Essays zu Phänomenen der Existenz
Teil 1
Von den Träumen
Als Träumen soll hier das scheinbar unwillkürliche, nächtliche betrachtet werden, welches weit weniger vom direkten und bewußten Willen beeinflußt ist als das Tagträumen in seinen vielfältigen Ausprägungen, die bis hin zu einer scheinbar realistischen und bewußten Weltsicht reichen, welche jedoch immer noch oder schon als das Resultat eines eben solchen Tagtraums zu sehen sind. Die Zuordnung Traum und Wirklichkeit erfolgt natürlich unter der Nebenbedingung, die angenommen reale Welt des Autoren als die Wirklichkeit anzusehen und alle anderen Welten dazu in Beziehung zu setzen. Dies bringt die der Philosophie seit Anbeginn ihrer Existenz innewohnenden Frage über die Rechtmäßigkeit eines solchen Ansatztes ins Spiel, welche noch geraume Zeit die Geister beschäftigen wird. Diese Definition ist aber zum Verständinis des Textes dringend notwendig und daher das kleinere Übel.
Das Träumen mag für jeden Menschen eine vollkommen andere Bedeutung haben. Zuvorderst liegt das in seiner An- oder Abwesenheit begründet, denn nicht alle Menschen träumen oder sind sich dessen bewußt. Die Frage der Wahrnehmung eines stattgefundenen Traumes führt unwillkürlich in den Kern der Problemstellung hinein, denn Sie ist letztlich ausschlaggebend auch für die Empfindung und daraus folgende Bedeutung des Träumens für den Menschen selbst. Zuerst ist also zu unterscheiden zwischen Nichtträumern und Träumern, zum zweiten zwischen Träumern, die sich dessen bewußt sind und welchen, denen das bewußte Wissen darum fehlt.
Der Übergang zwischen dem Bewußtsein über den stattgefundenen Traum und dem Fehlen eines solchen ist fließend. Manchmal wird ein Traum scheinbar schon während seiner Existenz vom Träumer als Außenstehendem wahrgenommen, er glaubt also, sich bereits während des Traumes über dessen überirdisches Wesen im Klaren zu sein. Dies ist nur selten der Fall. Ein Traum kann in dieser Zeit dann als Traum empfunden werden, wenn zumindest ein Teil des Träumenden nicht in dieser Traumwirklichkeit eingeschlossen ist, sondern in einer anderen, was ein zweiter Traum oder -wohl im Regelfall- die Tagwirklichkeit sein kann. Das heißt, es muß ein Teiltraum stattfinden, in Form eines aufgespaltenen totalen Schlafes mit mehreren Träumen oder als undefinierbarer Übergang zwischen Schlaf und Wachheit.
Die Bedeutung eines Traumes wird bestimmt durch eine Reihe von Faktoren und Eigenschaften. Zuvorderst entscheidet die Intensität des Bewußtseins seiner Existenz über die Ebene, in der der Träumer die Auswirkungen des Traumes angesiedelt findet. Hierbei kann zwar eine Art Rangfolge festgelegt werden, nach der das Bewußtsein kategorisiert wird, die Bedeutung und Auswirkund des Traumes aber kann nicht entsprechend zugeordnet werden, hat mithin keine proportionale Beziehung zur Intensität der Wahrnehmung. Dieser Zusammenhang wird noch untersucht werden.
Eine mögliche Beschreibung und Klassierung der Traumwahrnehmung soll im folgenden aufgezeigt werden.
Das Maß für den Grad der Wahrnehmung muß zwei Komponenten mindestens erfassen. Erstens, inwieweit der Träumer sich an den begrifflichen Inhalt erinnert, wobei beachtet werden muß, daß diese Erinnerung meistens in den ersten Sekunden nach dem vollständigen Erwachen am stärksten ausgeprägt ist. Zweitens, in welchen Maße sich das Gefühl des Traumes auf das Gefühl des Wachens fortgepflanzt hat; hierbei muß strikt unterschieden werden zwischen der begrifflichen Erinnerung an ein Gefühl, welche zum ersteren zu zählen wäre und dem wirklichen Fortbestehen des Traumgefühles, welches dabei in Begriffe gefaßt werden kann aber nicht muß.
Eine Wichtung eben jener beiden Komponenten läßt sich allenfalls festlegen nach der Bedeutung, welche sie für den Träumer haben; und gerade dies ist Untersuchungsgegenstand des Essays, mithin ist sie an dieser Stelle noch nicht vorzunehmen.
Es sei erwähnt, daß die begriffliche und die gefühlsmäßige Erinnerung nicht die einzigen Dinge sind, an denen die Existenz eines Traumes vom Träumenden festgemacht wird, als Sonderfall seien die rationale Notwendigkeit oder die erfahrungsmäßige Wahrscheinlichkeit genannt. Erstere meint, daß eindeutige Beweise wie von Wachen wahrgenommene Reden und Spiele des Schlafenden, Schreie oder andere eindeutige Anzeichen eines Traumes vorliegen. Letzteres zielt auf Träume, die erfahrungsgemäß eine fast untrennbare Einheit von geistiger und körperlicher Sexualität darstellen. Die Produkte der körperlichen weisen somit für den Träumenden fast zwangsläufig auf die Existenz der geistigen hin, auch wenn er sich an diese weder begrifflich noch gefühlsmäßig erinnern kann.
Eine Abstufung für den Grad der Wahrnehmung eines Traumes wäre also folgendermaßen vornehmbar:
1. Keinerlei begriffliche Erinnerung, nur ein Gefühl weist auf geistige Geschehnisse -einen Traum- hin.
2. Lediglich das Thema des begrifflichen Traumes ist Gegenstand der Erinnerung.
3. Geschehnisse und Zusammenhänge , nicht aber der Gesamtzusammenhang sind rekapitulierbar.
4. Der große Zusammenhang kann nachvollzogen werden, ohne daß dabei Garantie für die Vollständigkeit bestünde.
Diese Abstufung beruht offensichtlicherweise auf der Betrachtung des Faktors der begrifflichen Erinnerung. Die gefühlsmäßige kann vollkommen unabhängig, meist wohl aber in einem entgegengesetzten Zusammenhang stehen, da die begriffliche Erinnerung und Rekapitulation einen gewissen Abstand vom Traum und damit seinem Gefühlserleben fordert. Ohne Zögern kann behauptet werden, daß die gefühlsmäßige Komponente mit Fortschreiten der Wachheit schwindet, die begriffliche wie oben erwähnt meist auch, sie kann jedoch auf der Basis des Tagesgedächtnisses auch desen Gesetzen folgen und mithin noch nach einiger Zeit zu scheinbar neuen Erinnerungen führen oder die vorhandenen bewahren.
Es wird berichtet, daß Tagesgefühle oder bestimmte Begrifflichkeiten unmittelbare Assoziationen zu Traumgefühlen hervorrufen. Da es keine Erinnerung an ein Gefühl -gleich ob Traum- oder Taggefühl- auf Gefühlsebene geben kann, muß es also, zu einer erneuten Entwicklung des bekannten Gefühls kommen, welches auf begrifflicher Ebene zum Traumgefühl in Beziehung gesetzt wird.
Erst nach dieser zweifellos unzureichenden Untersuchung von Traumwahrnehmung mit Hilfe der beiden Hauptmerkmale gefühlsmäßige und begriffliche Erinnerung ist es möglich, sich der Bedeutung eines Traumes für den Träumer zu nähern.
Jeder Mensch, der einen Traum in einer der oben aufgeführten Weisen wahrnimmt, sich mithin an ihn erinnert, wird durch diese Erinnerung beeinflußt. Dies geschieht zwangsläufig, ohne daß der Träumer auf diesen Umstand Einfluß hätte. Wohl aber ist die Art und Weise des Einflusses von seiner unbewußten oder bewußten Reaktion auf die Erinnnerung abhängig. Zuweilen weichen Intention und Ergebnis stark voneinander ab, wie dies ja auch auf anderen Gebieten der Verarbeitung von Immaterialita der Fall ist. Eine Analyse der eigenen Stellung zum Träumen und seinen Erinnerungen kann hierbei als hilfreich, ja sogar als Voraussetzung angesehen werden, will sich der Träumende nicht von sich selbst der Selbstbestimmung diesbezüglich berauben lassen.
Im folgenden soll versucht werden, einige Zusammenhänge zu erschließen, wie sie zwischen Traum(erinnerung) und Reaktion des Träumers bestehen und also als die Bedeutung des Traumes angesehen werden können.
Es wurde darauf verwiesen, daß die persönliche Einstellung des Träumenden die in diesem Zusammenhang wohl bedeutendste Rolle spielt. Hier finden sich verschiedene Typen, welche kurz umrissen werden sollen.
1. Menschen, die dem Traum keinerlei Bedeutung zumessen und sich mithin nicht willentlich mit ihm beschäftigen.
2. Menschen, die dem Traum aufgeschlossen oder gegenüberstehen, ihre Beschäftigung mit seinen Erinnerungen aber auf ein geringes Maß beschränken.
3. Menschen, die ihm große Bedeutung zumessen, sich aber willentlich nicht mit ihm beschäftigen.
4. Menschen, die dem Traum große Bedeutung zumessen und versuchen, diese durch gezielte und ausgiebige Analyse zu erschließen.
Für jede dieser Gruppen ergiebt sich einer unterschiedliche Reaktion auf ein und denselben Traum, wobei die Divergenzen innerhalb der Gruppen aufgrund der unzureichenden Differenzierung nicht unerheblich sind:
Die erste Gruppe wird durch den Traum wohl am wenigsten beeinflußt. Mit Einfluß ist hiermit nicht sein absoluter Einfluß gemeint, welcher sich als Reaktion auf die Erinnerungen bemerkbar macht, sondern die Ablenkung des Träumers von dem ihm innewohnenden Weg. Wird der Traum als Ausdruck und notwendiger Bestandteil dieses Weges gesehen, der in seiner Reinform genau der Richtung des Weges folgt und ihn mithin mit ausmacht, so ist ein Einfluß des Traumes im Sinne einer Ablenkung folglich gar nicht vorhanden. Eine Reaktion des Träumenden auf die Erinnerungen bleibt dabei keinesfalls aus, sondern ist somit (geplanter?) Bestandteil eben jenes individuellen Weges.
Die zweite Gruppe von Träumern nimmt die Erinnerungen bewußt wahr. Sie werden als Ausdruck einer geistigen Arbeit begriffen und als solche annerkannt. Werden sie ohne großen Denkaufwand als mit der als Richtung des inneren Weges erkannten konform erkannt, wird dies als -meist mit Wohlgefallen aufgenommene- Bestätigung eben jenes Weges angesehen. Als Interpretation ist meist die Annahme anzutreffen, der Träumer sei ein Mensch, dessen Bewußtsein und Unterbewußtsein (als Ausdruck dessen wird ein Traum gemeinhin angesehen) im Einklang stehen, er selbst also von Selbstbetrug und Zwispältigkeit frei. Widersprechen die Erinnerungen dem selbsterklärten bzw. -erkannten Weg oder sind sie nicht ohne umfangreichere gedankliche Beschäftigung zuzuordnen, so werden sie verworfen, weil sie entweder unvollständig sind oder aber auf Fehlfunktionen bei der Traumentstehung beruhen.
Diese Menschen werden im obengenannten Sinne beeinflußt, indem Sie durch konforme Traumerinnerungen in der sich selbst bestimmten oder erkannten Richtung bestätigt werden und diese somit gefestigt wird, was sich in einer noch aktiveren Verfolgung derselben widerspiegeln kann. Sollte diese Richtung der Tagebene aber nicht mit der eigentlichen Richtung übereinstimmen (was wohl in dem erwähnten Widerspruch oder der Unzuordenbarkeit einen Ausruck finden kann), so wird der Träumer durch den Traum also von dem ihm eigentlich wirlich innewohnenden Weg abgebracht. Dieser Gedankengang impliziert, daß ein Traum nicht in jedem Fall Ausdruck des wahren Weges sein muß, da sonst eine Übereinstimmung von Traumerinnerung und Erwartung aufgrund des selbstfestgelegten Weges eine Kongruenz beider Richtungen bedeuten würde. Der Traum muß in seiner Entstehung also auch -zumindest indirekt- vom Menschen selbst und seiner Vorstellung vom Weg und seiner Richtung beeinflußt werden können; er ist als nicht autonomer und wahrer Ausdruck des unbeeinflußbaren Eigentlichen. Ist sich der Träumer dieses Umstandes nicht bewußt, so kann es also zu einer Selbsttäuschung kommen, indem der konforme Traum als unparteiische Bestätigung gesehen wird, obwohl er diese eben nicht sein muß.
Die dritte Gruppe von Träumern nimmt Traumerinnerungen ebenfalls wahr und erkennt sie als Ausdruck einer geistigen Arbeit an. Im Gegensatz zu Angehörigen der vorgenannten ist es denen dieser Gruppe jedoch nicht möglich, lediglich konforme Träume als Bestärkung des selbsterkannten Weges anzusehen, sondern die Authentizität aller Träume wird als so hoch eingeschätzt, daß auch nichtkonforme einen Niederschlag in einer speziellen Reaktion finden müßten, der selbsterkannte Weg also als in der momentanen Form nicht einwandfrei mit dem eigentlichen übereinstimmend erkannt werden muß. Dies hat wohl zwangsläufig eine Kurskorrekur zur Folge. Eins solche wird aber von Träumer nicht gewünscht, weil er seine eigene Verfassung als ohnehin zu instabil betrachtet oder aber ganz absichtlich seine Richtung zu ändern wünscht, mithin also keinen Wert auf Signal von Innen legt, die ihn im für ihn negativen Falle eventuell sogar von der für sich selbst festgelegten Richtung abbringen könnten. Die willentliche Verarbeitung des Traumes wird also absichtlich gestoppt. Solange dies möglich ist, weist der Traum keinen Einfluß auf den Menschen auf, es wird keine richtungsrelevante Reaktion hervorgerufen, weder eine Bestätigung in der Richtung der Tagebene noch eine Umkehr auf das eigentliche.
Ist dies allerdings nicht möglich -was der Regelfall sein dürfte- so hat sich der Träumer einer willentlichen und somit selbstgesteuerten Verarbeitung der Traumerinnerungen beraubt und ist einer Vielfalt von hier nicht näher zu untersuchenden sich gegenseitig beeinflussenden geistigen Prozesse des sogenannten Unterbewußtseins ausgeliefert, welche eine Änderung der Richtung entweder im Sinne der wirklichen, der selbstbestimmten oder aber einer ganz anderen bewirken.
Angehörige der vierten Gruppe gehen bewußt auf den Traum ein und versuchen mit teilweise erheblichem Aufwand, dessen Aussage zu erkennen. Jedem Traum wird dabei primär das gleiche hohe Maß an Sinn und Inhalt zugestanden. Die Analyse der Traumerinnerungen kann auf verschiedene Weise erfolgen, das Spektrum reicht vom naturalistischen Ansatz über die althergebrachten bildlichen Deutungsansätzte bis hin zu einer totalen Abstraktion. Der Träumer ist sich des zweifelhaften Ursprungs der Träume bewußt, sich widersprechende Erinnerungen weisen auf die Notwendigkeit der Existenz von Echt und Unecht hin, wobei als echt die von Menschen auch nicht indirekt beeinflußte Form betrachtet wird, also die wahre, eigentliche. Das Hauptproblem der Analyse liegt mithin in der Entlarvung der unechten Träume, da sie nicht dazu geeignet sind, die Selbsterkenntnis zu fördern, sondern im Gegenteil eher den eventuell falschen und unwahren selbsterkannten Weg beschreiben. Da die Verifizierung eines Traumes ein unlösbares Problem ist, solange nicht auf andere Weise der wahre innere Weg erkannt werden kann, sind Angehörige dieser Gruppe meist auch auf der Suche nach adäquaten Methoden für eine solche Erkenntnis. Ohne diese führt die Traumanalyse zu Ergebnissen, die in ihrer Kongruenz von wahrem Weg und aus den Träumen entnommenem Weg, nach dem der willentlich verfolgte ausgerichtet wird, am ehesten mit Methoden der Wahrscheinlichkeit quantifiziert werden können.
Je größer also die Unklarheit über echte und unechte Träume ist, desto unsicherer ist auch das Zutreffen des aus den für echt genommenen Träumen abgeleiteten wahren Zieles. Der Traum ist folglich für den Suchenden ein ausgesprochen unzureichendes Mittel zur Selbstfindung. Traumanalyse ist eher geeignet, um die Differenzen zwischen wahrem Weg und selbsterkanntem in ihrer Quantität zu erforschen als in ihrer Qualität. Stimmen beide Richtungen überein, hat der Mensch also den ihm innewohnenden Weg zu seinem willentlich eigentlichen gemacht, folglich absolute Selbsterkenntnis erreicht, so spiegeln alle Träume eben jenen Weg wider. Je häufiger jedoch unvereinbare Traumerinnerungen auftreten, desto sicherer ist eine Divergenz der beiden Wege, ohne daß eine Aussage über den wahren getroffen werden könnte. Ein bestimmter Anteil der Träume wird in seinem Entstehen nicht allein vom Wahren, Eigentlichen beeinflußt, sondern auch vom wollenden Menschen und seiner Vorstellung vom Weg. Das Ausmaß dieses Anteils aber kann nicht bestimmt werden; wäre er sicher null, so wäre das Selbst problemlos zu finden, ist er eins, so hat die selbstbestimmte Richtung (auch) im Traum die alleinige Herrschaft und der Weg zum Wahren ist abgeschnitten, solange es nicht in anderer Form zur Wahrnehmung des Träumers gelangt (erwähnt seien hier Erleuchtungen). Das Leid der Majorität aber ist es, in dem Bereich dazwischen zu liegen, wo echt und unecht untrennbar verbunden sind und ein navigieren mit der Hoffnung auf Glück oder göttliche Hilfe vonnöten ist.
Das Phänomen des Träumens ist ein Phänomen der Zeit; der selbsterkannte Weg und in mancher Hinsicht auch der wahre sind in ständiger Veränderung begriffen, so daß aus der Analyse von Träumen unterschiedlicher Zeiten vielfältige Probleme sich ergeben. Der Traum wird mithin immer schwerer zu verstehen und die Gefahr, in falscher Weise ihn zu deuten wächst umso mehr, je stärker man sie zu bannen sucht.
Eine Selbstfindung, das sichere Erkennen des wahren Weges mit Hilfe des Traumes, welches als das Ziel derer anzusehen ist, die in die Gruppe vier einzuordnen sind, ist also quasi aussichtslos.
Diese Indikatorfunktion des Traumes aber ist eine artifizielle, die ihm vom allzu erkenntnissüchtigen Menschen nahezu aufgedrängt wird. Die eigentliche Bestimmung des Traumes ist wohl eher für die erfüllt, die in die vorstehenden Gruppen eins und zwei einzuordnen sind. Es ist eine unbewußte Lenkung von Gedanken und Handlungen, das Hervorrufen eben jener Reaktionen auf die Traumerinnerungen, die nicht einer bewußten Steuerung des Träumers unterliegen.
Vor allem begriffliche Erinnerungen sind es, die ein Ergebnis der fortgeführten Auseinandersetzung mit Problemen und Konflikten während des Schlafes darstellen. Die Ergebnisse dieser Prozesse könnten theoretisch auch durch eine willentliche Denkleistung erbracht werden, nur hat der Traum den Vorteil, daß er den Geist vorurteilsfrei am Problem arbeiten läßt. So kommt es zu teilweise absurd erscheinenden Kombinationen, die bei bewußtem Denken schon in ihrer Entstehung verworfen worden wären, in ihrem Ergebnis aber durchaus relevant sein können. Unklar bleibt jedoch, unter welchen Umständen die gewiß wertvollen Ergebnisse als Erinnerungen wirklich die Bewußtseinsschwelle überschreiten. Die Kombination negativer Fakten und Gedanken kann zu Albträumen führen, die durch Schreie und Schweißausbrüche für den Außenstehenden wahrnehmbar sind, ohne, daß der Träumer derartig abwegige Gedanken aus dem gleichen Material bei Bewußtsein hätte erschaffen können, und so mancher Albtraum findet statt, ohne daß der Träumer sich dessen nach dem Erwachen noch bewußt ist.
Die Produktion begrifflicher Erinnerungen während eines Traumes ist also als ein prinzipiell dem Denken verwandter Vorgang zu betrachten und bringt Ergebnisse, die in den täglichen Entscheidungsprozeß einfließen können.
Die Frage der Entstehung gefühlsmäßige Erinnerungen ist weit schwerer zu klären. Zweifellos sind sie die Fortführung der im Traum bestehenden Gefühle und dürfen nicht vermengt werden mit den Gefühlen, die sich nach dem Erwachen einstellen, aufgrund begrifflicher Erinnerungen. Sofort aber stellt sich nun die Frage, wie die fortzuführenden Gefühle im Traume entstehen. Sind sie -vergleichbar mit denen der Tagebene- in irgendeiner Form Resultate des Begrifflichen oder sind Traumgefühle frei von dieser Zweitrangigkeit? Sind sie -wie ich vermute- abhängig vom Begrifflichen, bedarf es dann der Schaffung neuer Begrifflichkeiten im Traum und die Gefühle können also nur Funktionen dieser Begrifflichkeiten sein, oder existieren reine Gefühlsträume, die auf dem Begrifflichen des Tages oder anderer Träume beruhen? Rein gefühlsmäßige Erinnerungen nach dem Erwachen deuten zwar auf das Vorhandensein von Gefühlen im Traum hin, nicht aber zwangsläufig auf das Fehlen von neuentstandener Begrifflichkeit, denn diese kann im Traum zurückgeblieben sein.
Wenn auch die Entstehung der gefühlsmäßigen Erinnerung nach dem Erwachen nur auf die Gefühle im Traum zurückgeführt werden können und ihr eigentlicher Ursprung nicht geklärt werden kann, so üben sie doch zweifellos einen großen Einfuß auf den Träumer nach dem Erwachen aus.
Jünglinge erwachen von einer großen Lust oder Liebe erfüllt, ohne daß sie die Begrifflichkeit, welche zu dieser Lust geführt hat oder mit ihr im Traum verbunden war, noch vor Augen haben. Allein das Gefühl und bisweilen sein warmer Ausdruck bleiben über den Traum hinaus erhalten. Sie erkennen die körperliche Herkunft dieser Lust und sind fortan bestrebt, diese so oft und intensiv wie möglich wieder zu erreichen. Ist das Gefühl eine Liebe, so bedarf es der Erkenntnis, welches Objekt diese Hervorzurufen in der Lage ist, einer Erkenntnis, die auf der begrifflichen Erinnerung beruhen kann oder sich im Tagesleben bewußt macht. Besteht also die Erinnerung aus Gefühl und Begrifflichen, so ist der Traum von umso ungeheuerer Bedeutung für den Träumer, da er über die Herkunft und damit die Möglichkeit der Entstehung seiner Gefühle im Klaren ist.
Doch nicht nur die Neuentdeckung von Begrifflichem und Gefühlen ist die Folge einer entsprechenden Erinnerung des Traumes. Auch die Wiederentdeckung von Vergessenem oder durch Prioritätensetzung im Tagesleben Verdrängtem ist von großer Bedeutung, eben weil der Traum die Vorurteile und Reglementierungen des Bewußtseins zu meiden weiß. Und so geschieht es, daß das längst unterdrückte Verlangen nach Lust oder Liebe neuerdings aufflammt, weil Begriffliches oder Gefühl oder deren wirksamste Kombination die Schwelle des Traumes überschritten haben.
Und so geschieht es, daß der Erwachende mit dem Erwachen einen unerträglichen Drang nach dem anderen Körper und Geist verspürt, neuerdings eine Entscheidung zwischen den Alternativen suchen muß und diese vielleicht ein anderes Ergebnis mit sich bringt.
So ist der Traum also auch ein Mittel zur Evolution von Körper und Geist, welches Neues entwirft und ins Spiel bringt oder Altes neuerlich zur Disposition stellt.
Die Behandlung des Phänomenes Traum zwingt den Denker, einzudringen in Sphären, deren Ergründung nie abgeschlossen werden kann, da der Mensch dann kein Geheimnis mehr bergte und mithin als sein eigenes höchstes Erkenntnisobjekt seinen Erkenner erübrigen würde.