Tod

Nicht die Bedeutung des Todes für den Menschen selbst. Genausowenig, wie der Gedanke an das eigene begrenzte Leben und die daraus resultierenden Verhaltensweisen.

Es ist, wie wir den Tod eines anderen Menschen erfahren. Ist es ein Fremder, so werden wir darin den Lauf der Welt, vielleicht sogar die Bedingung für ihre Entwicklung sehen. Ist es ein Geliebter, so weinen wir, und umgekehrt. Das Ereignis Tod wandelt sich vom natürlichen Vorgang zum seelischen.

Der Tod ist ein Schlußstrich; nicht eines Lebens, sondern einer Beziehung. Und so ist es auch die Verarbeitung dieser Beziehung, was wir in dem Tod des anderen erleben. Die Beziehung ist fixiert, unverrückbar die Geschehnisse der gemeinsamen Zeit. Doch erst nach diesem Schlußstrich glauben wir, sie zu verstehen.

Was der andere einem bedeutet hat, wieviel von ihm in einem steckt, was man ihm verdankt, was er lehrte. Die Bilder sausen vorbei, und sie rutschen ins Extreme. Gott wird es so eingerichtet haben, daß es immer schöne Bilder sind, die sichtbar bleiben, und das ist gut so. Weil sie die wahren sind. Die Frage, ob man das Sein, Leben des anderen hoch genug geschätzt hat, genug ausnutzen, genießen konnte. Vielleicht auch Verzweiflung darüber, zuweilen Nebel über das nun offensichtlich Gute heraufziehen gelassen zu haben, wohl wissend, aber ignorierend, daß diese Verzweiflung an dem Tag danach kommen würde.

Was man dem anderen bedeutet hat. Hoffnung, daß man ihm etwas gegeben hat. Hoffentlich nicht die Gewißheit einer Schuld, einer nicht mehr zu tilgenden, einer gezwungenermaßen und deshalb nicht wirklich erloschenen. Erst jetzt versucht man, sich über seine Rolle in dieser Beziehung klar zu werden. Erst jetzt erfaßt man den Wert des Geschenkes, welches man erhielt mit diesem Menschen, eines Geschenkes, welches einem angeboren war und nun von genauso unerreichbarer Hand genommen wurde. Nur die Zeit dazwischen durfte man es haben. Und man ist dankbar für den anderen, und ihm selbst. Man zweifelt daran, würdig gewesen zu sein der Liebe dieses Menschen, seiner Sorge und Obhut. Man stellt sich vor, wie leer es ohne ihn gewesen wäre, was alles gefehlt hätte während der vergangenen Zeit und an dem im Selbst Enthaltenen aus dieser Zeit.

Was aber hat man gegeben? Die eigene Liebesbedürftigkeit, die Hilfsbedürftigkeit, welche zu stillen der andere sein Leben verwenden durfte. Vielleicht den großen Sinn des Lebens, das Bewußtsein, anderen etwas bedeutet zu haben, und nicht nur für das eigene, endliche Leben gesorgt zu haben. Aber konnte sich der andere dieses Sinnes erfreuen, war er vielleicht durch die Düsternis des Kleinen daran gehindert? Eine fühlbare Dankbarkeit, stark genug, den teuflischerweise immer dichter werdenden Nebel niederzuschlagen, muß das Bewußtsein über diese Bedeutung geweckt haben. Es war nicht möglich, den Nebel der letzten Zeit noch zu durchdringen, so milde kann Gott - warum auch immer - nur selten sein. Aber doch wenigstens, und viel mehr, mitten im Leben, mit dem eigenen Leben hat man Sinn geben dürfen. Und sicher wußte der andere darum, auch wenn man selbst es oft vergessen hat, noch nicht darum wissen konnte.

Die Tränen sind gut. Weil es Tränen der Liebe sind, genau der Liebe, die der andere, hoffentlich, von einem selbst empfangen hat. Tränen der Dankbarkeit. Das Leben geht weiter, und der Sinn ist nicht verloren mit dem Verlust des Geliebten, er darf weitergetragen werden. Man selbst wird sich bewußt, an seine Stelle getreten zu sein, unmerklich. Vielleicht war dies seine letzte und größte Tat, das Bewußtsein über diesen Sinn zu geben, die Chance, ihn noch im Leben zu erfahren.

Bestimmt hat auch der andere einst dieses Geschenk erhalten und war sich seines Sinnes bewußt. Und hat seine Taten an anderen begriffen, auch wenn diese ihm noch nicht genug dafür danken konnten.