Literarische Essenzen


Nr. 2

Adam, Eva und die Schlange
Die Theologie der Sünde

(Elaine Pagels *1943)



Dieses Buch ist unglaublich interessant und hat mich sehr beschäftigt. Man sieht, daß die heute übliche und teilweise Probleme bereitende Uniformität der christlichen kirche keinesfalls von Beginn der Christenbewegung an bestanden hat, und ein Nachdenken über verschiedene Aspekte durchaus nichts Ketzerisches an sich haben muß. Wenn überhaupt heute sich einer Gedanken macht über Erbsünde, Schuld, Freiheit des Willens, die Berechtigung einer irdischen Herrschaft, Gleichheit der Menschen oder auch die oft gestellt Frage, warum Gott irdisches Leid zuläßt, dann wird er sich oft im Widerspruch finden zu der (wo eigentlich definierten?) ihr manchmal vielleicht sogar in den Mund gelegten Meinung der Kirche. Hier zeigt das Buch in wunderbarer Weise verschiedene Ansätze auf, wie sie sich in den vielfältigen Strömungen des überaus heterogenen Frühchristentums gezeigt haben. Und man kommt nicht umhin, Sympathien für einige dieser Ansichten zu entwickeln.

Welcher Christ setzt sich heute noch auseinander mit derart philosophischen Fragen, deren Behandlung zweifellos ein Hauptgrund für die Herausbildung und die Stärke des frühen Christentums in den ersten 3 Jahrhunderten war. Die heute absolut dominierende -gewiß wichtige- Frage der sozialen Beziehungen ist nur ein Rudiment der Auseinandersetzung mit einigen der restlichen 9 Gebote, vernachlässigt aber andere, mindestens genauso interessante und nicht weniger das Leben prägen könnende Aspekte der Bibel und der christlichen Geschichte. Einmal mehr wird die Folgerung und Ausprägung ins Zentrum gestellt, ohne das zu ihr führende Prinzip im Nachdenken plausibel zu machen. Das Resultat zeigt sich allerorten.

Doch auch für den sich nicht zu den Christen zählenden Leser dürfte dieses Buch hochinteressant sein, zeigt es doch, wie unsere gesamte Kultur -und mit ihr jeder Mensch- noch immer von den christlichen Sehweisen geprägt ist und wie das Christentum, freilich als Erbe jüdischer und anderer Kulturen, derartig starke Bedeutung gewinnen konnte.