gegeben hatten. So also fuhr ich mit dem Bus ins Zentrum, fand einen Barnes & Noble Bookstore, und setzte mich bei einem Erdbeer-shake mit einem Lonely Planet Buch in die Kaffee-Ecke. Diese Kombination von Buch und Cafe ist eine sehr gute Erfindung, man muß nicht immer alles gleich kaufen und kann sich in aller Ruhe ins Lesen vertiefen. Ganz so ruhig war es für mich allerdings nicht, da direkt neben mir zwei Männer ausführlich über Religion philosophierten. Einer sah aus wie ein griechischer Priester, der andere wie ein durchschnittlicher Ami. Tatsächlich schien es, als wäre der zweite zu einer Art Bekehrungsgespräch hier. Trotz dieser ungewöhnlichen Nachbarschaft (wer redet sonst schon noch intensiv über Religion?) kritzelte ich mir ein paar Sehenswürdigkeiten auf einen Zettel und machte mich schließlich auf den Weg. Dieser führte vorbei an dunklen Gassen, durch die ich lieber nicht bei Nacht laufen möchte. Wieder erblickte ich überall die Kontraste zwischen alt und neu, und ich war erstaunt darüber, daß die Leute an den Bushaltestellen sich hier oft ordentlich in einer Reihe anstellen. Das hatte ich glaub ich zum letzten Mal in Oxford gesehen.

Auf einer der preisgekrönten Brücken (sie alle trugen Plaketten wie „schönste Stahlbrücke des Jahres 1927“) überquerte ich den Allegheny River nördlich des Stadtzentrum und kam in (noch) weniger touristisches Gebiet. Männer umstanden schwatzend ihre Autos, und das Adult Entertainment Kino Garden lockte die Besucher. Für einen Moment dachte ich wirklich darüber nach, dort vorbeizuschauen, verzichtete dann aber doch darauf. Zu wenig kenne ich mich aus mit all den Dingen hier... Vorbei an einigen geschlossenen Museen schleppte ich mich mit letzter Kraft zu einem kleinen Stadtpark, wo ich zu meiner Überraschung viele Jugendliche Frisbee und Football spielen sah; sie paßten so gar nicht in die eher schwarze Umgebung. Die Nähe der YMCA (christliche Jugendherberge) erklärte dies dann und für eine Weile rastete ich auf dem Brunnenrand und beobachtete das bunte Treiben. Zurück zur Innenstadt passierte ich das Stadion der Pirates, des lokalen Baseball Teams. Groß und leer präsentierte es sich dem Besucher, und ich fragte einen Wachmann bißchen aus... Nur ein zwei mal habe man die 40 000 Plätze bisher füllen können, wenn Feuerwerke veranstaltet werden, sind die Spiele meist besonders gut besucht. Das nächste sei in einer Woche.

 

Nach diesen ersten Tagen der Stadterkundung wurde es ernst: die Konferenz zu computational organizational modeling begann. Ich hielt meinen Vortrag gleich am ersten Vormittag und hatte es damit schnell hinter mir. Von da an konnte ich mir interessante Session aussuchen, oder auch mal ein kleines Päuschen einlegen. Die offiziellen Pausen waren meist mit Essen und angeregten Gesprächen gefüllt, wobei sich ein kleines aber feines internationales PhD-student Grüppchen gebildet hatte. Es enthielt eine Chinesin, einen Iraner, einen Türken, zwei Holländer, und zwei Deutsche. Da die Holländer zu diesem Zeitpunkt noch nicht aus der EM ausgeschieden waren, mußte ich mir mehrmals Neckereien anhören, doch angesichts meines Desinteresses an Fußball hat mir das nicht besonders weh getan. Die Konferenz fand im Engineering Gebäude der Uni statt, und die Wände der Gänge waren mit den Bildern der hiesigen Studenten geschmückt. Wir machten uns einen Spaß daraus, die „attraktivsten“ zu entdecken, wobei wir gleichzeitig einen Eindruck von der Völkervielfalt bekamen. Am ersten Abend führte ich dann unsere kleine Gruppe ins Shadyside Area, wo wir uns ein bißchen umguckten und dann in einer Kneipe abstiegen. Die Gruppe löste sich dann in Trinkfestigkeitsstufen auf und wir machten uns auf nach Hause.

 

Am letzten Tag der Konferenz nahmen wir uns den Nachmittag frei und fuhren nochmals mit dem Bus in die Downtown. Im Bus war wieder Gelegenheit, die Leute zu beobachten, so wie die Großmutter mit ihrem Enkelchen. Wir statteten dann dem Court House einen Besuch ab, in welches wir erst nach flughafenähnlicher Sicherheitskontrolle eingelassen wurden. Der Innenhof hatte einen schönen Brunnen, und innen eigneten sich die Wandmalereien als Hintergrund für Heldenportraits. Anders eindrucksvoll ist das Alcoa Hochhaus; der Aluminium-Konzern hat dieses Gebäude fast ganz aus Alu gebaut, und so schimmert es blaugrau in der Sonne. Am liebsten hätten die wohl die Fenster ganz weg gelassen. Wir statteten dem Two Mellon Bank Center mit seiner eindrucksvollen Kuppel einen Besuch ab, ließen eine Infobroschüre den altmodischen Postschlitz in der Wand hinuntergleiten, und machten uns dann auf zum späten Mittagessen auf der South-Side unterhalb des Mt. Washington. Im mir schon bekannten Station Square ließen wir uns nieder und genossen bei herrlicher Sonne das Essen und den Blick auf die Stadt. Auf dem Rückweg beobachteten wir, wie die Kinder am Station Square Brunnen die zur Musik tanzenden Fontainen auszutricksen suchten, wie andere Kinder selbiges am PPG Place mit seinen gotisch anmutenden Glasfassaden versuchten, und wie sich am Market Square eher der ärmere Teil der Gesellschaft die Zeit vertrieb.

Als wir reumütig zur Konferenz zurückkehrten, war diese gerade zu Ende, ein Stromausfall hatte selbiges noch beschleunigt.

 

Während die anderen eine Pause machten, guckte ich mich im benachbarten „Squirrel Hill“ um, welches einen sehr angenehmen Eindruck machte. Es ist laut Reiseführer ein jüdisches Viertel (inklusive einer Synagoge), doch ich entdeckte hauptsächlich Studenten. Die Unis hier scheinen einen hohen Anteil Asiaten zu haben, zumindest im Vergleich mit Duke; vielleicht sind sie aber auch die einzigen, die den Sommer über an der Uni bleiben. Den letzten Abend dann verbrachte ich mit zwei übriggebliebenen Konferenzteilnehmern. Wir erklommen nochmals die Cathedral of Learning (mit Fahrstuhl natürlich), um einen abendlichen Blick auf die Stadt zu erhaschen. Unten passierten wir ballspielende Studenten, oben trafen wir auf einen jungen Inder, der uns schamlos ausfragte und nicht zögerte, uns davon überzeugen zu wollen, daß alle Moslems an 9/11 schuld seien... Wir entkamen schließlich und ließen uns nach vergeblicher Suche nach einem Kino in einem chinesischen Restaurant nieder. Nach leckerem Abendmahl gab es noch einen Kaffe im gemütlichen Coffee Shop an der Craig Street, einer Ansammlung studentischer Kneipen, Restaurants, und Lädchen. Wir philosophierten über die vergangenen Tage, und als der Shop um 11 schloß, machten wir uns auf den Weg nach Hause.

 

Am nächsten Morgen hielt ich einen letzten Plausch mit meinem deutschen Mitbewohner, der hier mit großem Einsatz das deutsche Gedankentum verteidigte (z.B. Luhmann, von dem ich in den USA noch nichts gehört habe) und machte mich dann auf den Weg zum Flughafen. Dort angekommen druckte mir der Check-in Automat doch tatsächlich keine Bordkarte aus! Als ich den Grund hörte, beschwerte ich mich nicht... der Flug war schon wieder überbucht. Mit absichtlich gedrosselter Hoffnung fand ich mich am Gate ein und fragte unschuldig wann ich denn mein seat-assignment bekäme. Der Flug war noch nicht offiziell überfüllt und „Volunteers“ waren noch nicht gesucht, doch nach lieb gucken und einigem Hin-und-Her bekam ich einen Flug in einer anderen Maschine – und ein Freiticket! Yayy, nun muß ich mir den Kopf zerbrechen, wo es als nächstes hingehen soll :). Im Wartebereich saß mir gegenüber eine füllige Dame, die sich an das Buch „Curves – permanent weight loss without permanent dieting“ klammerte. Mir knurrte nach einiger Wartezeit der Magen so stark, daß ich mir für ein freches Geld einen Bagel mit Truthahn kaufte – doch die Uni zahlt ja. Endlich saß ich in meinem Flieger und flog nach Haus. Unter mir ein dichter Wolkenteppich, dessen Glätte nur ab und zu von Brüchen durchzogen war, die fast an Gletscherspalten erinnerten. Kurz vor Charlotte wurde es „turbulent“, das Flugzeug schaukelte heftig, und ich bemerkte, wie ringsum die Sicherheitsgurte klapperten, die vorher nicht auf das Anschnallzeichen reagiert hatten. Ich hätte ruhig noch ein bißchen mehr Achterbahnfahrt vertragen, aber man soll das Schicksal ja nicht herausfordern. Und wer weiß, was mich auf meiner nächsten Reise erwartet, in nur 6 Tagen, über den Ozean...

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