Seattle (31.07.-11.08.2003)

 

 

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Kaum war ich aus dem Osten (also Europa) wieder nach Duke zurückgekehrt, verschlug es mich in den äußersten Nordwesten, nach Seattle im Staate Washington. Dort war für Anfang August die Konferenz der Academy of Management (AoM) angesetzt, ein Muß für jeden angehenden Forscher in Management. Ich packte also meinen großen Rucksack diesmal mit überdurchschnittlich vielen Hemden und drei Paar Schuhen und machte mich auf den Weg. Zwischenstopp war in Atlanta, wo uns wieder eine wunderbare Silhouette der Stadt aus der Ferne grüßte. Dann warteten wir mit 60 anderen Flugzeugen auf eine Starterlaubnis nach Seattle, die uns ob der Gewitterfront von Westen lange nicht erteilt wurde. Leider hatte ich auf meinen Flügen bisher selten das Glück, mich mit meinen Sitznachbarn in interessante Gespräche verwickeln zu können... Aber zumindest für den Anfang haben die Magazine der Fluggesellschaften doch einigen Lesestoff zu bieten. Etwas verschnupft war ich darüber, daß wir für den mehr als 5-stündigen Flug nur ein „Little Blue Bag“ bekamen (d.h. sich jeder eins beim Einsteigen aus einer Großen Kiste nehmen durfte). Das Little Blue Bag ist eine Plastetüte mit einer belegten Semmel, zwei Keksen, einer Tüte Chips und  einer kleinen Flasche Wasser. So sparen sich die Fluggesellschaften nun das Essen quasi vollkommen... daß man kein Weinchen mehr bekommt und 5 Dollar für einen Film bezahlen muß, daran hatte ich mich ja schon gewöhnt. Aber nicht nur war das Little Blue Bag zu little für meinen großen Magen, auch fehlte nun jede Ordnung während des Fluges, so daß es ständig knisterte und nach matschiger Semmel duftete. Es kostete mich einige Überwindung, die meinige endlich auszupacken, das schlechte Gewissen meiner lesenden Beisitzerin gegenüber hatte mich eine ganze Weile davon abgehalten. Über den Niedergang der Luftfahrt sinnierend und gelegentlich einige Seiten in meinem Büchlein über klares Schreiben lesend flog ich also der Westküste entgegen. Doch welche Wunder entdeckte ich da! Kurz vor Seattle erstreckte sich unter uns eine atemberaubende Bergwelt bei vollkommen klarer Sicht. Aus den endlosen Bergketten erhoben sich einige Giganten mit weißen Mützen, die in ihrer Zeitlosigkeit nichts von den Hitzetoten in Europa gehört zu haben schienen. Meine Nachbarin (mit der ich in Hawaii doch ein für mehrere Minuten verbindendes Thema gefunden hatte) erklärte mir, daß wir gleich da seien und der größte der Berge hier der sagenhafte Mount Rainier sei, der bei Glück als atemberaubende Kulisse für die Wolkenkratzerskyline der Stadt zu sehen sei. Wir kamen Abends in Seattle an (3 Stunden Zeitverschiebung zu North Carolina), nach einigem Suchen fand ich auch den Bus in die Innenstadt und war über die Bequemlichkeit der Verbindung und den Preis (1.25 $) hocherfreut.

 

Seattle ist von Wasser umgeben und schließt so manchen See ein. Mein International Youth Hostel lag direkt an der „Waterfront“ und aus dem Aufenthaltsraum heraus hatte ich einen Blick auf den Puget Sound, das „Hauptwasser“ sozusagen. Nachdem ich mich für ein Heiden Geld eingecheckt hatte (26 Dollar die Nacht), machte ich mich gleich auf ans Wasser. Nach wenigen Schritten stand ich an einem der vielen Piers, die heute vor allem Restaurants und Touristenfallen beherbergen. Aber auch einen wunderschönen Blick bieten. Auf dem Wasser zogen die Lichter der Boote und Fähren still ihre Bahnen, und gegenüber legte sich die Sonne hinter den Olympic Mountains zur Ruhe. Mit mir einige Familien und Ehepaare, vor allem aber Obdachlose, die sich hier auf den Bänken der Waterfront ein fast schon beneidenswertes Plätzchen gesucht hatten. Zur Feier des Tages gönnte ich mir die Reste meines Reiseproviants (Wiener und Luftbrot), bevor ich in einer Automatenhölle der Spielsucht verfiel und unzählige Quarters (25 cent Stücke) auf der Jagd nach ein paar bunten Kaugummis in den Sand setzte. Über die Macht des Spiels sinnierend lief ich die Waterfront ab und lernte so die Stadt ein Stück weiter kennen. Die ersten Tage hier trug ich gelegentlich (trotz milder Temperaturen um 20-25°) einen Schal, weil ich das Halskratzen ungern in einen Infekt ausarten lassen wollte – vor allem in einem Konferenzraum ist eine laufende Nase was zum Rauslaufen. Bewaffnet mit meinen Wollschal also genoß ich an diesem ersten Abend die wunderbaren Kombinationen von Himmel, Wasser, Erde und Mensch.

 

Während der Konferenz blieb mir nur Zeit für kleinere Stadterkundungen in den Pausen, doch auch in kurzer Zeit kann man viel sehen. Da wäre zuerst die Ampel gleich vor dem Hotel. Trotz des Großstadtflairs warten die Leute in Seattle an den Ampeln brav auf Grün. Allerdings nicht aus freiwilligem Gehorsam, sondern aus Angst vor Tickets, welche die Polizei angeblich auch an Fußgänger verteilt. Und so blieb ab und zu Zeit, sich in der großen Ampeltraube umzuschauen und die Namensschilder der Konferenzteilnehmer zu lesen. An manchen Ampeln wird es nie grün, wenn man vergißt, den großen Aluknopf zu drücken. Oft drückt deshalb jeder neu hinzukommende aus Sicherheit (und Mißtrauen) doch lieber noch mal.

Wie von Geisterhand geführt, landete ich auf meinen Stadtgängen immer wieder an bestimmten Ecken, doch mein Horizont erweiterte sich von Mal zu Mal. Seattle ist wie San Francisco auf Hügel gebaut, was zwar zu gelegentlichem Schwitzen führt, aber auch für einige wunderbare Aussichten sorgt. Immer wieder entdeckt man am Ende einer Häuserschlucht das Glitzern oder Grau des Wassers und je höher man steigt, desto atemberaubender werden die Perspektiven. Gleich neben meinem Hostel befindet sich der Pike Place Market, ein unüberschaubares Areal von kleinen Verkaufsständen und Souvenirläden. Am schönsten ist die große alte Markthalle, wo einem endlose Reihen von duftenden Blumensträußen den Atem verschlagen und Kisten mit Früchten der Felder und Fluren das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen. Vor allem aber findet sich hier der Reichtum des Meeres – Seattle verschickt Unmassen von Lachs, Krabben, Hummer und anderem „Sea Food“ in alle Welt. An den Fischständen sammeln sich die Touristen, weniger um einen der Lachse per Luftpost in die Heimat zu senden, sondern vor allem, um dem Verkaufsspektakel beizuwohnen. Ein Verkäufer wirft dabei unter „Ah“ und „Oh“ in Blitzlichtgewitter die ausgewählten Tiere quer über den Stand einem Kollegen zu, der sie kunstvoll für den Käufer verpackt. Natürlich kann man sich auch vor Ort verpflegen; am billigsten mit Fish and Chips. Ich leistete mir an einem lokalen Stand Shrimps mit Chips – währen die Shrimps wirklich gut schmeckten, waren die Chips eine matschige Schande und McDonalds schien mir ein Retter der Welt zu sein. Eine Beobachtung, die sich leider bei späteren Imbißbudenbesuchen bestätigen sollte. Gleich neben dem Markt befindet sich der kleine Steinbrueck-Park, der um die Mittagszeit mit Leuten vollgestopft ist; Manager und Obdachlose verzehren hier nebeneinander kaum unterscheidbares Essen, Kinder beobachten Schiffe durch die Fernrohre, und das dominierende Hintergrundgeräusch waren die Ausrufe eines Redners, der von Mensch zu Mensch lief und wahrscheinlich irgend eine Bekehrung als Ziel hatte.

Nach diesem Ausflug in die Welt des Marktlebens ging es auf zu meinen ersten Konferenz-Sessions. Gleich am ersten Tag verschlug es mich auf die Spitze des Sheraton-Hotels. Das Thema im dortigen Tagungssaal war zwar eigentlich nicht, was ich gesucht hatte, doch ich konnte es innerlich rechtfertigen, nahm Platz, horchte auf die Weisheiten der Professoren, lutschte ein Hustenbonbon, trank Eiswürfelwasser und bewunderte die Aussicht. Da ich ohnehin kaum sprechen konnte (aber die Nase blieb für immer trocken!), verzichtete ich an diesem Abend auf Networking mit anderen Konferenzteilnehmern und ließ mich wieder an die Waterfront spülen. Ich sprang auf das kleine Wassertaxi, welches in 8 Minuten die Elliot Bay überquert. Acht Minuten lang stand ich an der Reling des kleinen Schiffes, atmete den Dieselduft ein, ließ mir den salzigen Wind um die Nase wehen, sah die Stadt im Abendlicht immer kleiner werden, und sah ihn wieder – den Berg. Am anderen Ufer, in West Seattle, gesellte ich mich zu den fischenden Mexikanern. Schon in Los Angeles schien das Angeln den Mexikanern vorbehalten. Ich gewöhnte mich an das Blut und die hilflos zappelnden Fische auf dem Angelsteg, und bei Musik aus einem seetangbehangenen Kofferradio sah ich zu, wie sich die Stadt langsam in eine Lichterwand verwandelte. Aufruhr entstand für einen Augenblick, als ein Touristenkahn sich doch erdreistete, sich der Angelzone zu nähern, und der verirrte Kapitän wurde prompt mit wilden Gesten aus dem Heiligtum vertrieben. Dann herrschte wieder Angelruhe.

Pünktlich zur Abfahrt der Fähre stand ich wieder an der Reling, doch nichts bewegte sich. Motorschaden. Und so stand ein Grüppchen von Fährwilligen auf dem Bootssteg und es entfaltete sich ein soziologisches Schauspiel. Szene 1: die Kapitänin fischt zwei Seesterne aus dem Wasser und schenkt sie einem Jungen, der sie stolz zur Schau trägt. Langsam entfaltet sich das Umweltgewissen bei einigen Leuten, und eine Mutter beginnt die Überzeugungsarbeit „Der Seestern wird sterben!... er ist doch noch so klein... wie Du!“. Unter wachsendem Druck verzieht sich der Junge mit seinen Eltern ans andere Ende des Steges, entschlossen, seine Trophäen getrocknet mit nach Hause zu nehmen. Es entfaltete sich nun eine Diskussion über die Erziehungsmethoden (und Werte) seiner Eltern... bevor sich jedoch der geballte Tierschutzsinn gegen selbige entladen konnte, tauchte der Akteur der Szene 2 auf. Ein pitschnasser Junge mit einem algenverhangenen Fahrrad. Er rollte auf den Steg und möchte mit aufs Boot. Er habe seine Eltern verloren, sie seien auf der anderen Seite in einem Hotel und er wolle zu ihnen. „Fahrrad im Hotel?“ fragte ein cleverer Mann. „Nein, ich wohne doch hier in West Seattle“. „Warum wohnen Deine Eltern dann im Hotel?“... Doch keine der Fangfragen brachte den Jungen in Verlegenheit, immer abenteuerlichere Versionen dachte er sich aus, und die Erwachsenenwelt schien trotz umfangreicher Vorabendprogrammbildung in Gerichtsprozessen seiner nicht gewachsen. Ein tödlicher Umstand für den kleinen Seestern. Irgendwann sprang der Motor wieder an, und die Schiffbrüchigen fuhren (mit Radler und Seestern) dem nächtlichen Seattle entgegen.

 

In meiner nächsten Konferenzpause (nein, ich schwänzte nicht!) machte ich mich auf zum Pioneer Square, dem historischen Stadtzentrum. Alt ist natürlich nicht wirklich alt, die ersten europäischen Siedler kamen erst 1851 im heutigen Seattle an. Die Gegend um den Pioneer Square wird von Touristen und Obdachlosen belagert, wohl die einzigen Menschen, die sich die Zeit nehmen können, das alte Kopfsteinpflaster, den von den Indianern gestohlenen Totempfahl oder die mit Ornamenten verzierten Häuserfronten zu bewundern. In dieser touristischen Gegend gibt es auch eine Glasmanufaktur, in der man der Entstehung so manches Werkes beiwohnen kann. Die Glasmacherkunst steht hier in Seattle hoch im Kurs, nicht zuletzt dank der Lokalkoryphäe Dale Chihuly. Das Pioneer-Square Viertel ist leicht zu erlaufen, doch wer will, kann sich auch vollkommen als Tourist outen und in die historische Straßenbahn steigen, welche patriotisch die Waterfront auf und ab fährt. Interessanter aber dürfte die vertikale Fahrt in einem nicht weniger historischen Gefährt sein, dem Aufzug des Smith Towers. Dieses Hochhaus war der erste Wolkenkratzer der Stadt, erscheint heute in der Skyline jedoch eher wie ein weißer Zwerg. Dennoch machte ich mich auf den Weg zur Aussichtsplattform, von wo man sowohl die Innenstadt und die Hafengegend, als auch den Süden der Stadt mit seinen Autbahnen und den riesigen Stadien für Baseball (Seattle Mariners, hinten) und Football (Seattle Seahawks, vorn) betrachten kann. Die Bewohnerin des dreietagigen Penthouses in der Pyramide des Smith Tower hat diesen Blick nun jeden Tag... In der Lobby des Turmes trifft man übrigens auch auf Herrn Sealth. Er war der Häuptling der Indianer, die hier die europäischen Siedler herzlich empfangen, und ihnen über Jahre hinweg beim Überleben geholfen haben. Seattle dankt zwar noch heute diesem Häuptling mit seinem Namen (aus Sealth wurde Seattle), seinem Stamm hat die Gastfreundschaft aber recht wenig genutzt. Er hätte wohl vorher die Abenteuer des Columbus lesen sollen...

 

Ich konnte und wollte dem „Socializing“ der Konferenz nicht länger entgehen. Zum einen ist es wirklich wichtig, Leute zu treffen, die sich mit ähnlichen Themen auseinandersetzen, besonders, wenn das eigene Doktorandenprogramm so klein und divers ist. Außerdem gibt es bei den vielfältigen Abendveranstaltungen reichlich zu Essen und zu Trinken – ein nicht zu verachtender Anreiz. Social Events werden auf der AoM Konferenz vor allem von den Divisions (Themenbereichen) der Academy und von Universitäten veranstaltet. Berühmt-berüchtigt die Party der University of Ohio, die immer an besonderen Orten stattfindet. Letztes Jahr in einem Museum, dieses Mal im Privatclub auf der Spitze des Bank of Amerika Towers, des schwarzen Riesen unter den Wolkenkratzern. Auf dem Weg zum 76ten Stock muß man zuerst per non-stop Express bis Nr. 40 fahren und dann umsteigen, wohl damit das Warten auf den Fahrstuhl insgesamt nicht zu lange dauert. Oben erhaschte ich dann noch die letzten Shrimps, ein kühles Bier und ein Scheibchen Honigmelone, bevor ich mit einer Studentin aus Texas verbandelt wurde und mich mit zwei alten Häsinnen aus meinem eigenen Program in Duke vor den Lichtern der Stadt ablichten lies (leider wohl etwas C2H5OH-verwackelt...). Bei den unzähligen Fremd- und Selbstvorstellungen bei anderen Konferenzteilnehmern konnte ich es – trotz gegenteiligen Vorsatzes – nicht vermeiden, etwas Stolz zu fühlen, wenn das „Duke“ auf meinem Namensschild anerkennend registriert wurde. Auf den Veranstaltungen der Konferenz hörte ich viele neue Ansätze, lernte eine Hand voll interessanter Leute kennen und bekam einen guten Eindruck davon, wo meine aktuellen Ideen einzuordnen und in welchem Sinne sie erfolgversprechend sind. Außerdem kann man wohl nicht früh genug lernen, wie das „System“ funktioniert, diese Gilde artikel- und studentenproduzierender Management-Wissenschaftler. Insofern war die Konferenz hoffentlich ein Erfolg.

 

Die Konferenz endete gegen Mittag des letzten Tages und ich kam gerade zurecht, um mich auf eine von der Jugendherberge organisierte Tour zum Seattle Center zu begegnen. Das Center ist das ehemalige Ausstellungsgelände der Weltausstellung von 1962. Das berühmteste Überbleibsel von ´62 ist wohl die „Space Needle“, ein noch immer etwas futuristisch (à la Jetsons) anmutender Turm mit einem rotierenden Restaurant. Angesichts der besseren Aussichtsmöglichkeiten und der Unsichtbarkeit des Mount Rainier and diesem Tage habe ich mir die Auffahrt erspart. Angesehen habe ich mir dafür das Experience Music Project, ein modernes Museum, welches vor allem Jimi Hendrix, aber eigentlich der Musik generell gewidmet ist und auch architektonisch so einiges zu bieten hat. Bezahlt von Paul Allen (Kosten über 400 Mio Dollar), dem Mitgründer Microsofts, strotzt es nur so von Technik und Memorabilia aller möglichen Musiker. Von zerdroschenen Gitarren der Rockgrößen über Kinderbilder, handgeschriebene Texte, Eintrittskarten zu Woodstock und Outfit der ersten Disco-Gänger bis hin zu einer riesigen klingenden Gitarrenplastik ist vieles zu sehen. Alles sehr interessant, selbst für mich, der ich nicht gerade ein Sternenverehrer bin. Etwas enttäuscht vom langweiligen Rest des Seattle Centers landete ich schließlich an einem riesigen Brunnen, der für Kinder ein riesiges Spektakel bot. Computergesteuert trieb der Brunnen seine Spielchen, die schreckhaften Wesen plötzlich mit einer kalten Fontaine treffend und dann wieder ganz lieb vor sich hinblubbernd. Der Brunnenrand war mit Eltern, Zuguckern und picknickenden Touristen besiedelt, und so blieb auch ich eine ganze Weile dort sitzen. Ich konnte zwar das System des Wasserspiels nicht entschlüsseln, aber das muß man auch nicht, um es und den von ihm mit der Sonne gemeinsam geborenen Regenbogen zu bewundern.

 

Hinter dem Seattle Center erhebt sich ein weiterer Hügel mit dem Stadtteil Queen Anne. Ich erstieg die steile Hauptstraße, nicht ohne mir unterwegs den Bauch bei einem Chinesen vollzustopfen (ja, ich lebte im Überfluß!). Die Nase auf den höchsten Punkt des Hügels gerichtet, endete ich bei einigen wunderbaren Villen, von deren Gärten aus die gesamte Stadt zu überblicken war. Bei der ersten Villa mußte ich leider ein zeitunglesendes Ehepaar stören, welches sich zu nicht mehr als einem vergnatzten Nicken hinreißen ließ, als ich fragte, ob ich mal einen Blick auf die Stadt werfen dürfe. Eine Ecke weiter war ich allein und konnte nach Belieben rumknipsen – bis die Dame des Hauses in ihrem Auto ankam. Ich setzte zur Entschuldigung an, doch sie war sehr nett, erkannte meinen Akzent, erwähnte ihre Zeit in Darmstadt und bedankte sich für meine Bewunderung ihres Plätzchen. Sie sagte, sie seien gerade erst hier eingezogen, und sie möge es sehr, weil sie nun gleichzeitig über das Essen wachen und die Stadt betrachten könne... Dann wies sie mich auf den kleinen Kerry Park einige Ecken weiter hin, von wo aus sich wohl ein noch besserer Blick bietet. Nach einem kleinen Abstecher dort hin (schöne Sicht, doch immer noch die selbe Skyline), machte ich mich auf den Weg zum Lake Union. Den Berg hinunter kam ich an unzähligen schönen Häuschen und ruhigen Straßen vorbei, und die Abendsonne verbreitete eine friedliche Stimmung. Dann jedoch stieß ich auf ein lärmendes Ungetüm, welches mich fast zur Verzweiflung trieb. Mein Weg endete abrupt an der Aurora Avenue, einer unüberquerbaren Fernverkehrsstraße mit einer dicken Betonmauer in der Mitte... Wie ein gescheuchtes Reh lief ich an der gnadenlosen Aurora entlang, ständig von Autos überholt und zunehmend nachvollziehen könnend, wie sich Gefangene im Knast fühlen müssen... Schließlich entkam ich durch einen dreckigen Straßentunnel dem geistigen Zusammenbruch und wartete dann erschüttert auf einen Bus. Der brachte mich schließlich in den Stadtteil Fremont, und es wurde ein versöhnlicher Abend. Fremont ist eine „Künstlerecke“ mit vielen kleinen Cafés und Kneipen und einem Faible für Plastiken. So findet sich hier ein Lenin aus der Slovakei, eine Rakete aus US-Beständen und nicht zuletzt die Plastik „Warten auf den Zug“. Mein eigentliches Ziel aber war der Gaswerkspark, ein Stadtpark auf dem ehemaligen Gelände eines Gaswerkes. Von dort sollte sich ein schöner Blick auf die Stadt bieten, diesmal von „hinten“. Und wirklich ist der Gasworks Park ein wunderbares Plätzchen, auf einem Vorsprung im Lake Union gelegen, mit industrieromantischem Charme und einer wunderbaren Aussicht. Überall saßen, lagen oder liefen Menschen; allein, als Pärchen oder in Familie. Menschen, die sich in die Ruhe verzogen hatten, und nun einen Blick auf die betriebsame Stadt warfen. Ich blieb bis spät abends im Park, um die Sicht auch bei Nacht zu erleben. Es wurde immer leerer, bis ich nur noch mit zwei anderen übriggeblieben war. Einer davon war ähnlich fotografierwütig wie ich, und nachdem sich sein Freund zu einem „Hey, how is it going“ überwunden hatte, schwatzten wir für eine ganze Weile. Nachdem wir uns am nächtlichen Seattle sattgesehen hatten, gingen wir wieder getrennter Wege, und ich bedauerte etwas, daß Reisebekanntschaften meist so vergänglich sind.

 

Auf meinen Städtereisen versuche ich immer, auch einen Blick auf die örtliche Uni zu werfen. Man ist da immer wenigstens halb zu Hause als Student und entdeckt doch garantiert Neues, einen anderen Weg zu studieren eben. Ich fuhr also früh (gegen 9) mit dem Bus zur University of Washington (man beachte, daß Washington ein Staat im NW der USA ist, während Washington DC die Hauptstadt der USA an der Ostküste ist...). Dort fiel ich aus dem Bus ins Besucherzentrum, wo mir ein verschlafener Student einen Plan in die Hand drückte, mit dem ich mich auf den Weg machte. Zuerst erschütterte mich die karge Central Plaza, an deren östlichem Ende allerdings eine schöne gotische Kirche steht. Wie sich herausstellte, ist es aber keine Kirche (hat keinen Turm und die Uni ist eine staatliche Schule), sondern eine Bibliothek. Natürlich warf ich einen Blick ins Gebäude und auf meine emails. Auch andere Ecken erinnerten mich an Duke, wenngleich alles etwas größer war und dafür weniger romantisch. Während ich am zeitigen Morgen noch fast allein war, füllte sich der Campus langsam, und ich konnte mir ein Bild von den Studenten und ihrem Leben hier machen. Wie auch weiter südlich (in SF und San Diego) sah ich viele asiatische Gesichter, riesige Kindergruppen zogen mit ihrem Sommer-Sportcamps über den Campus, und im Studentenzentrum gibt es nicht nur viel Fast Food, sondern auch eine kleine Spielhölle mit Pool-Tischen, Bowlingbahnen und Computerspielen.

Ich sprang einfach in den nächsten Bus und landete so mehr oder weniger zufällig weiter im Norden. Ich hatte keine Ahnung, wo genau, bis ich als einziger verbliebener Fahrgast von einem einsteigenden Soldaten nach meinem Ausweis gefragt wurde. Ich war in der nationalen Ozeanverwaltung gestrandet. Leider konnte mich der Soldat nicht reinlassen, da wir momentan Terror Security Alert Orange haben – und so trottete ich einige Ecken weiter zum Magnuson Park. Der war ziemlich karg, sandig und teilweise an Ostseegegenden erinnernd. Ich folgte einem Wegweiser zum Strand. Unterwegs gab es wenig aufregende Spiel- und Tennisplätze. Aufregend war dagegen ein Meer von reifen Brombeeren, und ich verpaßte mir einen Vitaminstoß für die nächsten 5 Jahre. Die reifen Früchte waren wunderbar süß, und die Sonne hatte sie angenehm erwärmt – nur das Eis fehlte also noch. Die Frage, warum die Beeren eigentlich so unberührt direkt am Wegrand stehen, ließ ich mir unbeantwortet. Am Strand dann bot sich dann ein schöner Blick über den Lake Washington, eine Besuchergruppe hüllte sich (trotz Hitze und Trockenheit) in eine Grillwolke, zwei Rettungsschwimmer putzten den Steg, Enten schaukelten auf den kleinen Wellen, und Henry befreite seinen Rucksackinhalt von einer zermatschten Banane. Er wird’s wohl nie lernen. Auf dem Rückweg zum Bus passierte ich eine künstlerische Installation ohne Namen – vielleicht wäre „Flugzeugfriedhof“ passend? Auf dem Rückweg zu meinem Hostel machte ich noch mal einen Abstecher zum Markt, wo sich immer wieder neue schöne Bilder bieten, sei es die Mittagspause am Blumen- und Beerenstand oder die Farbenvielfalt der Gemüsezöpfe.

Ähnlich bunt ging es im Seattle Aquarium zu, welches gleich neben meinem Hostel in Pier 60 der Waterfront untergebracht ist. Nicht gerade billig, bietet es doch so einiges für Augen und Hände. In einem Teil des Aquariums kann man die ganze glitschige und kratzige Vielfalt der Seesterne, Anemonen, Seegurken und Krebstierchen anfassen. Natürlich gibt es auch Welt der knallbunten Tropenfische zu bestaunen. Vor einem Aquarium hielt sich permanent eine Menschentraube, und bald hörte ich den Grund: „The Nemo-Fish“. Kinder waren ganz aufgeregt, als sie die beiden Clownfische in den wallenden Tentakeln einer grünbraunen Anemone spielen sahen. Und sogar die leuchtend blaue Freundin (und spätere Mutter) Nemos hatte ihren Platz im Aquarium. (Wer jetzt nur Bahnhof versteht, mache sich schnellstens auf ins Kino – „Finding Nemo“ ist wirklich eine kleine Meisterleistung). Weniger rührend doch dafür informativer die Ausstellung zum Lachs (der hier oben im Nordwesten zu Hause ist) und der Unterwasserbereich, von dem aus man hautnah (doch trocken) die Welt des Puget Sound erleben kann.

 

Am Abend schloß ich mich einer Tour des Hostels an. Ein Freiwilliger führte uns zum Alki-Beach in West Seattle. Wir nahmen die mir schon bekannte Fähre, von der aus sich wieder dieser irre Blick auf Downtown bot. Die Wolke von Rucksacktouristen wanderte dann weiter am Wasser entlang, vorbei an grillenden Familien (erinnerte mich an den Berliner Tiergarten), China-Sport treibenden Hüpfenden, und den Souvenirs bayrischer Einwanderer. Unterwegs kam ich mit dem Führer ins Gespräch, der hier eigentlich Personalmanager für eine große Bank ist, und sich mit diesen Herbergstouren einen Ausgleich zum Geschäftsleben schafft. Alki Beach selbst ist ein eher kleiner Sandstreifen, vollgestopft mit Leuten. Ein Wald von Volleyballnetzen lädt zum Spielen ein, wir aber versorgten uns mit Fish and Chips (letztere wieder ziemlich pappig) und setzten uns dann ans Wasser, um den Sonnenuntergang über den Bergen Olympias zu betrachten.

 

Am nächsten Morgen, dem 8.8., kam ich am Frühstückstisch wieder mit einigen Leuten vom Alki-Ausflug ins Gespräch. International Youth Hostels sind sonst eher von der sterilen Sorte, zumindest im Vergleich zu alternativeren Alternativen wie der Green Tortoise. Es schien, daß sich an diesem Tage das halbe Hostel per Shuttle nach Vancouver in den Norden begeben wollte – mich als nun unterdessen schon fast Ureinwohner hier zurücklassend. Mit einem der Abtrünningen aus Montreal machte ich mich aber noch auf zu einem kleinen Stadtrundgang, unterwegs so einiges über das so nahe und doch so ferne Canada erfahrend. Wir entdeckten neue kontrastreiche Ecken und fuhren auf die Aussichtsplattform des Bank of America Gebäudes. Und natürlich war die Aussicht wieder wunderbar, wenn es auch einige Betonecken zu entdecken gab. Wir zogen weiter zur China Town, welche hier in „International District“ umbenannt wurde, um auch den nichtchinesischen Einwohnern eine Existenz zuzugestehen. Zumindest am Vormittag war Chinatown eher langweilig, zumindest verglichen mit San Francisco oder New York. Schön, aber auch nicht gerade aufregend die renovierte Union Station Station, ein alter Bahnhof.

Nach einem Spaghettimittagessen im Hostel und dem Abschied von den Abreisenden machte ich mich auf den Weg zum Washington Park Arboretum, dem eigentlichen Stadtpark. Ich fuhr wieder mit dem Bus, was in Seattle eine sehr angenehme Angelegenheit ist. Es gibt unzählige Linien überall hin, und innerhalb der Innenstadt fährt man kostenlos. Man zahlt also nur, wenn man außerhalb der „free zone“ aussteigt oder einsteigt. Weiter draußen fahren die Busse mit Diesel, in der Innenstadt mit Strom, vor allem natürlich im sogenannten Bus Tunnel in der Downtown. Dieser Tunnel garantiert ein schnelles Durchkommen der Expressbusse, wenn auch die Zugänge auf Anhieb nicht ganz einfach zu finden sind. Das Arboretum ist eine schöne grüne Oase. Im Norden gibt es einen kleinen Wanderweg, der über schwimmende Brücken führt, vorbei an Feldern von Seerosen und eifrigen Paddlern. Leider führt auch ein Highway quer über das Sumpfgebiet, so daß weder Auge noch Ohr die Natur voll genießen können. Das Herzstück des Parks ist ein berühmter Azaleenweg; den ich jedoch leider nicht in voller Blüte bestaunen konnte. Auch ohne Blüten eindrucksvoll war der japanische Garten, wo ich mich auf einer Wiese niederließ und prompt wieder ins Gespräch kam, diesmal mit einem Californier aus Sacramento. Er war sehr unterhaltsam, wenn es auch etwas dauerte, bis ich mich an „..., man“ und „... and shit“ gewöhnt hatte. Wir machten uns gemeinsam auf den Weg zurück zur Downtown, wo wir auf das Wassertaxi hüpften, welches er noch nicht entdeckt hatte. Dort quatschte uns prompt ein Einheimischer an, der uns von einem Musikfestival in Alki Beach erzählte, wohin wir uns dann also alle begaben. Bei erträglicher Rockmusik ernährten wir uns von Proben von Schokoriegeln und Sprite, sahen der Sonne beim Schlafengehen zu, bekamen vom Einheimischen eine Einführung in die Kunst der Meditation und machten uns schließlich auf den Rückweg in die Stadt, wo wir bei Pizza und Bier aus dem Supermarkt versumpften.

 

Am nächsten Morgen regnete es, und endlich präsentierte sich Seattle von seiner wahren Seite. Die Stadt sieht nur selten mehrere Sonnentage am Stück und mehrere Einheimische und erfahrene Vancouver-Touristen hatten mich gewarnt, daß das geniale Wetter bisher eine Ausnahme sei. Die meisten Tage regne es ein bißchen, bevor sich die Sonne für einige Zeit zwischen den Wolken hindurchschieben kann. Auch wegen meiner temporären Lichtempfindlichkeit (siehe letzte Nacht) entschied ich mich für das Seattle Art Museum gleich um die Ecke, welches seinen künstlerischen Anspruch mit einer großen Plastik vor dem Gebäude kundtut. Im ersten Moment glaubte ich mich in Frankfurt, wo ein Zwillingsbruder am Messeturm den Hammer schwingt. Innen lag der Schwerpunkt aber eher auf ethnischer Kunst; es gab die wunderschönen Masken der lokalen Indianer zu bestaunen, Gegenstände aus Schwarzafrika, Asien, Europa und dem alten Agypten. In einer Vitrine entdeckte ich Meissner Porzellan und in einer dunklen Ecke hing ein Andy Warhol. Also eine recht bunte Mischung, doch sehr interessant und sehenswert. Unschlüssige Schritte führten mich dann zum Westlake Center, einem großen Einkaufszentrum in der Downtown. Auf dem Vorplatz befindet sich ein großer Starbucks, hier in der Geburtsstadt dieser Kaffee-Kette ein unvermeidlicher Anblick. An jeder Straßenecke gibt es in Seattle ein Café, nicht nur Starbucks, sondern auch Seattle’s Best Coffee, Tully’s, Torrefazione Italia und unzählige unabhängige kleine Läden. Der perfekte Platz für eine Bluthochdruckstudie. Auf den Treppen und Bänken vorm Einkaufscenter schlürft man einen Kaffee, liest Zeitung, wartet auf ein Date, oder beobachtet einfach andere Leute. Zur Essenszeit entschied ich mich zur Abwechslung mal für ein Big Mac Menu im McDonalds gleich nebenan. Am Nachbartisch saßen zwei schwarze Straßenkehrer, die wild gestikulierend grüßten, als ein Kollege draußen vorm Fenster vorbeilief. Dann unterhielten sie sich angeregt mit dem schwarzen Manager quer durch den Raum, bis im Fernseher über der Tür ein Musikvideo gespielt wurde und einer der beiden begann, mitzusingen. So schön, daß es fast reif war für den Jazz-Club. Zur Krönung schwang er noch für einen Augenblick das Tanzbein... und das alles, als ob es das normalste von der Welt wäre... und das ist es wohl auch.

 

Am Abend begab ich mich wieder auf’s Wasser, diesmal nicht mit dem kleinen Wassertaxi, sondern einer riesigen Fähre. In Seattle gibt es ein dichtes Fährnetz, wohnen viele Leute doch verstreut auf kleinen Inselchen und Landzungen (siehe Karte oben). Ich schiffte mich auf die Fähre nach Bainbridge Island ein und bald setzte sich der Koloß in Bewegung. Es war alles ziemlich leer und so konnte ich mich in Ruhe umgucken und überall rumtreiben. Sei es an der Spitze des Schiffes (à la Titanic :-), auf dem Oberdeck mit dem genialen Blick zurück in die Stadt, oder bei den unzähligen Autos im Bauch des stählernen Wales. Nach einer halben Stunde über den Pudget Sound erreichten wir Bainbridge Island, dessen Hauptstadt Winslow eher ein Kuhdorf ist. Ich deckte mich im lokalen Supermarkt mit Truthahn-Wienern ein und machte mich zurück zum Schiff, wo ich in der Abendsonne beim Entladen der Fähren zusah und mich an selbstgemachten Hotdogs stärkte. Dann nahm ich die nächste Fähre, sah die Stadt in der letzten Abendsonne glühen und verabschiedete mich vom Schiff.

 

Ich hatte nun eigentlich alles abgegrast in Seattle, und so blieb mir nichts, als meine Reise mit einem Donnerschlag außerhalb der Stadt zu krönen. Einer Tour zum Mount Rainier. Der Berg hatte sich mir nur in den ersten Tagen gezeigt, und so war es mir bisher nicht vergönnt gewesen, den Postkartenblick anders als auf Papier zu erhaschen. Vielleicht würde sich der scheue Schöne ja aus der Nähe etwas freizügiger zeigen. Es gibt keine öffentlichen Transportmittel zum Berg, der im 100 Meilen entfernten Nationalpark liegt. Es bleibt also nichts als eine organisierte Tour. Beim ersten Anruf hörte ich nur „ausgebucht“, die nette Dame empfahl mir aber einen anderen Veranstalter, und so saß ich früh um 8 in einem Bus der „Gray Line of Seattle“, die auch alle möglichen anderen Touren anbietet. Der nette Busfahrer (Tourguide) erzählte uns unterwegs allerlei Interessantes über Seattle und die Gegend, was zwar nicht unbedingt die 50 Dollar rechtfertigte, aber doch den Schmerz etwas linderte. Zum Glück war der Bus ziemlich leer, so daß ich von einer Seite auf die andere rutschen konnte, je nachdem, wo sich der beste Ausblick bot. Und es gab einiges zu sehen, vor allem natürlich im Mt. Rainier National Park. Vieles mag an die europäische Bergwelt erinnern, doch nach so langer Zeit in den Südstaaten und dem europäischen Flachland war ich mal wieder beeindruckt. Es begann mit dem tiefen Grün der Wälder und weiten Bergtälern. Durch ein Wolkenloch schimmerte in der Ferne der Schnee des Mt. Rainier, davor die charakteristisch gebogenen Spitzen der Western Hemlock, des Staatsbaumes von Washington. Immer wieder sahen wir Bäume, deren Wipfel vom Blitz weggesprengt worden waren, und deren Enden nun ausgefranst in den Himmel ragten. Wir machten Zwischenstops an gurgelnden Bächen in kleinen Felsschluchten und wurden schließlich im „Paradise“ abgeladen. Hier endete bei ca. 3000 Metern die Straße auf den 7000 Meter hohen Berg. Selbiger zeigte sich leider nur bedeckt, dennoch war es wunderschön dort oben und ich tröstete mich mit den schroffen Bergen der Tatoosh Range und den unzähligen Frühlingsblumen, die in dieser Höhe zum Glück etwas später dran sind. Nach einer kleinen Rast folgte ich einem Wanderweg, der verwunderlicher Weise wie ausgestorben wirkte. War der Parkplatz doch ziemlich voll mit Autos gewesen. Aber wahrscheinlich haben deren Insassen sich ins Hotelrestaurant des „Paradise Inn“ geschleppt. So konnte ich also in aller Ruhe den tiefblauen Enzian bewundern und die vielen anderen Blumen, für die das Paradise wohl seinen Namen bekommen hat. Der Wald ist unglaublich dicht und grün, die vielen kleinen Bäumchen und Farne machen es fast unmöglich, vom Wege abzukommen. Der Pfad führte vorbei an mehreren Wasserfällen, und nach zwei Stunden kam ich gerade rechtzeitig zurück, um noch einen Blick und die zugegebenermaßen gemütliche Lounge des Hotels zu werfen. Auf der Rückfahrt bekamen wir noch einige Stops an riesigen alten Bäumen und abtauenden Gletschern. Bemerkenswert auch, daß uns auf den Parkplätzen immer wieder mexikanische Familien begegneten, einige davon mit Basecaps von UNC und Duke. Da fühlt man sich doch gleich wie zu Hause .-).

 

Wir waren gegen 6 wieder zurück in Seattle und ich entschloß mich für einen geruhsamen Ausklang dieses letzten Tages. Dazu fuhr ich in den Volunteer Park, einen der vielen kleineren Stadtparks. Im Norden des Stadtteils Capitol Hill gelegen, ist er gleichzeitig der älteste Friedhof der Stadt. Hier entdeckte ich (mit Hilfe meines Lonely Planet Reiseführers) das Grab Bruce Lees, welches gerade mal wieder von einem Fan mit Blumen geschmückt wurde. Ansonsten war der Friedhof eher schmucklos aber nicht ohne Charme, auch dank des wunderbaren Blickes über die Seenlandschaft der Stadt. Mit Völkervereinigung hatten die Friedhöfler aber scheinbar nicht viel am Hut, fein säuberlich getrennt stehen die Grabsteine mit chinesischen Schriftzeichen nebeneinander, daneben ein Bereich mit slavischen Worten, und natürlich ein großer Bereich für die echten Amis (?), hoch oben auf dem Hügel mit der tollen Aussicht.

Berühmt ist der Volunteer Park auch für seinen Wasserturm, von dem aus man einen interessanten aber nicht sehr eindrucksvollen Blick über die Downtown hat. Kaugummikauend machte ich mich nach dessen Besteigung auf die Suche nach dem Gewächshaus, welches mir im Lonely Planet versprochen worden war, da rief es mir von der Seite zu „Hey, do you have a gum for me?“. Da wollte (und bekam) doch einer tatsächlich nen Kaugummi von mir... vielleicht hatte ich auch nur vergessen, daß Capitol Hill das Gay-Viertel des Stadt ist. Mit dem Gewächshaus konnte mir der Fragende leider nicht weiterhelfen, doch ich fand es selbst, und es war eine wunderbar duftende Oase im Grün. Nach dem Abendbrot (welches die letzten Truthahnwiener umfaßte), lief ich den Broadway entlang zurück in die Innenstadt. Es war Abend, die Restaurants und Cafés des Capitol Hill Viertels waren voll und man konnte ahnen, wie geschäftig diese Gegend in einer Freitagnacht wohl ist. Ich kam vorbei an einem weiteren Mini-Park, der wie nahezu alle öffentlichen Plätze von Obdachlosen bewohnt wurde und sich mir mit wegen seiner vier römischen Säulen eingeprägt hat. Zum letzten Mal erblickte ich die Space Needle, deren Silhouette sich gegen den abendroten Himmel abhob. Zurück im Hostel kam ich gerade noch zurecht, um im Fernsehraum das Happy End von „Sleepless in Seattle“ mitzuerleben. Bis spät in die Nacht unterhielt ich mich dann mit einem Gymnasiasten aus Syracuse, der mich über deutsche Politik und amerikanisches Ph.D.-Studium ausfragte. Und ich erinnerte mich, wie ich in Zivizeiten (mit Chica) meine Leidenschaft für’s Reisen entdeckt habe. Am nächsten Tag saß ich wieder im Flieger und konnte zufrieden mein Little Blue Bag zwischen den Beinen halten.

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