Literarische Essenzen
Nr. 1
Der Steppenwolf
(Hermann Hesse)
Vorwort
...hatte in geistigen Angelegenheiten, jene beinah kühle Sachlichkeit
jenes sichere Gedachthaben und Wissen, wie es nur wahrhaft geistige
Menschen haben, welchen jeder Ehrgeiz fehlt, welche niemals zu
glänzen oder den andern zu überreden oder recht zu behalten
wünschen.
Denn darin war er, trotz allem, durch und durch Christ und durch
und durch Märtyrer, daß er jede Schärfe, jede
Kritik, jede Bosheit, jeden Haß, dessen er fähig war,
vor allem und zuerst auf sich selbst losließ.
Die meisten Menschen wollen nicht eher schwimmen, als bis sie
es können.
Dichtungen..., nicht im Sinne willkürlicher Erfindung, sondern
im Sinne eines Ausdrucksversuches, der tief erlebte seelische
Vorgänge im Kleide sichtbarer Ereignisse darstellt.
Zum wirklichen Leiden, zur Hölle wird das menschliche Leben
nur da, wo zwei Zeiten, zwei Kulturen und Religionen einander
überschneiden.
Harrys Aufzeichnungen
Der Tag war vergangen, wie eben die Tage so vergehen; ich hatte
ihn herumgebracht, ich hatte ihn sanft umgebracht...
Tage, an denen selbst die Frage, ob es nicht an der Zeit sei...
beim Rasieren zu verunglücken, ohne Aufregung oder Angstgefühle
sachlich und ruhig erwogen wird.
Wohl zehn Minuten las ich in einer Zeitung, ließ durch das
Auge den Geist eines verantwortungslosen Menschen in mich hinein...
Einsamkeit ist Unabhängigkeit, ich hatte sie mir gewünscht
und mir erworben in langen Jahren. Sie war kalt, o ja, sie war
aber auch still, wunderbar still und groß wie der kalte
stille Raum, in dem die Sterne sich drehen.
Traktat
...so brachte der Steppenwolf seine eigene Doppeltheit und Zwiespältigkeit
auch in alle fremden Schicksale hinein, die er berührte.
Auch im Leben dieses Mannes schien, wie überall in der Welt, zuweilen alles Gewöhnte, Alltägliche, Erkannte und Regelmäßige bloß den Zweck zu haben, hie und da eine sekundenkurze Pause zu erleben, durchbrochen zu werden und dem Außerordentlichen, dem Wunder, der Gnade Platz zu machen.
...auch der Wolf brütete darüber, und das waren seine
unnützen und müßigen Tage.
...daß vielleicht das ganze Menschenleben nur ein arger
Irrtum, eine heftige und mißglückte Fehlgeburt der
Urmutter, ein wilder und grausig fehlgeschlagener Versuch der
Natur sei.
Es ging ihm, wie es allen ergeht: was er, aus einem innersten
Trieb seines Wesens, als hartnäckigste suchte und anstrebte,
das ward ihm zuteil, aber mehr als für einen Menschen gut
ist.
Hätten wir eine Wissenschaft, die den Mut und die Verantwortungskraft
besäße, sich mit dem Menschen zu beschäftigen,
statt bloß mit den Mechanismen der Lebenserscheinungen...
Die Vertrautheit mit den Gedanken, daß jener Notausgang
[der Selbstmord] beständig offenstehe, gab ihm Kraft, machte
ihn neugierig auf das Auskosten von Schmerzen und üblen Zuständen...
Jeder weiß, in irgendeinem Winkel der Seele, daß Selbstmord
zwar ein Ausweg, aber doch nur ein etwas schäbiger und illegitimer
Notausgang ist, daß es im Grunde edler und schöner
ist, sich vom Leben selbst besiegen und hinstrecken zu lassen
als von der eigenen Hand.
Das "Bürgerliche" nun, als ein stets vorhandener
Zustand des Menschlichen, ist nichts andres als der Versuch eines
Ausgleiches, als das Streben nach einer ausgeglichenen Mitte zwischen
den zahllosen Extremen und Gegensatzpaaren menschlichen Verhaltens.
Der eine Weg führt zum Heiligen, zum Märtyrer des Geistes, zur Selbstaufgabe an Gott. Der andere Weg führt zum Wüstling, zum Märtyrer der Triebe, zur Selbstaufgabe an die Verwesung. Zwischen beidem nun versucht in temperierter Mitte der Bürger zu leben.
...Auf Kosten der Intensität also erreicht er Erhaltung und Sicherheit, statt Gottbesessenheit erntet er Gewissensruhe, statt Lust Behagen, statt Freiheit Bequemlichkeit, statt tödlicher Glut eine angenehme Temperatur.
...Er hat an Stelle der Macht die Majorität gesetzt, an Stelle der Gewalt das Gesetz, an Stelle der Verantwortung das Abstimmungsverfahren.
...Im Bürgertum gilt der umgekehrte Grundsatz der Großen:
Wer nicht wider mich ist, der ist für mich!
Es ist ja dem Gottbesessenen sehr wohl möglich, den Verbrecher
zu bejahen und ebenso umgekehrt, ihnen beiden aber, und allen
anderen Unbedingten, ist es unmöglich, auch noch jene neutrale
laue Mitte, das Bürgerliche, zu bejahen.
Die Zweiteilung in Wolf und Mensch...ist eine sehr grobe Vereinfachung,
eine Vergewaltigung des Wirklichen zugunsten einer plausiblen,
aber irrigen Erklärung der Widersprüche, welcher dieser
Mensch in sich vorfindet.
In Wirklichkeit aber ist kein Ich, auch nicht das naivste, eine Einheit, sondern eine höchst vielfältige Welt, ein kleiner Sternenhimmel, ein Chaos von Formen, von Stufen und Zuständen, von Erbschaften und Möglichkeiten.
...Die Täuschung beruht auf einer einfachen Übertragung.
Als Körper ist jeder Mensch eins, als Seele nie.
Er glaubt, wie Faust, daß zwei Seelen für eine einzige
Brust schon zuviel seien und die Brust zerreißen müßten.
Sie sind aber im Gegenteil viel zu wenig, und Harry vergewaltigt
seine arme Seele furchtbar, wenn er sie in einem so primitiven
Gebilde zu begreifen sucht.
Der Mensch ist ja keine feste und dauernde Gestaltung, er ist
vielmehr ein Versuch und Übergang, ist nichts andres als
die schmale, gefährliche Brücke zwischen Natur und Geist.
Harrys Aufzeichnungen
Du hast also immer schwierige und komplizierte Sachen getrieben,
und die einfachen hast du gar nicht gelernt? Keine Zeit? Keine
Lust? Na meinetwegen. Aber dann so tun, als hättest du das
Leben durchprobiert und nichts daran gefunden, nein, das geht
nicht.
Alte Leute, die schon gestorben sind, muß man nicht ernst
nehmen, man tut ihnen sonst unrecht. Der Ernst, mein Junge ist
eine Angelegenheit der Zeit; er entsteht, soviel will ich dir
verraten, aus einer Überschätzung der Zeit.
O ja. Zum Frommsein braucht man Zeit, man braucht sogar noch mehr:
Unabhängigkeit von der Zeit. Du kannst nicht ernstlich fromm
sein und zugleich in der Wirklichkeit leben und sie auch noch
ernst nehmen...
Ihr Gelehrte und Künstler habt ja allerlei aparte Sachen
in euren Köpfen, aber ihr seid Menschen wie andre, und auch
wir andern haben unsre Träume und Spiele im Kopf.
Das klingt so dumm, so ein Wort wie "Bestie" oder "Raubtier"! Man sollte nicht so von Tieren reden. Sie sind ja oft schrecklich, aber sie sind doch viel richtiger als die Menschen.
...daß gar kein einziges Tier in Verlegenheit ist oder nicht
weiß, was es tun und wie es sich benehmen soll. Sie wollen
dir nicht imponieren. Kein Theater. Sie sind, wie sie sind, wie
Steine und Blumen oder wie Sterne am Himmel.
Eine Stunde Nachdenken, eine Weile in sich gehen und sich fragen,
wie weit man selber an der Unordnung und Bosheit in der Welt teilhat
und mitschuldig ist - sieh, das will niemand!
...und sah nun deutlich wie ein Bild vor mir den Wahn meiner bisherigen
Persönlichkeit. Die paar Fähigkeiten und Übungen,
in denen ich zufällig stark war, hatte ich allein gelten
lassen und hatte das Bild eines Harry gemalt...
...ich bin Musikant, nicht Gelehrter, und ich glaube nicht, daß
in der Musik das Rechthaben den geringsten Wert hat...Wir Musikanten
müssen das spielen, was gerade im Augenblick von den Leuten
begehrt wird, und wir müssen es so gut und so schön
und so eindringlich spielen wie nur möglich.
Im deutschen Geist herrscht das Mutterrecht, die Naturgebundenheit
in Form, einer Hegemonie der Musik, wie sie nie ein andres Volk
gekannt hat. Wir Geistigen, statt uns mannhaft dagegen zu wehren
und dem Geist, dem Logos, dem Wort Gehorsam zu leisten und Gehör
zu verschaffen, träumen alle von einer Sprache ohne Worte,
welche das Unaussprechliche sagt, das Ungestaltbare darstellt.
Diese Bilder... waren alle wieder da..., und ich wußte,
daß sie der Besitz und Wert meines Lebens waren und unzerstörbar
fortbestanden...
Maria hatte keine Bildung, sie hatte diese Umwege und Ersatzwelten
nicht nötig, ihre Probleme wuchsen alle unmittelbar aus den
Sinnen.
Du hattest ein Bild vom Leben in dir, einen Glauben, eine Forderung,
du warst zu Taten, Leiden und Opfern bereit - und dann merktest
du allmählich, daß die Welt gar keine Taten und Opfer
und dergleichen von dir verlangt, daß das Leben keine heroische
Dichtung ist, mit Heldenrollen und dergleichen, sondern eine bürgerliche
gut Stube, wo man mit Essen und Trinken, Kaffee und Strickstrumpf,
Tarockspiel und Radiomusik vollkommen zufrieden ist.
Das Leben, dachte ich, muß doch schließlich immer
recht haben...es werden eben meine Träume unrecht gehabt
haben. Aber meine Träume hatten recht gehabt, tausendmal
recht, ebenso wie deine. Das Leben aber, die Wirklichkeit, hatte
unrecht.
Dutzendmenschen
...wir müssen durch so viel Dreck und Unsinn tappen, um nach
Hause zu kommen!
Und die Ewigkeit war nichts andres als die Erlösung der Zeit,
war gewissermaßen ihre Rückkehr zur Unschuld, ihre
Rückverwandlung in den Raum.
Sie unterhielt sich mit mir über die Kindheit, über
jene Jahre vor der Geschlechtsreife, in denen das jugendliche
Liebesvermögen nicht nur beide Geschlechter, sondern alles
und jedes umfaßt...
..den Wunsch, Ihrer sogenannten Persönlichkeit ledig zu werden.
Sie ist das Gefängnis, in dem Sie sitzen.
Indem meine Mutter mich geboren hat, bin ich schuldig, bin ich
verurteilt, zu leben, bin verpflichtet, einem Staat anzugehören.
Wir zeigen demjenigen, der das Auseinanderfallen seines Ichs erlebt
hat, daß er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung
neu zusammenstellen und daß er damit eine unendliche Mannigfaltigkeit
des Lebensspieles erzielen kann...Sie werden das arme Figürchen,
das eine Weile zu lauter Pech und Unstern verurteilt schien, im
nächsten Spiel zur Prinzessin machen.
Sie haben aus Ihrem Leben eine scheußliche Krankengeschichte
gemacht, aus Ihrer Begabung ein Unglück.
Humor ist immer Galgenhumor...
Sie sollen leben, und Sie sollen das Lachen lernen. Sie sollen
die verfluchte Radiomusik des Lebens anhören lernen, sollen
den Geist hinter ihr verehren, sollen über den Klimbim in
ihr lachen lernen. Fertig.
Nachwort
...daß das Buch zwar vom Leiden und Nöten berichtet,
aber keineswegs das Buch eines Verzweifelten ist, sondern das
eines Gläubigen...
...daß die Geschichte des Steppenwolfes zwar eine Krankheit und Krisis darstellt, aber nicht eine, die zum Tode führt, nicht ein Untergang, sondern das Gegenteil: eine Heilung.